Politik

Dirk Niebel | 13.03.2010 13:20 | Lutz Herden

Im Bulldozer-Test

Deutsche Entwicklungshilfe sollte nicht als Sozialhilfe fürs weltweite Staatenprekariat missverstanden werden, das lässig seine Nehmer-Qualitäten spielen lässt

Was Entwicklungshilfe vermag, wenn sie nicht zuerst nach dem eigenen Vorteil fragt, sondern dem Motiv tatkräftiger Solidarität folgt, hätte Minister Niebel während seines gerade absolvierten Vietnam-Besuchs an vielen Orten in Augenschein nehmen können. Überall dort, wo die DDR noch zu Zeiten des Vietnam-Krieges (1965 - 1975) durch viele Aufbauprojekte Unterstützung gab und schlimmste Not mindern half. In den frühen sechziger Jahre etwa entstand so für Hanoi das Krankenhaus Viet-Duc (wörtlich: Vietnamesisch-deutsches Hospital) oder später im nördlichen Ba Vi ein Orthopädie mechanisches Zentrum, um Tausende von Kriegsversehrten mit Prothesen zu versorgen, die ihnen eine  Rückkehr ins Leben ermöglichten. Erinnert sei an den Wiederaufbau einer ganz Stadt nach 1975 durch DDR-Architekten und -Bauleute, als vom mittelvietnamesischen Vinh (60.000 Einwohner) und seinem Hafen Cua Lo nach den Angriffen der US-Luftwaffe nicht mehr als ein einziger großer Scherbenhaufen geblieben war.

Kein Gnadenakt

Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die langjährige Ressortchefin für Entwicklungspolitik und Vorgängerin Niebels, hat Entwicklungshilfe zuweilen als Charaktertest bezeichnet. Der jetzige Amtsinhaber zeigt gerade erschreckend eindrucksvoll, wie man ihn angehen und bestehen kann. Niebel gefällt sich darin – ähnlich anderen freidemokratischen Ministern – den populistischen Turbo zu zünden und den schneidigen Revisor zu geben. Credo: Was Deutschland in die Armenhäuser der Welt hinein steckt, muss irgendwann wieder heraus kommen. Der Minister wörtlich während seines Vietnam-Trips: „Es ging schon immer um die Effizienz der Hilfe, denn wenn man Geld rausschmeißt, mag das kein Steuerzahler ...“ 

Entwicklungshilfe ist gewiss keine Bringschuld, aber ebenso wenig ein Gnadenakt. Sie sollte auch nicht als Sozialhilfe fürs weltweite Staatenprekariat missverstanden werden, das seine Nehmer-Qualitäten spielen lässt, wenn die gutwilligen, sich eines schlechten Gewissens schämenden Spender ihnen die soziale Hängematte erst flicken und dann auspolstern. Niebel radelt hart an der Grenze zum Sozialchauvinismus, wenn er so tut, als müsse die gebündelte Rechtschaffenheit des Nordens vor dem verschwenderischen Leichtsinn des Südens geschützt werden. Noch ein Souffleur des "gesunden Volksempfindens", wie sie sich in der FDP zu konzentrieren beginnen.

