Politik

China | 31.05.2010 07:00 | Dirk Reetlandt

Fächertanz von Xichangdi

Als jüngst die ­Weltausstellung in Shanghai eröffnet wurde, gab es auch in einer dörflichen Gemeinde der Provinz Hebei ein denkwürdiges Ereignis

Anfang Mai war es im Dorf Xichangdi – es liegt in der Provinz Hebei und damit fast tausend Kilometer nordwestlich von Shanghai – den ganzen Tag über ohrenbetäubend laut. Zu verdanken hatte man das einer Musikgruppe aus der katholischen Kirchengemeinde des Nachbarortes. Sie sang keine Choräle, sondern sorgte mit einer Trommel von anderthalb Metern Durchmesser und einem Sortiment traditioneller Gongs beachtlichen Kalibers für Aufsehen. Diese Akustik schien nötig, denn in dieser Region von Hebei bauen die Bauern Meter hohe Betonmauern wie einen Wall um ihre Häuser. Nach draußen führt nur ein großes Stahltor. Und weil außer den Kindern auch in Xichangdi – für viele chinesische Dörfer typisch – fast nur Kranke und Alte wohnen, brauchte es Lautstärke, um auf die Aktion des Zentrums für Sozialdienste der katholischen Diözese Hengshui aufmerksam zu machen.

Das Zentrum kam mit 17 Ärzten, ausgebildeten Nonnen, einem EKG-Gerät und Labor für Blutuntersuchungen ins Dorf. Es gab einen Arzt für traditionelle chinesische Medizin und gleich zwei Psychotherapeuten – einen Priester und eine Nonne mit entsprechenden Zertifikaten der renommierten Peking-Universität. Es folgte eine Ansprache – völlig verzerrt durch den zu stark aufgedrehten Hall –, um die Ärzte vorzustellen. Es wurde mehrmals darauf hingewiesen, die Untersuchungen seien natürlich kostenlos. Niemand denke daran, Arzneimittel oder medizinisches Gerät zu verkaufen.

Wozu der ganze Lärm?

Während der Untersuchungen, als sich die Kranken und Alten vor den auf dem Dorfanger stehenden Tischen der Ärzte in Staub und heißer Sonne drängelten und sich nicht selten aneinander festhielten, lief übersteuerte Musik. Gegen Ende der Aktion, am späten Nachmittag, als der Laborarzt schon am Einpacken war und alle, die noch warteten, mit der Bemerkung, sie hätten keinen nüchternen Magen, wegschickt wurden, tanzten sechs Chinesinnen auf dem Betonvorsprung eines Hauses zum explosionsartigen Krachen der Lautsprecher ihren Fächertanz. Bis auf eine, die ihren Pullover wohl vergessen hatte, waren alle tiefschwarz gekleidet. In den Händen hielten sie je zwei weiße oder mintgrüne Fächer, verziert mit goldenem Flitter am Rand. Der Tanz selbst wirkte recht lustlos und zeigte, was auf dem Land lebende ältere Chinesinnen eben oft tanzen aus Langeweile oder um gesund zu bleiben. Die staubigen Absatzschuhe machten ihren Auftritt nicht besser.

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Wozu also der ganze Lärm? „Wir wollen, dass die Bauern ein Bewusstsein dafür bekommen, sich früher untersuchen zu lassen. Die ruhen sich bloß kurz aus oder schlucken irgendwelche Medikamente, aber behandeln lassen sie sich nicht. Bis sie dann wirklich nicht mehr laufen können. Weil sie Angst vor den Kosten haben“, erklärte Zhao Liu aus dem Hengshuier Zentrum. Können sich die Bauern einen Arzt denn überhaupt leisten? „Doch, es ist nicht so, dass sie gar kein Geld haben“, so Zhao Liu. „Man sieht es an den Häusern hier.“ Man sah es zwar wegen der vielen Mauern nicht, konnte es sich aber vorstellen.

„Alles stecken sie in ihr Domizil wie in einem Refugium“, fuhr Zhao Lin fort. „Aber wenn sie jetzt eine richtige Diagnose haben, dann nehmen die alten Leute schon etwas von dem Geld, das eigentlich dafür vorgesehen ist, dem Sohn ein Haus zu bauen und eine Frau zu finden. Sie werden das besonders dann tun, wenn die Krankheit lebensbedrohlich ist. Bisher gab es das noch nie, dass einer die Behandlung, die er nach unserer Diagnose begonnen hat, nicht bezahlen konnte“, erzählte Zhao Liu.

