Der 18. März 1990 ist ein milder, sonniger Frühlingstag, zum Flanieren geboren, zum Wählen genutzt. Der Schock kommt Punkt 18.00 Uhr mit der ersten Prognose aus dem Zentralen Wahlstudio des Deutschen Fernsehfunks (DFF) im Palast der Republik. Der horizontal und nach rechts über den Bildschirm laufende Balken will in seinem Lauf nicht innehalten. 48 Prozent für die aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch formierte Allianz für Deutschland, nur enttäuschende 21,9 Prozent für die Ost-SPD von Ibrahim Böhme. Helmut Kohl hat die Volkskammerwahl in der DDR gewonnen. Ein Auswärtssieg nach einem Heimspiel. Die Herbst-Revolutionäre haben ausgesorgt, der Bürger will nicht länger Citoyen sein und ein Basta los werden. Bündnis90, Sammelbecken der Bürgerrechtler, erzielt blamable 2,9 Prozent und verdankt es dem Verzicht auf jedes Mindestquorum, überhaupt Abgeordnete in die letzte Volkskammer der DDR schicken zu können.
An diesem Wahltag hat sich die DDR selbst abgewählt. Sie schrumpft zur „Fußnote der Geschichte“, wie der Schriftsteller Stefan Heym noch am Wahlabend befindet. Viele Draufblick, noch mehr Weitblick. Denn es geschieht, was so oft in der Geschichte zu beobachten war – aus Revolutionären einer Wende werden wendige Revolutionäre. Das Volk, in diesem Fall das Wahlvolk, scheint vor sich selbst erschrocken, seiner Souveränität und Macht überdrüssig. Wohin damit? Der 18. März 1990 schafft Abhilfe.
Kopf hoch, nicht die Hände
Noch Mitte Februar 1990 hat es sich das Gros der Parteien und Bewegung, die seit Dezember 1989 am Runden Tisch sitzen und einiges dafür tun, das aus dem Systemeinbruch kein Staatsnotstand für Millionen DDR-Bürger wird, energisch verbeten, dass westdeutsche Parteien den DDR-Wahlkampf bestreiten. Doch weder dieses Gremium, geschweige Rudimente von DDR-Staatsmacht besitzen Willen und Autorität, dieser Anmaßung zu begegnen. Die Fremdbestimmung erprobt, wie weit sie gehen kann. Sie kostet ihre Lokaltermine aus: Helmut Kohl redet in Erfurt, Leipzig und Rostock, Hans-Dietrich Genscher in Halle, Willy Brandt gleichfalls in Leipzig. Nur die PDS will den Beweis antreten, wie sehr sie historische Schuld in die demokratische Katharsis getrieben hat, und verschreibt sich einem Faiplay, das niemanden zur Gegenleistung treibt. Ihr Noch-Ministerpräsident Hans Modrow, der mit einem Kabinett der nationalen Verantwortung die DDR ohne ökonomischen Kollaps über den Winter bringt, will von keinem Amtsbonus zehren. Er spricht nur auf einer einzigen Wahlkundgebung am 13. März 1990 vor 50.000 Zuhörern in Neubrandenburg. Ein kleines Heimspiel im bevölkerungsarmen Norden, das bringt der PDS nicht viel. So sehr auch an ihr Spitzenkandidat Gregor Gysi als wahlkämpfender Fallschirmspringer aus allen Wolken fällt und Sympathisanten wie Denunzianten in Massen sammelt, die 16,4 Prozent für die PDS am 18. März erscheinen alles in allem respektabel, viel bewirken können sie nicht.
Die Weichen sind ohnehin gestellt. Die noch vor dem Wahltag in Aussicht genommene Wirtschafts- und Währungsunion braucht den Segen des Wählers. Der Kurs für den Umtausch von DDR-Mark zu Deutscher Mark steht längst fest. Wer will es einer Mehrheit der DDR-Bürger verübeln, dass sie der D-Mark ihre Zukunft anvertraut und Kohls Versprechen von den "blühenden Landschaften" glaubt? Kopf hoch und nicht die Hände – das ist leicht gesagt, aber ohne den Bürger eines untergehenden Staates gedacht.
