Heute hat die weltgrößte Messe für bewusste, gesunde und politisch korrekte Ernährung wieder ihre Tore geöffnet, die Biofach in Nürnberg. Rund 2.500 internationale Aussteller zeigen hier und auf der gleichzeitig stattfindenden Vivaness, der Messe für Naturkosmetik, ihre neuesten Produkte. Damit hat die Nürnberger Messe der Größe des Angebots nach der Grünen Woche, die stolz den Titel "Weltgrößte Agrarschau" trägt, längst den Rang abgelaufen. Zwar erreichte die Berliner Messe in diesem Jahr 400.000 Besucher, sie ist im Unterschied zur Biofach auch eine Publikumsmesse, aber die Zahl der Aussteller war im Vergleich klein: "nur" 1.600. Wenn man einmal den Andrang in der schmalen Abteilung für Bio-Produkte auf der Grünen Woche erlebt hat, kommt man leicht auf die Idee: Würde die Biofach ihre Tore für Otto Normalverbraucher öffnen, sie könnte in Sachen Publikumsgunst der Berliner Schau leicht den Rang ablaufen. Bio ist nicht nur in, Bio ist Mainstream.
Die Branche macht sich aber trotzdem Sorgen. Nach glänzenden Wachstumszahlen in den Vorjahren stagniert der Markt. Obwohl der Absatz stieg, gingen die Umsätze insgesamt 2009 um ein Prozent zurück. Übersetzen lässt sich das nur so: Der erbitterte Preiskrieg der gesamten Lebensmittelbranche hat den Bio-Markt endgültig erfasst. Es ist ja auch beim täglichen Einkauf kaum noch zu übersehen: Bio ist flächendeckend in die Supermärkte eingezogen, der Preisabstand zu konventionellen Lebensmitteln nicht für alle, aber für viele Geldbeutel zu vernachlässigen. Bio ist allerorten, und genau darin steckt die Gefahr: die Selbstentwertung der eigenen Marke.
Das Etikett Bio stand einst nicht nur für Lebensmittel, die ohne Pestizide und frei von Chemie erzeugt wurden. Es stand auch für Nachhaltigkeit, artgerechte Zucht in einer natürlichen Umgebung, es verstand sich als Alternative zur Lebensmittelindustrie oder wurde wenigstens von vielen Verbrauchern so verstanden. Hinter Begriffe wie Nachhaltigkeit, Naturnähe, Industrieferne muss man inzwischen große Fragezeichen setzen - nicht nur, wenn in Obstauslagen Ende Januar Bio-Erdbeeren aus Spanien oder Übersee angeboten werden. Die Großen auf dem Markt sind längst dabei das Label abzunehmen. Das Schlimmste: Der Geschmack bleibt dabei auf der Strecke.
Die Frage drängt sich auf: Wozu noch Bio?
Nach dem Verfassungsgerichts-Urteil: Hartz IV oder das Grundrecht auf kulturelle Teilhabe >> mehr
Der Bischof von Augsburg hat eine Stärke: Er weiß immer, die Schuldigen woanders auszumachen. Auch in der Debatte über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche >> mehr
Mit seinen Äußerungen zu Hartz IV hat FDP-Chef Westerwelle kräftig an der Aggressionsschraube gedreht und versucht, die FDP-Günstlingspolitik zu rechtfertigen >> mehr
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Lieber Jörn Kabisch,
ich habe da einen Widerspruch anzumelden. Der ist für diese Stelle aber zu lang geraten. Deshalb habe ich dazu einen blog formuliert: www.freitag.de/community/blogs/andreaarcais/bio-ist-zu-wichtig-um-elitaer-zu-sein |
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Lieber andreaarcais,
einen eigenen zusätzlichen blog finde ich überflüssig. Er lenkt ab, der Hinweis auf Ihren Widerspruch führt zu nerviger Hin- und Herspringerei zwischen Jörn Kabischs und Ihrem blog. Ich empfehle, Ihren blog hier als Kommentar einzufügen. @Jörn Kabisch, ich sehe das ähnlich wie Sie. Im Januar Bio-Spargel aus Peru oder eben solche Erdbeeren aus Mexiko pervertieren Gedanken an Naturnähe oder Nachhaltigkeit. Kleine Bio-Märkte sterben weg, vorerst werden Bio-Supermarktketten überleben. Die Bio-Zukunft dürfte bei Aldi, Lidl & Co liegen. Was Discounter in ihren Bio-Nischen anbieten, wird in Kürze die Umsätze von Bio-Supermarktketten locker toppen. Den großen Discountern fällt es nicht schwer, Agrargenossenschaften in ärmeren Ländern für eine Umstellung auf Naturnähe und Nachhaltigkeit zu gewinnen. Am Ende werden sie die Preise diktieren, wie es im Nichtbio-Bereich seit ewigen Zeiten geschieht. Deutsche werden immer mehr bio essen, naturnah produziert, teuer eingeflogen von hier und dort. Transport-Emissionen heben Naturnähe und Nachhaltigkeit auf, am Ende sicherlich auch neue Definitionen, was als bio zu gelten hat. Andrea Arcais weist völlig zu Recht darauf hin, dass Bio-Produkte nicht per se besser schmecken und dass viele andere Faktoren mit entscheiden über den Geschmack von Lebensmitteln. Das schmecke ich in der Türkei, in Italien, in Frankreich. Klima, Böden, Dünger, Sortenpflege bestimmen vor allem den Geschmack, bio eher weniger. Flächendeckend versprühte Schadstoffe sind da kaum rauszuschmecken. Das ist fatal und ungesund. Beim Fleisch verhält es sich übrigens anders (Bio-Huhn / Fabrikhähnchen, Massenschwein / schwäbisch-hällisches Bio-Schwein). Es helfen wohl nur Gesetze, um künftig zu verhindern, dass der Mehrheit der Menschen vor allem Dreck serviert wird. Aber da sind dann noch die Bauernverbände in CDU/CSU-Händen und andere Lobbyisten. Ernährungsfragen sind ein linkes Thema. Da sind wir ganz einer Meinung, Andrea Arcais, Jörn Kabisch. Herzliche Grüße Henner Michels |
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@weinzstein: einverstanden:
Richtig ist: Die Preise für Bio-Lebensmittel geraten in den allgemeinen Trend fallender Preise. Ebenso richtig ist: Bio-Lebensmittel sind nicht Bio-Lebensmittel. Die Branche hat sich ausdifferenziert. Es wächst der Massenmarkt. Die Belieferung der großen Lebensmittelhändler und der Discounter mit Bio-Produkten, vor allem für Eigenmarken der Handelshäuser, verlangt nach großen Produktionen. Ermöglicht werden dadurch Preise, die sich kaum noch über denen befinden, die für konventionelle Produkte verlangt werden. Allen Bio-Lebensmitteln gemeinsam sind Mindeststandarts, die gesetzlich einzuhalten sind. Diese sind in der Regel niedriger, als die Meßlatten, die sich Anbauverbände wie Demeter oder Bioland u.a. selbst setzen. Dadurch werden auch unterschiedliche Qualitäten innerhalb des Angebotes von Bio-Lebensmitteln sichtbar. Ob sie jeweils auch schmeckbar sind, das sei an dieser Stelle zunächst einmal hintangestellt. Tatsache ist aber auch, dass die Entlastung von Boden, Wasser, Luft, Tier und Mensch allein durch die Ausweitung einer zumindest nach Mindeststandards arbeitenden und wirtschaftenden Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittelindustrie, ein großer, sich ausbreitender Fortschritt ist. Die Auffassung, dass Bio-Lebensmittel darüber hinaus immer und die schmackhafteren Produkte seien, war schon immer eine eher ideologisch begründete als durch Erfahrung nachzuweisende Behauptung: Ein Ammenmärchen. Biologischer Landbau und Bio-Produktion sind ein Plus für alle Produkte. Für besonders schmackhafte Produkte ist Bio zunächst einmal eine wichtige, längst aber keine ausreichende Bedingung. Ebenso wichtige Bedingungen, damit beispielsweise aus einem banalen Wein, ein wirklich guter, nicht nur irgendwie schmackhafter, sondern charaktervoller, individueller Wein wird sind Faktoren wie: Weinbergslage mit ihren Bedingungen wie Gesteinsformation, Ausrichtung, Neigungsgrad, Alter der Rebstöcke und Dichte der Bepflanzung, Mengenbegrenzung und Art des Schnittes der Rebanlagen, Erfahrung und tradiertes Wissen des Winzers für die Arbeit in Weinberg und Keller, Offenheit für Neues und sinnvolles Beharren auf Bewährtes. Für die Produktion von Bei-Speiseeis reicht es nicht aus, dass die Urprodukte, dass Milch und Frucht, Süße und Gewürz aus Bio-Produktion nach höchstem Standard kommen. Die handwerkliche Kunst, die Überführung dieses Wissens in eine industrielle Produktion und das Beharren auf „ungesunde“ Aspekte wie Süße beispielsweise, machen ebensoviel aus, damit aus einem Bio-Eis auch eine wirklich großartige Eiscreme aus Bioproduktion wird. Diese Beispiele sollen nur eines verdeutlichen: Auch in der Bio-Branche wird und muss sich die Massenproduktion von einer Produktion auf hohem Qualitätsniveau trennen. Beides ist wichtig. Niemals wird es so sein, dass sich eine Mehrheit der Menschen sich vor allem von den Produkten ernähren will und kann, die auf dem höchsten Qualitätsniveau produziert werden. Dies hat viel mit den zwangsweise vorhandenen Preisunterschieden zu tun. Es beschränkt sich aber nicht darauf. So wie der „Sonntagsbraten“ dadurch zu etwas Besonderem wurde, weil er tatsächlich nur einmal die Woche auf den Tisch kam, so entsteht Wertschätzung generell nicht durch inflationäre Aufblähung, sondern durch bewusste Reduktion. Dies gilt im besonderen Sinn für Geschmackseindrücke. Der Anspruch einer Pseudo-Demokratisierung, eines Rechts für alle Menschen auf eigentlich seltene Produkte, führt nicht dazu, dass alle Menschen sich bald, nur um prägnante Beispiele zu nennen, ihre Flasche Chateau d´Yquem, ihren wöchentlichen weißen Alba-Trüffel, werden leisten können. Dieser Anspruch führt aber dazu, dass billige süße Weine aus der Gegend um Bordeaux, aus der Appellation Sautern den Markt überschwemmen und vorgaukeln, ein d´Yquem ließe sich in Serie produzieren. Bio ist aber zu wichtig, um elitär zu sein. Darum sollten wir uns über die Schritt für Schritt stattfindende Verdrängung der konventionellen Landwirtschaft durch eine auf große Produktion angelegte Biolandwirtschaft freuen. Sie schadet nicht, sondern ist gut für Umwelt, Tier und Mensch. Wichtig ist, dass sich innerhalb der Bioproduktion diejenigen Produzenten herausbilden, organisieren und sichtbar machen, die auf eine andere, auf eine hohe, auch schmeckbar hohe Qualität setzen. Und die wird nicht zu niedrigen Preisen zu bekommen sein. Dass die Preise für Lebensmittel in Deutschland im Übrigen und im europäischen Vergleich viel zu niedrig sind ist wahr. Aber die Lösung dieses generellen Problems wird weder durch die Ausweitung, noch durch eine Verknappung der Bio-Produktion zu lösen sein. |
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Bio vom Discounter ist moderner Ablasshandel. Da zahlt der vermeintlich verantwortungsbewusste Konsument gerne ein paar Cent mehr an der Aldi-Kasse und kann dann stolz behaupten, dass er ja nur Bio kauft, weil das besser für die Umwelt und natürlich für die Gesundheit sei. Ändern tut es nichts! Tatsächlich nachhaltig wäre eine regionale und saisonale Küche, die anstatt "Flug"-Erdbeeren aus dem weit entfernten "Wer-Weiss-Woher" dem Apfel aus dem Umland den Vorzug gibt, zu Porree statt zu Spargel greifen lässt. Und auch mal banalen Deutschen Möhren anstatt den Bio-Karotten aus Spanien den Vorzug gibt... Klar, eine Abkehr vom exzessiven Fleischkonsum würde auch einiges zum Besseren verändern. Vor allem aber sollte sich der Verbraucher von seiner "Will ich gleich kriege ich"-Haltung verabschieden.
Meines Erachtens kommt der Discounter-Bio-Boom deshalb nicht unbedingt die "Selbstentwertung der eigenen Marke" gleich, sondern ist vielmehr die Nivellierung einer einst bewussten Lebenseinstellung zum Take-away-Lifestyle-Mainstream. |
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schrieb am
19.02.2010 um 12:31
Wunderbar gesagt Keiko! Genauso denke ich auch. Regionaler Markt muss gestärkt werden und die Leute müssen auch regional kaufen, dann ist "Bio" nicht mehr nötig, denn alles wird Bio sein. das gilt für so vieles. Regionalität, und das klingt fast absurd, muss wieder Einzug halten, in allen Feldern. Die heimischen Stadtwerke kaufen, wenn die großen Monopolisten es zulassen, ihre Kraft-, Wasserwerke wieder zurück. Dann ist man wieder unabhängig von der Geldgeilheit der Großkonzerne. Ich bin froh, dass sich dieses Denken ausbreitet. Der globale Planet muss wieder regionalisiert werden. das Ein-Planet-Denken ist in den Bereichen Nahrung, Energie, Bildung usw. ein Riesen Fehler! Diese Biodiskussion ist nur ein ganz kleines Teilchen im Gesamt-Problem-Puzzle. Und die Lösung ist immer die Gleiche: Regionalität auf Teufel komm raus.
Bei Lidl, Metro, McDonalds, Wall-Mart ist niemand dieser Meinung. Wir wissen warum, oder? |
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schrieb am
19.02.2010 um 15:33
Danke! Ich bin da ganz deiner Meinung - und gehe noch ein bisschen weiter und sage, dass es mal eine positive Version von Gentrifizierung wäre, wenn mal ein Pflug durch die monotonen Grünflächen vor öden Plattenbauten oder Mietskasernen pflügen würde und man den Bewohnern die Gelegenheit gäbe, selber Gemüse zu ziehen! Aber in D-Land muss immer alles langwierig geregelt und genehmigt und in den Sand gesetzt werden...
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Ist es eigentlich nicht positiv, dass wie z. B. in der Elektronikbranche, durch den Preisverfall des im »Mainstream« etablierten Produkts, dieses für eine breitere Masse erschwinglich wird?
Wozu noch Journalismus. Wozu noch Bio? Nächste Woche wird dann aber die Wohin-Woche, ja? Ich brauch' Richtung! Ihr lieber Pfannkuchen mit Hut. |
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Lieber Ich, diese blöde Doppelung der beiden Titel ist mir auch schon aufgefallen. Hat wahrscheinlich was mit Freud zu tun.
Grüße, JK |
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schrieb am
18.02.2010 um 17:52
Ich wollte mich nicht als Ihr Über-Ich gerieren. Aber der Freud war's bestimmt, der hat Schuld. Die Erklärung hätte Helene H. auch 'mal einfallen sollen.
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schrieb am
19.02.2010 um 12:36
Richtig lieber Pfannkuchen,
Aber wir brauchen Mp3-Player, Waschmaschinen und Autos auch nicht zu fressen. Es geht mir um Lebensmittel, hier können wir nicht ausweichen, zudem brauchen wir es jeden Tag. Wenn wir hier abhängig sind von großen geldgeilen Anzügen und Weltkonzernen, haben wir ein Problem. Nahrung, Bildung, Energie muss regionalisiert werden. Den preiswerten MP3-Player kannst Du gerne weiterhin beim Superdiscounter kaufen, denn darauf sind wir nicht existenziell angewiesen. :) Dein Geisterhoernchen |
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Problematisch ist, dass das Siegel Bio an sich nicht hinreichend definiert ist. Infolge verknüpft der Einkaufende selbst die Attribute aus seiner eigenen Vorstellung.
Hier sind wir wieder an einem Grundproblem. Unsere Gesellschaft lässt sich gerne entmündigen oder hat einen anderen Fokus darauf, was wichtig und unwichtig trennt. Doch unser Empfinden ist in der Ausdifferenzierung dieses jungen Marktes extrem wichtig, weil wir durch unser Kaufverhalten den Markt mitbestimmen. Deshalb müssen wir lernen, uns wieder mit den alltäglichen Dingen unseres Lebens zu beschäftigen, damit wir unter anderem die Definition von Bio für uns finden. Ein Beispiel: Ich kenne gerne den Bauernhof, der meine Äpfel produziert. Er liegt auch noch im gleichen Dorf, in dem ich wohne. Daraus folgt, dass ich zum einen die Produktion des Obstes sehen kann, zum anderen lange Transportwege entfallen, die das Siegel Bio für mich sehr stark einschränken. Ob sich die Produktion von Bio-Lebensmitteln in weit entfernten Niedriglohnländern weiterhin so rentiert, wie das jetzt der Fall ist, ist ohnehin fraglich. Der Markt wird sich hier auch neu ordnen und definieren müssen, weil Energiekosten verhältnismäßig stark steigen. Ich will jeden auffordern, sich über die kleinen Dinge Gedanken zu machen. In Deutschland wird gerne das Große betrachtet; es ist so auch einfacher, die Schuld für die eigenen Unüberlegtheit jemandem anderen zu geben. |
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schrieb am
19.02.2010 um 12:38
Wunderbar gesagt!
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Für guten Geschmack ist bio keineswegs eine Vorbedingung. In Frankreich etwa schert man sich weit weniger um Bio-Anbau als in Deutschland und ich behaupte, dass französische Nichtbio-Produkte meist besser schmecken als entsprechende deutsche.
Soweit ich weiß, werden Bresse-Hühner in der Nähe von Lyon nicht unter Bedingungen gezüchtet, die Demeter- oder Bioland-Voraussetzungen entsprechen. Aber sie sind teuer, längst eine Marke und sie schmecken mir – so ich sie mir ausnahmsweise mal leiste – viel besser als ein deutsches Bio-Huhn, das weit günstiger zu haben ist. Aldi (Süd) bietet Bio-Möhren und Möhren aus integriertem Anbau an, der Preis differiert minimal. Ich habe beide probiert, sie schmecken mir gleich gut. Eine Produktanalyse im hiesigen Chemischen Untersuchungsamt brächte wohl keine nennenswerten Unterschiede zutage. Fleisch und Wurst kaufe ich, wenn ich mich in Deutschland aufhalte, am liebsten bei einem Bio-Bauern. Seine Produkte schmecken mir besser als herkömmliche – aber bilde ich mir das evtl. nur ein? Sind seine Bio-Angebote wirklich wertvoller? Ja, aber das hat wohl weniger mit bio zu tun als damit, dass er Schweine einer bestimmten Rasse hält, die draußen frei rumlaufen und so mehr Muskelgewebe aufbauen. Bio oder nicht scheint mir eine Vertrauensangelegenheit zu sein. Gastronomen, mit den ich darüber diskutierte, doch besser Bio-Fleisch in ihren Restaurants anzubieten, sträuben sich. Zum einen müssten sie die Preise erhöhen und andererseits: wer garantiert, dass der Bio-Lieferant ihnen wirklich bio liefert? Und ist wirklich bio, was Aldi oder Lidl so anbieten? Falls ja, nach wessen Kriterien? Ein Experteninterview könnte evtl. weiter helfen, oder ein Rundtischgespräch mit Vertretern von Demeter, Bioland, Öko-Test. Zum Beispiel. |
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schrieb am
19.02.2010 um 12:40
Völlig Deiner Meinung und wenn der "Bio"-Bauer nur für den heimischen Markt produiert, braucht er das Siegel BIO nicht mehr!
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schrieb am
19.02.2010 um 15:30
"Bio" ist schon geschützt und nach gewissen Kriterien produziert, die aber (steht aber auch im Artikel, glaube ich zumindest zu erinnern) der kleinste gemeinsame Nenner sind: z.B. der Einsatz (bzw. Nicht-Einsatz) von Pflanzenschutzmittel und andere Grenzwerte für Rückstände. Mit Nachhaltigkeit im eigentlichen und umfassenden Sinn hat es wenig zu tun.
Klar, Schwarze Schafe gibt es auch bei den Bio-Anbietern. Aber deshalb kein Bio anzubieten, zu kaufen ist doch eher die faule Ausrede. |
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lieber weinsztein, den satz: "Bio oder nicht scheint mir eine Vertrauensangelegenheit zu sein." möchte ich zugleich unterstreichen und in frage stellen.
unterstreichen, weil wir als käufer letztendlich im vertrauen einkaufen, wenn auch nicht ahnungslos und unvorsichtig. das fragezeichen muss hinter fast allem stehen, was in dieser wirtschaft fabriziert wird, denn es fehlen überall die gründlichen kontrollen. die freiheitsfanatiker meinen ihre unkontrollierte willkür. kontrollen stören angeblich das vertrauensverhältnis. sind viel zu bürokratisch etc. aber in einem globalisierten markt öffnet die freiheit allen betrügern tür und tor. dass z.b. lebensmittelchemiker fehlen, die regelmäßig und dicht genug, nicht bloß stichprobenweise prüfen, was im angebot ist, führt in schöner regelmäßigkeit zu skandalen. gammelfleisch, bio drauf, aber nicht drin etc. pfusch am bau in köln ist kein zufall. |
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Hallo?
"Bio" ist in den allermeisten Fällen nur ein Kampfbegriff. Er suggeriert etwas, dass meistens nicht da ist. Es ist doch ganz einfach. In diesem kapitalistischen Markt kann nur der mit den dicksten Eiern überleben. Eine Nische ist BIO, man verkauft sein Zeug als BIO. Denn das kann man teurer verkaufen als "normale" Nahrungsmittel. Bio-Spargel aus Peru ist kein Bio, genauso der Bio-Wirsing aus China oder sonst woher. Der Energieverbrauch des Wirsings auf der Reise von China nach Dt. hält locker mit dem eines wochenlang gefahrenen Autos mit. Außerdem muss da doch die Sirene angehen, wenn das Model des Geierkapitalismus mittlerweile kleinere "Bio"-Läden in die Knie zwingt, denn das kann von vornherein schon kein Bio (mehr) sein, denn wenn eine Industrie dahinter steht, kann es kein Bio mehr sein, denn Industrie will rentabel sein und scheißt rigoros auf tierfreundliche Haltung und darauf, dass jede Henne Platz zum Leben hat. Deswegen fordere ich massiv die Regionalisierung der Lebensmittel, der Energie und noch vieles mehr. Da es hier um "Bio"-Lebensmittel geht nur noch ein paar Sätze. Im Diskounter NUR noch das kaufen, dass der heimische Markt (noch) nicht hergibt. In heimischen Läden kaufen und Weltkonzerne und nationale Konzerne meiden. Geht, wenn es nur irgendwie machbar ist, zu den Bauernhöfen und auf den Markt. Kauft Eure Eier, Milch, Wurst und sonst noch bei regionalen Anbietern! Das hat so viel Vorteile, dass einem Hören und Sehen vergehen kann. 1. Das Geld fließt nicht zu Großunternehmen ab, das seht Ihr nie wieder, wird der Region entzogen. 2. Die heimischen Bauern haben viel davon und etablieren sich wieder. 3. Die Kommunen werden wieder finanziell gesunden, weil das Geld in der "Familie" bleibt. 4. Und Ihr habt Bio, ohne das Bio draufstehen muss. Weil wieder alles Bio ist, weil es vom Bauern nebenan kommt, oder vom Fleischer aus dem Nachbarort. Und vor allem, weg mit der verdammten Globalisierung! Das nützt nur dem Großkapital, Regierungen und Weltunternehmen! |
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liebes geister(!)hörnchen,
mir gefällt dein eintreten für die regionalisierung. sehr unterstützenswert. in vieler hinsicht. mir muss missfallen, dass du im eifer bio und öko durcheinanderwirfst. ich achte im bioladen stets auf die herkunft der produkte. birnen aus argentinien oder sonstwo aus übersee lasse ich liegen. aber bananen gibt es nicht in der region. wichtig scheint mir die absicht und die konsequente gewohnheit, regional zu kaufen, ohne sich gewaltig einzuschränken. |
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lieber jörn kabisch,
für mich ist es keine frage der marktlage, was ich kaufe und bei wem. für mich ist es vielmehr selbstverständlich, dass ich im bioladen meine lebensmittel hole. was die discounter anbieten, interessiert mich weniger. im supermarkt in meiner umgebung ist das bio-angebot unvergleichlich klein. was dort angeboten wird, ist noch eine andere frage. der punkt nachhaltigkeit oder ökologie ist mir ebenso wichtig, wird aber nicht mal im bioladen beachtet. bei den äpfeln aus neuseeland muss ich an die weltreise und die rückstände von den atomtests im pazifik denken. ich weiß nicht, was die anderen konsumenten beim biss in so einen apfel denken. oft wohl bemerken sie nur den geschmack. dazu braucht man nur die angeborenen sinneszellen, nicht die grauen im oberstübchen. und wenn schon von ökologie/nachhaltigkeit die rede ist, dürfte der fleischkonsum kräftig dahinschmelzen. meine these: ökologisierung und regionalisierung als programm mit zukunft. the rest is silence. aber ohne kontrollen ist alles nur stückwerk. |
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war "Bio" schon irgendwann mal etwas anderes als die Erhebung höhere Preise, darin der "Premium"-Qualität vergleichbar, unter Ausnutzung der Träume von der wundervollen, sauberen Welt, die wir vielleicht mal vor 10000 Jahren hatten, zum letzten Mal übrigens?
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Lieber Herr Kabisch,
Worum und warum müssen sich gerade die deutschen Bio-Bauern fürchten und vor allem jene, die noch vor ein paar Jahren noch die Umstellung ihres Betriebes erwogen? Das ist eine andere Frage, als diejenige aus der Verbraucher, Konsumentensicht, nach dem Beschiss und Verriss bei der Bio-Ware, die nun zunehmend marktradikal aber eben konform dazu, weltweit produziert und hier verkauft wird. Beim ökonomisch potenten Verbraucher wird es im Angebot immer besser, denn er kann in Zukunft, aufgrund des Weltmarktes und der Anbaubedingungen, mit einer eher günstigeren Ware rechnen, die einfach über die abnorm niedrige Bezahlung für Arbeit und die nun einsetzende, völlige Industrialisierung der Landwirtschaft, -auch der Bio-Landwirtschaft-, erzielt wird. Bei einigen Grundprodukten liegt der Ertrag aus dem Bio-Anbau nur noch 10-20% unter dem des intergrierten Anbaus. Der weltweit nach "bester fachlicher Praxis" arbeitet und die Masse produziert. Allein die Einsparung bei den Pflanzenschutz-Dünger-Saat Paketen der fünf großen Agro-Saat-und Chemie Anbieter, ist damit schon wett gemacht und nur die Arbeitskosten pro Hektarertrag und der zinsgünstige Zugang zu Krediten für Ausrüstungsinvestitionen zählen wirklich noch und entscheiden über die Macht am Markt. Warum müssen wir uns hier vor Ort, in Berlin z.B., oder in Mainz Gedanken machen? - Weil eben die heimische Produktionsumstellung und das Konzept der Regionalität und Direktvermarktung vor Ort unter Druck steht, bzw. eine Nische bleibt. - Das wird sich rächen. Aber derzeit lockt eben die Versuchung jedes Verbrauchers durch die vermeintlichen "Schnäppchen", und Deutsche geben sowieso weniger Geld für Ernährung aus. Der Hauptgrund liegt übrigens nicht, wie immer kolportiert, in einer grundsätzlich niedrigeren Wertung der Ernährung, sondern in dem Faktum, dass hier das Wohnen und die Wohnkosten, plus Nebenkosten, die durchschnittlichen Haushaltseinkommen am stärksten belasten und dazu "Reisen und Erholung" in Deutschland mehr nachgefragt und bezahlt werden, als z.B. beim Nachbarn in Frankreich. Der erste Faktor, die Überteuerung von Boden und Wohnen, ist entscheidend. Dies ist übrigens auch der Bereich, wo ökonomisch, neben der Spekulation und der IT-Branche, die sagenhaftesten "Traumkarrieren" auf der Anbieterseite möglich sind. Vom quasi Habenichts zum Milliardär in einer Generation oder in wenigen Jahren, und das nur durch Geschäfte, nicht durch Löhne für eine Produktion. Keine Frage natürlich, die globale Bio-Ware wird aus den Drittweltländern exportiert und die satten Gewinne verbleiben beim Handel, nicht in der Produktion, mit Ausnahme einiger sehr großer Agrarindustrieller. Die Art der Marktordnung erlaubt es nun, zusätzliche Hürden für die Vermarktung regionaler Produkte und bewusst weniger ertragreicher Sorten einzuführen. Denken Sie nur an die starke Normierung bei Kartoffeln, Getreiden und Wurzelgemüse, aber auch im Obstanbau. - Selbst auf dem Mainzer Wochenmarkt, einer der schönsten Märkte in ganz Deutschland, macht sich das "Sortensterben" vor den Augen des Kunden und Käufers bemerkbar. Ertragsoptimierung führt grundsätzlich zu einer Verallgemeinerung und Vereinheitlichung des Geschmacks, und gustatorische, wie olfaktorische Empfindungen sind leider extrem adaptiv und gewöhnbar. Dazu kommt der Begriffswirrwarr: Selbst hier im Blog der Kenner und Leser rutscht "intergriert" für "Bio-" durch.- Es wurde ja sofort vermerkt. Aber Draußen in der freien Wildbahn des Verbrauchs, ist das eine Standardfehlenschätzung. Henriette Davidis unsere heimliche und persönlich strenge, kochende "Übermutter" ohne Kinder, baute noch an, war Gebrauchs- und Nutzgärtnerin, nicht Mitglied der "Turmgesellschaft", die sich vor allem um die empfindsame Ästhetik sorgt und anderwo die Dinge prosaisch regelt. Schon Sie kapitulierte am Ende vor der Instant-Tüte und der Stammwürze aus dem Fabrikwürfelchen Maggis. Liebe Grüße und Mahlzeit C. Leusch |
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