Politik

| 20.02.2009 00:35 | Wahlkampfarena

Wie die Spatzen

Die Wahl-Strategen entdecken den Microblog: "Freitag"-Publizist Wahlkampfarena über den neuesten Trend der politischen Kommunikation

Dass das Internet ein bedeutendes Instrument der politischen Kommunikation geworden ist, zeigt sich nun auch im deutschen Wahlkampf 2009. Die Parteien haben nicht nur das Prinzip der Sozialen Netzwerke verstanden. Ein neuer Zeitvertreib der Politiker scheint der Microblogging-Dienst Twitter zu sein. Das fand das Werbe- und Medienforschungsunternehmen Nielsen Media im Rahmen einer Untersuchung über die Rolle des Internets bei der aktuellen politischen Kommunikation heraus. Erhoben wurde, wie viele der deutschen Bundestagsabgeordneten über einen Twitter-Account verfügen und in welchen Maße sie diesen nutzen.

So zwitschern bereits 68 der 612 Parlamentarier ihre Kurzberichte über Twitter. Ganz vorn mit dabei ist dieFDP. Mit einem Anteil von 74% verfügen die Liberalen zwar über die meisten Twitter-Accounts, was aber nicht heißt, dass sie diese auch am häufigsten nutzen. Am mitteilungsbedürftigsten sind nämlich die Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen. Hautnah dabei ist man nun am politischen Geschehen. Besonders interessant für Menschen, die sich schon immer gefragt haben, wie es im deutschen Bundestag so vor sich geht, ist zum Beispiel der Tweet von Volker Beck. Er hielt die neue Nielsen-Studie bereits in seinen Händen. 'Und wer ist dieser Nielsen noch mal?’, fragt sich Beck. Egal, es wird schon stimmen, was der sagt, also wird kräftig mitgezwitschert. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Live-Bericht aus einer Bundestagsdebatte? Gute Idee:

„Glos ist beleidigt und verzieht sich“
„westerwelle ganz wichtif mit merkel 2 sätze gewechselt.“
„kitzbuehl Maria mit echten pelz bettelt um zuschuesse“
„lafontaine hat erst richtig auf widersprueche hingewiesen, statt alternativenzu benennen, beleidigt er jetzt aber.

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“Aha. Wie schön, dass Herr Beck der gesamten Nation – oder zumindest 1.293 Followern – Politik zum Anfassen nahe bringt. Vom Inhalt der Nachrichten mal ganz abgesehen, fragt man sich da, welche sonstigen Qualitäten jemand mitbringen muss, um in den Bundestag zu kommen. Darf man zum Beispiel das Tragen eines echten Pelzes missbilligen, wenn man ihn nicht einmal richtig konjugieren kann? Ok, in der Eile und Hitze des Gefechts kann so etwas schon mal vorkommen. Sehen wir von den Kleinigkeiten ab. Ein paar Tweets weiter entdeckt man dann auch den wahren Grund für sein Engagement: RTLII will vorbeikommen, um Volker Beck beim Twittern zu filmen! Verrückt, wer da noch von Politik 2.0 spricht! Eine Frage wäre mit dieser Aktion allerdings aus dem Weg geräumt: Lieber Volker, twitterst Du eigentlich selbst?

Ist er’s oder ist er’s nicht

So viel Jux und Dollerei lässt berechtigte Zweifel an der Echtheit der Politiker-Profile aufkommen. Narren gibt es nicht nur in Köln. Auch Twitter ist vor den Jecken nicht geschützt. Hinter manchem Politikerprofil versteckt sich ein Doppelgänger, dem es eine Freude ist, das aufkeimende Web 2.0-Interesse der Bundestagsabgeordneten aufs Korn zu nehmen. Politikerparodien entwickeln sich anscheinend gerade zur neuen Stilfom der Mikro-Kommunikation. So auch geschehen mit Guido Westerwelle: Fazit: Vertraue niemals einem Menschen, der sich Mayo auf seine Currywurst streicht?! Wenn schon, dann ein ordentliches Mettbrötchen mit Thorsten Schäfer-Gümbel, der so etwas allerdings nur auf LSD verträgt. Komisch, dabei hatte man bei ihm doch das Gefühl, er trinke nur barfuss Bier mit seiner Sekretärin? Hat TSG einen zu viel gezwitschert?

