Politik

Polit-Software | 21.09.2009 10:00 | Nicole Diekmann

Das Geschwätz von gestern

Eine Webseite checkt Wahlversprechen auf ihre Umsetzung. Und das ist erst der Anfang: Politische Software könnte die Art, wie Politik gemacht wird, nachhaltig verändern

Ein unter Fernsehjournalisten verbreitetes Sprichwort lautet: "Das versendet sich". Diese Redewendung wird immer dann gerne bemüht, wenn sich in einem fertigen Beitrag ein Fehler findet. "Das versendet sich" äußert die Hoffnung, dass der Zuschauer den Fehler zwar registrieren, aber schnell wieder vergessen wird. Einen Ausflug in ein Fernseharchiv wird er wohl kaum auf sich nehmen, um das Gesehene und Gehörte nochmal auf seine Richtigkeit zu prüfen.

Das Kurzzeitgedächtnis und die menschliche Bequemlichkeit –  zwei Phänomene, die lange Zeit auch Politikern zugute kamen. Gerade in einem Superwahljahr: Von nahezu allen Seiten und beinahe täglich sieht sich der Bürger (und Wähler) von Versprechungen nahezu überrannt. Wie soll er da die Übersicht behalten? Mal ehrlich: Wer kann heute noch aus dem Stand heraus sagen, wie sich die Union im Bundestagswahlkampf 2005 zu Mehrwertsteuererhöhungen verhielt?

Archiv im Wohnzimmer

"Das Internet kann es", sagt Daniel Dietrich. Der 36-Jährige gehört zu "Tactical Tools", einem Drei-Mann-Team, das wahlversprechen.info erfunden hat. Eine Seite, die Wahlversprechen von Politikern zusammenträgt und ordnet. Zum Beispiel nach dem Zeitpunkt des Versprechens, nach Partei, nach Stichwort oder nach ihrem Status: "Gebrochen", "Erfüllt", "Hinfällig", "Umstritten" oder "Offen". Die Seite trägt die Überschrift "ein kollektives Langzeitgedächtnis".

Dierich und seine beiden Mitstreiter wollen das Archiv ins Wohnzimmer bringen. Mit ein paar Klicks kann der Leser - und Wähler - nach konkreten Versprechen suchen, einer Partei auf den Zahn fühlen oder auch ein Thema per Stichwort daraufhin überprüfen, welche Partei sich seiner überhaupt schon angenommen hat. Registrierte Nutzer werden außerdem auf Wunsch über Änderungen bei ausgewählten Themen benachrichtigt.

Er wolle die Mitmachdemokratie, sagt der Programmierer Dietrich, der die Seite ebenso wie seine beiden Mitstreiter aus eigener Tasche finanziert und in seiner Freizeit pflegt: "Wir unterstützen den mündigen Bürger, der Politik wieder ernst und Politiker beim Wort nimmt."

Jeder kann, ja: soll mitmachen

Konsequent, dass die Bürger auch für die Seite verantwortlich sind, denn sie funktioniert nach dem Wikipedia-Prinzip: Jeder kann mitmachen - und viele müssen mitmachen, wenn die Seite funktionieren soll. Es sind die Leser von wahlversprechen.info, die die Versprechungen sammeln, nur  beaufsichtigt von einigen wenigen Administratoren.

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Natürlich darf auf der Seite Andrea Ypsilanti nicht fehlen. Die hessische SPD-Frau hatte vor der Landtagswahl 2008 wiederholt versichert, auf keinen Fall mit der Linkspartei zu koalieren. Die Konsequenzen ihre Wortbruchs trugen zum Sturz des damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck bei, die Ausläufer beschäftigen die Sozialdemokraten noch heute. Die "Ypsilanti-Falle", in die die SPD laut bürgerlichem Lager auch bei der Bundestagswahl tappen könnten, ist fast schon ein geflügeltes Wort.

"Ypsilanti war natürlich eines der ersten Versprechen auf unserer Seite", bestätigt Dietrich. Allerdings gehe es weniger um die Zusammenstellung von bereits Bekanntem, sondern um Nutzwert: "Wir glauben, dass das Wissen der Bürger eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass er sich ein Bild machen kann und damit an der Gesellschaft aktiv teilnehmen kann. Zum Beispiel, indem er Versprechen von Politikern von Anfang an begleitet – bis zum Bruch oder bis zur Erfüllung. Wir wünschen uns, dass das runtergeht bis auf die kommunale Ebene."

Wenig bekannt, nicht minder relevant

Die Anfänge sind gemacht. Schon heute finden sich auch weniger skandalträchtige Ankündigungen auf wahlversprechen.info, die den Sprung auf die Titelseiten der Zeitungen wohl nicht schaffen werden, für bestimmte Gruppen aber nicht minder relevant sind. Zum Beispiel die Stipendien für Mediziner, die die FDP in Sachsen im Kampf gegen den Ärztemangel vor der Landtagswahl Ende August versprochen hatte. Sie sind nun nicht mehr nur im Wahlprogramm der Liberalen nachzulesen, sondern auch auf wahlversprechen.info. Die Tinte unter dem Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP im Freistaat ist noch nicht trocken, doch die Beobachtung läuft bereits. "Offen" lautet der Status unter diesem Versprechen bisher.

Das Umwandeln von Daten in lebensnahe und verwertbare Portionen - dieses Prinzip wollen sich Dietrich und seine Mitstreiter zu eigen machen, um das zu verwirklichen, wofür wahlversprechen.info erst der Anfang sein soll und was Dietrich und Co. "politische Software" nennen. Ihre Vision: ein Staat, der seinen Bürgern seine Daten automatisch zur Verfügung stellt, die von Unternehmen wie "Tactical Tools" weiterverarbeitet werden. "Nichtregierungsorganisationen könnten damit arbeiten, Nachbarschaftsinitiativen oder auch Journalisten", sagt Dietrich.

Ist das Zukunftsmusik in einem Land, in dem das Informationsfreiheitsgesetz den Bürgern auf Anfrage zwar das Recht auf den Zugang zu Daten von Bundesbehörden einräumt, allerdings regelmäßig für Konflikte sorgt? "In den USA ist das gerade ein großes Thema, das wird also auch hier in zwei, drei Jahren auf der politischen Agenda landen", meint Dietrich.

Übrigens: Im Wahlkampf 2005 hatte die damalige CDU-Spitzenkandidatin Angela Merkel zwei Prozentpunkte Mehrwertsteuererhöhung angekündigt. Die SPD lehnte eine Erhöhung damals komplett ab. Nach der Wahl wurde die Steuer dann um drei Prozentpunkte erhöht.

 
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Kommentare
SteinMain schrieb am 21.09.2009 um 21:38
War das nicht eigentlich auch eine Idee vom alten Leibniz, und Anlass zur Erfindung des dualen Zahlensystems, eine Maschine zu bauen, die emotionsfreie und gerechte Entscheidungen trifft ? Könnte sein, das wir da jetzt nach zwei, dreihundert Jahren einen Schritt weiter gekommen sind.
Steffen Kraft schrieb am 22.09.2009 um 09:47
Ich denke, die Entscheidungen, wie die Wissensinhalte genutzt werden können, dürfen noch in der Hand der Bürger bleiben. Aber vielleicht kann uns das Netz ja das abnehmen, was es einfach besser kann als ein einzelner: uns an Daten erinnern beispielsweise.
Bildungswirt schrieb am 22.09.2009 um 10:06
Tolle Initiative, schnelle Datenaufbereitung, Erinnerungsmöglichkeiten. Zur Kultur als "kollektives Gedächtnis" gehört aber sicher deutlich mehr dazu.
Selbstverständlich haben Menschen, je nach Situation, auch die Möglichkeit der Veränderung. Ja, sogar die große Chance, das ist der Kern von Bildung und Persönlichkeitsentwicklung (im Gegensatz zu reinen Lügenbaronen).
Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Brecht: "Das Wiedersehen" ...-Oh, und erbleichte.
Gruß BW
misterL schrieb am 22.09.2009 um 15:51
Gut für den politischen Menschen - schlecht für Politiker und Medienarbeiter, die gerne mal eine Thema wieder verschwinden lassen wollen.

Fazit: Unterstützenswert.
SteinMain schrieb am 22.09.2009 um 16:18
@steffen kraft, ok aber andererseits, mal angenommen diese alte Sonne pupst uns mal wieder mit ihren Flecken und Gammastrahlen so zu, das es plötzlich zeitweise weder Strom noch Netz aus der Steckdose gibt, noch Kommunikationssatelliten, und unsere gesamte Kultur basiert nur noch auf der Erweiterung des Denkens durch Wissens-Technologie, dann rennt doch jeder nur noch mit der Taschenlampe durch die Gegend ...
Leibniz versuchte ja wenigstens noch, Gerechtigkeit durch eine gute, alte mechanische Rechenmaschine herzustellen, und was nutzt es uns heute, einem Bezahl-Politiker seine Lügen von vor einem Jahr durch Internet-Recherche nachweisen zu können, der sagt einfach, das wären andere Umstände gewesen.
was ich damit sagen will ? Weiss ich nicht.
Steffen Kraft schrieb am 23.09.2009 um 15:49
Sie haben Recht: Im Fall eines Stromausfalls hilft uns das Netz in keinem Bereich mehr. Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags brütet übrigens zurzeit an einer Studie, die herausfinden soll, was in einem solchen Fall passiert. Erste Ergebnisse werden Anfang 2010 erwartet.
mh schrieb am 23.09.2009 um 22:08
gibt auch noch andere schönheiten...

polit-bash.org

z.b.

#151
Sigmar Gabriel, SPD
Die Wahrheit vor der Wahl - das hätten Sie wohl gerne gehabt.

Quelle: Gegenüber der Rheinischen Post am 01.10.2002

polit-bash.org/?151


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