Politik

Bildungsstreik | 10.01.2010 09:55 | Sebastian Thalheim

Weckruf aus dem Winterschlaf

Die Proteste der Studenten haben einen heißen Herbst beschert. Seit Weihnachten herrscht Ruhe. Der Univerband der Linkspartei diskutiert, wie es weitergehen soll

Einsam hängt das letzte Banner an der Umzäunung der Humboldt-Universität zu Berlin. „Hier läuft was verkehrt“, steht dort in großen Lettern geschrieben. Ein Erinnerungsstück an die studentische Protestbewegung 2009. Obwohl das neue Jahr erst wenige Tage alt ist, scheint der Bildungsstreik weit weg. Hektisch rennen die Studierenden an dem schlaffen Transparent vorbei. Der Januar bedeutet für sie Klausuren, mündliche Prüfungen und Abschlussarbeiten. Für Diskussionen oder gar Besetzungen von Hörsälen bleibt da keine Zeit.

Ist es nur ein kurzer Winterschlaf oder ist die Protestbewegung ins Koma gefallen? Dieser Frage werden Studenten und Wissenschaftler auf dem Bundeskongress von dem Sozialistisch-demokratischer Studierendenverband der Linkspartei (Linke.SDS) an diesem Wochenende in Bochum nachgehen. Glaubt man ihrer im Internet veröffentlichten Erklärung war der Herbst „richtig heiß“. Auch für das Jahr 2010 zeigt sich der Studierendenverband zuversichtlich, dass die dünne Schneeschicht auf dem Banner bald schmelzen wird.

Dazu müssen zuerst Erfolge und Rückschläge der vergangenen Proteste analysiert werden. Positiv zu bewerten sei laut Linke.SDS die große Beteiligung an den Demonstrationen. Demnach seien im Juni und November Hunderttausende auf die Straße gegangen. Dazu kamen die Besetzungen von über 50 Hörsälen in deutschen Hochschulen. Diese öffentliche Präsenz habe bewirkt, dass „niemand mehr die Bachelor-und Masterstudiengänge verteidigt“, so der Verband. Die Politik habe die Kritik nicht mehr ignorieren können. Endlich sei es zu Gesprächsangeboten seitens lokaler Politiker gekommen, nachdem jahrelang Bildungspolitik ohne Mitbestimmung der Studierenden gemacht wurde.

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Für Peter Grottian sind die Gespräche allerdings zu einseitig verlaufen. Der emeritierte Professor für Politikwissenschaften und Teilnehmer an dem Bundeskongress bemängelte in einem internen Schreiben, dass die Kritik der Studierenden in erster Linie auf subjektive Probleme wie Studiengebühren, Zeitdruck und Anwesenheitspflicht gerichtet war. Die „weltweite Ökonomisierung der Bildung“ wurde nicht diskutiert, so der Wissenschaftler. Hinterfragt werden müsse „die zunehmende wirtschaftliche Verwertbarkeit der Bildung“. Zudem habe die Hauptlast der Streiks auf den Schultern der Studenten gelegen. Bildung beginnt jedoch im Kindergarten. Eine bessere Vernetzung außeruniversitärer Kreise sei daher dringend erforderlich. Dies habe sich besonders bei der internationalen Verbreitung der Proteste gezeigt. Der Bildungsstreik blieb letztlich ein deutsches Phänomen. In Italien, Frankreich, Griechenland und Spanien zeigten sich kaum Reaktionen.

Zeichen stehen günstig

Auf dem Bochumer Kongress wollen die Studenten daher über neue Wege für die kommenden Jahre diskutieren. Die Zeichen dafür stehen günstig. Durch die Verkürzung der gymnasialen Schullaufbahn von neun auf acht Jahre in den Jahren 2011 bis 2013 werden doppelte Abiturjahrgänge an die Hochschulen geschickt. Mit hunderttausenden neuen Studenten wird sich der Konflikt weiter zuspitzen.