Diskussion statt Status

Ob Beck, Merkel, Westerwelle oder TSG– wie viel Echtheit - und vor allem wie viel Aussagekraft - steckt in 140 Zeichen? Die deutschen Politiker wollen im Rausch des diesjährigen Wahlkampfes auch außerhalb ihrer Partei-Communities auf den Web 2.0-Zug aufspringen. Was in den USA zum Erfolg geführt hat, muss schließlich auch in Deutschland funktionieren und wird blindlings kopiert. Dass das wahre Potenzial der politischen Kommunikation im Internet nicht in kurz gehaltenen Statusnachrichten, sondern auch dort im direkten Diskurs mit der Bevölkerung liegt, wird hoffentlich der ein oder andere Politiker noch herausfinden. Bis dahin bleibt uns, die Sache mit Humor zu ertragen.


Wen es dennoch interessiert, was die deutschen Politiker über Twitter in die Welt hinaustragen, kann sich im Netz über die Echtheit der Polit-Accounts informieren. Auf dem Blog zum deutschen Twitter-Buch „Mit 140 Zeichen“ findet sich eine Liste der deutschen Politiker auf Twitter.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Schlupp schrieb am 20.02.2009 um 01:09
Netter artikel, allerdings ist der vogel auf dem bild ein Stieglitz (Familie der Finken) und kein spatz ;)
dk1982 schrieb am 20.02.2009 um 08:51
Erklär mir doch mal einer den Witz von Twittern. Also mir ist dabei einfach nicht so ganz klar, was Mensch in 140 Zeichen fassenden Kurznachrichten der Welt so geniales mitteilen kann. Gerade bei m Thema Politik erschließt sich mir der Nutzen absolut nicht. Mir erscheint das ganze eher als ein toller Hype a la Second Life, MySpace etc.
Tessa schrieb am 20.02.2009 um 09:38
Nach dem Klick gibt es übrigens einen Vor Ort-Bericht von der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen im vergangenen November samt einiger Twitter-Anekdoten.
quenzel schrieb am 20.02.2009 um 09:55
" Diskurs mit der Bevölkerung" - ich bitte euch,wann hätte der denn je statt gefunden? Wunschdenken, Phrasen, nichts als Phrasen sind das. Die Spatzen haben das Zwitschern, da kann man sich entrüsten ja. Die Mcdonaldisierung erfasst alles, auch das gute Meinen und Kommentieren. Damals als Mcdonald kam, redeten die neunmalklugen Chefredakteure auch so daher. Das wird niemand essen, meinten sie. Pustekluchen, sie essen es alle. Und sehr oft. So auch mit Twittern: Twitter gehört die Zukunft, Twitter gebiert Meinungszwitter. Das ist so geplant und gewollt.
Wann werden es die politischen Kannegießer beim Freitag endlich kapieren, der Realismus, die objektive Schreibart kommt ohne Satire nicht mehr aus. Das Absurde lässt sich mit traditionellen Mitteln nicht erfassen. Lest E.Ionesco statt Habermas und seine sog. "Qualitätspresse".
Wahlkampfarena schrieb am 20.02.2009 um 22:46
@ quenzel: es geht nicht primär darum, den Politikern das Zwitschern mies zu machen, als vielmehr um die kritische Auseinandersetzung mit dieser Art der Kommunikation und nicht nur ein neues Medium blindlings zu nutzen. Und auch darum, zu erkennen, dass für bestimmte politische Angelegenheiten bestimmte Kanäle eben ungeeignet sind. Die satirischen Reaktionen der Twittergemeinde sind übrigens ein Zeichen dafür, dass diese Auseinandersetzung eben noch nicht stattfindet. Zum Punkt Humor wollte ich eigentlich auf eine sehr gelungene Satire hinweisen. Leider hat das mit dem Verlinken nicht richtig funktioniert, deshalb hier der oben verpasste Link zu Wischmeyers Schwarzbuch: http://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/wischmeyers_schwarzbuch/twitter.html

Dass der Diskurs mit der Bevölkerung nie stattgefunden hat, muss ja nicht heißen, dass es ihn nicht bald gibt!

Und übrigens: dass McDonalds alle essen muss auch nicht heißen, dass es auch wirklich gut ist. Aber diese Diskussion würde an dieser Stelle zu weit führen.
Frankobs schrieb am 20.02.2009 um 15:58
Twitter wird für die meisten der Politiker das bleiben, was für sie das Internet jetzt schon ist: Ein Ort, den man nicht kennt, aber in dem man sich wohl sehen lassen muss.


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