Politik

Afghanistan | 23.07.2009 05:00 | Jason Burke, The Observer

Eine perfekte Guerilla

Nicht nur die Alliierten haben ihre Kriegsstrategie verfeinert, auch die Taliban. In Helmand und anderswo sind sie kaum von der einheimischen Bevölkerung zu unterscheiden

Sangin ist kaum mehr als eine kleine Stadt an einem entlegenen Fluss, der die Berge hinab in die Wüstenebenen Südafghanistans strömt. Die Ansammlung ramponierter Verwaltungsgebäude um einen verlotterten Basar unter sengender Sonne zählte vor drei Jahren zu den ersten Einsatzorten des expandierenden britischen Korps und wurde zum Symbol all dessen, was misslingt in Afghanistan.

Am Morgen des 10. Juli starben nun fünf britische Soldaten bei einer Patrouille durch den Süden von Sangin, als hintereinander zwei Bomben detonierten. Die Taktik, der sie zum Opfer fielen, ist bekannt: Eine erste Bombe wird gezündet, um das Ziel bewegungsunfähig zu machen – eine zweite, um es zu zerstören. Diese im Irak von al-Qaida perfektionierte Methode machen sich auch die Taliban zu eigen. Damit ist ihr taktisches Reservoir jedoch kaum erschöpft, wenn sie von Hunderten Helikoptern und Tausenden US-Marines angegriffen werden, wie das gerade bei der Operation Schwertstoß 100 Meilen südlich von Sangin der Fall war. Sie können warten – Wochen, manchmal Monate – und schlagen dann zu. Die Zeit ist auf ihrer Seite.

Die blutigsten Wochen

Während der Militäraktion in der Südprovinz Helmand fielen in zehn Tagen 15 britische Soldaten. Eines der ersten Opfer war der 20-jährige Christopher Whiteside, der gleichfalls von einer Bombe am Straßenrand getötet wurde. Filmaufnahmen der BBC zeigen ihn kurz vor seinem Tod verlegen lächelnd auf dem Boden sitzend, das Gewehr an seiner Seite, während die Kameraden über ihn und den Kameramann witzeln. 48 Stunden später kam der Knall, das Splittern von Metall, der Schock, das Geschrei, der Schmerz und – für Whiteside – der Tod.

Die Gesamtzahl der britischen Verluste in Afghanistan liegt inzwischen bei 184 – mehr als im Irak. Die Amerikaner haben 2009 bisher 103 Opfer zu beklagen. Zählt man die Verwundeten mit, so waren die vergangenen drei Wochen die blutigsten für die Koalitionstruppen seit 2001 und der fast unblutigen Entmachtung der Taliban nach dem 11. September 2001.

Seinerzeit hatte es niemand für möglich gehalten, dass der Westen knapp ein Jahrzehnt später noch immer in Afghanistan kämpft. Heute geben erfahrene Offiziere unter vier Augen zu: Wenn wir in fünf Jahren nicht mehr kämpfen, dann weil wir verloren haben und abgezogen sind.

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Die erbitterten Gefechte dieses Sommers kommen nicht unerwartet. Schon im März sprachen westliche Geheimdienstoffiziere von einer „casualty surge“ (Opferschub), die es mit der „troop surge“ (Truppenaufstockung) geben werde, wie sie US-Präsident Obama angekündigt hat, um die Kräftebalance zugunsten der Amerikaner zu verschieben. Tausende Soldaten sollen in Gebiete vordringen, die sie nie zuvor betreten haben – doch der Feind wirkt respekteinflößender denn je.