Bis dahin muss eine „stärkere Vernetzung“ erreicht werden, so der Verband. Nicht nur unter Studierenden, sondern besonders in Verbindung mit Dozenten und Professoren. Statt „bloßer Solidarisierung“ müssten die Lehrbeauftragten gemeinsam mit den Studenten protestieren. Auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften müsse ausgebaut werden. Als Beispiel sei hier der von Verdi organisierte erste Warnstreik des Berliner Studentenwerks im November 2009 zu nennen. Letztlich müssten sich aber alle Kräfte auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 8. Mai konzentrieren. Mit „unübersehbaren Großdemonstrationen“ müsse im Vorfeld Stimmung gemacht werden, um endlich die Studiengebühren im bevölkerungsreichsten Bundesland zu kippen. Gelänge hier eine Wende, könnte ein Dominoeffekt entstehen und die anderen Bundesländer mit Studiengebühren würden unter Druck geraten.

Noch weht das Banner an der Humboldt-Universität allein im Schneegestöber. Erst der Frühling wird zeigen, ob die Streikenden in Berlin, NRW und anderswo dann wieder aus der Winterstarre erwachen. Bis dahin werden die Studenten und ihr Verband noch viele Prüfungen bewältigen müssen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
klonkifanko schrieb am 10.01.2010 um 16:50
Ich denke, dass insbesondere in NRW angesichts der anstehenden Landtagswahlen, die über Studiengebühren entscheiden könnten, einiges an Mobilisierung geschehen wird. Hoffen kann man nur, dass es Erfolg bringt.

Gerade im Jahr 2010 der Kulturhauptstadt Ruhr - man ist ja damit bombardiert worden in den letzten Tagen - wäre es schön zu sehen, dass die Region diesem Titel Ehre macht.