Bereits auf dem Schreibtisch
„Die Einheit muss so schnell wie möglich kommen, aber ihre Rahmenbedingungen müssen so gut, so vernünftig und so zukunftsfähig wie nötig sein“, heißt es in der Regierungserklärung von Premier de Maizière am 19. April 1990. Ein frommer Wunsch. In seinem 133-Tage-Kabinett sitzt – bis CSU-Chef Waigel den Rauswurf durchsetzt – der Sozialdemokrat Walter Romberg als Finanzminister. In einem Interview für den Freitag im Juni 2000 erinnerte er sich: „Als ich das Finanzministerium übernahm, lagen auf meinem Schreibtisch bereits Textentwürfe für den Staatsvertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion ...“
Der Wähler hat sich eine Regierung gewählt, die nicht viel zu sagen hat und sagen will. Auch das ist ein Ergebnis des 18. März 1990, der letzten Endes allein darüber entscheidet, nicht ob, sondern wie schnell die DDR ins Koma und in die Einheit fällt. Am 19. März um 2.17 Uhr gibt die Wahlkommission das vorläufige Endergebnis bekannt – um 2.17 Uhr ist alles vorbei.
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In diesem Zusammenhang möchte auf einen Artikel (Chronik) im Berliner "Tagesspiegel" vom 17.12.2009 hinweisen. Darin findet sich folgende "Erinnerung":
Ich zitiere: [.....]Nach einer Meinungsumfrage von ZDF und „Spiegel“ sind 73 Prozent der DDR-Bürger dafür, weiterhin in einer souveränen DDR zu leben. Nur 27 Prozent möchten eine Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik. Viele fühlen sich in ihrem Land trotz der wirtschaftlichen und politischen Bankrotterklärung immer noch besser aufgehoben als in der Bonner Republik. Die Gründe: besserer Schutz vor Arbeitslosigkeit, flächendeckende Kinderbetreuung, mehr Gleichberechtigung für Frauen, besserer Schutz vor Verbrechen und Drogen. Mehr als 80 Prozent gaben an, schon mal im Westen gewesen zu sein. [....] www.tagesspiegel.de/berlin/Wendekalender;art270,2977588 Worauf will ich hinaus? Diese Umfrage macht deutlich, dass im Dezember des Jahres 1989 die Stimmung in der damaligen DDR eine wesentlich andere war, als es in den Reden westdeutscher Politiker anklang. Übrigens das oben anführte Umfrageergebnis - mit aller Vorsicht - gibt auch die Willen (wenn auch nicht die Gründe) der damaligen "Bürgerrechtsbewegten" wieder. Also ganz so falsch, kann also auch Oskar Lafontaine nicht mit seiner damaligen "Einschätzung" gelegen haben. Fast könnte man meinen, er war ex ante dem Denken der DDR-Bürger näher als die, die heute sich diese Wiedervereinigung so gern an das eigene Revers heften möchten. Aber auch die erwähnten Gründe dürften noch heute sehr aufschlussreich sein. Führt man sich die damalige Umfrage vor Augen, drängt sich geradezu die Frage auf, was den Stimmungsumschwung bis zum März 1990 bewirkt haben mag? Damit hier kein Missverständnis auftritt, ich war damals und bin es auch heute ein Befürworter der Vereinigung. Auch wenn mir die Art und Weise, der Weg dorthin und weiterhin missfällt. |
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schrieb am
18.03.2010 um 16:56
Hoffentlich der richtig funktionierende Link
www.tagesspiegel.de/berlin/Wendekalender;art270,2977588 |
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Die Realität der offenen Grenze, anfangs mit großer Euphorie bedacht, führte auch zu völlig neuen ökonomischen Realitäten und damit für viele DDR-Bürger zu der Frage, wie würden beide deutsche Staaten damit umgehen? Gab es eine schrittweise Vereinigung und konföderative Strukturen oder eben eine baldige Währungsunion, die dann auch den Beitritt der DDR nur noch als Frage der Zeit erscheinen ließ. Der letzte Besuch von Hans Modrow in Bonn (Februar 1990) als DDR-Ministerpräsident brachte die Gewissheit, dass die Regierung Kohl nicht bereit war, durch ökonomische Hilfe einer souveränen DDR unter die Arme zu greifen.