ANZEIGE

Kein Wasserträger

Es hätte dieser Bundesregierung wie ihrer Vorgängerin unter der gleichen Kanzlerin gut zu Gesicht gestanden, dem Thema Steuergeld der Bürger eine eben solche Inbrunst angedeihen zu lassen, als es milliardenfach in die Crash-Programme für verschwindsüchtige Banken abwanderte. Im Übrigen: Wenn genügend Geld zur Verfügung steht, um ein marodes Finanzsystem zu retten, sollten doch in annähernd gleichen Größenordnungen Mittel verfügbar sein, um einen Teil dieser Welt vor Hunger, Armut und Klimawandel zu retten. Natürlich kann Entwicklungshilfe durchaus mit der Außenwirtschaftspolitik eines Staates auf Tuchfühlung gehen, wie das Minister Niebel nahelegt. Aber sie kann nicht deren Wasserträger sein. Sie hat bis heute etwas mit Kompensation für ein koloniales Zeitalter zu tun, das nicht nur lange gedauert, sondern manchen Regionen Jahrhunderte an Entwicklung gekostet hat. Ganz abgesehen von jenem – wahrlich marginalen – Ausgleich, den Entwicklungsgelder für die geltende Weltwirtschaftsordnung leisten. Die schreibt – zumal in der Krise – Unterentwicklung eher fest, als sie aufzuheben. Im Unterschied zu Minister Niebel haben das die Führer der G8- oder G20-Staaten bei ihren Gipfel-Treffen immerhin anerkannt und im vergangenen Jahrzehnt vom Schuldenerlass (1999), dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids (2002) bis zu diversen Afrika-Programmen (2007 in Heiligendamm) den Hilfsbedarf nicht durch Niebels Effizienz-Filter betrachtet, sondern klar erkannt. Auch wenn es vielen Ansichtserklärungen bis heute an tatkräftiger Konsequenz fehlt.
 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
oca schrieb am 13.03.2010 um 23:06
"Entwicklungshilfe ist gewiss keine Bringschuld, aber ebenso wenig ein Gnadenakt."

"Entwicklungshilfe" war schon immer vor allem Exportsubvention. Die dicksten Brocken sind Kredite, die dann bitteschön für deutsche Produkte verwendet werden (Ein Wasserkraftwerk von Siemens gefällig?) oder die an "notwendige Strukturreformen", also Marktöffnung und "Investitionssicherheit" für deutsche Firmen gekoppelt sind.

Dass der "Entwicklungshilfe" unter Niebel nun der letzte falsche Anschein von "Menschlichkeit" vom häßlichen Leib gerissen wird und sie endgültig zur "zivilen Komponente" von Militäreinsätzen und zum Wirtschaftsförderungsprogramm verkommt, sofern sie das nicht ohnehin schon war, sollte nicht zum Anlaß genommen werden, ihre alte vor-FDP-Version zu beschönigen.

Nein, die Entwicklungshilfe ist gewiss keine Bringschuld, denn warum sollten wir das, was wir durch unsere Wirtschaftspolitik in anderen Ländern zerstören, gleichzeitig wieder aufbauen? Warum sollten wir den Menschen, die für unsere Wirtschaft und unseren Reichtum augebeutet werden, auch noch ein Krankenhaus oder eine Schule bauen? Warum sollten wir Ländern, die uns ganz freiwillig und nach den Regeln des Weltmarktes billige Rohstoffe verkaufen, auch noch eine Straße bauen? Warum sollten wir zum Beispiel in die Menschen in Bangladesh investieren, deren Kinder dank des von uns mitverursachten Klimawandels sowieso als elende "Klimaflüchtlinge" enden werden? Fragen über Fragen.

Aber eins steht fest: "Natürlich kann Entwicklungshilfe durchaus mit der Außenwirtschaftspolitik eines Staates auf Tuchfühlung gehen"