Bisher überlebt

Aber was ist mit der staatlichen Krankenversicherung, die gilt doch jetzt auch für die Bauern? Bekommen die ihre Ausgaben nicht erstattet? – „Wenn sich die Bauern an die ihnen vom Staat zugeordnete lokale Klinik wenden, bekommen sie einen hohen Prozentsatz“, sagte Zhao Liu und riss dabei die Augen auf, wie um zu unterstreichen, wie hoch dieser Anteil sei. „Sie bekommen 80 Prozent der Kosten erstattet, wenn sie stationär versorgt werden. Für ambulante Behandlungen gilt das nicht. Wenn sie jedoch in Hospitäler des Kreises oder der Stadt gehen, dann sinkt der Anteil. Und dann steigt auch der Sockelbetrag“, warnte Zhao Liu. Welcher Sockelbetrag? – „Na, wenn die Krankenhausrechnung zum Beispiel 500 Yuan beträgt, dann werden auf Kreisebene erst einmal 200 abgezogen, und vom Rest gibt es dann 80 Prozent erstattet. Für einen Klinik-Aufenthalt in der Stadt ziehen sie 700 Yuan ab, die der Patient selbst bezahlen muss.“ Das ist immerhin ein Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens einer Bauernfamilie in Hebei.

„Und Kosten für Vorsorgeuntersuchungen werden nicht erstattet, Kosten von mehr als 80.000 Yuan pro Jahr auch nicht. Es ist auch nicht so, dass du das Geld gleich bekommst. Ein oder zwei Jahre dauert das schon.“

In der Schlange vor dem „Optiker“ stand ein alter Mann im Mao-Anzug und einem um den Kopf geschlungenen Handtuch. Was hielt er von dem neuen Krankenversicherungssystem? „Nicht gut“, murmelte er. In seinem Mund hatte er ganz links vorn noch zwei Zähne und ganz rechts vorn zwei gelbe Stümpfe. Wenn man in ein Krankenhaus komme, dann müsse man dort auch die Medikamente kaufen. „Die sind teurer als in der Apotheke. Wenn du also die Hälfte der Kosten erstattet bekommst, aber die Rechnung auch doppelt so hoch ausfällt, dann ist es genau so, also hättest du von Anfang an alles selbst bezahlt.“ Die an der Aktion der Diözese beteiligten Ärzte stimmten mit dem Alten völlig überein und lächelten bitte, das neue ländliche Krankenversicherungssystem Chinas habe für die Gesundheit der Bauen bisher „absolut nichts“ gebracht.

Dass sich tausend Kilometer von Shanghai entfernt alte Bauern wegen der Hochzeitspläne ihrer Söhne buchstäblich zu Tode sparen, sollte aber niemandem die Freude an den Expo-Pavillons von Shanghai verderben. Auch der aus der Mega-Metropole stammende und die Weltausstellung eher kritisch beurteilende Schriftsteller Hahn Han äußerte Verständnis für diejenigen, die sich über die Expo 2010 freuen. In einem inzwischen wieder entfernten Blog-Beitrag hieß es: „Wenn viele Ausländer oder Leute von außerhalb kommen, können wir endlich einmal zeigen, was für eine Art von Stadt Shanghai ist. Wohnungspreise von 50.000 Yuan pro Quadratmeter, Parkgebühren von 20 Yuan in der Stunde, ein Benzinpreis von mehr als einem US-Dollar pro Liter. Ärztliche Behandlungen, das Essen im Restaurant, die Fahrpreise – alles recht teuer. Bisher haben wir das überlebt und erwarten jetzt voller Freude die Touristen aus allen vier Himmelsrichtungen. Wir Bürger sind das imposantestes Ausstellungsstück der Stadt. Ich schlage vor, dass ein paar Bewohner Shanghais ausgewählt und als Kunstobjekte im chinesischen Pavillon präsentiert werden.“

Dem kann man zustimmen. Weil das Überleben der Frauen auf dem Lande – zum Beispiel der Katholikinnen aus der Gegend um Xichangdi – noch schwerer ist als für die Menschen in Shanghai, sollte auch deren Fächertanz zu einem der vielen Programme während dieser Weltausstellung gehören.

 
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