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schrieb am
18.03.2010 um 17:26
Zitat:
"Der letzte Besuch von Hans Modrow in Bonn (Februar 1990) als DDR-Ministerpräsident brachte die Gewissheit, dass die Regierung Kohl nicht bereit war, durch ökonomische Hilfe einer souveränen DDR unter die Arme zu greifen." Sehen Sie,werter Lutz Herden, das glaube ich nun nicht. Helmut Kohl hätte es sich doch gar nicht leisten können und wollen, diese Chance auf die Deutsche Einheit durch solch eine Androhung auf's Spiel zu setzen. Dass er einer von der damaligen SED geführten DDR wenig Sympathie entgegen bringen konnte, diese so nicht am Leben erhalten wollte, dürfte wohl niemanden verwundern. Glaube selbst den DDR-Bürgern wäre eine solche Regierung als Weg in eine neue Zeit nicht vermittelbar gewesen. Selbst das Ergebnis vom 18.März 1990 war doch so gar nicht vorhersehbar. Also müssen noch andere Dinge auf den Prozeß eingewirkt haben. Auch wenn alles immer eine gewisse Eigendynamik entwickelt, erklärt diese jedoch nicht alles. Wer weiß, irgendwann wird auch in diese Zeit mehr Licht hineingelenkt und erhellt uns. :-) |
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schrieb am
18.03.2010 um 19:28
Martin Walser, Ein springender Brunnen (1.Seite)
"Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte. Allerdings ist man dem näher als anderen. Obwohl es die Vergangenheit, als sie Gegenwart war, nicht gegeben hat, drängt sie sich jetzt auf, als habe es sie so gegeben, wie sie sich jetzt aufdrängt. Aber solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte. Als das war, von dem wir jetzt sagen, daß es gewesen sei, haben wir nicht gewußt, daß es ist. Jetzt sagen wir, daß es so und so gewesen sei, obwohl wir damals, als es war, nichts von dem wußten, was wir jetzt sagen." Das Bedürfnis, sich an die auch eigene Vergangenheit zu heutigen Zwecken und Absichten passend zu erinnern, ist ein großes. Daran läßt sich wohl auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Die heute offizielle Wende jedenfalls habe ich so nicht erlebt. Zwanzig Jahre alter Schnee. Aber doch erstaunlich, daß er immer noch nicht weggeschmolzen ist. |
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der wendekalender noch mal
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schrieb am
19.03.2010 um 09:20
Danke für den funktionierenden Link.
