Politik

Irak | 20.03.2010 13:00 | Martin Chulov

Operation "Klar Schiff"

Sobald das Ergebnis der Parlamentswahl vom 7. März von allen Parteien anerkannt wird, will Präsident Obama das Zeichen für den Beginn des Abzugs der US-Truppen geben

Jede Nacht bereitet sich auf einer gigantischen Militärbasis nördlich von Bagdad ein Team auf die Aktion vor, die für US-Soldaten im Irak so bestimmend sein wird wie kein anderes Ereignis seit der Invasion vom März/April 2003. Der ranghohe Offizier, der den militärischen Abzug logistisch koordiniert, hält seine Mission für einen der angenehmsten Aufgaben im ganzen Irak. „Ich habe den besten Job, den man hier derzeit haben kann“, sagt Brigadegeneral Paul Wentz vom 13. Streitkräfte-Unterstützungskommando, „das steht ganz außer Frage.“

Wie in Vietnam

Ob dieses Urteil auf der Erfahrung einer schwierigen Besatzung, dem nahen Ende eines unbeliebten Krieges oder der Tatsache beruht, dass seine Leute den "Fall Exit" so gut vorbereiten, dass nichts mehr schief gehen kann, lässt Wentz offen. Wie dem auch sei, die Frauen und Männer seines Korps sitzen in den Startlöchern, um mit der größten Truppen- und Materialbewegung zu beginnen, die an den Abzug vor über 40 Jahren aus Vietnam erinnert.

Der Befehl wird innerhalb der nächsten 60 Tage erwartet, sobald das Resultat der Parlamentswahl vom 7. März feststeht. Sollte das amtliche Endergebnis unumstritten sein, wird der Oberbefehlshaber der US-Armee das Ende eines Krieges verkünden, den er unlängst als „dumm“ bezeichnet hat. Sobald General Wentz dann den entscheidenden Anruf von Ray Odierno, dem Befehlshabenden US-General im Irak, erhält, wird eine gewaltiger Tross aus Lastkraftwagen, eine Armada von Flugzeugen und ein Flotte von Schiffen mit der Evakuierung von rund 45.000 Soldaten und mehr als einer Million Tonnen Ausrüstung – von übergroßen Bulldozern bis hin zu Wasserkühlern – beginnen. Dieser Rückzug wird alles erfassen, was für Betrieb und Unterhalt eines riesigen Kriegsmaschinerie notwendig war.

Für die irakischen Streitkräfte verheißt dieser Ausstieg reiche Bescherung. Ende 2009 legte die US-Regierung fest, dass Ausrüstungsgegenstände in einem Wert von bis zu 30 Millionen Dollar in den verschiedenen Stützpunkten zurückgelassen werden dürfen. Das bedeutet ein 15-faches Plus im Vergleich zum ersten Entwurf der Richtlinien, wie sie vor fünf Jahren geschrieben wurden. Insgesamt müssen 31 Millionen Posten verpackt werden, darunter allein 43.000 Militärfahrzeuge, etwa 600 Hubschrauber, 120.000 Container und 34.000 Tonnen Munition. Der Transport wird voraussichtlich 240.000 LKW- und 119 Schiffs-Ladungen umfassen.

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Viel dazu gelernt

Nach der ersten Phase des Abzugs, die bis zum 30. August abgeschlossen sein soll, werden noch 50.000 US-Soldaten im Land stehen, die sich allerdings nicht mehr an Kampfhandlungen beteiligen sollen – und statt auf bisher 290 auf weniger als zehn Militärbasen stationiert sein werden. Auch wenn sich diese Präsenz nicht als strategisches Nullsummenspiel abtun lässt, dürfte der Rückzug jenseits der irakischen Grenzen als letzter Akt des Krieges wahrgenommen werden. General Wentz. „Damit wird ein Kapitel der Geschichte abgeschlossen, und wir werden sicherstellen, dass es als gutes Kapitel in die Geschichte eingehen wird“, sagt er auf dem gigantischen Luftwaffenstützpunkt Balad, von dem aus noch heute Tag für Tag bis zu 3.000 US-Jets in den irakischen Luftraum aufsteigen. „Unsere Jungs sind immer noch sehr beschäftigt. Wir freuen uns über das Gefühl, etwas verändert zu haben. Ein Erfolg wäre für uns, wenn wir im September aufwachen und niemand bemerkt hat, dass wir weg sind.“

Dies mag für den Irak gelten, wo die Menschen sich schon lange über die gewaltigen Konvois der US-Armee beschweren, weil die – wo immer sie auftauchen – ein Verkehrschaos anrichten. Gleiches gilt für die oft nicht enden wollenden Sicherheitskontrollen der Besatzer. Das US-Oberkommando stört das wenig, es fühlt sich allein von dem Wunsch getrieben, auf keinen Fall Fehler des Abzugs aus dem Irak nach der Operation Wüstensturm von 1991 zu wiederholen. Der wurde vom Verlust an Ausrüstung und allgemeiner Inkompetenz überschattet. „Wir haben seit damals viel dazu gelernt“, sagt Wentz. „Es gibt bei uns nicht mehr diese Waffenlager, wie man sie aus den Indiana-Jones-Filmen kennt, bei denen kein Mensch weiß, was sie alles beherbergen. Vieles, was im Golfkrieg von 1991 schief gegangen ist, wurde korrigiert. Für den amerikanischen Steuerzahler ist das wichtig. Wir müssen verantwortlich handeln und die Steuergelder gut verwalten.“

Auch wenn das Hauptkontingent noch aussteht, so sind Panzer und die unter dem Namen MRAPS bekannten großen Militär-LKW bereits unterwegs. Einige von ihnen verlassen den Irak mit ihren Einheiten, manche werden für einen anderen Schauplatz und Krieg in Marsch gesetzt. „Die Ausrüstung geht nach Süden, wird dann aller Wahrscheinlichkeit nach in Kuwait überholt und von dort nach Afghanistan geschickt“, so Wentz. „Einige der Container werden über den irakischen Hafen Umm Qasr und Aqaba in Jordanien verschifft.“ Der Abtransport firmiert unter dem Code Operation Clean SweepOperation Klar Schiff.
Übersetzung: Holger Hutt

 
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