Professor Ole Danbolt Mjøs war bis Ende vorigen Jahres ein sehr einflussreicher Mann auf der Weltbühne, trotzdem kannte ihn schon damals kaum jemand. Von 2003 bis 2008 Vorsitzender des norwegischen Nobel-Komitees, verlieh der 69-jährige Professor für Kardiologie zusammen mit vier Kollegen den Friedensnobelpreis. Im Vergangenen Dezember hatte die Guardian-Autorin Gwladys Fouche die Möglichkeit, ein Interview mit Mjøs zu führen. Er erläuterte darin auch die Arbeitsweise des Komitees.
Bei unserem Treffen im Diskussionsraum der Gruppe, einem elegantem Zimmer, dessen Wände mit den Fotos früherer Nobelpreisträger bestückt sind, zeigt Mjøs, dass er sich der Paradoxie des Friedensnobelpreises sehr wohl bewusst ist. „Es fällt schwer zu glauben, dass sich die Welt etwas daraus macht, was fünf unbekannte Norweger denken“, gibt er zu. „An diesem einen Tag im Jahr befindet Norwegen sich auf der Weltbühne. Wenn wir einen neuen Premierminister wählen, zieht das nicht viel internationales Interesse auf sich, der Friedenspreis hingegen schon. Wir werden mit Reaktionen aus der ganzen Welt überflutet. Nach den sechs Jahren, die ich diese Arbeit jetzt schon mache, finde ich das immer noch erstaunlich.“
Abgeschottete Entscheidungsfindung
Für gewöhnlich hält das Komitee sich bezüglich seiner Aktivitäten sehr bedeckt, um sich gegen die Einflussnahme von Lobbyisten zu schützen. Die Mitglieder äußern sich nicht zu den Kandidaten, deren Namen fünfzig Jahre lang geheim gehalten werden und erklären auch nie, wie die letztendliche Entscheidung zustande kam.
Soweit bekannt, treffen die Mitglieder des Komitees sich von Februar an jeden Monat, um die Vorschläge, die sie aus aller Welt erreichen, zu durchsieben und eigene beizusteuern. Jedes Parlaments- oder Kabinettsmitglied eines jeden Landes kann eine Nominierung einreichen, wodurch sich erklärt, dass auch Wladimir Putin, George Bush und Joseph Stalin schon zu den Nominierten gehörten. Darüber hinaus sind bestimmte Akademiker berechtigt, Vorschläge einzureichen. Zu diesen gehören Universitätsprofessoren der Fächer Geschichte, Politikwissenschaften, Philosophie, Jura oder Theologie, sowie die Direktoren von Hochschulen, Friedensforschungszentren und Instituten, die sich mit internationalen Angelegenheiten beschäftigen. Nach dem ersten Zusammenkommen werden dann die aussichtsreichsten Kandidaten diskutiert. Eine Entscheidung wird für gewöhnlich gegen Mitte September getroffen.
Seltene Einblicke in die Arbeitsweise des Komitees gestattend, beschreibt Mjøs die geistige Verfassung während der Diskussionen: „ Wenn man von all diesen Menschen umgeben ist“, sagt er und schaut auf die Bilder der Preisträger, die uns umgeben, „spüren wir die Verantwortung schwer auf uns. Der Friedensnobelpreis ist prestigeträchtig, dem müssen wir gerecht werden. Wir denken also, dass wir die potentiellen Kandidaten sehr, sehr sorgfältig durchgehen müssen.“
Richtlinie bleibt der Wille Alfred Nobels - Definitionsspielraum vorbehalten
„Wir arbeiten aber nicht im leeren Raum“, fügt er hinzu. „Wir halten uns an die Kriterien aus Alfred Nobels Testament: Wir halten nach den größten Herausforderungen für den Frieden im betreffenden Jahr Ausschau und danach, wer am meisten getan hat, um Frieden herbeizuführen.“
Mjøs bemüht sich, die Diskussionen entspannt verlaufen zu lassen: “Wir gehen ganz sicher, dass wir Entscheidungen nicht übereilt treffen und uns gegenseitig nicht unter Druck setzen. Während der Sitzungen diskutieren wir für ein paar Stunden. Danach haben wir das Gefühl, nichts mehr hinzufügen zu können. Also erbitten wir zusätzliche Informationen zu dem ein oder anderen Kandidaten, um für die nächste Sitzung vorbereitet zu sein.“
„Wir haben den Preis wahrhaft global werden lassen."