Ergänzend z.o.a. Angeführten Richard von Weizsäcker am 6.März 1990, also nach der Modrow-Reise in der "Financial Times" Auszug aus dem "Wendekalender": "Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) wendet sich im Interview mit der Zeitung „Financial Times“ gegen eine Festlegung Bonns auf den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes als einzig möglichen Weg und tadelt die Debatte hierüber. Es werde „zunächst vor allem in der DDR entschieden“, ob Artikel 23 der Weg zur Einheit sei. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hatte diesen Weg als „Königsweg“ bezeichnet. Möglich ist die Vereinigung auch nach Artikel 146 (verfassunggebende Versammlung). Viele in der DDR wollen keinen einfachen „Anschluss“. Gru (Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.03.2010) |
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Es hatte vor dem Modrow-Besuch am 13. Februar 1990 in Bonn beim kurz zuvor stattgefundenen Weltwirtchaftsforum in Davos eine informelle Absprache zwischen Vertretern beider deutscher Regierungen gegeben (Modrow war selbst dort), wonach die DDR mit 15 Mrd. DM unterstützt werden sollte, u.a. für ökonomische Verluste, die ihr durch den Abkauf von subventionierten Waren bei der seit dem 9.11. 1989 offenen Grenze und einem künstlich hoch gehaltenen Wechselkurs entstanden. Die Summe sollte jedoch auch ein Ausgleich für die Reparationsleistungen gegenüber der Sowjetunion sein, die von der DDR als Kompensation für die auf sowjetischem Territorium angerichteten Kriegszerstörungen aus den Jahren 1941 und 1945 ganz allein getragen wurden. Und das bis Mitte der fünfziger Jahre hinein, während die Bundesrepublik der Segnungen des Marshall-Planes teilhaftig wurde.
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Gerade lese ich in einem Buch über den Warthegau in den 1940er Jahren. Ich weiß, das gehört gar nicht hierher. Aber warum nur kommt mir das alles nur so schrecklich bekannt vor? "Wer waren im Warthegau die Deutschen? Am meisten zu sagen hatten die Leute aus dem Altreich, die von 1939 an zur Übernahme einträglicher und einflussreicher Positionen in das eroberte Gebiet gekommen waren. Erheblich ohnmächtiger waren die sogenannten Volksdeutschen. Und da gab es die Umsiedler. Aber wer im Zeitgeist mitmachte, hatte nichts Nachteiliges auszustehen, und fast alle machten mehr oder weniger aufbaufreudig mit, dies auch ungeachtet der Anweisung an jedermann, die Herkunft möglichst schnell zu vergessen und sich künftig nur noch als "Volksgenosse" zu betrachten..." - irgendwie unheimlich, diese Wiederkehr des Immergleichen. Gespenster...
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Adieu DDR!! Na Gott sei Dank!!
Komisch, in den 10 Jahren Ostdeutschland waren unter den Menschen, denen ich begegnet bin, kaum welche, die sich - so meine zugegeben subjektive Auffassung - mit diesem Artikel identifiziert hätten oder identifizieren würden - außer vielleicht der etwas abgeschottete Lesezirkel von Christa Wolff. |
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Wenn Sie die Leser von Christa Wolf als "abgeschotteten Lesezirkel" bezeichnen, ist allein das schon Indiz dafür, wie wenig Sie den Osten verstanden haben. Es mag nach großer Keule aussehen, aber das muss Ihnen dann schon entgegen halten werden: Zu diesem "abgeschotteten Lesezirkel" gehörten dann ja wohl auch die 300.000 oder 400.000 Leute, die Christa Wold mit erkennbarer Zuwendung folgten, als sie am 4. November 1989 bei der bewussten Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz sprach. Ein Teilnehmerzahl, die heute von Westdeutschen, die erfreulicher Weise nicht dabei waren, aber natürlich heute genau wissen, wie das damals alles ablief, gern übertrieben hoch angegeben wird. Ich nehme an, um anzudeuten, dass es sich da um "abgeschottete" Außenseiter handelte.
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ich meine nicht die LeserInnen, sondern die TeilnehmerInnen am Lesekreis von Christa Wolf - das sind etwa 40-60 Personen.
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durfte durch glückliche Umstände mehrmals teilnehmen...
