Der Freitag: Wie bewerten Sie die Stellung des Euro in der Weltfinanzkrise?
Wilhelm Hankel: Auf jeden Fall wirkt die Gemeinschaftswährung nicht als Bollwerk gegen die Krise, sondern als deren Verstärker. Zehn der derzeit 16 Mitglieder der Euro-Zone sind vollkommen überschuldet. Deren Hauptproblem sind noch nicht einmal die staatliche Schulden – obwohl in Irland und Griechenland durchaus der Staatsbankrott droht –, sondern die privaten Schulden. In der Krise verlangen die Gläubiger ihr Geld zurück, das führt zu einem massiven Kapitalabfluss aus den südeuropäischen Ländern.
Bernankes Rundumschocker. Ein Kommentar von Freitag-Redakteur Lutz Herden
Warten auf 2012. Kommt der Euro nach Polen?
Wird der Euro nicht profitieren, falls es zu einer Flucht aus dem Dollar kommt?
Der Euro steht wackliger da als der Dollar – dagegen hat die US-Währung zwei große Vorteile: Sie ist immer noch die Reservewährung Nr.1 und wird weltweit von der großen Mehrheit der Geldkapitalbesitzer als
wertbeständiges Aufbewahrungsmittel geschätzt. Es gilt: Hinter der US-Währung steht der US-Staat. Hinter dem Euro aber steht kein Staat. Wenn der US-Staat neues Kapital braucht, bietet er auf den internationalen Finanzmärkten amerikanische Staatspapiere an, die gekauft werden, weil sie vom US-Staat garantiert werden. Aber Euro-Staatspapiere gibt es nicht, weil es keinen Euro-Staat gibt. Statt dessen bietet jedes Mitgliedsland seine eigenen Titel an, mit der Folge, dass Defizitländer wie Griechenland, Irland oder Italien diese Papiere kaum mehr absetzen können und mit hohen Zinsen locken müssen.
Eben darum fordern nun immer mehr Politiker aus den Defizitländern, dass eine Euro-Anleihe herausgegeben wird, für die alle Länder gemeinsam bürgen. Der Verkauf dieser Anleihe soll Kapital in die Euro-Zone ziehen, das dann angeschlagenen Staaten zur Verfügung stehen kann.
Wer soll eine solche Anleihe kaufen, wenn 10 von 16 der emittierenden Staaten immer tiefer ins Defizit rutschen? Die Käufer müssten damit rechnen, dass sie ihr Geld nicht mehr wiedersehen. Es sei denn, dass Deutschland als wichtigstes Überschussland der Euro-Zone dieses Gemeinschaftspapier garantiert. Auf dem G 20-Gipfel Anfang April in London wird es folglich hauptsächlich darum gehen, Deutschland zur Stabilisierung der Euro-Zone zur Kasse zu bitten.
Ist es nicht recht und billig, dass Deutschland jetzt zur Stabilisierung der Euro-Zone Geld einschießt, nachdem es so stark vom Euro profitiert hat?
Das ist der Fluch der bösen Tat. Zunächst einmal: Nicht Deutschland hat vom Euro profitiert, sondern ein kleiner Kreis von DAX-Firmen, die im deutschen Export führend sind. Sie haben ihren Absatz in Europa
ausgeweitet, nachdem der Euro eingeführt worden war und die anderen Staaten der Euro-Zone den deutschen Konkurrenzvorteil aufgrund niedriger Lohnstückkosten nicht mehr durch Abwertung ihrer eigenen Währung kontern konnten. Deswegen rutschte zuletzt die Handelsbilanz der meisten Euro-Länder immer tiefer in die roten Zahlen. Diese gefährliche Entwicklung wurde vordergründig dadurch ausgeglichen, dass Griechen, Italiener, Spanier und andere mit dem Euro an billige Kredite kamen, mit denen sie die hereinströmenden Importe kaufen und so weiter konsumieren konnten. Deutschland war in der Euro-Zone der Bankier, der die anderen kreditierte, damit sie deutsche Waren kaufen konnten.
Arbeitnehmer in Deutschland haben von diesem Exportboom auch profitiert...
Jedenfalls haben sie ihn durch Lohnzurückhaltung möglich gemacht. Weil die Gewerkschaften zugelassen haben, dass die Löhne immer weiter hinter der Produktivitätsentwicklung zurückblieben, fielen die
deutschen Lohnstückkosten immer tiefer, was auf den internationalen Märkten große Konkurrenzvorteile brachte.
Warum plädieren Sie jetzt für die kontrollierte Abwicklung des Euro?
In den hochverschuldeten Ländern der Euro-Zone steigen die Zinsen immer weiter, weil ie Staatspapiere dieser Länder mit niedrigen Zinsen nicht mehr abzusetzen sind, sie sich also nicht mehr refinanzieren können. Schuldenspirale und Bankrott können diese Staaten nur vermeiden, indem sie wieder ihre eigene Währung einführen. Dann können sie über eine Abwertung ihre Exporte ankurbeln und Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften sowie über niedrige Zinsen die Konjunktur stimulieren.
Würde die Abschaffung des Euro nicht ein riesiges Chaos bringen?
Ich bin nicht für die Abschaffung! Es geht um den Umbau der Euro-Zone: Sie sollte nur noch die Länder umfassen, die wirtschaftlich einigermaßen solide sind. Zwischen ihnen sollte der Euro als Verrechnungseinheit dienen, so wie früher der Ecu, während als Zahlungsmittel nationales Geld fungiert. Wechselkurse und Zinsen könnten in einer gewissen Bandbreite den Erfordernissen der jeweiligen
Länder angepasst werden.
Das Gespräch führte Jürgen Elsässer
Wilhelm Hankel war unter Kanzler Willy Brandt (SPD) im Wirtschaftsministerium für Währungsfragen zuständiger Abteilungsleiter. In den neunziger Jahren gehörte er zu den vehementen Euro-Kritikern. Sein Argument: Die Gemeinschaftswährung sei für Europa und Deutschland der falsche Weg, um zur erstrebten Politischen Union zu gelangen. Mit dem Verzicht auf die DM habe Europa seinen Stabilitätsanker verloren. Deshalb hatte Hankel mit Wilhelm Nölling, Joachim Starbatty und Karl Albrecht Schachtschneider 1997 Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen den Vertrag von Amsterdam zur Einführung des Euro eingereicht, die jedoch abgewiesen wurde.
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Man bewahre uns vor diesen Experten! Der Euro stünde "wackeliger" da als der US-Dollar. Ein Witz in Anbetracht der Tatsache, dass die US-FED die Notenpresse anwirft und Geld druckt (vielleicht nicht ganz 1000 Milliarden, aber einen Grossteil davon). Später muss man das Geld wieder einsammeln = die Zinsen erhöhen = den Privatkonsum, den man gerade angekurbelt hatte, abwürgen, usw.
Anti-Mainstream ist ja ganz schön, aber ein bisschen mehr Fundament sollte es schon haben. |
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Vielleicht ist es ja ein Kompromiss, dass Jürgen Elsässer nur Fragen stellen darf und keine Antworten geben. Es mutet aber seltsam an, dass ausgerechnet Volksini-Jürgen, der in den letzten Wochen z.B. bei Neues Deutschland ob seiner kruden Thesen den Hut nehmen musste, jetzt beim Freitag eine publizistische Bleibe finden darf. Elsässer legte beispielsweise Anfang März einen seltsamen Auftritt bei der Linken Medienakademie hin; dort verlas er ein Papier "Brecht die Diktatur der politisch Korrekten!", das vollends zeigt, in welche politisch wirren Gefilde er sich begeben hat.
Ich würde die Freitagredaktion bitten, erst nach einem grundlegenden Gespräch über dessen "Volksinitiative" weiter Beiträge von Elsässer mit meinen Abogebühren zu bezahlen. (Wer sich das Ganze geben will, google nach "volkinitiative elsässer") |
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