Unter Mjøs Vorsitz hat der Friedensnobelpreis, manchmal unter Kontroversen, seine Definition des Friedenstiftens immer mehr ausgeweitet und sich dabei immer weiter von der strikten Definition, die Alfred Nobel in seinem Testament festlegte, entfernt. Der hatte angeordnet, der Preis gebühre „der Person, die am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie die Bildung und Austragung von Friedenskongressen gewirkt hat.“ Das Komitee um Mjøs hat den Preis auch schon Umweltschützern wie Al Gore oder Menschen, die sich im Kampf gegen die weltweite Armut stark machen, wie Muhammad Yunus, verliehen.
Es hat aber auch mehr Frauen zu Preisträgerinnen gemacht. In der gesamten 107-jährigen Geschichte des Preises haben nur zwölf Frauen ihn erhalten, bereits in den ersten zwei Jahren der Mjøs’schen Amtszeit konnten ihn jedoch zwei weibliche Aktivistinnen, die iranische Menschenrechtsanwältin Shirin Ebadi und die kenianische stellvertretene Umweltschutzministerin Wangari Muta Maathi, entgegen nehmen.
„Wir haben den Preis wahrhaft global werden lassen“, meint Mjøs. „Wir haben ihn den verschiedensten Menschen, von Graswurzelaktivisten zu Spitzenpolitikern überreicht. In der Vergangenheit gab es eine Tendenz zu Preisträgern aus Europa und Nordamerika, jetzt aber haben wir den Empfängerkreis auf Asien und Afrika ausgeweitet. Maathai gewann die Auszeichnung als erste afrikanische Frau, Ebadi war die erste Muslima.“
Widerwilliger Politiker
Im Gegensatz zu anderen Komiteemitgliedern, bei denen es sich vornehmlich um pensionierte ehemalige Politiker handelt, kommt der derzeitige Vorsitzende aus der akademischen Welt. 1939 in Bergen geboren, erhielt Mjøs eine Ausbildung als Doktor der Medizin und Kardiologie-Forscher. 1974 zog er dann nach Tromso, Heimat der nördlichsten Universität der Welt, um beim Aufbau der örtlichen Medizinschule zu helfen. 1983 wurde er dann Dekan der Fakultät für Medizin an der Tromsoer Universität, 1989 Präsident der gesamten Hochschule. In den Jahren 1997 – 98 verbrachte er ein Sabbatjahr am University College von London.
Die ganze Zeit hindurch war Mjøs Mitglied der christdemokratischen Partei – es dürfte jedoch schwer fallen, einen widerwilligeren Politiker ausfindig zu machen. Sogar einen Kabinettsposten lehnte er 1989 ab. „Ich war gerade beim Hausputz, als der Vorsitzende meiner Partei mich anrief, um mir das Amt des Ministers für Bildung und Forschung anzubieten. ‚Zieh deinen besten Anzug an’ sagte er. ‚Am Montag wirst du den König treffen.’ Ich habe aber ‚Nein’ gesagt. Ich hatte Verpflichtungen meiner Frau gegenüber, da wir kleine Kinder hatten. Außerdem war ich gerade zum Präsidenten der Universität von Tromso gewählt worden, hatte mich also verpflichtet, deren Aufbau zu unterstützen.“
„Als ich mir das neue Kabinett ansah, war mir das eine große Lehrstunde in Bescheidenheit: Egal wie nah man einer machtvollen Position war, wenn man ablehnt, ist man der Macht nicht näher, als eine Person, die nie Aussicht darauf hatte.“
Mjøs lehnte auch die Gelegenheit ab, sich für einen Parlamentssitz aufstellen zu lassen. Diesmal aus gesundheitlichen Gründen, da er gerade einen Herzinfarkt erlitten hatte. Als er gefragt wurde, ob er den Vorsitz einer Kommission für eine Reform der Hochschulausbildung übernehmen wolle, schüttelte er dann allerdings nicht mehr den Kopf, was ihn auf Umwegen in seine aktuelle Position brachte.
"Universitäten können eine Rolle bei der Friedensstiftung einnehmen"
Bei einer Unesco-Konferenz 1998 in Paris nahm Mjøs an einem Seminar teil, in dem es darum ging, welche Rolle Universitäten bei der Friedensvermittlung in der Welt übernehmen können. Es stellte sich als Wendepunkt heraus. „Der Rektor einer Universität in Ghana sprach darüber, dass es in einem Drittel der Länder Afrikas Konflikte gebe, allerdings nur sehr wenige Abteilungen für Friedensstudien auf dem Kontinent zu finden seien. Damals wurde mir klar, dass Universitäten tatsächliche eine Rolle bei der Friedensstiftung einnehmen können“, erinnert er sich.