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schrieb am
19.03.2010 um 16:59
„Eine Teilnehmerzahl, die heute von Westdeutschen, die erfreulicher Weise nicht dabei waren, aber natürlich heute genau wissen, wie das damals alles ablief, gern übertrieben hoch angegeben wird.“
Diese Aussage werter Lutz Herden beeindruckt mich, weil sie das ganze Dilemma der Deutschen Einheit auf den Punkt bringt. Diese westdeutsche Klugscheißerei, bar jeder Kenntnis. Weil Sie aber den 4.Nov. 1989 erwähnen und hier in der Antwort auf Christa Wolf abheben, möchte ich meine Favoritin dieses Tages hier einbringen. Steffie Spira. Eine wunderbare Schauspielerin, eine erstaunliche Persönlichkeit, aber vor allem eine sehr beeindruckende Rednerin auf dem Alex. Auch als West-Berliner werde ich, der am Fernseher „Live“ dabei war, diesen Auftritt nicht vergessen. Heute noch Chapeau Steffie Spira! Für die, die sich für Steffie Spira interessieren! |
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"außer vielleicht der etwas abgeschottete Lesezirkel von Christa Wolff."
Das war bestimmt in Zeiten, wo "die Messen schon gesungen waren". Wie es aber auch immer sei: Die Zahl der Leute, die das heute ähnlich sehen wie Lutz Herden, nimmt einfach zu. Das ist ja der GAg. Ich war zu Wendezeiten CDU-Ost, ich fand das alles o.k., wie es so ging und bin jetzt absolut links gelandet. Und so geht es vielen. Ja, die Kiste mit Steffi Spira ist auch bekannt, nur sie war später auch enttäuscht, so wie viele. |
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schrieb am
19.03.2010 um 17:30
Egal, wer alles enttäuscht war, wurde.
Interessant war doch die Dokumentation Steffie Spira und Camilla Spira Wunderbar, wie hier gezeigt, dokumentiert wurde, wenn zwei WELTEN aufeinandertreffen, obwohl es Schwestern waren. Hat mich beeindruckt! Aber nur noch so nebenbei, auch wir müssen erkennen, wie uns die deutsche Teilung nicht nur getrennt hat, nein viel wichtiger, wie uns diese Jahre deformiert haben im Denken. |
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Magda schrieb am 19.03.2010 um 17:15
"Ich war zu Wendezeiten CDU-Ost, ich fand das alles o.k., wie es so ging und bin jetzt absolut links gelandet." Neugierig von West nach Ost gefragt: Und was war vor der Wende und wie "ging" das dann von Ost-CDU nach ganz (?) links? |
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"48 Prozent für die aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch formierte Allianz für Deutschland, ..."
Dieser Satz klingt für mich als kritischer Bürger, der ich aus einer drückend konservativ CSU-lastigen bayerischen Gegend stamme, leicht unwirklich. "Ich war zu Wendezeiten CDU-Ost, ich fand das alles o.k., wie es so ging und bin jetzt absolut links gelandet." Ich bin wie sicherlich viele Menschen im heutigen Deutschland mit der sich zunehmend zum Einheitsbrei mutierenden Landschaft der etablierten Parteien und der sich extremisierenden politischen Mitte unzufrieden. Die Linke ist mir als linksalternativ orientierter und von der arg negativen Entwicklung der BRD enttäuschter Bürger die passendste Partei. Ohne das linke Potential aus den neuen Bundesländern hätte die linke Seite (wozu ich die Grünen und insbesondere die SPD allermehrheitlich nicht mehr zähle) keine reelle Chance in den alten Bundesländern und auf der Bundesebene. |
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Die CDU-Ost hatte dabei mit fast 41 Prozent den größten Stimmenanteil, was allerdings weniger etwas damit zu tun hatte, dass ihr die Leute abnahmen, sie habe sich glaubwürdig mit ihrer Rolle als größte Partei im Demokratischen Block der DDR (Blockpartei) und Regierungspartner der SED auseinander gesetzt. Die CDU-Ost war seit Mitte Februar 1990 in den Augen der CDU-West einfach zum Juniorpartner beim Vollzug der Einheit aufgestiegen - und die DDR-Wähler wussten das. Auch Kanzler Kohl hatte sich von Eberhard Diepgen, dem damaligen Regierenden Bürgermeister in Berlin-West, davon überzeugen lassen, dass man nicht auf Schnur und Eppelmann aus dem "Demokratischen Aufbruch", sondern auf de Maiziere und eine zu DDR-Zeiten entstandene Organisationsstuktur der Ost-CDU setzen musste.
