Politik

Twitter I | 28.05.2009 05:00 | Friedhelm Greis

Eine wirklich authentische Stimme

Seit Obama sich durch den Wahlkampf twitterte, nutzen auch immer mehr deutsche Politiker den Dienst. Am erfolgreichsten ist der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Mierscheid

Es wäre manchmal durchaus von Vorteil, wenn sich Politiker kürzer fassen müssten. Wer einmal versucht hat, die mehr als 40 Buchstaben des Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetzes in eine SMS einzutippen, weiß solche Kürze zu schätzen. Man sollte daher annehmen, dass der Kurzmitteilungsdienst Twitter bei Politikern nicht besonders beliebt ist. Muss man doch bei einer Äußerung mit 140 Zeichen auskommen. Das ist nicht nur für ein Statement von Fidel Castro sehr knapp bemessen.

Aber spätestens seit ein gewisser Barack Obama auf diese derzeit wohl angesagtesten Form der Netz-Kommunikation in seinem Wahlkampf zurückgegriffen hat, heißt es bei immer mehr deutschen Volksvertretern: Wir zwitschern mit.

Das dachte sich Ende vergangenen Jahres auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Maria Mierscheid. Der 76-Jährige will damit seinen jüngeren Kollegen als Vorbild dienen, die Neuen Medien im Wahlkampf stärker zu nutzen. Zwischenzeitlich stürmte der Taubenzuchtexperte aus dem Hunsrückort Morbach weit nach oben in den deutschen Twitter-Charts und hängte mit mehr als 2.000 Abonnenten, so genannten Followern, sogar seinen Generalsekretär Hubertus Heil ab. Derzeit liegt er mit 2.682 Followern immer noch vor dem medial sehr aktiven Grünen Volker Beck. Mierscheid kommentiert dabei auf betont humorvolle Weise das politische Geschehen und erklärte seinen Erfolg auch damit, dass Politiker im Netz selten die Authentizität erzielten, die die Menschen dort suchten. „Sie müssten Twitter mit einer anderen Sprache und weniger Ernsthaftigkeit angehen“, empfahl er seinen Kollegen.

Ein Verdacht hält sich

Dass der Gebrauch so eines Twitter-Profils auch schnell nach hinten losgehen kann, musste der hessische SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel im vergangenen Winter erfahren. Das Satiremagzin Titanic parodierte dessen Getwittere und legte damit nicht nur die Sinnlosigkeit des gesamten SPD-Wahlkampfes, sondern auch die Schwächen des Twitter-Genres bloß. „Liege mit Sekretärin beim kl. Bier. Zweifel: Is TWITTER it, really? Sind 140 Zeichen nicht viel zu wenig für die Komplexheit von der Welt?!...“, fragte der Titanic-TSG nach der verlorenen Wahl. Muss Mierscheid wie jeder Politiker nicht auch eine solche Parodie befürchten? Auch das beliebte Profil unter twitter.com/muentefering ist offenbar gar nicht das seines Parteichefs.

ANZEIGE

Nun halten sich aber hartnäckig Gerüchte, bei Mierscheid handele es sich ohnehin nur um ein Phantom – trotz des offiziellen biographischen Eintrages auf der Homepage des Bundestages. Da der Verdacht sicher begründet ist, wirft er schwierige philosophische Fragen auf. Kann man ein Phantom überhaupt faken? Und kann man bei 140 Zeichen langen Kommentaren überhaupt entscheiden, ob ein realer Mensch oder nur ein Phantom sie geschrieben hat?

Eine eherne Regel werden die Genossen im Wahlkampf aber auch mit ihrem Getwittere nicht umstoßen können. Dem „Mierscheid-Gesetz“ zufolge entspricht der Stimmenanteil der SPD dem Index der westdeutschen Rohstahlproduktion in Millionen Tonnen im Wahljahr. Und so stark wie die Stahlproduktion in diesem Jahr eingebrochen ist, hätte die SPD das bei ihren Wählerstimmen selbst mit Hartz V bis VII nicht hinbekommen. Wenn Mierscheid also demnächst auf Twitter eine Ausdehnung der Abwrackprämie auf stählerne Taubenschläge fordert, sollte die Community das nicht so einfach als seniles Gegurre eines alten Schneidermeisters durchgehen lassen. Im diesjährigen Wahlkampf ist alles möglich.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG