Der Zeitdruck ist enorm. Bis zum Jahresende muss es einen neuen START-Vertrag geben über die Reduzierung der strategischen Atomwaffen Russlands und der USA oder alles kann außer Kontrolle geraten.
Rechtzeitig, bevor Moskau und Washington in neue Verhandlungen einsteigen, hat die Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) einen klare Forderung formuliert: Mehr als 300 international renommierte Mediziner verlangen in einem Appell, "das atomare Zeitalter" endgültig zu beenden. Den Brief haben Dekane, Leiter medizinischer Abteilungen, Nobelpreisträger, Gesundheitsminister und Redakteure von medizinischen Fachzeitungen aus 38 Ländern unterzeichnet, darunter auch 50 deutsche Professoren. Sie warnen vor den weltweit immer noch über 20.000 Atomwaffen als der "größten und gefährlichsten Bedrohung für den Fortbestand der Menschheit". Die IPPNW appelliert an Obama und Medwedjew, die Welt von einer Waffe zu befreien, die das Ende der Menschheit bedeuten könnte.
Start innerhalb von Minuten
Die USA und Russland verfügen mit 14.000 (Russland) beziehungsweise 5.400 (USA) über 95 Prozent der weltweit gelagerten Atomwaffen. Hunderte von ihnen könnten sofort abgeschossen werden, denn sie befinden sich in höchster Alarmbereitschaft und würden im Ernstfall innerhalb weniger Minuten starten, um die gegnerischen Ziele zu zerstören. Millionen Menschen würden sterben, weitere in den Folgemonaten an Seuchen, Verstrahlung und Hunger sterben. Ein regional begrenzter Atomkrieg würde eine globale Klimakatastrophe bis hin zum Zusammenbruch des gesamten Ökosystems auslösen.
Und zu diesem Arsenal des Schreckens kommen auch noch die Atomwaffen Großbritanniens, Frankreichs und Chinas hinzu. Zwar verfügen diese Staaten über weitaus weniger Kernwaffen als die nuklearen Supermächte. Doch ohne in Abrüstungsverpflichtungen eingebunden zu sein, würden sie weiter aufrüsten und die bilateralen Bemühungen letztendlich unterlaufen. Um erfolgreich zu sein, müssten Abrüstungsverhandlungen also konzeptionell erweitert werden und auch die de-facto-Atommächte Israel, Indien Pakistan und Nordkorea einbeziehen. Dafür unterbreitet IPPNW einen einfachen, aber radikalen Therapievorschlag. Beide Atommächte sollten sich zunächst bilateral verpflichten, alle Nuklearsprengköpfe abzuschaffen und gleichzeitig mit den anderen Kernwaffenstaaten über einen globalen Atomwaffenvertrag verhandeln. „Wir schreiben Ihnen in der großen Hoffnung, dass Sie die Gunst der Stunde, die durch Ihre Wahl entstanden ist, nutzen“, heißt es in dem Brief an die Präsidenten Russlands und der USA.
Eine Chance, die Welt zu retten
Wer es mit der atomwaffenfreien Welt wirklich ernst meint, muss nicht bei Null beginnen – Vorschläge für einen globalen nuklearen Abrüstungsprozess liegen bereits auf dem Tisch. So erarbeiteten Juristen der "Internationalen Vereinigung Rechtsanwälte gegen Atomwaffen" IALANA einen Modellentwurf für eine Nuklearwaffenkonvention. Er sieht einen zeitlich befristeten Stufenplan zur Beseitigung aller Atomwaffen in 15 bis 20 Jahren vor. Die nukleare Abrüstung würde mehrere Phasen haben: Reduzierung der gelagerten Arsenale, Löschen der Alarmbereitschaft für atomare Waffen, Rückzug aller Systeme von ihren Stationierungsorten, Entfernen der Sprengköpfe von den Trägermitteln, Verschrotten der Sprengköpfe. Damit beginnen müssen die USA und Russland, dann sollten die übrigen Atommächte folgen.
Um einen Anreiz für einen solchen Ausstieg zu setzen, wird ein Energie-Programm erneuerbarer Energiequellen eingerichtet, das die Staaten unterstützt. Verhandlungen auf der Grundlage dieses Modells könnten unverzüglich beginnen, doch dazu bedarf es der Entscheidung von Politikern auf höchster Ebene. Die Ärzte mahnen eindringlich: „Die jetzige Chance könnte unsere letzte sein … Wenigen Menschen wird im Laufe der Geschichte die Möglichkeit gegeben, Großartiges zu leisten. Ihnen wurde die Chance gegeben, die Welt zu retten. Wir bitten Sie, uns nicht zu enttäuschen.“
|
|
"...2003 legte Mohamed El Baradei, Chef der Internationalen Atomenergieaufsichtsbehörde, einen vernünftigen Vorschlag auf den Tisch: Die Produktion bzw. Weiterverarbeitung allen waffenfähigen (nuklearen) Materials solle unter internationaler Aufsicht geschehen, bei gleichzeitiger "Zusicherung, dass die legitimen potentiellen Nutzer versorgt werden". Dies wäre, laut El Baradei, ein erster Schritt zur vollständigen Umsetzung jener UN-Resolution von 1993, die einen Fissban-Vertrag (Verbot der Produktion von spaltbarem Material für Atomwaffen) vorsieht.
Der Vorschlag El Baradeis wurde, meines Wissens, bislang nur von einem einzigen Land akzeptiert - dem Iran - siehe das Interview mit dem iranischen Atomchefunterhändler Ali Larijani im Februar 2006. Den verifizierbaren Bann gegen spaltbares Material (Fissbann) lehnen die USA ab - und stehen damit nahezu alleine. Im November 2004 stimmte das UNO-Abrüstungskomitee für einen verifizierbaren Fissban. Die Abstimmung verlief 147 zu Eins (USA). Zwei Länder enthielten sich der Stimme, nämlich Israel und Großbritannien. Eine Abstimmung in der UNO-Vollversammlung zum gleichen Thema endete 2005 mit dem Ergebnis 179 Stimmen zu Zwei (USA und Palau), wobei sich Israel und Großbritannien wieder enthielten..." zmag.de/artikel/Im-Atomkonflikt-mit-dem-Iran-waere-eine-Verhandlungsloesung-greifbar-nah |
|
|
"...Zumindest über die US-Systeme wissen wir eine Menge. Ein Untersuchungsbericht des Kongresses aus dem Jahr 1980 stellte fest, daß allein im Jahr 1979 78 Besprechungen zur Beurteilung von Computermeldungen eines Raketenangriffs anberaumt wurden, und dies war ein durchaus normales Jahr. Zwischen 1977 und 1984 gab es 21 000 Fehlanzeigen eines Raketenangriffs; über fünf Prozent davon machten eine genauere Überprüfung erforderlich. Heute, so wird uns berichtet, kommen solche Fehlanzeigen und Fehlalarme täglich vor. Die Systeme der USA räumen eine Frist von drei Minuten zur menschlichen Beurteilung nach Eingang der Warnung vor einem Raketenangriff ein, und danach noch einmal weitere 30 Sekunden für Anweisungen des Präsidenten. Das Pentagon hat ernsthafte Entwicklungsfehler bei den Computer-Sicherheitssystemen entdeckt, die terroristischen Hackern den Zugriff und die Simulation eines Raketenabschusses ermöglichen. Bruce Blair, der bekannte strategische Analytiker, spricht in diesem Zusammenhang von einem »Unfall, der nur darauf wartet, daß er passiert«. Russische Systeme sind weitaus weniger zuverlässig und haben sich im Gefolge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs wesentlich verschlechtert. Somit ist die Gefahr eines aus Zufall ausbrechenden finalen Krieges größer geworden...."
Noam Chomsky: Den Kampf weiterführen Rede zur Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises der Stadt Oldenburg 23. Mai 2004 www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Friedenspreise/chomsky3.html |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellenCarta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie
Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de
annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"
Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb
Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net
Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika
politik.de
Portal für Politik und Demokratie
Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng
Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei
Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link