In Essen konnte ich im Spätherbst persönlich erleben, wie gespalten die Studentenschaft auf Besetzungsaktionen und Demos reagiert hat. Da fanden sich leider einige, die ihre kostbare Seminarzeit nicht für die Interessen künftiger Kommilitonen investieren wollten.
sputnik-suedstern schrieb am 10.01.2010 um 23:25
Das Los der Studierenden, die aufgestanden sind und immer noch versuchen weiter zu stehen, besteht im Standhalten an sich gegenüber einer Fülle von Entscheidungen, die von Schreibtischen und Gremiensäälen aus getroffen wurden. Die Hauptaufgabe eines Studierenden, wenn man so will, besteht in der kritischen Auseinandersetzung mit den Sachverhalten, die innerhalb seines Studiums fachgebunden auf ihn/sie zu kommen. Die Hauptaufgabe derer, die in Verwaltung, Forschung und Lehre ihren DIENST tun scheint im Rückblick darin bestanden zu haben, sich wenige Gedanken darüber zu machen, was ihre Entscheidungen für Folgen verursacht haben. Ein Studierender/eine Studierende (muss) nebenbei noch sein/ihr Studium bewältigen. Und muss (!) sich hauptsächlich mit spürbaren Reglementierungen auseinandersetzen, die die Einrichtung Hochschule für sie ZU VERANTWORTEN HÄTTE...
An diesem Punkt hört letztlich die hochschul-interne Kollegialität (man spricht sonst vielleicht von Solidarität) unter den Hochschulangehörigen auf. Das System besteht nun mehr in der Versteifung vorhandener Hierarchien und dem unerträglichen Lüften der Talare.
Ein Anarcho-Spruch wies einst von Wänden aus auf den Kern der Angelegenheit hin: Bekämpft die Ursachen und nicht die Symptome. - Demnach kann und möchte ich die Aussage des Artikels nicht verstehen. Die Symptome werden erfolgreich benannt und zur Sprache gebracht. Die Ursachen letztlich, und da fehlt es eben an gesellschaftlichem Verständnis von Schlagworten wie "Hochschule" und "Bildung", liegen im Agieren vor allem der Professoren und Präsidien, die die Verantwortung im Neuformulieren von Studienordnungen und Akkreditieren-Lassen nach BA/MA an sich gerissen haben und nun von keiner Verantwortung mehr reden wollen. (hierzu Frieder Otto Wolf "Bildung für alle" vom 18.11.2009 auf diesen Seiten)
Eine Debatte hat im Zuge der "Eliten-Förderungsträume" der politischen Mächtigen nicht und auch nicht qualifiziert stattgefunden. Die Aktion lief eher unter "Schalten und Walten". Was die Studierenden erledigen ist notwendige Hinweis-Politik. Denn selbst in den Feullitons finden sich zum Thema Bildung (und damit auch zu einer eigenen Selbstkritik einer gut gepolsterten Generation von Geistreichen und Intellektuellen) keine nennenswerten Beiträge.
Erfreulich, wenn auch aus diesem Bereich die einstigen Querdenker wieder den Weg auf die Straße finden würden, von der sie sich im Laufe der Jahrzehnte weit entfernt haben und dennoch gerne darüber schwadronieren. Am 30. Januar wäre in Frankfurt am Main dazu eine weitere Gelegenheit. Die Unis gehören allen!
sputnik-suedstern schrieb am 10.01.2010 um 23:26
Das Los der Studierenden, die aufgestanden sind und immer noch versuchen weiter zu stehen, besteht im Standhalten an sich gegenüber einer Fülle von Entscheidungen, die von Schreibtischen und Gremiensäälen aus getroffen wurden. Die Hauptaufgabe eines Studierenden, wenn man so will, besteht in der kritischen Auseinandersetzung mit den Sachverhalten, die innerhalb seines Studiums fachgebunden auf ihn/sie zu kommen. Die Hauptaufgabe derer, die in Verwaltung, Forschung und Lehre ihren DIENST tun scheint im Rückblick darin bestanden zu haben, sich wenige Gedanken darüber zu machen, was ihre Entscheidungen für Folgen verursacht haben. Ein Studierender/eine Studierende (muss) nebenbei noch sein/ihr Studium bewältigen. Und muss (!) sich hauptsächlich mit spürbaren Reglementierungen auseinandersetzen, die die Einrichtung Hochschule für sie ZU VERANTWORTEN HÄTTE...
An diesem Punkt hört letztlich die hochschul-interne Kollegialität (man spricht sonst vielleicht von Solidarität) unter den Hochschulangehörigen auf. Das System besteht nun mehr in der Versteifung vorhandener Hierarchien und dem unerträglichen Lüften der Talare.
Ein Anarcho-Spruch wies einst von Wänden aus auf den Kern der Angelegenheit hin: Bekämpft die Ursachen und nicht die Symptome. - Demnach kann und möchte ich die Aussage des Artikels nicht verstehen. Die Symptome werden erfolgreich benannt und zur Sprache gebracht. Die Ursachen letztlich, und da fehlt es eben an gesellschaftlichem Verständnis von Schlagworten wie "Hochschule" und "Bildung", liegen im Agieren vor allem der Professoren und Präsidien, die die Verantwortung im Neuformulieren von Studienordnungen und Akkreditieren-Lassen nach BA/MA an sich gerissen haben und nun von keiner Verantwortung mehr reden wollen. (hierzu Frieder Otto Wolf "Bildung für alle" vom 18.11.2009 auf diesen Seiten)
Eine Debatte hat im Zuge der "Eliten-Förderungsträume" der politischen Mächtigen nicht und auch nicht qualifiziert stattgefunden. Die Aktion lief eher unter "Schalten und Walten". Was die Studierenden erledigen ist notwendige Hinweis-Politik. Denn selbst in den Feuilletons finden sich zum Thema Bildung (und damit auch zu einer eigenen Selbstkritik einer gut gepolsterten Generation von Geistreichen und Intellektuellen) keine nennenswerten Beiträge.
Erfreulich, wenn auch aus diesem Bereich die einstigen Querdenker wieder den Weg auf die Straße finden würden, von der sie sich im Laufe der Jahrzehnte weit entfernt haben und dennoch gerne darüber schwadronieren. Am 30. Januar wäre in Frankfurt am Main dazu eine weitere Gelegenheit. Die Unis gehören allen!


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