Warum kommen zwischen 1.500 und 2.000 Menschen – überwiegend jüngere und junge, auch einige Kinder und alte Leute – zusammen, um bei fünf Grad und Daurregen drei Stunden lang einer Auftakt-, Zwischen- und Abschlusskundgebung zu lauschen und den elend langen Weg zwischen dem Mahnmal an der ehemaligen Synagoge in der Moabiter Levetzowstraße bis zum Deportationsmahnmal auf der Putlitzbrücke zu laufen? Weil diese Leute der „Reichspogromnacht“ gedenken wollten, „damals“, vor 71 Jahren, am 9. November 1938. Genau diesen Weg gingen ab 1942 über 30.000 der insgesamt 50.000 deportierten Berliner Juden.
Unter Polizeischutz in Moabit
Aber während wir Nachgeborene – frierend und tropfnass – danach in die warme S-Bahn steigen, warteten auf diese Zehntausende, nichts als kalte, zugige Viehwaggons. Und am Ziel standen noch kältere Ghetto-Behausungen oder die überfüllten Baracken der Konzentrationslager oder die Gaskammer von Auschwitz, Treblinka und Majdanek. Heute wartet keine Gestapo auf die Veranstalter – die Antifaschistische Initiative Moabit (AIM) – umgekehrt: Heute muss die Polizei entsetzlicher Weise eine solche Kundgebung vor möglichen Angriffen rechtsextremer, rassistischer oder antisemitischer Gegner schützen. So begründete der Polizeibeamte, der mich durchsucht, sein Handeln. Also keine „Kriminalisierung der Kundgebung“, wie Herr Hans Coppi, Vorsitzender der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) in seiner Rede befürchtet.
Auf dem langen Marsch verlasen Sprecher der AIM vor bestimmten Häusern Lebensberichte über Menschen, die dort gelebt hatten und in den Tod gingen. Aber es gab auch Häuser, in denen Menschen überlebten, weil einzelne mutige Mitbürger sie unter Lebensgefahr versteckten. Die AIM betont immer wieder, wie öffentlich diese Deportationen seinerzeit geschahen: Wie die Leute von den Balkonen aus zusahen, wenn die SS jüdische Mitmenschen am helllichtem Tag abholte, wie sich Vermieter am Pogrom vom 9. November 1938 bereicherten. Die SA verwüstete die Wohnungen, und die jüdischen Mieter waren gezwungen, den entstandenen „Tumultschaden“, wie es damals hieß, an die arischen Hauseigentümer zu bezahlen.
Hurra am Brandenburger Tor
Die Gedenkdemonstration verstand sich nicht zuletzt als „Gegenpart“ zum verstaatlichten „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor mit fallenden Dominosteinen und sprühendem Feuerwerk. Dort sollte jener „Wohlfühltaumel“ (Hans Coppi) erzeugt werden, der auch die Erinnerung daran verschluckt, dass damals zwischen NS-Regime und deutscher Mehrheitsbevölkerung die Reihen fest geschlossen waren – gegen Jüdinnen und Juden, aber auch gegen Sinti und Roma und alle anderen, deren Leben als „lebensunwert“ galt.
Die 9/11-Staats-Botschaft am Brandenburger Tor lautet: Hurra! – der NS-Staat und der DDR-Staat –zwei Diktaturen sind überwunden, und die einzige wirklich wichtige Opfergruppe sind „Wir-Deutsche“. Indem die Demonstranten zwischen Levetzow-Straße und Putlitz-Brücke den Weg der Opfer nahmen, erinnerten sie auch daran, dass es Täter gab: Nicht nur Adolf Hitler, die SS und die Gestapo – auch der „liebe Nachbar“ von nebenan war beteiligt.
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Meinen großen Respekt für den Beitrag hier und vor allem für die Kundgebung. -- Das nationale Festival benötigt diese "Berliner Republik". Mauer Fall, Schwarz-Rot-Goldene Fußball Party - und gerade im TV die Zellebrierung der GSG 9. Nur Afghanistan und der Kosovo liefern noch nicht brauchbare Material für die Republik, die nach ständig nach der Stunde Null sucht, ständig nach einem nationalen Mythos, der einen Schlussstrich unter die Geschichte setzen kann. „Schleichende Wende“ hat es die Engländerin Joannah Caborn genannt.
