Politik

Datenschutz | 02.11.2009 17:45 | Steffen Kraft

Löschen: unmöglich

Der mutmaßliche Schüler-VZ-Datendieb hat sich in der Untersuchungshaft erhängt. Sein Tod ist der Kontrapunkt zu einer Reihe von Datenskandalen der vergangenen Tage

Nun ist der Erste tot: Der 20 Jahre alte Programmierer, der mutmaßlich die Betreiber der Netzwerk-Seite Schüler-VZ mit gehackten Daten erpressen wollte, hat sich in der Untersuchungshaft offenbar selbst umgebracht. Darüber, warum sich der Mann zu diesem Schritt entschloss, ist wenig bekannt. Sicher ist, dass der Datenskandal bei Schüler-VZ größer war, als es noch bei seiner Festnahme erschien: Trotz aller Dementis der Betreiber waren nicht nur für andere Mitglieder einsehbare Daten, sondern auch als privat gekennzeichnete Informationen wie das Geburtsdatum und das Geschlecht nicht vor Datendieben sicher.

Der Tod markiert den traurigen Kontrapunkt einer Reihe von Datenschutz-Pannen und -Skandalen in den vergangenen Tagen. Neben Schüler-VZ machten die Postbank, der Buchhändler Libri und die Bundesarbeitsagentur negative Schlagzeilen. Die Postbank erlaubte ihren freien Beratern den Zugriff auf alle möglichen Kundendaten – zusammen mit der Anweisung, den Betroffenen davon lieber nichts zu erzählen. Bei Libri ließen sich die Rechnungen von tausenden Bestellern übers Netz abrufen. Und ein neues Computersystem der Arbeitsagentur bezeichnete der Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert als „Katastrophe“, weil sich darin bundesweit Informationen zu Suchtkrankheiten, Einkommen und Familien von Arbeitssuchenden abrufen lassen.

Die Reihe von Skandalen ist eine dieser seltsamen Ereignis-Häufungen, die sich zuweilen in den Medien ereignen und die nach einer Erklärung rufen. Erklärungsbedürftig ist dabei wohl weniger die Frage, warum es gerade jetzt so viele Pannen gibt. Denn Datenlecks gab es früher schon, allerdings trafen sie außerhalb von Fachkreisen auf wenig Interesse. Dieser Mangel war nicht ganz so unvernünftig, wie er zunächst erscheint. Denn in der Zeit von Papierakten und unvernetzen Datenbanken war die Tragweite einer Panne meist ab- und die Konsequenzen eingrenzbar.

Die Tatsache, dass die Pannen nun einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden, zeigt jedoch, dass in den Köpfen von Bloggern, Lesern und anderen Medienmachern etwas entsteht, was vielen Verantwortlichen in Unternehmen und der Arbeitsagentur offenbar abgeht: ein Gefühl dafür, welche Macht Informationen verleihen.

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Unkontrollierbare Folgen

Denn inzwischen sind die Folgen von Datenlecks kaum mehr rückgängig zu machen. Anders als früher lassen sich elektronische Informationen, wenn sie einmal öffentlich geworden sind, mühelos übers Netz verschicken, kopieren und an zahllosen Orten speichern. Löschen: unmöglich. Meist bleibt nur die Möglichkeit, die betroffenen Informationen im Nachhinein zu ändern und die geklauten Daten auf diese Weise nutzlos zu machen. Das mag bei Kreditkarten oder Bankkonten noch mit einigem Aufwand und Risiko funktionieren, bei Informationen zu persönlichen Interessen oder Eckpunkten des Lebenslaufs jedoch nicht mehr.

Die Entscheidung, wieviel ein Einzelner von sich preisgibt, ist auch immer eine Frage der sozialen Kosten, die er oder sie für diese Entscheidung zu bezahlen hat. Und die Kosten der Enthaltsamkeit sind teilweise heute schon so hoch, dass sie viele nicht mehr tragen wollen. So kann sich etwa kaum ein Schüler mehr Schüler-Vz entziehen, wenn er nicht als Außenseiter gelten will. Bloß zu fordern, die Bürger sollten bei der Weitergabe ihrer Daten Vorsicht walten lassen, greift insofern zu kurz.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
E H schrieb am 02.11.2009 um 19:01
Der Gedanke der sozialen Kosten ist gut und wird viel zu selten berücksichtigt. Datenschutz ist auch teilweise eine Frage des Geldbeutels. Ich möchte nur auf die katastrophale Datenschutzlage dort hinweisen, wo Millionen Menschen gezwungen wurden, intimste Details aus ihrem Leben anzugeben, weil sie die dicken Hartz-IV-Formulare ausgefüllt haben. Hier besteht nicht einmal mehr ein Rest an Freiwilligkeit bei der Datenhergabe. Insofern ist es unsäglich, dass die Arbeitsagentur ein Softwaresystem hochfährt, von dem vorher klar gewesen ist, dass eklatante Datenschutzmängel an ihm haften. Der Staat hat auch hier eine Sorgfaltspflicht, der er nicht nachkommt.
Steffen Kraft schrieb am 03.11.2009 um 09:31
Ja, mangelnder Datenschutz kostet. Nicht nur Geld. Wenn ich die ganze Zeit "Datenzurückhaltung" walten lassen muss, nimmt mir das meine Unbefangenheit im Auftreten. Im Netz. Und anderswo.
mh schrieb am 02.11.2009 um 22:08
es ist ja noch viel schlimmer... die verwertbarkeit der daten für unternehmen hat mittlerweile vorrecht vor dem eigenem schutzbedürfnis. wenn ich wissen will, wer meine daten verwendet, muss ich alle anfragen .. da muss mich niemand informieren und um erlaubnis fragen.

noch unter der großen koalition wurde das alles abgesichert.

mfg
mh
Steffen Kraft schrieb am 03.11.2009 um 09:33
Wahrscheinlich wäre das in der Tat eine der effektivsten Maßnahmen: eine strenge Opt-In-Pflicht einzuführen, wenn seine Daten gespeichert werden sollen.
gweberbv schrieb am 04.11.2009 um 22:47
@MH

Für kleine Unternehmen könnte eine solche Regelung wirklich brenzlig werden. Wird z. B. ein Handwerksbetrieb übergeben, ist häufig die Kundendatei mit das wertvollste Inventar. Müsste der neue Chef dann jeden Kunden anschreiben, ob er weiter in der Datenbank geführt werden darf, würde das teuer - und für so manchen Kunden auch extrem lästig. Spätestens nach der dritten Anfrage pro Woche.
chrislow schrieb am 03.11.2009 um 11:50
Ich bevorzuge die idee eines Daten-overloads. Wir setzen uns alle eine Woche hin und geben in die Netz-Matrix unter unserem Namen und Geburtsdatum unmengen verschiedener Daten ein. Das ganze am besten 1x im Monat... ! Wenn es perfekt gemacht ist, so werden die Datensätze nicht mehr zu verwenden sein.
Steffen Kraft schrieb am 03.11.2009 um 11:53
Interessanter Gedanke. Aber lassen sich Systeme mit unheimlicher Rechenleistung und Speicherkapazität wirklich so einfach händisch überlisten. Ich zweifele.
Friedland schrieb am 03.11.2009 um 12:06
Das Ganze geht auch (bei Google) automatisch: Track me not ist ein Firefox Add-On, das die Suchmaschine mit Datenmüll überschüttet, wenn man möchte...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.11.2009 um 19:03
Löschen unmöglich, heißt es kritisch in dem Artikel, und es heißt, Daten, persönliche zumal, seien zu schützen.
Aber warum eigentlich? Na klar, einmal weil der Staat ja seine eigenen Bürger schützen soll, nämlich in ihren wirtschaftenden Rechten, und ein andermal, weil er sie schützen soll vor den Bürgern, die mit den Bürgerdaten wirtschaften.
Heißt: Nur in der gegebenen, gewählten Welt soll es einen Datenschutz geben, den ein freier Mensch und freie Menschen gar nicht brauchten, der bei freien Menschen eher stört.
Und "Nicht zu löschen", und Löschung wäre positiv konnotiert? Ja, welche Geschichte wäre das, die auslöschbar wäre, tilgbar, und welcher Psychologe sagte das: Löschen sie das mal, dann ist alles gut.
- Je, nun, in diesem Komplex denkt nur der Teilnehmer der kapitalistischen Welt.
Kurz: Das Brimborium um den Datenschutz empfinde ich als eine rein bürgerliche Veranstaltung, als Geheimnistuerei um die Gesetze des Marktes. Und als letzte große Ausbeutung des Menschen vor der Revolution. Daß eine Piratenpartei hier schützend aufsteht, statt Geschichte zu studieren, finde ich dann auch nicht bemerkenswert. Ich hab schließlich Geschichte studiert.
mahrz schrieb am 03.11.2009 um 22:01
Wo liegt den die Gemeinsamkeit des Datenschutzes und des Schutzes der wirtschaftenden Rechte der Bürger durch den Staate? Es geht doch viel mehr um die Selbstbestimmung wo (in welcher Form, wie lange...) persöhnliche Daten gespeichert und weitergegeben werden dürfen. Auch als Schutzrechte gegenüber staatlichen Institutionen, siehe das Beispiel der Arbeitsagentur im Artikel. Auch der Vergleich mit auslöschbarer Geschichte will mir nicht einleuchten, es geht hier nicht um geschichtsrelevante Daten, die öffentlich zugänglich sind und plötzlich verschwinden, sondern um personenbezogene Daten, deren Weiterverbreitung und Vernetzung so einfach geworden ist, dass zu einem Missbrauch nur geringe Hürden bestehen. Solche Daten finde ich hoffentlich nie in einem Geschichtsbuch.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.11.2009 um 18:57
So denkt für mich nur ein Bürger, der der gegebenen Welt zustimmt, also ein Quatschkopp.
Steffen Kraft schrieb am 05.11.2009 um 09:50
Na ja, aber aus welchem Grund?
chrislow schrieb am 09.11.2009 um 10:35
Datenschitz ist nicht dazu da, dass des Bürgers Daten vor Zugriff dritten geschützt ist, sondern Datenschutz ist dazu da, die Daten vor dem Zugriff des betroffenen Individuums zu schützen. Warum das so ist, sollte man mit einem Psychologiestudium aufklären oder eine Geheimdienstkarriere ins Auge fassen.

Versucht mal Daten über euch zu erfahren. Und sind diese Daten dann auch alle Datensätze welche vorhanden?Im Alltag ist Datenschutz zu einem Alibi gegen die "Umständlichkeit" des Aufwandes geworden, dem jeweils betroffenen Individuum seine Daten zu eröffnen. Alles faule und verlogene 99% Varianten des Humankapitals (dis sin unsere Mitmenschen...!)


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