Der Vorwurf wiegt schwer: Am Donnerstag durchsuchten Beamte des Berliner LKA das Abgeordnetenbüro und die Berliner Dienstwohnung des SPD-Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss. Zeitgleich wurde in seiner Heimatstadt Bretten sein Wahlkreisbüro durchsucht. Es bestehe der Anfangsverdacht, Tauss besitze „strafrechtlich relevantes Bildmaterial“ – die Rede ist von Kinderpornographie. Ein schwerer und unappetitlicher Vorwurf. Tauss‘ Leumund ist damit schwer beschädigt – egal, was die Ermittlungen ergeben. Seine Ämter in Fraktion und Partei lässt Tauss einstweilen ruhen.
Im Bundestag gilt Tauss als Internetpionier. Er trat bereits früh dem Chaos Computer Club bei, als den noch kaum einer kannte. Er war der erste Bundestagsabgeordnete mit einer eigenen E-Mail-Adresse und einer eigenen Internetseite. 1994 manipulierte er die Telefondose seines Bundestagsbüros, um dort Zugang zum Internet zu haben – dafür ernte er harsche Kritik aus der Bundestagsspitze. Bis zum November letzten Jahres war er in der SPD-Fraktion für die Koordination von Datenschutzfragen verantwortlich. Doch Tauss wurde für die Partei unbequem, da er zum Thema Datenschutz seine eigene, fachlich versierte, Meinung hatte. Der Novelle des BKA-Gesetzes stimmte er beispielsweise wegen datenschutzrechtlicher Bedenken nicht zu. Daraufhin wurde er von der Fraktionsspitze als Sprecher für Datenschutz gegen Michael Bürsch ausgetauscht, der das neue BKA-Gesetz unterstützte.
Als Abgeordneter blieb er einer der schärfsten parlamentarischen Kritiker in Sachen Datenschutz. Vor allem mit Familienministerin von der Leyen lag Tauss im Clinch. Ihr Vorstoß, deutsche Internetprovider zu verpflichten, einen Filter zu installieren, um Seiten zu sperren, die auf einer vom BKA gepflegten Liste auftauchen, wird von Tauss vehement kritisiert. Dabei beruft sich Tauss auf diverse Experten-Gutachten, die ein solches System nicht nur für wenig praktikabel halten, sondern darin auch die technische Vorstufe zu einer umfassenderen Internetzensur in Deutschland sehen.
Das Thema „Terrorismus“ hat an Sexappeal verloren, um Otto Normalverbraucher eine Beschneidung seiner Bürgerrechte schmackhaft zu machen. Das Thema „Kinderpornographie“ eignet sich indes hervorragend, um Zensurmaßnahmen zu implementieren, die mit der Zeit auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden. Auch die Möglichkeit über einen Kontenabruf an Bankdaten von Bürgern zu kommen, wurde mit dem Argument eingeführt, etwas gegen den „Terrorismus“ zu tun – heute ist der Kontenabruf ein häufig genutztes Instrument von Finanzämtern, um bei Steuervergehen zu ermitteln. Wenn heute vermeintliche Kinderpornographie-Seiten auf einer Sperrliste stehen, so könnten morgen auch Seiten auf dieser Liste erscheinen, die sich kritisch mit dem Urheberrecht auseinandersetzen. Wenn die Behörden ein solches Instrument haben, dann wird es auch genutzt.
Es wundert nicht, dass auf den Rechnern von Jörg Tauss „strafrelevante“ Inhalte gefunden wurden. Bei einem rechtlich umstrittenen Thema wie „Kinderpornographie“ sollte ein parlamentarischer Experte auch wissen, worüber er Gesetze ausarbeitet. Wenn man sich aber intensiv mit der Thematik beschäftigt und dabei auch „strafrelevante“ Inhalte sichtet, kommt man schnell in eine Zwickmühle. Aber was sollte dem Wähler lieber sein – ein Abgeordneter, der ohne Sachkenntnis Gesetzesentwürfe der Exekutive durchwinkt, oder ein Abgeordneter, der Sachkenntnis besitzt und solche Entwürfe kritisch hinterfragt? Im Fall Tauss geht es auch um das Selbstverständnis von parlamentarischer Demokratie und Gewaltenteilung. Die SPD scheint diese Frage für sich bereits beantwortet zu haben. Die Erklärungen der Fraktionsspitze klingen mehr als lauwarm – kann es sein, dass man dort gar nicht so unglücklich ist, einen Querulanten los zu werden?
Wenn man nur mit genügend Schmutz wirft, bleibt immer etwas hängen. Ob Tauss beispielsweise mit den schweren Vorwürfen, die gegen ihn erhoben werden, seinen Platz auf der Landesliste für die Bundestagswahlen der baden-württembergischen SPD behalten kann, ist fraglich. Bis zum Ende der Legislaturperiode dürfte er durch die Vorwürfe diskreditiert sein. Man kann sich die Stammtischparolen vorstellen, wenn ausgerechnet der Abgeordnete, gegen den wegen Kinderpornographie ermittelt wird, gegen die Einführung eines „Kinderpornographie-Schutzfilters“ argumentiert. Sich dagegen zu wehren, dürfte in einem Klima der Hexenverfolgung gegen Datenschützer unmöglich sein.
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Sie haben recht, der Verdacht, an sexueller Ausbeutung von Kindern und damit an Missbrauch oder Gewalt an Kindern beteiligt zu sein, bliebe auch bei erwiesener Unschuld lange kleben. Ich habe Herrn Tauss heute im Morgenmagazin gesehen, wie er sich zu dem Verdacht äußerte. Seine Ruhe und Sachlichkeit haben mich überrascht, ich hätte eine viel vehementere Reaktion von ihm gegen diesen - besonders hinsichtlich seines Arbeitsschwerpunkts - ungeheuerlichen Vorwurf erwartet. Ich versuche, aufgeklärt zu sein, erwische mich aber selbst dabei, Verdachtsmomente - zu sammeln? Die tatsächliche Durchtriebenheit der Kinderpornotäter löst beim Beobachter das Gefühl aus, jede Perfidie sei möglich, und die Abgrenzung zur Sensationsheischerei, mit der das Böse ausgelagert (aber auch bestraft) werden kann, muss bewusst erfolgen.
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Das Hauptproblem beim Thema "Kinderpornographie" ist meines Erachtens, dass niemand so recht weiß, über was man eigentlich spricht. Jeder hat eine Meinung zum Thema, die freilich extremst ablehnend ist. Wenn man aber ein wenig in die "theoretische" Materie einsteigt, kommen einem bereits Zweifel. Internetseiten mit Links auf Datenschutz-Blogs, werden unter dem Vorwand KiPo geschlossen und es werden Hausdurchsuchungen veranlasst (Google mal nach "Dänische Sperrliste"). Pornophotos von Erwachsenen, die den Anschein erwecken, minderjährig zu sein, gelten als KiPo (Stichwort "Anscheins-KiPo") ... etc. pp. Je mehr man den Begriff aufweicht, desto weniger weiß man, was man überhaupt davon halten soll.
Als Fachpolitiker hat Tauss die Pflicht, sich mit dem Thema auseianderzusetzen. Für einen Politiker ist das nicht einfach - der Wähler goutiert Stammtischargumente á la "wegsperren, verbieten, zensierten". Kritische Zwischentöne sind in diesem Umfeld schwer zu platzieren, ohne in Verdacht zu geraten, Pädophile zu verteidigen. Niemand weiß, um was es geht und dennoch stimme alle in einen Chor ein, der die Grundlagen einer umfassenderen Internetzensur legen könnte. Ich finde das äußerst bedenklich. |
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Es stimmt einfach nicht, wie im Artikel steht, dass auf den Rechnern von Tauss etwas gefunden wurde. Die Staatsanwaltschaft hat mitgeteilt, dass "einschlägiges Bildmaterial außerhalb von Rechnern und Computern" gefunden wurde. Die Parteinahme für Tauss ist ehrenhaft, strikt aber ein viel zu einfaches Bild.
