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Politik : Mit Rita Süssmuth in der Kirche

Lech Walesa spricht in Berlin über das polnisch-deutsche Verhältnis und europäische Wege in die Zukunft, nicht aber über seine Vergangenheit als Geheimdienst-Zuträger

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"Ihr Deutschen macht immer alles so kompliziert. Nehmt Euch doch ein Beispiel an uns, wir sind da viel praktischer." Wenn man Lech Walesa in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt zuhört, fühlt man sich in eine Danziger Hafenkneipe versetzt. Mit raumgreifenden Gesten und großen Worten zeichnet der ehemalige Führer der Gewerkschaft Solidarnosc ein klares, aber simpel strukturiertes Bild der Welt, in der wir leben. Er wird nicht müde, vor neuen Krisen zu warnen, die Europa noch bevorstehen. Vor allem China sieht er als künftige wirtschaftliche und militärische Herausforderung.

"Wenn Ihr aber in Deutschland anfangt, pro Familie fünf Kinder zu zeugen, haben wir das Problem ganz schnell wieder im Griff", meint der ehemalige polnische Präsident mit einem breiten Grinsen. Rita Süssmuth, Walesas Gesprächspartnerin, quittiert die Bemerkung mit einem feinen Lächeln und verweist darauf, dass Deutschland ganz sicher nicht allein die Führung in Europa übernehmen solle. Die europäischen Staaten dürften sich nicht erneut im Nationalismus verlieren, sondern sollten enger und besser zusammenarbeiten.

Lech Walesa, auf Einladung des Deutschen Polen-Instituts in Berlin, steht unbestritten im Mittelpunkt des Abends. Als Redner begeistert er mit hemdsärmeligem Charme. Dabei wechselt der einstige Elektriker zwischen Erinnerungen an die Danziger Lenin-Werft in den achtziger Jahren, seinen weltpolitischen Erfahrungen als Staatschef zwischen 1990 und 1995 und Ansichten zur heutigen Weltpolitik. Dass er auch mit neuen Medien umzugehen versteht, deutet er so an: "Meine Frau Danuta lass ich mir nicht globalisieren, aber ansonsten bin ich ein großer Freund des Internets. Damals auf der Werft hatten wir zwar auch schon Computer, nur waren die groß wie Schränke. "

Walesa verfügt über ein Temperament und Sendungsbewusstsein, das man an Rita Süssmuth und anderen deutschen Politikern häufig vermisst. Die aktuelle Krise sieht er als Chance für einen Neubeginn und zieht Parallelen zur scheinbaren Aussichtslosigkeit des Solidarnosc-Streiks in den achtziger Jahren. "Was nicht möglich ist, wird möglich sein", lautet die Überzeugung, die er seinen Zuhörern nicht erspart.

Über eines freilich konnte der staatsmännische Auftritt Walesas nicht hinweg täuschen, seine Vergangenheit als Zuträger des polnischen Geheimdienstes SB wurde im Gespräch mit Rita Sssßmuth mit keiner Silbe erwähnt. Schade, denn gerade hier hätte Offenheit ein Signal für die Geschichtsaufarbeitung in Polen sein können.

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