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Hallo, kritische Masse,
ich bezweifle, dass es heute noch um nationale Gründungsmythen geht; mir scheint die Art und Weise, wie hier "Nationalfeiertage" inszeniert werden, eher eine Entwertung jener nationalen Mythen zu signalisieren (was eigentlich auch erfreulich ist). Am Tag der deutschen Einheit, 3.10., marschierten z.B. zwei riesige Figuren durch Berlin (1 Million ZuschauerInnen); und am 9.11. werden Dominosteine ins Kippen gebracht, und U2 spielt und Feuerwerk und Wurschtbuden; das sind beliebige und austauschbare Paaaaaaartys, die jeden "Sinn" auffressen, den die Anlässe vielleicht noch transportieren könnten. Also eher erlebnisgesellschaftliche Verpartysierung und Disneylandisierung als dumpf-doitsche Remythisierung!? ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de |
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Peinlich, daß ich von der Demo nichts wußte. Werde mal noch ein paar Blumen an die Stolpersteine in meiner Straße legen.
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Hallo Gerhardt HM,
kleiner Trost! - wenn mich V, ein Bekannter, nicht am 9.11. geschrieben hättre, dass er um 17 Uhr eine Gedenkkundgebung besuchen will, hätte ich die Gedenkdemo schlicht und einfach "vergessen" - traurig, aber wahr. Aber dann galt: Nix wie hin! Skurril: Der Bekannte meinte eine andere Gedenkdemonstration, von der ich wiederum nichts wusste. Hier sein Kurzbericht: "Der Veranstalter sind Schülerinnen und Schüler des Gottfried-Keller-Gymnasiums, der Hugo-Gaudig-Realschule in Verbindung mit der Landesppolizeischule und in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Wieviel da waren kann ich als Teilnehmer schlecht einschätzen. Vielleicht so 200 junge und ein paar ältere Leute. Dann der Zeitzeuge Isaak Behar (Kaddisch), Kantor Simon Zkorenblut (El Male Rachamin), Clemens Mai (Isikor auf der Trompete). Ansprachen von Isaak Behar, Rebecca Klars, Theresa Wass, Caroline Drömer, Anna Karner, ein Staatssekretär aus dem Innenministerium (Name habe ich vergessen, der ist gekommen, weil W. Schäuble verhindert war, der hatte zugesagt, als er noch Innenminister war). Die Veranstaltung wird jedes Jahr ausgerichtet als Schweigemarsch von der Erdener Straße/Ecke Königsallee zum Mahnmal Gleis 17 am S-Bhf. Grunewald." Es gab und gibt als jedes Jahr zwei Gedenkdemonstrationen! ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de |
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schrieb am
11.11.2009 um 19:09
Die Blumen ware nach einer Stunde weg. Na, was hatte ich auch erwartet?
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Hallo GerhardHM,
schon wieder treibt es mich zur Trostspendung. Vielleicht war es jemand, der die Stolpersteine als solche nicht erkannte und glaubte, da hätte jemand Blumen verloren; vielleicht wollte er die Blumen vor dem Verderbnis retten und seinem Freund oder Freundin oder Eltern eine Freude machen - vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Jedenfalls war Dein privates Blumen-Niederlegen eine gute Idee, die jeder spontan machen kann, in dessen Nähe Stolpersteine in die Gehwege eingelassen sind. ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de |
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schrieb am
15.11.2009 um 10:48
Du meinst, ich sollte eventuell mal im Fundbüro nachfragen? :)
Wenn sie anderenorts eine Freude gemacht haben sollten, wäre das ja auch in Ordnung. Will ich es mal so sehen. |
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Ich glaube nicht, dass sich irgendeiner der Berliner Feiernde einer "Opfergruppe" zugehörig fühlt. Sofern da überhaupt eine derartige Reflexion stattfindet, dann dürfte es eher die Selbstwahrnehmung der Gewinner sein. Und das ist auch sehr berechtigt, schließlich lebt man heute im schönsten Deutschland, das es je gab. In Saus und Braus und international umgeben von größtenteils wohlgesinnten Freunden/Partnern. Und das Ereignis, welches dieses vorläufige "Happy End" der deutschen Geschichte eingeleitet hat und gleichzeitig symbolisiert, ist der Fall der Mauer.
Gut so! Denn mit Völkern/Nationen, die sich zuvorderst als Opfer definieren, ist oftmals nicht gut Kirschen essen. |
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schrieb am
11.11.2009 um 12:24
Je nun: bevor sich so mancher Deutsche als Täter respektive Nachkomme von Tätern begreift, inszeniert er sich dann doch lieber als Opfer. Wie gut mit uns Kirschen essen sein wird, muss sich noch erweisen, etwa, wenn die gesellschaftlichen Spannungen zunehmen. Die gehässige Vorführung der Unterschicht als Sozialschmarotzer erfährt derzeit breite Zustimmung und verdirbt den Appetit auf Kirschen.
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schrieb am
11.11.2009 um 12:48
Spätestens die Generation der jetzt Heranwachsenden wird es vermutlich größtenteils ablehnen, sich selbst als Täter oder Opfer relativ zur Zeit des Dritten Reiches bzw. als deren Nachkomme anzusehen. Das taugt einfach nicht mehr als Fixpunkt der eigenen Identität. Umso mehr, wenn ein Viertel bis ein Drittel der Jugendlichen Familiennamen haben, die im damaligen Deutschland völlig unbekannt waren.
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Hallo gweberbv,
in die TeilnehmerInnen der Paaaaarty am Brandenburger Tor vermag ich mich nicht einzufühlen; ich kann nur die öffentliche Debatte beurteilen. Schließlich ist der 9.11.09 ein "Tag der Wahrheit", weil man dreier Ereignisse gedenken kann: - der Novemberrevolution, - der Reichspogromnacht und - der Maueröffnung. Da der Wach-Tag aber nur 16 Stunden hat, muss jede und jeder entscheiden, wessen er vorrangig und wessen er nachrangig gedenken will; man MUSS also eine persönliche Hierarchieliste machen, und daran kann man erkennen, um was es einem selbst und um was es gesellschaftlich geht. Meine persönliche Gedenkhierarchie lautet: 1. Gedenken an Reichspogromnacht; gleich danach: 2. Novemberrevolution - dann nix mehr. Die in den Leitmedien hergestellte Hierarchie lautet: 1. Fall der Mauer; dann janz lange gar nix und dann janz weit hinten 2. Reichspogromnacht - und dann nix mehr. Die Generation der Nachwachsenden wird sich wohl orientieren am Ausgang des Kampfes um die Signatur von 9/11 - und ich sehe mich verpflichtet, das Gedenken an die Pogromnacht zur Signatur des 9.11. zu machen. ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de |
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Sie schreiben: "Die 9/11-Staats-Botschaft am Brandenburger Tor lautet: Hurra! – der NS-Staat und der DDR-Staat –zwei Diktaturen sind überwunden, und die einzige wirklich wichtige Opfergruppe sind „Wir-Deutsche“." Dazu paßt eine Nachrichtenmeldung von gestern in DeutschlandRadio Kultur: "Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen fordert zentrale Gedenkstätte in Berlin
Das neue Denkmal soll möglichst nahe beim Brandenburger Tor in Berlin stehen. Das wünscht sich der Historiker Hubertus Knabe für ein Mahnmal, mit dem der Opfer der DDR-Diktatur gedacht werden soll. Der Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen wies in der Zeitung "Neue Presse" aus Hannover darauf hin, dass sich viele ehemals Verfolgte unzureichend gewürdigt fühlen. Ihre Verbände wünschten sich einen zentralen Erinnerungsort." Also auch eine Art Fortschreibung der Totalitarismus-Theorie ... |
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Hallo jayne,
das ist tatsächlich eine wichtige Information. Ich warte bloß noch darauf, dass zusätzlich zu einem Mahnmal für die Opfer-der-DDR-Diktatur auch noch ein Mahnmal für die Bombenopfer der alliierten Luftangriffe; ein Mahnmal für die Aus-den-Ostgebieten-Vertriebenen und ein Mahnmal für die von den Nazis "mißbrauchten" Gefallenen der Wehrmacht errichtet werden (aber letztere haben wir ja schon in Gestalt der Kriegerdenkmäler) - alle schön um das Brandenburger Tor herum gruppiert - dann hätten wir die perfekte Opferinszenierung: Wir-Doitsche als Opfer zweier Diktaturen. ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de |
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schrieb am
15.11.2009 um 15:02
@ Wolfang Ratzel scheinbar hört diese Mahnmal-Inflation erst auf wenn sich alle dahinter verstecken können. "kritische Masse" deutet es mit dem Zitat von Caborn an. Dein Beitrag ist wichtig, so eine Blume im grauen Vermassungsbrei, und ich bedanke mich einfach sachichma...
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