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Vielleicht nicht ganz der Stellenwert, aber mit entsprechender Phantasie doch schon entwicklungsfähig:
Vor einigen Jahren hatte ich drei Abbuchungen auf der Kreditkartenabrechnung von mir unbekannten Akzeptanzstellen, Sexshops bzw. Versendern entsprechender Materialien. Meine Rückfrage an die "grüne" Beraterbank bezüglich konkreter Details der bzw. meiner Aktivitäten wurde umgehend mit einer entsprechenden Gutschrift beantwortet. Auf weitere, konkrete Nachfragen zu Transaktionen, Homepages, IP's etc. wurde nicht mehr geantwortet. Bin ja auch kein "öffentlicher" Mensch, meiner Frau sowie dem Freundeskreis habe ich die Story erzählt. Und Vertrauen zu unserer Justiz hatte ich zu dieser Zeit beinahe noch unbegrenzt... Wenn Tauss schuldig ist, möge ihn die Strafe treffen, die in unserem Kulturkreis dafür vorgesehen ist. Die inhaltlichen Fragestellungen des Spiegelfechters zum Datenschutz bzw. der zunehmenden, flächendeckenden Überwachung aller Bürger sind unabhängig von der Causa Tauss richtig und wichtig. "Wollt ihr den totalen Krieg" ist und war - wie auch seinerzeit - lediglich vordergründige Instrumentalisierung, besorgt schlußendlich andere Geschäfte. |
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Dazu hätte ich auch eine denkwürdige Geschichte. Ein mittelständiger Unternehmer entdeckte bei der Durchsicht seiner Kreditkartenabrechnung, dass ein ihm unbekanntes Unternehmen aus Osteuropa einen kleineren Betrag abgebucht hatte. Er beschwerte sich sofort bei seiner Bank - und das war sein Glück. Am nächsten Tag stand nämlich eine Horde LKA-Beamter in seiner Firma und beschlagnahmte alle Rechner aus seinen Büroräumen. Ohne die Daten wäre die Firma in den Konkurs gegangen. Zum Glück sah die Staatsanwaltschaft aufgrund der Beschwerde bei der Bank, ein, dass nicht er mit der Kartennummer KiPo gekauft hatte. Ohne die Beschwerde wäre er in den Konkurs gegangen.
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Es ist schon ein Thema, bei dem man auch erst einmal ein Glaubensbekenntnis aufsagen muss:
Also ich finde auch, dass man jeden, der wirklich ...usw. streng bestrafen muss. So - ansonsten ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Parlamentarier, der sich auskennt und auch noch mit der Materie befasst, sich selbst pädophil betätigt. Das Ganze ist eine Falle. Eine Intrige, um jemanden mundtot zu machen, der sich querstellt. Ich habe mir seinen Beitrag gegen von der Leyens Überwachungspläne angehört. Und weil er auch noch ein "Selbstdarsteller" ist und nervt, wird er jetzt erleben, wie man ihn abserviert. Ich bin gespannt, wie das in ein paar Wochen alles interpretiert wird - weiter hinten dann. Es ist immer dasselbe - Steuerprobleme, Flugkilometer und hier - ziemlich finster - Besitz von kinderpornographischem Material. Ungut, ungut... |
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Oh, das soll also der neue Freitag sein? Jede Menge Meinung - aber Recherche ist egal? Sätze wie: "Kann es sein, dass man dort gar nicht so unglücklich ist, einen Querulanten los zu werden?" Oder: "Wenn man nur mit genügend Schmutz wirft, bleibt immer etwas hängen." Und vor allem "ein Klima der Hexenverfolgung gegen Datenschützer" - Das klingt alles ganz schön nach Verschwörungstheorie - ohne auch nur an einer Stelle einen Anhaltspunkt dafür zu liefern, wer hier denn bitte schön Tauss übel mitgespielt haben soll. Das wäre dann nämlich Journalismus.
