Politik

Bildungsstreik | 25.01.2010 14:00 | Sebastian Thalheim

"Es wird eine neue Protestwelle geben"

Jenny Morín Nenoff vom Bündnis Bildungsstreik will künftig vor allem gegen Studiengebühren mobil machen. Auch einen Besetzungsstreik schließt sie nicht aus.

Der Freitag: In Frankfurt am Main startet am Freitag mit einer Demonstration der Bildungsstreik 2010. Was haben die Studierenden im vergangenen Jahr erreicht?

Jenny Morín Nenoff: Unsere bisher größten Erfolge schlagen sich in den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz vom Dezember nieder: Demnach soll die Regelstudienzeit für den Bachelor von sechs auf acht Semester erhöht werden. Wobei die Gesamtregelstudienzeit bei fünf Jahren bleiben soll. Auch der Leistungsdruck soll auf eine Prüfung pro Modul gesenkt werden. Das geht in die richtige Richtung, ist jedoch noch unzureichend.

Warum?

Viele wichtige Forderungen wurden bisher nicht aufgegriffen. So muss jedem Bachelorabsolventen in jedem Studiengang automatisch ermöglicht werden, einen Master zu machen. Das Thema Studiengebühren ist nicht angesprochen worden. Und bisher wurden die Forderungen der Schüler nach mehr Lehrern und kleineren Klassen völlig ignoriert.

Bis auf die Ankündigung, das BAföG zu erhöhen, kam es seitens der Politik nur zu Gesprächsangeboten. Haben die Studierenden zu wenig Druck gemacht?

Ich glaube, die Energie und die Kraft, die wir da hinein investiert haben, war sehr groß. Im Sommer haben wir bis zu 250.000 Menschen auf die Straße gebracht. Es war ein wichtiges Zeichen, dass man so viele Leute mobilisieren kann, wenn es um die Krise in der Bildung geht. Im Herbst waren die Zahlen zwar etwas niedriger, aber trotzdem hat es noch eine neue Qualität gegeben, da vor allem Druck auf die Unileitungen ausgeübt werden konnte. In Berlin sind bereits die Anwesenheitslisten abgeschafft worden. Wir haben alternative Bildungsgipfel ausgerichtet, bei denen es nicht nur darum ging, was wir kritisieren, sondern wie wir uns Alternativen vorstellen. Und jetzt steht im Raum, dass es von der Politik einen Bildungsgipfel geben soll, den die Studierende mitgestalten dürfen. Das sind zwar kleinere Erfolge, aber auch die darf man feiern.

Wie geht 2010 weiter?

Die bundesweite Demonstration am 30. Januar in Frankfurt am Main wird der Auftakt einer neuen Protestwelle sein. Wir wollen die Diskussion hin zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nochmal zuspitzen. Wenn in dem bevölkerungsreichsten Bundesland, das noch Studiengebühren hat, diese gekippt werden, könnte es einen Dominoeffekt geben. Direkt vor den Wahlen werden wir in vielen Städten zu Demonstrationen aufrufen. Darüber hinaus wollen wir nicht nur Hörsaalbesetzungen durchführen, sondern vielleicht sogar einen Schritt weitergehen und einen Besetzungsstreik ausrufen. Dies wird auf dem nächsten bundesweiten Vernetzungstreffen Anfang Februar entschieden.

Aber Besetzungen haben doch auch 2009 schon stattgefunden?

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Ja, aber wir wollen, dass jetzt die ganze Universität und der gesamte Lehrbetrieb befristet lahmgelegt werden, damit sich mehr Studierende beteiligen können.

Machen denn dieses Mal die Professoren mit?

Sicherlich müssen wir versuchen, das Lehrpersonal stärker zu involvieren. Allerdings wird von vielen Professoren und Dozenten darauf hingewiesen, dass sie eine Verpflichtung haben, den Lehrbetrieb zu erhalten. Wir müssen also die Umstände schaffen, die es ihnen ermöglichen, sich zu beteiligen, ohne dass der Streik von ihnen ausgeht.

Den Studierenden wird vorgeworfen, dass sich ihre Kritik nur auf universitäre und nicht auf gesellschaftliche Verhältnisse richtet. Zu Recht?

Im Nachhinein erscheint es so, dass es uns nur darum ging, den armen Studierenden den Studienalltag zu erleichtern. Aber das ist natürlich eine vollkommene Verkürzung. Uns geht es um mehr: Wir lehnen das mehrgliedrige Schulsystem in der Form, in der wir es jetzt haben, ab. Wir sind auch gegen das Zweisäulenmodell, bei dem das Gymnasium erhalten wird und alle anderen Schulen zusammengeschmissen werden. Wir wollen, dass alle gemeinsam lernen, egal was für einen sozialen Hintergrund die Schüler haben. Und wir wollen die Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Uni.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beziffert den dringendsten Bedarf zur Reform des Bildungssystems auf 40 Milliarden Euro. Wo soll das Geld herkommen?

Wenn die Politik Konjunkturpakete für Banken so schnell schnüren kann und Steuern senken kann, dann glauben wir, dass sie das auch für die Rettung des öffentlichen Bildungssystems tun kann. Es ist eine Frage der Prioritätensetzung.

Das Interview führte Sebastian Thalheim
 
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Kommentare
Ben Titze schrieb am 26.01.2010 um 04:06
Die Frage nach der Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen wurde von Nenoff entweder gründlich falsch verstanden oder unehrlich beantwortet. "Sozialdemokratischer Reformismus!" wie in Nenoffs Antwort sollte da jedenfalls nicht die Antwort sein. Mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu fordern und umsetzen zu wollen, kratzt zunächst mal nicht im Ansatz an den gesellschaftsstrukturellen Ursachen und blinzelt auch nicht über den eigenen bildungspolitischen Tellerrand hinaus. Niemand im Bildungsstreik beschäftigt sich dagegen derzeit mit offentlichkeitswirksamen Erfolg mit notwendigen Fragen wie:
1. Soll Wissenschaft und Philosophie Wissen wohlsortiert aufzustapeln und für Marktbedarfe zur Verfügung zu stellen haben oder sich der Aufgabe hingeben, über die bestehende Gesellschaftsordnung auch hinauszuweisen?
2. Sind mächtige Wissenschaftsnetzwerke um das Centrum für Hochschulentwicklung bzw. die Bertelsmannstiftung und die wichtigen Akteure HRK und KMK, sowie das derzeit hegemoniale Entwicklungsmodell der autoritären dienstleistungsorientierten Präsidialuni nicht bloß eine weitere Entwicklungsstation des kapitalistischen Wissenschaftsbetriebes im historischen Fortgang?
3. Ist mit der irgendwann vollzogenen Einebnung der 16 verschiedenen zwei- bis dreigliedrigen Schulsysteme der Hase gegessen und wir können uns zufrieden zurücklehnen?
4. Was haben eigentlich prekär Beschäftigte Gebäudereiniger_innen mit den Bildungsstreikaktiven zu tun? Wenn nachts um 4Uhr (Übliche Arbeitszeit für Gebäudereiniger_innen an Unis) die ersten Besen und Wischmopps vor den besetzten bundesdeutschen Audimaxe rumstreichelten und verpennte Besetzer_innen kurz austreten wollten, soll es ja teilweise zu ganz ungewohnten, aber doch auch verbrüdernden/verschwesternden Situationen gekommen sein.
5. Kämpft der Bildungsstreik also dafür, sich zur bitteschön mal besser ausgebildeten gesellschaftlichen Elite ausbilden lassen zu wollen? Was interessieren Menschen außerhalb der akademischen Lebenswelt, das man einen freien Master-Zugang haben sollte, wenn die eigene Lebenswirklichkeit so aussieht, dass man in vier Nachtschichtstunden alleine komplett ein vierstöckiges Uni-Verwaltungsgebäude reinigen darf? Die Stundenlohndebatte mach ich mal gar nicht erst auf.

6. Wo verdammt bleibt der tiefere gesellschaftskritische Gesamtkontext der Bildungsstreikforderungen? Der fehlt komplett und wird gar nicht mitgedacht. Ist man sich dafür zu fein? Hat man Angst,potenzielle Sympathisierende zu verprellen, wenn man ihn doch thematisiert? Wann sollen Kommiliton_innen, die in uns Aktivist_innen (nur) tofufutternde und grasrauchende Hippies betrachten und darum bitten, dass man sie "endlich in Ruhe studieren lassen" möge, endlich mit Kritik am am großen Ganzen in Kontakt kommen?

Mir erscheint die starke Eingebundenheit von Linksparteifunktionär_innen oder LINKE.SDS-Aktiven, die den Mut nicht aufbringen können oder wollen, sich von zentralisierten oder hierarchischen Parteistrukturen zu verabschieden - weil sie törichterweise auch noch Landtagskandidatinnen sind, für die inhaltliche Vertiefung der Campusproteste ein enormer Hemmschuh zu sein.

Dass er sich Fragen dieses Kalibers nicht stellt oder es ihm nicht gelingt, darum eine öffentliche Diskussion zu entfachen, das ist die erwähnenswerte Nebentatsache, warum der Studierendenverband Die Linke.SDS als solcher unter seinem Namen - im Vergleich zu seinem historischen Vorbild, das er sich aufetikettiert hat - im Bildungsstreik bisher noch nicht die geringste Rolle gespielt hat. Der Empörungsschrei einer Generation über die "gesellschaftlichen Verhältnisse", so er denn einer sein will, muss aus der politisch-sozialen Situation heraus eigene Formzusammenhänge, Bezeichnungen, Ideen und Musikalitäten entwickeln oder er ist es schlicht nicht wert.
Onkel Wanja schrieb am 26.01.2010 um 13:04
Danke für diesen Beitrag, sie sprechen mir aus der Seele!

Gruß Onkel Wanja
Panther013 schrieb am 26.01.2010 um 10:08
Frau Nenoff kennt offensichtlich die Beschlüsse der KMK nur unzureichend. Wichtig ist doch zu verstehen, wie die Beschlusslage der KMK vor dem 12. Dezember war und zwar ziemlich genau dieselbe. Der Bachelor in 8 Semestern war bisher genauso möglich (nur welcher Prof. wollte sie?), wie die Senkung der Prüfungslast, an welcher ohnehin in der Formulierung sehr unzureichend gerüttelt wurde. Die "Beschlüsse" waren eine reine Show und fallen noch hinter das Bundesverfassungsgericht zurück, wenn es um den Zugang zum Master geht: "Der Master darf auch aus Qualitätsgründen zulassungsbeschränkt sein."

Angesichts soviel politischer Naivität - sich dem Medienhype um die KMK anzuschließen - darf zumindest bezweifelt werden, ob die strategische Ausrichtung wirklich schon richtig gesetzt ist.
Onkel Wanja schrieb am 26.01.2010 um 12:58
>>Uns geht es um mehr(...)<<

Ja, Genossin Nenoff, uns geht es um mehr? Aber allgemein den Studenten? Ich habe doch den Eindruck, der Mehrheit der protestierenden Studentenschaft, geht es um die Durchsetzung ihrer Partikular-Interessen. Gar nicht zu reden, von den vielen Studenten, die sich nur um sich selber kümmern. Ich habe dafür auch durchaus Verständnis, so ist das in der neoliberal transformierten Gesellschaft, jede gesellschaftliche Gruppe denkt nur nach an die eigenen Interessen.
 
Nicht das Wir uns falsch verstehen, ich bewundere universitäre Bildung, ich glaube, dass wir ohne die Intellektuellen nicht zu einer Veränderung untragbarer gesellschaftlicher Verhältnisse kommen werden.
 
Deshalb sollten sich die Studenten klarmachen: Klassendenken und Standesdünkel waren noch nie zeitgemäß. Orientiert Euch nicht an der Mehrheit der heutigen geistigen Elite, die ist gekauft und hat sich für den Erhalt des Systems prostituiert.
 
Schaut nicht auf die „Prolos“, die Armen und Beladenen herab, denn morgen könntet ihr schon zu diesen Ausgesonderten gehören, denn die Heilsversprechen unseres Systems sind wie unsere Währungen, nichts als ein Versprechen, ein leeres!
 
Gedenkt Rudi Dutschke, lest und hört Euch seine alten Reden an. Lernt aus den alten Protesten, denn dort, wo die Studenten 1968 scheiterten, könnt ihr über sie hinwegschreiten. Heute können euch die Springerhetzer nicht mehr so einfach als Terroristen und „langhaarige Affen“ verunglimpfen, sie versuchen es, aber euch gesellschaftlich zu isolieren wird nicht mehr so einfach sein!
 
Erinnert Euch daran, dass auch damals die Studentenproteste eine Revolte auch unter Lehrlingen und Arbeiterjugendlichten ausgelöst hat, dass will man heute vergessen machen.
 
>> Stürmt das Schloss<< singt Tocotronic! Ich füge hinzu: Nicht die Uni!
  
 
 
 


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