„Die Taliban haben taktisch, logistisch und in Sachen Disziplin für Ordnung gesorgt“, kolportiert ein westlicher Geheimdienst im April aus Kabul. Und der damalige Oberbefehlshaber General David McKiernan prophezeit: „Es wird ein langer, harter Sommer.“

Die Wahlen sind sehr wichtig

Die Suche nach einer neuen Strategie begann im Hauptquartier der International Security Assistance Force (ISAF) in Kabul schon vor vier Jahren, als hochrangige US-Militärs ihre Fehler im Irak zu begreifen schienen. David Kilcullen, ein ehemaliger australischer Infanterie-Offizier mit einem Abschluss in politischer Anthropologie, kam damals ins Pentagon, um neue Ideen zu finden und einen radikalen Strategiewandel einzuläuten. Hauptziel der Koalitionssoldaten sei nicht mehr das Finden und Eliminieren feindlicher Kämpfer wie das Durchkämmen des Landes von schwer verteidigten Basen aus, erklärt Kilcullen im Juni. Stattdessen sollte ab sofort die Bevölkerung vor den Aufständischen geschützt werden. Dazu brauche man mehr Soldaten, mehr Geld und – Skeptikern zufolge – auch sehr viel Glück.

In den zurückliegenden Tagen nun starben britischen Soldaten bei dem Versuch, der neuen Strategie zu folgen. Sie waren unterwegs auf Patrouillen, die den Einheimischen demonstrieren sollten, dass die Koalitionstruppen und nicht die Taliban am besten für ihre Sicherheit sorgen könnten. Sie wollten Vertrauen, sie wollten die so schwer zu erobernden „Herzen und Köpfe“ gewinnen und Gebiete halten, in denen die Regierung bislang über keinerlei Autorität verfügt. Dabei kam vorrangig auch die junge afghanische Nationalarmee (ANA) zum Einsatz.

Östlich von Kabul ist für sie auf einer leeren, staubigen Ebene ein riesiges Ausbildungslager in der Hoffnung errichtet worden, dass ihre Stärke bald bei 100.000 Mann liegen könnte. Auf einem Schild vor dem 92 Millionen Dollar teuren Camp ist zu lesen: „Die Einheit beginnt hier.“

Dieses Potenzial ist ebenso Bestandteil der neuen Strategie wie die Ressource „development surge“ (Entwicklungsschub): Mit viel mehr Geld als bisher sollen endlich die den Afghanen versprochenen Schulen, Kliniken, Straßen und Polizeireviere gebaut werden. Begünstigt durch die Präsidentenwahl im August, die geeignet sein könnte, das ins Stocken geratene Projekt einer funktionierenden Demokratie voranzubringen.

„Die Wahlen sind sehr, sehr wichtig, um die Stimmung zu wenden“, glaubt Fernando Gentilini, oberster Zivilbeauftragter der NATO. Auch durch eine andere Machtverteilung im Land, bei der Abkommen mit „moderaten Taliban“ denkbar seien. Zu guter Letzt wurde von Obama eine Schar „diplomatischer Sondergesandter“ ernannt, um die Afghanistans Nachbarn an Bord zu holen und die offenkundige Unterstützung, besonders des Sicherheits-Establishments in Pakistan, für die Aufständischen einzudämmen. Doch so plausibel der neue Ansatz auch klingen mag – etwa bei einer Power-Point-Präsentation im Kabuler ISAF-Hauptquartier –, ihn wirkungsvoll umzusetzen, bleibt etwas Anderes, bekommen die Frontsoldaten in Helmand zu spüren.

Westliche Politiker stellen den Krieg in Afghanistan gern als Feldzug zum Schutz des afghanischen Volkes vor den Taliban dar. Die harte Wahrheit lautet aber, dass die beinahe ausschließlich aus Mitgliedern paschtunischer Stämme rekrutierten Taliban ein integraler Teil des afghanischen Volkes sind. Auch die meisten aus Pakistan stammenden Kämpfer sind Kinder afghanischer Flüchtlinge oder schlicht Afghanen, die an einer der pakistanischen Religionsschulen studiert haben. In gewisser Hinsicht verkörpern die Taliban das konservative, ländliche, religiöse und vor allem paschtunische Afghanistan. Von der im Westen favorisierten „Modernisierung“ des Landes profitieren die kosmopolitischere, urbane Bevölkerung Kabuls, die Regierung Karzai und die nicht-paschtunischen Minderheiten.