Natürlich gilt die Unschuldsvermutung, bis zum Beweis des Gegenteils. Aber könnt Ihr mal bitte einen Moment lang die nicht gerade laschen und auch alles andere als substanzlosen Vorwürfe zur Kenntnis nehmen, denen weder Tauss noch sein Anwalt auch nur annähernd befriedigend begegnet sind? So schreibt zum Beispiel die SZ heute: “Der 29-Jährige gab der Polizei das Telefonverzeichnis seines Handys weiter. Unter den 51 Einträgen befand sich ein “Werner” aus dem Großraum Karlsruhe, wohin die Bremerhavener Ermittler das Verfahren im Januar 2009 weitergaben. Erst jetzt wurde klar, dass es sich bei “Werner” um den Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss aus Bretten bei Karlsruhe handeln soll. 23 Handykontakte hat es nach Ansicht der Ermittler zwischen dem 29-Jährigen in Bremerhaven und “Werner” aus Karlsruhe gegeben, per SMS und MMS, auch Bilddateien mit Kinderpornos wurden versandt. Einmal soll “Werner” eine DVD bestellt und erhalten haben. Per SMS soll die Qualität der Ware beurteilt worden sein, einmal soll sich “Werner” auch in den Urlaub abgemeldet haben.” Und die taz hat herausgefunden: “Die Mitglieder des Immunitätsausschusses waren dem Vernehmen nach entsetzt, als sie Tauss Namen in Zusammenhang mit den Vorwürfen hörten. Eine Staatsanwältin aus Karlsruhe war am Donnerstag nach Berlin gereist, um den Ausschussmitgliedern die Vorwürfe vorzutragen. Nach taz-Informationen wurde im Ausschuss auch von einem Foto berichtet, das der Mann aus Bremerhaven Tauss geschickt haben soll. Darauf seien drei nackte Kinder an einem See zu sehen gewesen. Darauf soll Tauss dem Mann eine SMS mit dem Inhalt geschrieben haben: “Die drei am See sind geil.” Die Entscheidung, Tauss Immunität aufzuheben, fiel im Ausschuss schließlich einstimmig.” Einstimmig wurde die Immunität im Ausschuss aufgehoben - also auch mit den Stimmen der SPD. Meint Ihr etwa die machen das einfach mal so? Weil sie einen "Querulanten" loswerden wollen? Man muss die Entwicklungen abwarten. Aber das müsste schon eine ziemlich schlaue Verschwörung sein. Aber ich bin mir sicher: Der Freitag deckt sie noch auf! |
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"Es wundert nicht, dass auf den Rechnern von Jörg Tauss „strafrelevante“ Inhalte gefunden wurden. Bei einem rechtlich umstrittenen Thema wie „Kinderpornographie“ sollte ein parlamentarischer Experte auch wissen, worüber er Gesetze ausarbeitet."
Entschuldige bitte, aber das ist Blödsinn. Ich denke das die verfremdeten Bilder, die jeder von uns schon mal in den Medien gesehen hat, für einen ersten Eindruck reichen. Für weitere Recherchen würden einem Bundestagsabgeordneten sicher auch die entsprechenden Fachabteilungen bei Polizei und Staatsanwaltschaft offen stehen. Das dort vorhandene "Anschauungsmaterial" sollte ausreichen. Wem das nicht hilft, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Wenn ich deine Argumentationskette weiterspinnen wollte, müssten Politiker die sich mit Drogen beschäftigen, diese erstmal illegal auf der Staße beschaffen und konsumieren, Politiker die Terrorcamps verbieten, dort auch ein Seminar besucht haben, usw. Wo wird die Grenze gezogen, welche Sachkenntnis ist nötig? |
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Zitat: "Wenn ich deine Argumentationskette weiterspinnen wollte, müssten Politiker die sich mit Drogen beschäftigen, diese erstmal illegal auf der Staße beschaffen und konsumieren, Politiker die Terrorcamps verbieten, dort auch ein Seminar besucht haben, usw. Wo wird die Grenze gezogen, welche Sachkenntnis ist nötig?"
Mit Verlaub, das ist Quatsch. Es geht hier u.a. um die technische Infrastruktur, mit der man einzelne Seiten beim Provider sperren kann. Ein solches Gesetz ist ein relevanter Eingriff in die Informationsfreiheit, der begründet werden muss! Dazu fällt mir ein Zitat von Montesquieu ein: "Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, ist es notwendig, kein Gesetz zu machen." Und um herauszufinden, ob ein solches Gesetz notwendig ist, muss man nun mal in die Materie eintauchen und dabei uU auch die Seiten besuchen, die gesperrt werden sollen. Der Vergleich mit Drogen oder Waffen bietet sich da keinesfalls an. |
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empfehle zum thema den blog kinderandiemacht.wordpress.com
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