Natürlich. Was wäre auch schon dabei?
Lutz Herden schrieb am 14.03.2010 um 07:38
Sie haben in allem Recht, aber auch innerhalb dieser Konditionen muss ja Entwicklungszusammenarbeit oder - hilfe möglich sein. Und die Ansätze, wie sie unter der Amtsführung von Heidermarie Wieczorek-Zeul, nicht zuletzt durch ihre Mitarbeit in der Stiglitz-Kommission gegeben waren, zeigten doch ein ganz anderes Verständnis vorhandener Möglichkeit als das jetzt mit Minister Niebel stattfindet.
oca schrieb am 14.03.2010 um 12:42
@Lutz Herden: Auch Sie haben in fast allem Recht, außer darin, dass Sie angsichts der derzeit laufenden Abwicklung humanitärer Rest-Ansprüche der "Entwicklungshilfe" Zugeständnisse an die bisherige Praxis machen, indem sie sagen, eine "Tuchfühlung" mit der Außenwirtschaftspolitik sei "natürlich" möglich. Die Kritik darf an diesem Punkt nicht halt machen, auch wenn es zur Zeit, angesichts der Besetzung wichtiger Positionen mit ehemaligen Panzerkommandeuren und Wirtschaftslobbyisten (=FDP-Politikern) zugegebenermaßen müßig erscheinen mag, sich ein paar grundsätzlichere Gedanken zu machen. Dass Wieczorek-Zeul im Vergleich zu Niebel noch das eine oder andere halbwegs akzeptable Projekt durchgehen ließ, will ich nicht bestreiten. Aber es sollte dabei nicht der Eindruck entstehen, die (west-)deutsche Entwicklungshilfe habe diesen Namen jemals verdient. Auch Frau WZ war ja zum Beispiel ein großer Fan von des IWF, und was dieser in den Schwellen- und unterentwickelten Ländern zerstört bzw. durch seine Privatisierungspolitik zur Verwertung auf dem Weltmarkt freigegeben hat, kann man durch ein paar niedliche Brunnenbauprojekte gar nicht wieder aufwiegen (Abgesehen davon, dass sich die GTZ im Namen des BMZ ja eher die Brunnenprivatisierung auf die Fahnen geschrieben hat).

Ich unterstütze Ihre Kritik an Niebel, erlaube mir aber den Hinweis, sich in Zeiten der gelben Pestepidemie bitte nicht allzusehr nach der Cholera zurückzusehnen.
oca schrieb am 14.03.2010 um 13:09
Übrigens noch ein schöner Kommentar von Niebel (dlf): "Ich habe ein Haus übernommen nach elf Jahren von Frau Wieczorek-Zeuls Führung, wo ich mir mehr Sorgen gemacht habe, dass dieser Geist aus jeder Pore herauskommt, musste aber zum Glück feststellen, dass es sich um hoch kompetente, qualifizierte und sehr motivierte Mitarbeiter handelt"
Lutz Herden schrieb am 14.03.2010 um 13:38
Den dlf-Kommentar habe ich auch gehört, denke aber, dass der Vergleich mit der Cholera Frau Wieczorek-Zeul Unrecht tut. Ich halte außerdem die Metapher von dem nicht sozialdemokratisch infizierten Ministerium für ein selbstgefälliges Scheinargument von Niebel, der damit suggeriert, er sei ja gar nicht der große Auf- und Abräumer.
oca schrieb am 14.03.2010 um 15:01
"Ich halte außerdem die Metapher von dem nicht sozialdemokratisch infizierten Ministerium für ein selbstgefälliges Scheinargument von Niebel, der damit suggeriert, er sei ja gar nicht der große Auf- und Abräumer."

Ja, das ist völlig richtig. Allerdings hat Niebel bei vielen Mitarbeitern des BMZ sicherlich auch recht, wenn er sie als willige Technokraten beschreibt. Niemand macht in solchen Institutionen Karriere, weil ihm/ihr so etwas wie "Gerechtigkeit" oder "Menschlichkeit" am Herzen lägen. Der Anteil solcher Menschen dürfte im BMZ nicht sonderlich höher sein als in anderen Ministerien. Warum sollte er es auch sein? Denken Sie an den personellen Austausch, der da stattfindet. Wenn jemand von irgend einem Landeswirtschaftsministerium ins BMZ wechselt, bedeutet das ja nicht, dass dort die Erleuchtung wartet. Es ist allerdings anzunehmen, dass diejenigen im BMZ, die gelegentlich noch an etwas anderes denken als an ihre eigene Karriere und an deutsche Interessen (es ist ja nicht auszuschließen, dass solche Betriebsunfälle vorkommen), Herrn Niebel ein Dorn im Auge sind.
oca schrieb am 14.03.2010 um 15:08
P.S.: Ich wollte Sie mit dem Niebel-Kommentar übrigens unterstützen, nicht kritisieren, weil daraus ja gerade Niebels Verachtung für WZ hervorgeht.

Meine Cholera-Metapher bezog sich auch nicht auf Frau WZ persönlich, sondern auf das "Entwicklungshilfe"-System als Ganzes. Frau WZ war vielleicht eher die Krankenschwester, die dem Cholerapatienten liebevoll eine Tasse Kamillentee reicht. Warmherzig und wirkungslos.
Lutz Herden schrieb am 15.03.2010 um 06:57
Sie haben sicher grundsätzlich Recht, aber der Globale Aids-Fonds mit seinen Hilfen vor allem für den Süden Afrikas, für den in der Amtszeit von Frau Wieczorek-Zeul viel getan worden ist, kann wirklich nicht als eine "Tasse Kamillentee" bezeichnet werden.
Lutz Herden schrieb am 18.03.2010 um 16:56
die Frage ist, ob Sie ihn das spüren lassen.
oca schrieb am 15.03.2010 um 15:38
Ja, wahrscheinlich haben Sie recht und ich bin etwas zu streng mit Frau WZ. Noch ein paar Monate Niebel und ich werde mich wohl auch nach ihr zurücksehnen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 15.03.2010 um 19:53
Was von Niebel zu halten ist weiss ich nicht, aber eines ist gewiss, wenn "Entwicklungshilfe-Politik so weitergeht wie bisher wird sie weiterhin von nationalen Interessen geprägt sein. Und "Natürlich kann Entwicklungshilfe durchaus mit der Außenwirtschaftspolitik eines Staates auf Tuchfühlung gehen, wie das Minister Niebel nahelegt", und dies, denke ich, ist ein MUSS.

Europa sollte mit seiner Entwicklungshilfepolitik gemeinsam auftreten. Eine ECHO in Brüssel ist teuer genug, aber billiger als all die nationalen Ministerien und Institutionen ist sie allemal. Obendrein werden Hilfsleistungen mit national-staatlichem Interessen etwas besser beschränkt.

Ein praktisches Beispiel: vor ein paar Wochen ging es im Süd-Sudan um ein Projekt für ein Wasser-Kraftwerk. Ein europäisches Unternehmen machte ein Angebot (nicht Siemens). Ein "chinesisches", repräsentiert durch ein global arbeitendes US Beratungsunternehmen mit einer Dependance in Shanghai machte auch ein Angebot. Der europäische Anbieter hatte nicht die geringste Chance, Beijing hatte unbürokratisch in einer Woche alle Kredite bewilligt und eine Woche später einen Finanzierungsplan präsentiert. So etwas ist wegen der vielen nationalen Ministerien und Interessen undenkbar. Der französische Anbieter sagte resignierend: "es ist immer das Gleiche, bevor die in Paris und dann in Brüssel haben die Chinesen nicht nur den Auftrag längst in der Tasche". Der andere Anteilseigner des staatseigenen chinesischen Unternehmen ist ein US Unternehmen, das billig Turbinen in einer ehemaligen Panzerfabrik zusammen schraubt. Das verbreitete Vorurteil China würde Entwicklungsländer mit Billig-Ramsch überschwemmen ist eine Ausrede um die eigene Ineffizienz zu kaschieren.

Es ist auch genug Finanzkraft, abgesichert durch Rohstoffe, in Afrika vorhanden. Es gibt viele gut ausgebildete Ingenieure. Die brauchen dort keine bürokratischen "Experten" und humanitäre Parasiten, sondern mehr Respekt, gegenseitige Gleichstellung eben. Das Vorurteil alle und alles dort sein korrupt ist schlicht Quatsch. Sambia, Tansania, Ghana, Elfenbeiküste usw sind ein Beispiel dafür.
Lutz Herden schrieb am 17.03.2010 um 20:15
Aber genau mit dieser Unterstellung lässt sich eben gut Politik machen.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG