Im Dezember 2009 ist Jörg Huffschmid gestorben, einer der großen Ökonomen der Bundesrepublik. Ihm zu Ehren fragte kürzlich ein Kongress in Berlin, was „Kapitalismuskritik heute“ sei, also angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, und was Huffschmids „Forschungsprogramm“ zu ihr beitrage. Ja, Huffschmid war Kapitalismuskritiker und war deshalb nur bestimmten Kreisen als großer Ökonom bekannt, während die tonangebenden Medien des Landes ihn noch im Ableben „verdrängten und verächteten“, wie Rudolf Hickel zur Eröffnung sagte. Er hatte es ihnen freilich auch schwer gemacht, war er doch nach 1968 Parteigänger der DKP gewesen, zeitweilig als Mitglied des Parteivorstands und vor allem als wichtigster Vertreter der so genannten Stamokap-Theorie – Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus –, die den an der Sowjetunion orientierten kommunistischen Parteien jener Zeit zur Analysebasis ihrer Politik des „antimonopolistischen Bündnisses“ gedient hatte.
Daran wurde nun freilich auch auf dem Berliner Kongress nicht erinnert, vielmehr an den Huffschmid, der später die Bremer „Memorandumgruppe“ für alternative, keynesianische Wirtschaftspolitik mitbegründete und der sich unermüdlich in Attac engagierte. Seine Theorie des „finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“, die er in den neunziger Jahren entwickelte, war für dieses Netzwerk eine wichtige Hilfe. Daran knüpfte der Kongress an, Elmar Altvater, Joachim Bischoff und andere erörterten die Theorie in einer der Arbeitsgruppen, und darauf fußend wurden, wie auf so vielen derzeitigen Kongressen, linke Antworten auf die Wirtschaftskrise gesucht. Doch der Gesamtzusammenhang von Huffschmids Biografie ist nicht ohne Interesse. Wenn man heute seine frühe Schriften liest, sieht man aus dem Abstand eines Vierteljahrhunderts, wie er die vorgefundene Parteilehre nicht reproduzieren, sondern qualifizieren wollte, und wundert sich gar nicht über den Bogen, den er von seiner Stamokap-Position aus zu Keynes schlug.
Obwohl die Terminologie verschieden ist, gehen ja beide Positionen davon aus, dass die Kapitalakkumulation ohne massivste permanente Staatsintervention nicht aufrechterhalten werden könnte, da es immer schwieriger wird, für die Reinvestition des Mehrwerts noch hinreichend viele Anlagefelder zu finden. Der „finanzmarktgetriebene Kapitalismus“ löst das Problem, indem er das überschüssige Geld an den Börsen beschäftigt, wobei auch hier, wie Huffschmid betont, der Staat verborgener Akteur ist, denn wenn er unter dem Einfluss linker Kräfte stünde, könnte er auch keynesianisch auf das Verwertungsproblem reagieren: das Geld abschöpfen, öffentliche Investitionsprogramme finanzieren. Zur gegenwärtigen Krise hat Huffschmid noch kurz vor seinem Tod angemerkt, in seiner Sicht habe das neoliberale Regime große Chancen, fast unverändert weiterzulaufen.
Überlebensthema Konversion
Davon zeigten sich alle Teilnehmer des Kongresses beeindruckt. Niemand sprach von der Möglichkeit, in absehbarer Zeit den Kapitalismus zu überwinden, vielmehr wurde betont, wie gerade Huffschmid ein Gespür für systemimmanente und doch wesentliche Veränderungen gehabt habe. So von Hans-Jürgen Urban, der dem IG Metall-Vorstand angehört. Die Beiträge dieses Mannes des Praxis waren besonders erhellend. Er schätzte wie Huffschmid ein, dass sich das System zwar nicht einfach stabilisieren, aber noch weniger transformieren werde, nur zu einem „Variantenwechsel“ könne es kommen. Er führte die sich fortsetzenden Fatalitäten auf: den strukturellen Exportüberschuss, die ökologische Unverträglichkeit, die prekäre Arbeit. Ökologische „Konversion“ werde zum Überlebensthema, und um sie durchsetzen, müsse man für Wirtschaftsdemokratie kämpfen. Wirtschaftsdemokratie sei nicht so sehr ein Thema der Volkswirtschaftslehre als eine Frage der Macht. Nach Urbans Bericht wird diese Frage neuerdings auch im IG Metall-Vorstand diskutiert. Gleichwohl hielten die „gewerkschaftlichen Schockstarren“ noch an. Es sei möglich, dass dem Staat die korporatistische Einbindung der Gewerkschaften gelinge, während es doch an der Zeit sei, dass sie sich „autonom revitalisieren“. Aber sie hätten allein keine Chance, sondern seien auf Impulse einer übergreifenden „Mosaiklinken“ angewiesen.
Diese saß mit am Tisch, was hatte sie zu bieten? Am hilfreichsten war noch, was der Attac-Aktivist und grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold sagte, der bei Huffschmid studiert hat. Gegen das keynesianische Denkmuster der Gewerkschaften wandte er ein, die ökologischen Probleme seien ihm doch nur als weiterer Parameter eingefügt worden, zwecks vollständiger Analyse der volkswirtschaftlichen „Aggregate“. Bei allem guten Willen reiche das nicht aus, vielmehr müsse die absolute Begrenztheit des „Umweltraums“ theoretische Berücksichtigung finden. In die gewerkschaftliche Praxis müsse eingehen, dass eine Veränderung der Produkte notwendig sei. Hier und auch in der Frage der Wirtschaftsdemokratie traf er sich mit Urban.
Die Grünen wiederum müssten einsehen, dass der Markt nicht alles richte. Indem Giegold betonte, dass aus seiner Sicht derzeit keine Systemüberwindung und nicht einmal eine „Transformation“ innerhalb des Systems, sondern nur der Kampf für ökologische Investitionsprogramme auf der Tagesordnung stehe, nahm er implizit Stellung zu Überlegungen des mitanwesenden Rainer Rilling von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der kürzlich in einem Papier moniert hatte, dass viele politische Kräfte doch wenig radikal auf die Krise reagierten, indem es ihnen allenfalls um den systemimmanenten ökologischen New Deal gehe.
Nicht besonders radikal
Auf dem Kongress wurde demonstriert, dass auch nicht alle in der Linkspartei besonders radikal denken. Wenn jemand wie Dieter Klein, der schon in der späten SED-Zeit ein führender „Reformer“ gewesen war, der dann den ganzen 20-jährigen Weg der PDS mitging und mitprägte, heute immer noch beklagen kann, dass leider keine alternativen Gesellschaftsmodelle entwickelt worden seien, fragt man sich doch, warum er selbst es nicht getan hat. Er hatte keine Botschaft als die, dass „Reform und Revolution“ kein Widerspruch, sondern die beiden Elemente einer langfristigen „Transformation“ seien. Dieser Begriff berücksichtige die „Fortschrittspotenziale“, die es auch in der kapitalistischen Gesellschaft gebe, und sei gleichzeitig „offen zur Überschreitung“. Kleins Transformationsprogramm blieb äußerst abstrakt: Erstens sei die „Profitdominanz“ zugunsten „individueller Entfaltung bei sozialer Teilhabe“ zu überwinden, zweitens alles der Naturfrage unterzuordnen und drittens müsse man den Weg dahin „als Prozess“ denken.
Urban wunderte sich, dass der Neoliberalismus noch herrscht, obwohl er die Hegemonie verloren hat. Aber wenn es gar keinen hegemonialen Konkurrenten gibt? Vielleicht hatten die Altvorderen doch Recht, wenn sie behaupteten, emanzipatorische Denkfortschritte seien nur im Kontakt mit sozialen Bewegungen und mit deren Unterstützung möglich. Damit war es 20 Jahre lang nicht weit her. Es könnte sich indessen bald ändern.
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Danke für den spannenden Bogen. Was mich an dem Bericht zwar nicht an einem Satz im Resümee wundert vielleicht auch ärgert:
"Urban wunderte sich, dass der Neoliberalismus noch herrscht, obwohl er die Hegemonie verloren hat. [..] Es könnte sich indessen bald ändern." Der Konjunktiv am Ende die Neigung immer lieber der brave Sozialpartner am Tisch bleiben wollen, bleibt es beim Konjunktiv. Der Streik müsste, wenn in D auch illegal, politisch werden. |
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"Politik des Kapitals" - lang, lang ist's her. Damals ein wichtiges Büchlein.
J.H. - ein großer Ökonom, ein Kapitalismuskritiker, kein Zweifel. Ein radikaler Ökologe? Leider nein. Selbst bei Sven Giegold haperst noch mit den Begriffen: "Bei allem guten Willen reiche das nicht aus, vielmehr müsse die absolute Begrenztheit des „Umweltraums“ theoretische Berücksichtigung finden." Der Mensch muss die MITwelt verstehen lernen, nicht die UMwelt nach seinem Wahn gestalten wollen. Umwelt ist Ausdruck einer Anthropozentrik, die es zu überwinden gilt. Ökologie kann bei traditionellem Denken zu Umweltschutz verkommen, es muss sich eben rechnen. Gruß BW |
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Hier braucht man sich wahrscheinlich nicht zu streiten.
@ hump BWs Kritik am "Umweltraum" ist auch m.E. nicht richtig, aber ich glaube, er kennt den Begriff nicht. Es ist nämlich ein Begriff. Umweltraum ist je ein Stück Erde, dessen ökologische Belastbarkit man messen kann und die genau bekannt ist; es müßte absolutes Gebot sein, sie nicht überschreiten zu dürfen. Ich denke, das ist ein guter Begriff. @ BW Wenn man Umwelt und Mitwelt so gegenüberstellt wie du das tust, hast du sicher recht - in dem Sinn, daß Mitwelt übergeordnet ist. Bei "Mitwelt" denke ich übrigens außerdem auch an das Verhältnis zwischen den Menschen, an die Kultur, daran, daß die Ökologiekrise dem Charakter und der Kausalität nach in erster Linie Kulturkrise und erst in zweiter, daraus folgend, biologische Krise ist. |
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Lieber Michael,
Begriff "Umweltraum" bekannt, halte ich aber nicht für angemessen, führt alles in Richtung Umweltschutz ...."müßte absolutes Gebot sein" - lässt sich nur aus der Mitweltidee und grundsätzlicher Kritik an der Anthropozentrik entwickeln. Tieferliegende Kulturkrise? - d'accord. Wir müßten nur klären, was wir mit diesem allgemeinen Begriff alles meinen. (Unabhängig davon will ich gern J.H. in Ehren halten) Gruß BW |
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"Obwohl die Terminologie verschieden ist, gehen ja beide Positionen davon aus, dass die Kapitalakkumulation ohne massivste permanente Staatsintervention nicht aufrechterhalten werden könnte, da es immer schwieriger wird, für die Reinvestition des Mehrwerts noch hinreichend viele Anlagefelder zu finden. Der „finanzmarktgetriebene Kapitalismus“ löst das Problem, indem er das überschüssige Geld an den Börsen beschäftigt, wobei auch hier, wie Huffschmid betont, der Staat verborgener Akteur ist, denn wenn er unter dem Einfluss linker Kräfte stünde, könnte er auch keynesianisch auf das Verwertungsproblem reagieren: das Geld abschöpfen, öffentliche Investitionsprogramme finanzieren".
Hatte Huffschmid und andere Wirtschaftsphilosophen nicht an die (erlösende) Möglichkeit gedacht, dass eine Volkswirtschaft wie Deutschland längst kein "Wirtschaftswachsum" braucht -> somit würde kein "überschüssiger Mehrwert" entstehen, und keine "Sorgen" (der privaten wie staatlichen Kapitalisten) wie man diesen nun "reinvestieren" soll? Noch effizienter würde die Abschaffung der Verzinsung des Kapitals das "Problem des überschüssigen Mehrwerts" lösen: Entweder man investiert in reale Investitionen ( = direkte Beteiligungen an Unternehmungen, keine Finanzspekulationen), oder läßt sein erwirtschaftetes Kapital so lange ruhen, bis eine solche sinnvolle Investition sich bietet. Rein psychologisch stellt sich dennoch die Frage, ob der Mensch (ob als "privater" Kapitalist oder als "Staatskapitalist") davon jemals Abstand nehmen kann, nach dem materiellen "Mehr" zu streben... |
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Sie haben vollkommen recht. - Was das Psychologische angeht: Der Mensch wird wohl davon nicht Abstand nehmen können, aber er kann sich einen Staat geben, der das kann, und kann sich auf diesem Umweg daran hindern. Das hat Jahrtausende lang funktioniert (dieses Thema hat mich lange in meinem Blog beschäftigt), warum sollte es nicht auch in Zukunft wieder einmal funktionieren?
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Nicht nur der Staat, auch Vorbilder(Denker, relig. Führer, Familie, Freunde, Lehrer) könnten einen lehren und motivieren, nicht "mehr zu wollen". (Auch wenn in einem der obigen Kommentare Selbstbeschränkung als "neoliberal" (??) verleumdet wird.)
Nur mit "Staat" sollte man nicht automatisch einen "linken Staat" als Heilsbringer gegen den "Mehr-Wahn" erhoffen. Denn kein auch noch so gelungener marxistischer oder kommunistischer Staat (von sozialistischen und sozialdemokratischen zu schweigen) hätte jemals tatsächlich von sich behauptet: "Nun ist das Materielle gesichert, das lassen wir jetzt auf einem konstanten Niveau, und beschäftigen uns mit dem geistigen Reichtum der Bürger!" In den komm. Gesellschaften Europas (1945-1989) war die "Sucht nach dem materiellen Mehr" nie gestillt, immer vorhanden (ob bei den Menschen wie beim Staat), auch wenn zugegebenen Maßen schwächer als in der heutigen europäischen Realität. Die materiellen Sehnsüchte sind leider in weitem Maße autonom geg. der "Verteilungsgerechtigkeit"... |
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Lieber Michael
Zumindest in einer Hinsicht saß ich in einem anderen Kongress, wenn Du schreibst: an Huffschmids Arbeit in der DKP und seine Rolle bei der Entwicklung der Stamokap-Theorie sei "nun freilich auch auf dem Berliner Kongress nicht erinnert (worden)". Das trifft weder auf die von Dir besuchte AG zu, in der neben Dieter Klein auch Frank Deppe sprach - der darauf ausführlich einging - noch auf eine parallele von "Z" ausgerichteten AG. Mich hat eher verblüfft, wie neben der "Politik des Kapitals" und dem Finanzmarktbuch der von Huffschmid und Heinz Jung verfasste "Reformalternative"-Band auf der Veranstaltung vielfach erwähnt wurde. Er war die Leitschnur des Beitrages von Hans-Jürgen Urban und spielte auch in der erwähnten Arbeitsgruppe zur "Transformation" eine Rolle. Endlich haben auch die eher persönlich gehaltenen Reden auf dem Treffen am Vorabend des Kongresses mit weit über 100 Leuten um diese Zeit keinen Bogen geschlagen. Richtig ist, dass es auf dem Kongress keine detaillierte Rekonstruktion der Theorieentwicklung bei Jörg gegeben hat - hätte sie jemand einbringen wollen, wäre das mit Sicherheit kein Problem gewesen. Grüsse Rainer |
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Lieber Rainer, daß die "Reformalternative" oft genannt wurde, habe ich natürlich auch gehört, aber wer Huffschmids Lebensweg nicht kannte, konnte daraus keine Schlüsse ziehen. Er konnte aus allem nur heraushören, daß Huffschmidt entschieden linker Keynesianer war. Ich kritisiere das ja gar nicht. Und habe selber den Zusammenhang mit der DKP-Zeit in dem Sinn hergestellt, daß auch daran nichts schräg oder falsch war.
Ich war froh darüber, daß mich jemand im Januar auf Huffschmids Tod aufmerksam gemacht hat, den ich aus irgendeinem Grund gar nicht mitbekommen hatte; ich dachte gleich, Mist, und im Freitag hat kein Nachruf gestanden! Für diesen aufrechten Menschen! Das konnte nun glücklicherweise nachgeholt werden. Viele Grüße, Michael |
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