Politik

EU | 23.12.2009 15:00 | Martin Leidenfrost

Die schwarze Krähe

In Brüssel wächst die EU-Bürokratie unaufhörlich. In dieser sterilen, kalten Welt hat das Unkonventionelle keine Chance. Die Geschichte eines Scheiterns

Sie würde nicht wollen, dass ich ihre Geschichte erzähle. Lassen wir also ihren Namen weg, ihr Aussehen, ihr Herkunftsland. Ich bitte sie um Verzeihung, dass ich ihre Geschichte nicht für mich behalte.
Die junge Frau ist Politologin. Ihr Vater lehrt an einer Universität, doch beteuert sie glaubhaft, nicht mit dem goldenen Löffel groß geworden zu sein. Sie wirkt weder chic noch elitär, hat sogar etwas Ländliches an sich. Sie lebte einige Jahre außerhalb ihres Heimatlandes, in Irland. Dort schrieb sie eine analytische Studie über einen Versuch der irischen Regierung, den Landsleuten in Podiumsgesprächen den damaligen Entwurf einer EU-Verfassung zu erklären. Die junge Politologin spricht ausgezeichnet Englisch. Mir fiel auf, dass sie in Gesprächen immer „yeah yeah yeah“ zur Bestätigung sagt, immer drei Mal. Ich dachte, das macht man so.

Sie hatte gerade einen uninteressanten Bürojob in Dublin, als die Finanzkrise auf Irland niederging wie auf kaum ein europäisches Land. Es wurde Winter, sie wurde von einem Stalker verfolgt. Eines Tages kam sie nach Hause, und in ihrer 750 Euro teuren unbeheizten Kammer saß eine schwarze Krähe. Der Vogel, durch den kalten Kamin herein gerutscht, sah die Heimkommende wie einen Eindringling an.
Ich lernte die junge Politologin in jenem Winter kennen, unmittelbar nach ihrer Ankunft in Brüssel. Sie war heilfroh, Brüssel war ihre Zuflucht, denn dort wächst die Europablase, während Resteuropa schrumpft. Der Lissabon-Vertrag wird das Wachstum beschleunigen, allein die Versorgung des aufgewerteten Europa-Parlaments mit Agrar-Input dürfte Hunderte Lobbyisten-Stellen schaffen. Der Tabaklobbyist meines Vertrauens spürt einstweilen das Gesundheitsthema nach Brüssel kommen. Er angelt bereits nach Kunden aus dieser noch europafernen Branche.

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Excel-Tabellen ausfüllen

Doch zurück zu der junge Politologin, sie fand in Brüssel sofort einen Job, ihre irische Studie öffnete ihr die Tür. Den Mittelteil dieses Materials können die neuen Arbeitgeber nicht gelesen haben, denn dort wendet die Autorin das Habermas-Ideal des herrschaftsfreien Diskurses auf die irischen Podien zur EU-Verfassung an. Das liest sich knüppelhart. Wie in Brüssel üblich, waren die Podiumsdiskussionen kurz, alles war rigide in Zwei-Minuten-Statements zerteilt. In solchen Zeitkorsetten bewegt sich der Brüssel-Mensch dauernd. Den einfachen Bürger schreckt das ab. Für die Irin, die in westirischen Krankenhäusern Mammographien vermisste, und für den Iren, den der leergefischte Atlantik bewegte, war das nichts.
Ihre Brüsseler Tätigkeit überraschte die junge Politologin. Sie arbeitete für eine 100 Mitarbeiter starke Firma, die ausschließlich Reklame für die europäischen Institutionen macht, aber meistens ließ man sie Excel-Tabellen ausfüllen. Am Ende eines Arbeitstages ruft man sie zum Chef. Da hat wohl wieder eine Excel-Tabelle nicht gepasst, denkt sie sich, und wird entlassen. Die Probefrist beträgt ein ganzes Jahr, Kündigungsfrist eine Woche. Der Chef schenkt ihr die letzten Tage. Sie geht an ihren Schreibtisch, packt ihre Sachen und braucht nie mehr zu kommen.

Prekariat in der Kommission

Sie verbringt einen nervösen Sommer. Wieder hat sie Angst um ihre Existenz. Dann wird sie gerettet, dank ihrer nie gelesenen irischen Studie bekommt sie einen Aushilfsjob bei der Europäischen Kommission. Ihre Geschichte ist nicht zu Ende, nun durchlebt sie das Prekariat in der Kommission. Wird sie die endgültige Zuflucht finden, den lebenslang garantierten Beamtenposten bei der Europäischen Kommission? Ich wünsche es ihr. Sie ist ein aufrichtiger Mensch.
Allein dass sie beim Zuhören immerzu „yeah, yeah, yeah“ ruft, irritiert mich. Als sie sich einmal mit einem englischen Muttersprachler unterhielt, belauschte ich die beiden. Ich hörte heraus, dass auch der Muttersprachler Yeahs als Zuhörfloskel einsetzte. Manchmal sagte er „yeah“, manchmal „yeah yeah“, manchmal auch „yeah yeah yeah“. Die junge Politologin macht alles richtig. Vielleicht stimmt sie nur ein bisschen zu oft zu.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Albi schrieb am 23.12.2009 um 17:00
Danke für diesen interessanten kleinen Einblick in das Brüsseler Geschehen.
finn schrieb am 23.12.2009 um 17:24
Ob man es der Frau wirklich wünschen kann dort zu arbeiten? Bei einer Behörde, die das hohe Lied des freien Marktes singt und dieses auch konsequent durchsetzt. Kein Wunder also, dass sie bei ihrer Personalpolitik nicht viel anders ist als die der börsennotierten Unternehmen. Vom Beamtentum hat der Job bei der Kommission am Anfang sehr wenig und das dient natürlich auch dazu die Leute noch mehr auf Linie zu bringen als sie es ohnehin nach ihrem Studium und den schwierige concours sind.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 17:32
Europa braucht Leute, die einfach durchhalten (müssen), also Beamte auf Überlebenszeit.
archinaut schrieb am 23.12.2009 um 17:50
Vielen Dank für die schöne Tierfabel.....

aber wieso "Geschichte eines Scheiterns"?
Hat die schwarze Krähe nicht gewonnen, weil sie die junge Dame aus der Kammer in Dublin vertrieben hat:-))
misterl schrieb am 28.12.2009 um 23:01
Krähen sind kluge Wesen. :-))
gweberbv schrieb am 23.12.2009 um 19:10
Hat die Dame außer Excel-Tabellen und einer obsoleten Studie sonst noch etwas anzubieten, das sie für eine Arbeitsstelle qualifizieren würde? Soll sie halt ein Brüssel Taxi fahren, das hat wenigstens einen Nutzen für die Allgemeinheit.
André Rebentisch schrieb am 23.12.2009 um 19:18
Ich denke, es sieht anders aus. Die Sprache und Erzähltechnik stimmt nicht.
SteinMain schrieb am 23.12.2009 um 23:24
Eine interessante Frage ist, was Menschen zu einem derartig ausgeprägten Opportunismus bringt, eine unerschütterliche Stabilität in Bezug auf Zeichen wie etwa einen schwarzen Raben, die so manchen Denkenden in tiefe Zweifel stürzten, diese völlige Abwesenheit des Selbstzweifels, diese Erklärung, die ein unerschütterliches Selbstbewusstsein hat, in Bezug darauf, das man eventuell an einem System aktiv mitarbeitet, das den Armen die Butter vom Brot nimmt und sie den Reichen gibt.
Ich sag mal, es ist eine psychische Erkrankung, vieleicht organisch-stoffwechselmässig bedingt.
André Rebentisch schrieb am 24.12.2009 um 02:24
Viele Leute, die in Brüssel professionell in den Institutionen arbeiten, sind vielfach umgedrehte Kommunisten. Das ist das Gefährliche an den Personen. Es fehlt eine öffentliche Sphäre. Manche fühlen sich also wie in einem Theater ohne Publikum.
SteinMain schrieb am 24.12.2009 um 03:37
Puuh, Wolki, umgedrehte Kommunisten wären ja noch Menschen, denen etwas daran läge, als exaltierte Personen etwas für die Menschheit zu erreichen, so in der Art kommunistischer Funktionäre.
Die richtig gefährlichen Personen sind Kapitalisten, die es richtig finden, für ihren umgedrehten Protz andere Hunger leiden zu lassen.
Ich finde, seit es den Spekulanten gelungen ist, den Sozialismus plattzumachen, zeigt der kAPITALISMUS seine ätzende Fresse.
André Rebentisch schrieb am 26.12.2009 um 00:41
Sagen wir so, sie haben eine bestimmte Art zu Denken, eine bestimmte Analyse des Staates, und eine Methodik, die bewirkt, dass sie praktisch einpassbar macht in eine Simulation ohne Zuhörer in beliebiger Rolle.
André Rebentisch schrieb am 26.12.2009 um 00:43
macht --> sind


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