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»Die CDU-Ost war seit Mitte Februar 1990 in den Augen der CDU-West einfach zum Juniorpartner beim Vollzug der Einheit aufgestiegen - und die DDR-Wähler wussten das.«
Was genau war damals so attraktiv für die DDR-Wähler an der CDU? Das war und ist eine konservative Macht-Partei. Waren die vielen DDR-Bürger, die 1989 progressiv auf die Straße gegangen sind, dieselben, die dann die CDU und die DSU gewählt haben? Ich meine, wofür geht man unter Gefahren auf die Straße, wofür kämpft man für Demokratie? Um dann zum Juniorpartner zu werden, der BRD angeschlossen zu werden, kapitalistisch abgewickelt zu werden, und schließlich quasi als "verwelkte Landschaften" (nach den kohl'schen "blühenden Landschaften") und BRD-Bürger 2. Klasse zu enden. Oder war die Bevölkerung in der damaligen Aufbruchs-DDR und diejenige in der Alt-BRD mental doch gleicher als so oft angenommen? Leider sind Parallelwelten nur fiktional möglich, sonst könnten wir in eine Welt schauen, die sich anders entwickelt hat: nicht mit einer aufgelösten, sondern einer souveränen, demokratisch runderneuten DDR. |
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Es ist ja allgemein bekannt und auch beobachtet worden, dass die Demonstranten, die im Oktober und November 1989 unterwegs gewesen sind, kaum mit denen identisch waren, die dann ab Dezember Deutschland-Fahnen schwenkend Straßen und Plätze bevölkerten. Einer erneuerten und gewendeten DDR wurde nicht mehr zugetraut, sich durchzusetzen. Die Flucht in die DM war letzten Endes auch eine Flucht des DDR-Mittelbaus in die BRD, auch wenn die Leute in Leizpig oder Dresden blieben.
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Eigentlich sind meine Fragen rhetorischer Art. Ich bin einfach unzufrieden mit der Entwicklung in Deutschland. Es herrscht ein irgendwie befremdlicher Fatalismus in der Bevölkerung, kombiniert mit einem gesellschaftlichen Radfahrertum. Ich bin beileibe kein Revoluzzer, sondern nur ein ruhig nachdenkender und hinterfragender Mensch, aber diese scheinbare Unausweichlichkeit, die allerorten konstatiert wird, das kann es nicht sein.
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schrieb am
21.03.2010 um 13:18
@Red Bavarian
Gibt es Grund zu der Annahme, dass eine selbständige, reformierte DDR eine deutlich andere Entwicklung genommen hätte als das in den letzten 20 Jahren in Polen, Tschechien, Ungarn, etc. der Fall war? |
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schrieb am
21.03.2010 um 22:53
Dieser Wechsel, oder die Verdrängung der ersten Protagonisten durch eine Garde, die eher ihre persönliche Karriere im Blick hatten, als die Gestaltung einer souveränen freien Gesellschaft, lässt sich auch gut an Frau Merkel aufzeigen. Durchaus angepasst an die DDR- Verhältnisse und abwartend bei den Bewegungen 1988-89 schnellte sie dann hervor, als sich für sie persönlich etwas bot. Und genauso wie in der DDR hatte sie den Instinkt, den Weg des geringsten Wiederstandes zu gehen. So unsouverän eine solche Haltung ist und sich an persönlicher Macht als Wert festmachen muß, so ist dann auch die Politik. Habe kürzlich eine Dokumentation über ein kleines Fischerdorf in der DDR gesehen. Dort tauchte 89 oder 90 die Merkel im Wahlkampf auf und wollte etwas für die Fischer tun. Die hat dann bis heute natürlich niemand mehr dort gesehen - und die Fischer sind auch keine mehr, das Dorf halbverlassen.
