Politik

Volksentscheid | 27.04.2009 13:00 | Michael Jäger

Ein Platz für Ethik

Nur 14 Prozent der Stimmberechtigten stimmten in Berlin für eine Gesetzesänderung, mit der Religion wieder zum Pflichtfach werden sollte. Rot-rot fühlt sich bestätigt

Pro Reli ist gescheitert, und das ist gut so: Eine Verfassung, nach der Staat und Kirche getrennt sein sollen, wird unglaubwürdig, wenn sie Schulräume speziell für religiöses Interesse anbietet. Ob die Religionslehrer Theologie oder Religionswissenschaft plus Ethik studiert haben, spielt da keine Rolle. Und auch der Umstand, dass andere Bundesländer Religionsunterricht anbieten, ist kein Gegenargument.

Man sollte dennoch nicht die Motive all derer, die sich für Pro Reli einsetzen, in einen Topf werfen. Da haben wir einmal die CDU, die trotz ihres Namens keine religiöse, gar christliche Partei ist. Sie versuchte dem rot-roten Berliner Senat zu schaden. Es ist ihr so wenig gelungen wie zuvor beim Referendum über den Tempelhofer Flughafen. Und dann haben wir die Kirchen, deren Motive ernster sind. Sie können nicht ohne weiteres als "reaktionär" eingestuft werden. Man wird sich tatsächlich fragen, ob ein türkischer Junge, der dazu neigt, Ehrenmorde für statthaft zu halten, davon im deutschen Ethik-Unterricht eher abzubringen ist als in einem Religionsunterricht unter Muslimen, der solchen Impulsen die scheinbaren religiösen Stützpunkte entzieht. Die Konsequenz freilich müsste sein, dass die Jungen zum Religionsunterricht in der Moschee verpflichtet werden, nicht in der Schule. In der Schule sollte es keine Trennung von Menschengruppen geben dürfen: nicht zwischen den Geschlechtern, nicht zwischen Anhängern verschiedener Religionen und auch nicht zwischen ethischen Menschen religiöser und atheistischer Konfession.

Es bleibt trotz allem ein ungutes Gefühl zurück. Denn wer aus dem Berliner Pro Reli-Streit den Eindruck gewänne, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Ethik für ein hohes Gut gilt, läge ganz falsch. Im Gegenteil, Ethik und Moral sind das letzte, womit man punkten kann. Der Satz: "Werd' nicht moralisch" ist ein stets siegreiches Totschlagargument. Gerade von Linken hört man immer wieder, dass es falsch sei, an Managerbezüge und dergleichen ethisch heranzugehen. Zu den seltenen Ausnahmefällen, in denen auf ethische Argumente zurückgegriffen wird und sie auf einmal ganz wichtig zu sein scheinen, gehört die militärische Menschenrechtsintervention. Und das Berliner Referendum. Es beschert uns nun allen ein gutes ethisches Gewissen.

 
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Kommentare
ebsw schrieb am 27.04.2009 um 14:10
Zu klein, zu kurz, zu flach, Michael Jäger

"Und dann haben wir die Kirchen, deren Motive ernster sind. Sie können nicht ohne weiteres als "reaktionär" eingestuft werden."

Leider nützen solche wolkigen Verlautbarungen niemandem. Welch ernste Motive bei den Kirchen dahinter stehen könnten, ist hier zu lesen:

Zitat:
"Die Synode begrüßt deshalb die Einführung eines Unterrichtsfaches,
das alle Schüler besuchen, die am Religionsunterricht nicht teilnehmen... Durch ein solches Fach
werden Unzuträglichkeiten gemildert, die sich aus der Sonderstellung eines Faches mit Abmelde-
möglichkeit ergeben...." fowid.de/fileadmin/textarchiv/Religionsunterricht_und_sogenannte_Ersatzf_cher__Ursula_Neumann___TA-1997-1.pdf

Zitat:
(2231) Potsdam. Die CDU-Bundestagsfraktion der CDU droht, vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die in Brandenburg geplante Einführung des Fachs LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) zu klagen. Die Kirchen, die die CDU ausdrücklich unterstützen, lehnen einen für alle Schüler verbindlichen Fachunterricht kategorisch ab und fordern für den konfessionellen Religionsunterricht zumindest einen Status als gleichrangiges Alternativfach. Der parteilose Landesjustizminister wies die Androhung als eine "Art von politischer Einschüchterung" zurück und verwies auf das von der CDU mitregierte Berlin, wo Religionsunterricht ebenfalls kein ordentliches Lehrfach sei. " ibka.org/ir/2216f.html
hadie schrieb am 27.04.2009 um 16:22
Die Volksbefragung stellte ganz altbacken die faustische Gretchenfrage: wie hältst du es mit der Religion? Jeder Flachpinsel erzählt mir was von Gott. Mein Gott! Was wisst Ihr von meinem Gott, kümmert Euch um Euren eigenen! Denn seit des gelehrten Doktor Faustus Höllenfahrt hat sich die Welt weiter gedreht. Die neoliberalen Bischhöfe Huber und Lehmann haben der Agenda 2010 zugejubelt und die Bomben für Sarajewo gesegnet. Da verdichtet sich meine Kritik unweigerlich zum NEIN, wenn man mich schon mal ein Kreuzchen machen lässt.
copland schrieb am 28.04.2009 um 09:20
"Es bleibt trotz allem ein ungutes Gefühl zurück. Denn wer aus dem Berliner Pro Reli-Streit den Eindruck gewänne, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Ethik für ein hohes Gut gilt, läge ganz falsch." Wohl wahr, aber das käme ja auch der Verwechselung eines Schulfaches, das den Namen Ethik trägt, mit der Sache selbst gleich.
Ethik und Moral können nur Handlungsbegründungen in den gesellschaftlichen Zusammenhängen liefern, denen sie zugehörig sind - da ist es in dieser Gesellschaft auch nur "gerecht", wenn "militärische Menschenrechtsinterventionen" "ethisch" begründet werden. Die Auschwitz-Lüge des Joseph Fischer zur Begründung der Teilnahme deutschen Militärs am Aggressionskrieg gegen Jugoslawien zeigt nur, dass man misstrauisch werden muss, wenn "ethisch" argumentiert wird.
Das Schulfach Ethik liefert Jugendlichen vor allem die Einsicht, dass wir hier in der besten aller möglichen Geselschaften leben und man sich im 1.-Klasse-Abteil des Krisenexpresses auch anständig benehmen muss. Zumindest, wenn man da vorn sitzen bleiben will. Vorn krachts beim Crash zwar besonders kräftig, aber bis dahin fährt sichs ganz angenehm.
Darum freilich ging es beim Pro-Reli-Volksentscheid nicht . Mir ist auch kein ethisch gutes Gewissen geblieben - Michael Jäger ja auch nicht - mir ist nur der Ärger geblieben, dass der "Wahlbürger" die sogenannte "direkte Demokratie" nur praktizieren darf, wenn es um abgehalfterte Flughäfen und das Begehren der Kirchen geht, ihren schwindenden Einfluss mit Staatshilfe und mit noch mehr Staatsknete vor allem in dern Schulen wieder zu stabilisieren ("Lasset die Kindlein zu mir kommen").
Und geblieben ist das Wissen, dass an Ethik und Moral immer appelliert wird, wenn das System wackelt.
Insofern kam der "Kulturkampf" grad zur rechten Zeit.


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