Im Haus des Kommandeurs

In der Region Helmand wie überall in weiten Teilen des Südens und Ostens sind die Taliban kaum von der übrigen Bevölkerung zu unterscheiden. Als sich im April ein US-Infanterie-Offizier an der Spitze eines Trupps von 120 schwer bewaffneten Soldaten durch ein düsteres Dorf bewegte, an einer Tür klopfte, mit Salaam-Grüßen empfangen und zum Tee eingeladen wurde, geschah ihm das im Haus des Taliban-Kommandeurs dieser Gegend. Der war, wie kaum anders zu erwarten, nicht zu Hause.

In Rechtsfragen wenden sich die Menschen an Taliban-Richter, weil die ehrlicher und schneller sind als ihre korrupten Amtskollegen von der Regierung. Einige Taliban-Mitglieder sind zweifelsfrei Kriminelle, seit die Führung aber Säuberungsaktionen angeordnet hat, nimmt deren Zahl ab. Eine afghanische Parlamentsabgeordnete erzählt von Eltern ihres Wahlbezirkes, die aus Beunruhigung über die schulischen Leistungen ihrer Kinder oft zu ihr kämen: „Ihre Söhne waren nachts draußen und haben Granaten abgefeuert, statt zu lernen.“

„Gib einem Mann einen Spaten, und er wird keine AK47 in die Hand nehmen“, sagt Colonel Steve Osterholzer von der 10. US-Mountain-Division. Doch wird das Nationale Solidaritätsprogramm gegen Arbeitslosigkeit die Autorität der Regierung nur dort festigen, wo sie die schon besitzt. Ansonsten wird alles bleiben, wie es ist.

In Kabul, Washington und London weiß man dies sehr wohl. Der bereits zitierte Australier David Kilcullen meint, was man jetzt vorhabe, werde „10 bis 15 Jahre brauchen, von denen mindestens zwei aus intensivem Kampf an vorderster Front bestehen“. Hat die Koalition so viel Zeit? Der Krieg in Afghanistan ist in Kontinentaleuropa schon lange unpopulär. Seit im Vorjahr zehn französische Soldaten bei einem Angriff aus dem Hinterhalt starben, sind Frankreichs ISAF-Kontingente nur noch in schwer gepanzerten Fahrzeugen unterwegs. Kontakte zur lokalen Bevölkerung lassen sich dabei kaum knüpfen. Die deutschen Truppen können sich nicht mehr nachts bewegen. In Großbritannien schwin­det der Rückhalt für die Afghanistan-Mission rapide, hinter den nicht abreißenden Klagen über die Ausrüstung steckt eine tiefer liegende Angst. Und auch in den USA läuft die Zeit ab: „Wir haben zwei oder drei Jahre. Wenn es bis dahin keinen ernstzunehmenden Fortschritt gibt, ist es aus“, sagt ein Berater des US-Stabes am Hindukusch.

Wer diesen Krieg im Namen des Westens führt, scheint in einem Teufelskreis gefangen. Je mehr die eigenen Bevölkerungen schwanken, desto stärker werden die Taliban. Die Dorfältesten in Afghanistan stellen sich sowieso auf die Seite derer, von denen sie wissen, dass sie am längsten oder immer da sein werden. Je stärker dadurch die Taliban werden, desto mehr gerät wiederum die westliche Bevölkerung ins Wanken. Um die Öffentlichkeit zu beschwichtigen, „überprüfen“ die Politiker nun fieberhaft „ihre Ziele“ in Afghanistan, wie es ein britischer Regierungsbeamter ausdrückt. Alles, was nicht in einem direkten Kontext zur Sicherheit steht, wird entsorgt.

Stimmungsfördernd wirkt das kaum, eher zermürbend, nachdem so lange erzählt wurde, die NATO-Truppen seien in Afghanistan, um Millionen Menschen eine bessere Zukunft zu verschaffen, die afghanischen Frauen zu befreien, die Drogenindustrie auszumerzen und Osama bin Laden zu fangen. Niemand scheint sich mehr allzu sicher, wie ein „Sieg“ aussehen soll. Ein Sieg, so ein ISAF-Offizier, das bedeute „eine funktionierende afghanische Regierung auf Provinz- oder Bezirksebene“. Die Familien der toten britischen Soldaten dürften kaum gedacht haben, dass ihre Söhne dafür kämpften und starben.

Übersetzung: Zilla Hofman
 
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