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Die einen hatten einen Plan, die anderen nicht. Für mich war es furchtbar, das Chaos am Ende der DDR miterleben zu müssen. Ein Ende, das man seit Jahren ahnen konnte.
Diese Ratlosigkeit dortiger Politiker damals, das hilflose Gestammele, die Plan-, Sprachlosigkeit und Entschuldigungsbeflissenheit, die Akzeptanz westlicher Autoritäten. Und vieler Schwätzer. Diese Implosion eines Systems mit so viel Herzeigbarem (von dem sich manches allerdings unverdrossen durchsetzt, auch in den Künsten, ein kleiner Trost). Die Einverleibung einer besser gebildeten Bevölkerung, einer kulturell überlegenen Gesellschaft durch eine deutlich dümmere. So denke ich an den 19. März 1990 um 2 Uhr 17. Als Westler. |
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Den letzten Gedanken über die Einverleibung teile ich, allerdings beruht dieses Urteil bei mir auf der Erfahrung des tatsächlichen Zusammentreffens von West und Ost nach dem 3. Oktober 1990. Da war viel Ernüchterung über die fehlende westdeutsche Bereitschaft zum differenzierten und fairen Umgang mit dem, was ihnen im Osten begegnete, zu überstehen. Sie kamen, um abzuräumen. Und es trat ein Phänomen ein: Man fühlte sich als Ostdeutscher in fast allen Vorurteilen bestätigt, die man 1989/90 zu verwerfen bereit war. Das wiederholt sich bis heute immer wieder, die tägliche Erfahrung lässt keine andere Wahl.
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schrieb am
21.03.2010 um 20:54
@weinsztein:
"Die einen hatten einen Plan, die anderen nicht ..." Die einen sind über die Grenze, die anderen standen montags bspw. in Leipzig – NACH Feierabend (das Geld für die Bahnsteigkarte musste schließlich erst verdient werden). |
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"...Sie kamen, um abzuräumen..."
Zu allem, was hier in den Kommentaren steht, wäre so viel zu sagen und zu schreiben. In so kurzer Form - wie hier geboten - kann man dem Thema und den KommentatorInnen nicht gerecht werden. Es gibt so viele Wendeerlebnisse, so viele Wendeinterpretationen, so viele DDR's und BRD's wie es Deutsche gibt. |
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na, so ein Quatsch! Sie werfen, SiebzehnterJuni, einfach das Handtuch. Man darf schon noch systemisch denken und muss nicht immer alles individualisieren und privatisieren. aber natürlich ist das bequemer. Es kann ja auch jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen. Glauben Sie wahrscheinlich auch!
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ich habe so viele Kolleginnen und Kollegen kennen gelernt, die in Prenzlau, Eberswalde, Müncheberg, Finsterwalde, Sonnenwalde etc. nahezu in der gleichen Straße wohnten oder zur gleichen Schule in die gleiche Klasse gingen und dennoch stark abweichende Erfahrungen aus ihrer Zeit in genau der gleichen Stadt erzählten.
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@Siebzehnter Juni: Ich stimme zu, dass es x Ansichten zur Wende gibt, und dementsprechend viel zu sagen und zu schreiben wäre. DER/DIE Westdeutsche vs. DER/DIE Ostdeutsche, das ist zu vereinfacht und zu pauschal.
@Lutz Herden: »Sie kamen, um abzuräumen.« Das verwundert mich nicht als lebenslanger BRD-Bürger, der ich mich von der Mehrheitsgesellschaft distanziere. Aus der Artikel-Überschrift: »Am 18. März 1990 wählt die DDR sich selbst ab, werden aus Revolutionären der Wende wendige Revolutionäre, ist ein mündiges Volk auf neue Fremdbestimmung erpicht« Und vom 20.03.2010 um 20:40: »Es ist ja allgemein bekannt und auch beobachtet worden, dass die Demonstranten, die im Oktober und November 1989 unterwegs gewesen sind, kaum mit denen identisch waren, die dann ab Dezember Deutschland-Fahnen schwenkend Straßen und Plätze bevölkerten.« Also sind aus den Revolutionären der Wende nicht wendige Revolutionäre geworden, sondern die ersteren wurden von den letzteren in den Hintergrund gedrückt. "Masse statt Klasse", wie es plakativ heißt. Aus meiner Sicht besteht ein ironischer Nicht-Unterschied zwischen den Feiern des 40. Jahrestages der DDR mit der von der konservativen Macht-Partei SED bewegten Masse, und den Feiern der wiedervereinigten BRD mit der von der konservativen Macht-Partei CDU bewegten Masse. Zu bedenken ist bei meiner Ansicht, dass ich als linksalternativ orientierter bayerischer Bürger nicht amüsiert bin über die ewig lang alleinregierende und allgegenwärtige CSU in Bayern als Schwesterpartei der CDU, die von den neuen Bundesland-Bürgern klar gestärkt wurde. Zum Glück gibt es da im 21. Jahrhundert Auflockerungen in Bayern. Gspassig ist dabei, dass die bayerische CSU heute als "Sorgenkind" im Unions-Clan gilt, und gleichzeitig der bayerische Landesverband der Linken auch als "Sorgenkind" innerhalb der Linken. Was aber auch kein Wunder ist, da Bayern mit einem Haufen uriger Freigeister anders als "der große Rest der BRD" ist. Gleichfalls: Wie seinerzeit Franz Josef Strauß Deutschland krachert in schwarz erobern wollte, so will heute Klaus Ernst Deutschland krachert in rot erobern ;-) Es gibt halt nicht nur einen Ost-West-Konflikt, sondern auch einen Süd-Nord-Konflikt in Deutschland. Die designierte Ost-Süd-Doppelspitze der Linken erhitzt ja die deutschen Gemüter schon kräftig. |
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"Aus meiner Sicht besteht ein ironischer Nicht-Unterschied zwischen den Feiern des 40. Jahrestages der DDR mit der von der konservativen Macht-Partei SED bewegten Masse, und den Feiern der wiedervereinigten BRD mit der von der konservativen Macht-Partei CDU bewegten Masse."
Das konnte man schon bei den "Feiern" zum 20. Jahrestag des Mauerfalls beobachten, die sich an Geschichtsvergessenheit kaum überbieten ließen. |
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Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen sind sehr interessant - nur können sie einen nach tieferem Verständnis suchenden Zeitgenossen wohl kaum befriedigen. Dabei existieren 20 Jahre nach der Wende ungenutzte Verständnismöglichkeiten, die ein schlüssiges Bild der Wende durchaus zulassen. Schließlich war die Wiedervereinigung (oder besser der Anschluss) nur die Folge einer gravierenden gesellschaftlichen Entwicklung, zu der es keine Alternative gab. Wir sollten also zunächst der offiziell praktizierten Geschichtsvergessenheit (wie recht Lutz Herden mit dieser Begriffsbildung doch hatte!) zu Leibe rücken, dann werden sich - für den, der danach sucht - erstaunliche und auch befriedigende Einsichten ergeben.
Folgender Link kann dabei von Nutzen sein: "Die Wende 1989/90 - eine umfassende Bilanz" www.christian-sichler.homepage.t-online.de/ Wer im Netz - wo auch immer - eine tiefschürfendere Abhandlung über die Wende findet, der lasse es mich wissen! |
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einfach hinfahren und reden und sehen und bleiben. Einfach von Berlin nach Frankfurt/Oder über Landstraße, von Berlin nach Prenzlau über Landstraße, von Berlin nach Cottbus über Landstraße, von Berlin nach Stendal über Landstraße etc.Und einfach mal hier und da für 1 Stunde in die Sitzungen der Kommunalparlamente gehen und zuhören....Meist wird man sogar im Anschluss zu Bierchen eingeladen...
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