Politik

#zensurursula | 08.05.2009 16:00 | Matthias Schumacher

Asche auf unsere Tastaturen!

Der Erfolg der Online-Petition gegen die Pläne von der Leyens ist ein Paradebeispiel für das Phänomen des Herdentriebs und perfektionierter Ignoranz. Ein Zwischenruf

Es ist soweit: 50.000 gegen die Pläne von Zensursula, 50.000 Mitzeichner, 50.000 gewichtige Stimmen. Recht so! Und alle jubeln. Man hat Blut geleckt und will noch mehr. Haben, haben, haben! Recht so! Der Spreeblick ruft zum Weitermachen auf, Netzpolitik.org erklärt, warum auch für Oma Kasupke (94) in Castrop-Rauxel und alle "Nichtnetzbewohner" das freie Internet überlebensnotwendig ist. Recht so! Die Bundesregierung hat ordentlich Mist gebaut und ein dilettantisches Machwerk vorgelegt, wie es bislang niemand für möglich gehalten hätte, dafür gehören die Verantwortlichen abgestraft. Jawoll! 

Es sind Stunden der Freude und doch auch Stunden der Schande, des Makels und der Entlarvung. Asche auf unsere Tastaturen! Was in nur vier Tagen geleistet wurde, ist beachtlich und verdient Anerkennung. Doch ist diese kollektive Einigkeit alles andere als erstaunlich.

Würde der ADAC an allen Autobahnraststellen Infostände aufbauen und versuchen, binnen vier Tagen 50.000 Autofahrer davon zu überzeugen, für niedrigere Spritpreise zu unterschreiben, könnte man einen ähnlichen, wenn nicht noch größeren Erfolg verzeichnen.

Die Infostände im Netz heißen Blogs und Foren, und wo man in den letzten Tagen auch hingeklickt hat, in der Regel landete man am Ende auf der Website des Deutschen Bundestages. Es gab kein Entrinnen. Und wir haben ja auch gern unterzeichnet, es geht ja schließlich um unser schönes freies Netz. Das wollen wir nämlich behalten. Recht so!

Mein Rechner. Mein Netz. Meine Freiheit. Meine Petition.

ANZEIGE

Selten wurde ein guter Wille, eine Hoffnung, ein Protest derart offensiv beworben und vermarktet. Und doch ist der erwartete und nun eingetretene Erfolg zugleich ein Paradebeispiel für das Phänomen des Herdentriebs und perfektionierter Ignoranz. Das Ziel ePetition konnte binnen so kurzer Zeit nur durch Ausschaltung und Mißachtung jeglicher anderer gesellschaftsrelevanter Themen erfolgen. Die Fokussierung hat bestens funktioniert. Die Scheuklappen waren hervorragend präpariert. Der Blick nach rechts und links war kaum noch möglich. Die Lobby des freien Internets hat ganze Arbeit geleistet. Wir alle.

So wundert es nicht, daß es offenbar kaum zu positiven Nebeneffekten gekommen ist. Diese hätte es geben können, wenn wir nur gewollt hätten. Wenn! An ePetitionen mangelt es jedenfalls nicht: Thomas Müller kämpft z.B. seit einigen Tagen dafür, "dass Frauen (und Kinder), die vergewaltigt worden sind, nicht mehr gezwungen werden, bei einer Verhandlung wegen ihres Falles mit anwesend zu sein." Ist das nicht unterstützenswert? 303 Mitzeichner hat Müller bislang hinter sich versammeln können. Ist dieses Anliegen den Mitzeichnern unserer ePetition egal? Gudrun Kurzkurt fordert: "Der Deutsche Bundestag möge beschließen ...dass marktwirtschaftliche Bedingungen bei der Bepreisung von Blutzuckerteststreifen, die im Rahmen der Behandlung des Diabetes benötigt werden, gelten sollten und keine einheitliche Bepreisung stattfindet." Ihre Argumente sind wahr, richtig und wichtig. Und? 146 Mitzeichner! Ole Schneider möchte, daß alle Ministerien endlich nach Berlin umziehen, wonach jährlich 20 Mio. Euro gespart würden. Gefolgt sind Schneider bislang 934 Unterstützer.

Geht uns das alles nichts an?
Haben wir uns aus der Gesellschaft geklickt?

Wir haben unsere elektronische Stimme abgegeben. Wir können uns zurücklehnen. Was sind wir doch für tolle Demokraten! Sollen die anderen sich doch um ihre Angelegenheiten kümmern! 

Es ging und geht uns um unser Ziel. Das ist erreicht und wir wollen noch mehr. Doch wären wir nicht noch bessere Demokraten, wenn wir uns nicht nur um unsere Angelegenheiten kümmern würden? Wäre es nicht auch ein deutliches Zeichen nach außen, wenn wir auch andere mit unserem Klick, der keinem wehtut, unterstützen würden? Doch so werden wir uns den Vorwurf gefallen lassen müssen, uns nur um unseren Kram zu scheren. Und der Vorwurf trifft uns nicht zu Unrecht.

Wir haben gehandelt wie Lobbyisten, weil wir Lobbyisten sind. Lobbyisten für unsere Sache, die die Sache aller ist, aber die Sache anderer ist auch unsere!

Mancher, der oft in Foren, Kommentaren, in Artikeln im Netz die Stimme erhebt und lauthals ausruft: "Lobbyisten kümmern sich ja nur um sich selbst und lassen andere links liegen", der sollte sich gelegentlich an die eigene Nase fassen. Darüber sollten wir alle einmal gründlich nachdenken.

Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn wir die Angelegenheiten der anderen als unsere eigenen betrachten.

... zu den ePetitionen >>>

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG