Politik

EU | 06.03.2010 08:51 | Mary Kaldor

Grün statt Geld

Europa war zu lange auf Märkte und Wirtschaft fixiert. Das rächt sie derzeit in Griechenland, aber auch anderswo. Noch aber ist eine Umkehr möglich

Die Welt braucht so etwas wie die Europäische Union. Sie braucht einen Akteur auf der internationalen Bühne, der bereit und in der Lage ist, beim Klimawandel die Initiative zu ergreifen. Sie braucht ein wirtschaftlich potentes Staatswesen, das auf neue weltweite Regelungen der Finanzmärkte drängt. Und sie braucht politische Führer, die in der Lage sind, Alternativen zum Krieg gegen den Terror zu formulieren und umzusetzen.
Von der real existierenden EU war bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen allerdings nichts zu sehen. Ihre finanzpolitische Hauptsorge gilt der Frage, wie sie die Wirtschaftskrise am besten überstehen und zugleich ihre rigide Fiskal- und Geldpolitik aufrechterhalten kann. Sie scheint in keiner Weise fähig, den Menschen zu helfen, die existentiell unter den Folgen des Wirtschaftseinbruchs zu leiden haben – weder in den PIIGS-Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien, geschweige denn jenseits der eigenen Grenzen. Sie ist zögerlich und gespalten, was die Entwicklung einer gemeinsamen Sicherheitspolitik anbelangt. Dies gilt besonders dann, wenn es darum geht, in einzelnen Punkten von Vorstellungen der Amerikaner abzurücken.
Die mit dem Lissabon-Vertrag dekretierten Reformen sollten Europa ein geschlosseneres Handeln ermöglichen. Stattdessen hat es die Zahl der ohnmächtiger Kapazitäten nur noch vergrößert. Wir haben jetzt einen Ratspräsidenten, eine spanische Präsidentschaft, eine EU-Außenministerin, einen Kommissionspräsidenten – nicht zu vergessen Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy. Das zugrunde liegende Problem ist indes nicht das Fehlen angemessener Strukturen, auch wenn demokratischere Strukturen gewiss hilfreich wären. Es besteht vielmehr in der Schwäche beziehungsweise dem schieren Nichtvorhandensein von Unterstützung durch die Bevölkerung. Die geringe Wahlbeteiligung 2009 bei den Europawahlen war hierfür ein deutlicher Beleg.

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Historische Mission

Von Anbeginn an war die EU ein Friedensprojekt. Sie wurde nach dem Inferno zwischen 1939 und 1945 ursprünglich geschaffen, um jeden weiteren Krieg auf europäischem Boden zu verhindern. Später sollte die EU eine Trennung des Kontinents überwinden helfen, wie sie durch den Kalten Krieg entstanden war. Die Integration neuer osteuropäischer Mitgliedsstaaten war dann auch eine der großen Leistungen seit 1990.
Die dabei praktizierte Methode bestand allerdings darin, Europa durch eine von der politischen Elite beschlossene, kaum öffentlich diskutierte Einigung zusammenzuhalten. In den vergangenen Jahrzehnten waren jedoch die dazu unternommenen Schritte fast ausschließlich marktorientiert. Besonders der Maastricht-Vertrag, der bald nach dem Ende des Ostblocks unterzeichnet wurde und die Grundlagen für eine europäische Einheitswährung schuf, war letztlich ein Kompromiss zwischen dem Neoliberalismus Margret Thatchers und der Vision des damaligen EU-Kommissionspräsidenten Jaques Delors, der an gemeinsame europäische Normen, Werte und eine europäische Identität glaubte.

Das Ergebnis waren „Konvergenzkriterien“ – das europäische Pendant zu Strukturanpassungsmaßnahmen –, in denen die Höhe der nationalen Haushaltsverschuldung festgelegt und einer stärkeren Umverteilung auf europäischer Ebene eine Absage erteilt wurde. Die neuen vornehmlich osteuropäischen Mitgliedsstaaten traten demzufolge zu wesentlich ungünstigeren Bedingungen bei als die älteren.

EU-weite Steuern

Weil anscheinend keine Politik stattfindet, wird die EU lediglich als eine weitere Regulierungsbehörde wahrgenommen. Der jüngeren Generation, die weder die Weltkriege noch den Kalten Krieg miterlebt hat, erscheint die EU nicht als Friedensprojekt, sondern lediglich als neoliberale Bürokratie. Dies ist der Grund, weshalb viele Linke und Grüne in Frankreich, den Niederlanden und Irland mit den xenophoben Rechten zusammen gegen den Lissabon-Vertrag gestimmt haben.

Es muss gelingen, die Menschen wieder stärker für die EU zu begeistern und die öffentliche Unterstützung für das Projekt wieder wachsen zu lassen. Hierfür bedarf es neuer, demokratischerer Strukturen. Zum Beispiel sollte es einen gewählten Präsidenten geben. Eine Reihe gemeinsamer EU-weiter Steuern wäre ein weiterer wichtiger Schritt. Sie würden es dem Europa der 27 erlauben, einen gewissen Grad an Autonomie zu entwickeln. CO2-Steuern wären hier eine Möglichkeit, Steuern auf Spekulationsgewinne (Tobin-Steuer) auch. So etwas lässt sich allein durch politischen Druck erreichen. Und das wiederum bedeutet, dass sich die EU als Friedens- und Umweltprojekt neu definieren muss, anstatt weiter auf dem marktradikalen Weg voranzuschreiten.

Übersetzung: Holger Hutt

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Cato42 schrieb am 06.03.2010 um 09:13
Die EU ist ein EUrokratenmonster mit teuren Privilegien
aller Beteiligten und eine Geldvernichtungsmaschine.
Ludwig Erhard (2.9.1956): "Die Integration Europas ist
notwendiger denn je, ja sie ist geradezu überfällig geworden.
Aber die beste Integration Europas, die ich mir vorstellen
kann, beruht nicht auf der Schaffung neuer Ämter und Verwal-
tungsformen oder wachsender Bürokratien, sondern sie beruht
in erster Linie auf der Wiederherstellung einer freizügigen
internationalen Ordnung, wie sie am besten und vollkommensten
in der freien Konvertierbarkeit der Währungen zum Ausdruck
kommt. Konvertierbarkeit der Währungen schließt selbstver-
ständlich die volle Freiheit und Freizügigkeit des Waren-,
Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs ein."
Was aus diesen Vorstellungen wurde, ist pure Pervertierung
der ursprünglichen Idee für Europa.
Verwendungszweck schrieb am 06.03.2010 um 14:57
"Es muss gelingen, die Menschen wieder stärker für die EU zu begeistern ..."

Frommer Wunsch, wenn die Menschen, die sich über die durch den Wirtschaftzusammenschluss entstandenen Unsymmetrien beklagen, in stupider Eintönigkeit darauf hingewiesen werden, dass der Zusammenschluss wirtschaftlich mehr nutzt als schadet. Allerdings nutzt er vornehmlich den international Tätigen und weniger den normalen Arbeitern und Angestellten, die mehr und mehr beobachten, wie Produktionsstätten zu Billigstandorten verlagert werden, konkurrierende ausländische Arbeitskräfte ihre Dienste zu Billigsttarifen anbieten und Planungs-, Programmier- und Verwaltungsaufgaben gleich ganz ins Internet auf nimmerwiedersehen verlagert werden.

Die niedergerissenen Grenzen haben der Wirtschaft die letzten eigennützigen Gründe zum moralisch verantwortlichen Handeln genommen, weil es heute für praktisch kaum noch eine Firma von Belang ist, ob sie hier oder auf der anderen Seite der Welt produziert. Die Wirtschaft hat sich von der Gesellschaft gelöst. Sie braucht nur noch Konsumenten. Das ist der einzige Grund, dass sich die Wirtschaftsgrößen vage für die Finanzkrise interessieren, allerdings müssen die Probleme auf jeden Fall so gelöst werden, dass - wie Frau Merkel es formuliert - wir gestärkt aus der Krise hervorgehen. Im Klartext: bessere Konkurrenzfähigkeit durch weniger Lohn.

EU? Danke, wir sind bedient.
h.yuren schrieb am 07.03.2010 um 11:09
es ist ja unbestritten, dass die eu den innereuropäischen frieden und die freizügigkeit verbessert hat. aber wer von diesem konglomerat der konzerne und parteien eine zukunftsfähige idee erwartet, muss enttäuscht werden. grün, sozial, frei und christlich sind mäntelchen. weiter nichts.
ökologisch vertretbare politik und eu-politik sind zwei verschiedene schuh. schlimmer noch: in verschiedenen stiefeln könnte laufen noch möglich sein; unter den bedingungen der eu ist "grün" aber nicht möglich. daher ist der titel des artikels entweder eine schlechte übersetzung oder schon im ansatz falsch. die strukturen müssten sich erst ändern, ehe an die inhaltliche ökologisierung der politik gedacht werden könnte. "grün" ist lediglich eine farbe unter vielen anderen in der eu.
zelotti schrieb am 07.03.2010 um 23:55
Hört sich an wie die Barroso 2020 Strategie.

Im Ernst, wichtig ist wie, mit welchem Geist, da regiert wird, nicht was da drauf steht. Ob man Mist mit grünem, sozialen oder Industrielabel macht, kommt auf das Gleiche heraus.
Calvin schrieb am 08.03.2010 um 17:41
Wie wärs denn mal mit Grün und Geld?
Zur Zeit sieht es ja so aus, das beim Kampf Geld vs. Grün, das Geld gewinnt.
Und solange einige genug Geld verdienen, um sich irgendwo auf der Erde ein bisschen Grün zu kaufen, wird sich daran wohl nichts ändern.
Außerdem wollen wir die Europäische UNion mal nicht überstrapazieren: Sie ist doch bereits mit allen anderen Aufgaben überfordert.
Solange der Freihandel nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird (sondern eben an "grüne" und soziale Standards gekoppelt wird) und Energie massiv verteuert wird, wird sich global gar nichts an dieser Problematik ändern.
Blöd nur, dass "Grün" dann eben diejenigen von uns trifft, die kein oder wenig Geld haben.
Daher: Leute, habt Geld, wenn Grün kommt!


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