„Die größte Herausforderung für den Frieden heutzutage ist, dass wir eine Kultur des Friedens auf den Weg bringen müssen. Wir geben Milliarden dafür aus, einer Kultur des Krieges Vorschub zu leisten. Dabei werden unermessliche Geldsummen in den Kauf von Waffen oder Verteidigungsministerien gesteckt. Sehr wenig wird dagegen ausgegeben, um Versöhnung, die Lösung von Konflikten und die Schaffung einer Welt zu fördern, in der Krieg nicht die Möglichkeit hat, sich zu entwickeln.“
"Der einzige Weg ist Bildung"
Universitäten können ihren Teil leisten, indem sie Friedensforschungsabteilungen einrichten, erläutert er. „Diese Zentren können helfen, Wege zu entwickeln, Konflikte zu verhindern und zu beenden.“ Höhere Bildungseinrichtungen können ebenfalls helfen, indem sie Studentengenerationen ausbilden, die Frieden, nicht den Krieg als Mittel zur Beilegung von Differenzen betrachten.
„Wir verfallen zu oft auf das Kämpfen, um Konflikte zu beenden, wenn eigentlich Dialog zur Lösung führen sollte. Wenn eine Region sich vom Frieden zum Krieg wendet, muss auch im Denken der Leute Krieg statt Frieden einziehen. Für mich führt der einzige Weg über Bildung, Bildung, Bildung.“
Mjøs hat sich diesem Ziel so sehr verschrieben, dass er im Jahr 2000 eine internationale Konferenz über die Rolle der höheren Bildung für den Frieden organisierte und zwei Jahre später dabei behilflich war, ein Zentrum für Friedenstudien in Tromso zu finanzieren, welches das erste und einzige zu einer Universität gehörende Forschungsinstitut seiner Art in Norwegen ist.
Den hohen Kreisen der christdemokratischen Partei wurde angesichts des Interesses, das ihr widerwilliger Politiker für die Thematik an den Tag legte, schnell klar, welches politische Amt Mjøs nicht abschlagen würde. Nach einem guten Ergebnis bei den allgemeinen Wahlen Norwegens wurde der Partei ein Sitz im Friedensnobelpreiskomitee angeboten. Die Mitglieder werden proportional zur Stärke der großen Parteien im norwegischen Parlament ernannt. 2003 wurde Mjøs dann zum Vorsitzenden des Parlamentes gewählt. „Eine unerwartete Ehre, für die ich dankbar und geschmeichelt bin“, rekapituliert er.
Aber auch eine Ehre, die sich ihrem Ende zuneigt. Am ersten Januar wird Mjøs den Vorsitz abtreten, da seine Partei bei den letzten Wahlen schlecht abgeschnitten hat. Die heutige Zeremonie wird seine letzte sein.
Die diesjährige Auszeichnung an Ahtasaari, der Friedensabkommen in Namibia, Aceh und Kosovo ausgehandelt hat, wird weithin als Rückkehr zu einer traditionellen Auffassung des Preises betrachtet. „Wir wollten uns auf erfolgreiche Friedensvermittlung konzentrieren, da die Welt Friedensvermittler braucht“, erklärt der Norweger. „Ahtissari ist einer der vorausblickensten Friedensarbeite. Er gibt nie auf. Die Welt braucht mehr Männer wie ihn.
Wo sieht Mjøs, der nun aus dem Amt scheidet, die Möglichkeiten des Preises, Einfluss auf die Welt zu nehmen?„Wir tragen zum Frieden bei, indem wir den Preisträgern eine vorzügliche Plattform zur Verfügung stellen, um ihre Arbeit voranzutreiben und für diese werben. Das trifft vor allem auf Graswurzel-Aktivisten zu. Plötzlich haben sie im Vergleich zum Vorher ein riesiges Publikum und ihre Worte erhalten mit der moralischen Autorität und dem Prestige des Preises größeres Gewicht.“
Er gibt eine Anekdote wieder, die ihm der Erzbischof Desmond Tutu, der den Preis 1984 erhielt, ihm einmal erzählte: „In den frühen Achtzigern arbeite er hart daran, den US-Präsidenten Ronald Reaggan in den Anti-Apartheidskampf einzubeziehen. ‚Bevor ich den Preis gewann, bin ich von der Telefonzentrale des Weißen Hauses noch nicht einmal weitervermittelt worden’, erzählte Tutu mir. ‚Hinterher aber wurde ich eingeladen dort zu übernachten.’’