Das Dorf Pert Sirr wird von kargen Weizenfeldern und hektargroßen Apfelhainen flankiert, die der ganze Stolz und das Vermögen Nord-Kaschmirs sind. Zum Haus von Ghulam und Hafiza Bhat führt ein matschiger Pfad durch schmelzende Schneewehen, davor schlummert ein älterer Verwandter des Paars in der schwachen Mittagssonne, kleine Kinder spielen zwischen Ziegen und Kühen. Eine ländliche Idylle, schwer vorstellbar, dass dieses Dorf im „Epizentrum der regionalen Gewalt“ liegt, wie die indischen Behörden sagen.
Doch im ersten Stock des Hauses steht in einem ansonsten leeren Regal das Foto eines jungen, bärtigen Mannes. Mansoor Ahmed war der zweitälteste Sohn der Familie. Er starb vor gut einem Monat bei einem Selbstmordattentat, das er allein auf einen indischen Armeebunker in der Kaschmir-Hauptstadt Srinagar verübte. „Wir hatten keine Ahnung“, sagt seine Mutter Hafiza Bhat und schüttelt den Kopf. „Wir hatten absolut keine Ahnung, dass er bei den Rebellen ist.“
Es gab eine Zeit, da gehörten solche Ereignisse zum Alltag in Kaschmir. Seit 1990 sollen in dem mehrheitlich muslimischen Fürstentum, das 1947 zwischen Pakistan und Indien aufgeteilt wurde, bei gewaltsamen Aktionen der Unabhängigkeitskämpfer 80.000 Militante, Zivilisten und Sicherheitskräfte zu Tode gekommen sein. Seit 2004 verbuchte ein Friedensprozess durchaus Fortschritte, doch nach den spektakulären Anschlägen von Mumbai im November 2008 durch militante Muslime, die von Pakistan aus operierten, wurden die Gespräche zwischen dem beiden atomar bewaffneten Nachbarn ausgesetzt. Seither grassiert in Kaschmir wieder die Gewalt, das Treffen der Außenminister Indiens und Pakistans am 25. Februar in Delhi konnte davon nicht unberührt bleiben. Ein Durchbruch wurde ohnehin von vornherein ausgeschlossen. Schon die Agenda war umstritten. Die Inder wollten in der Erinnerung an Mumbai und wegen der jüngsten Anschläge in Pune über Terrorismus sprechen – die Pakistani über die Zukunft Kaschmirs und die Verteilung des Gletscherwassers aus dem Himalaya, das für einen Großteil des pakistanischen Ackerlands entscheidend ist.
Die Spitzel sind bekannt
Washington übt auf beide Seiten politischen Druck aus. Kaschmir ist einer der maßgeblichen Krisenherde in der Region und bessere Beziehungen zwischen Indien und Pakistan werden von den Amerikanern als Vorraussetzung für einen Erfolg in Afghanistan angesehen. Doch bleibt der Unruheherd Kaschmir ein Hemmnis für den Wunsch, die beiden Feinde auf einen friedfertigen Umgang einzuschwören. In den vergangenen beiden Wochen wurde das öffentliche Leben Srinagars und anderer Städte in der Krisenregion durch Streiks und Unruhen gelähmt. Ein Zivilist, zwei Aufständische und drei Soldaten starben diese Woche bei einem Feuergefecht in Sopore, nicht weit von Pert Sirr entfernt. Bewohner der Kleinstadt bewarfen Soldaten mit Steinen und rühmten sich der 17 Söhne der Stadt, die während der vergangenen Jahrzehnte als „Märtyrer“ gestorben waren. „Sechs oder sieben Männer aus Sopore gehören im Moment den Mudschahedin an“, meint ein 25-jähriger Bauer. „Natürlich kennen wir sie, und wir kennen auch die Spitzel und wissen, was mit ihnen geschehen wird.“
Außerhalb ihrer Hochburgen, zu denen Sopore gehört, scheint die Unterstützung für die Aufständischen eher gering zu sein. Die Wahlen wurden 2008 mit einer großen und stichhaltigen Mehrheit von den moderaten Parteien gewonnen, was selbst diejenigen enttäuschte, die auf friedliche Weise die Unabhängigkeit Kaschmirs oder den Beitritt zu Pakistan anstreben. Der Politikwissenschaftler Gul Mohammed Wani von der Universität Kaschmir meint: „Die Anliegen der kleinen Leute sind nicht politischer Natur. Es geht ihnen um Gelder für den Ausbau der Infrastruktur und die Versorgung – es geht um die Grundlagen des alltäglichen Lebens. Nach allem, was die Kaschmiri erlebt haben, werden sie nicht so leicht dazu bereit sein, den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen.“
Schande und Zerstörung
So kann es kaum überraschen, dass die Führung der separatistischen Gruppen gespalten ist – auf der einen Seite die Hardliner, auf der anderen diejenigen, die bereit sind, während des früheren Friedensprozesses ausgehandelte Kompromisse zu akzeptieren. Umar Farooq, der im von Indien kontrollierten Teil Kaschmirs dem Dachverband der Separatisten vorsteht, behauptet, der Dialog mit Delhi habe sich als fruchtlos erwiesen: „Wir haben unser Bestes gegeben, aber nichts erreicht. Wir führen seit 2004 Gespräche mit Delhi, aber keiner unserer Vorschläge wurde in die Tat umgesetzt.“
Wie viele andere nationalistische Kaschmir-Führer sagt Farooq, er sei besorgt über die neue Generation von Aktivisten, die jetzt auf den Straßen auftauchen. Gemeint sind Jugendliche, die Steine werfen und sich nach dem Vorbild der palästinensischen Jugend mit Kufiyas vermummen, und Studenten, die nach Azadi, nach Frieden, rufen. „Ich habe mit dem Steinewerfen begonnen, als einer meiner Freunde getötet wurde“, erzählt ein 14-Jähriger. „Wir kommen aus diesem Kreislauf nicht heraus. Nichts verändert sich. Der Stein ist unsere einzige Waffe. Wir müssen unserer Wut über die indische Besatzung Luft verschaffen.“
Die Situation habe sich nicht verändert, seit die indischen Streitkräfte 1947 nach Kaschmir kamen, meint der Unternehmer Sajad, der sich als Organisator einer Gruppe von etwa 50 „Steinewerfern“ zu erkennen gibt. Eine Lokalzeitung griff die Unruhestifter vehement an und schrieb in ihrem Editorial, sie brächten nichts als „Schande und Zerstörung“. Die Polizei ist indes überzeugt, die jugendlichen Rebellen würden von Elementen „jenseits der Grenze“ bezahlt – von Pakistan also. Es gibt indische Experten, die behaupten, Islamabad benutze die Randalierer, so wie es einst bewaffnete Aufständische benutzt habe, um die Kaschmir-Frage auf die internationale Agenda zu setzen. „Sie benutzen diese Jungen, um den Konflikt am Kochen zu halten,“ meint der Polizeidirektor von Jammu und und Kashmir, Kuldeep Khoda. Andere sind der Ansicht, dass eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent eine weit ausschlaggebendere Ursachen für die Gewalt sei. „Wir haben es mit einem Führungsvakuum zu tun, mit einer Regierung, die nicht handelt, und mit einem Friedensprozess, der in der Luft hängt. Jugendliche, die unter einem Belagerungszustand leben, sind frustriert und fühlen sich im Stich gelassen“, erläutert Professor Wani. Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass die neue Generation von Aktivisten zu jung ist, um sich an die grauenvolle Gewalt zu erinnern, die mit dem „bewaffneten Kampf“, wie er hier genannt wird, in den neunziger Jahren einherging.
Übersetzung: Christine Käppeler