Politik

Nahost | 24.07.2010 09:30 | Carlo Strenger

Warum Israel nach rechts rückt

In Israel wächst das Misstrauen gegenüber der Außenwelt. Dadurch gerät es in immer stärkere Isolation. Spiegelt sich hierin das Gefühl existenzieller Bedrohung?

Israel ist in den vergangenen Jahren in eine immer stärkere Isolation geraten – ein Prozess, der sich seit dem Amtsantritt Benjamin Netanjahus 2009 noch beschleunigt hat. Die internationale Gemeinschaft wird immer mit der gleichen Taktik hingehalten: Wann immer er nach der israelischen Siedlungspolitik gefragt wird, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die nukleare Bedrohung durch den Iran. Die Welt befinde sich in einer mit dem Jahr 1938 vergleichbaren Situation, auf die sie so reagiere wie seinerzeit Neville Chamberlain, als dieser mit Zugeständnissen an Hitler den Frieden zu wahren versuchte. Die Welt nimmt Netanjahu diese Rhetorik nicht ab, seine Politik der Verzögerung des Friedensprozesses wird als zynische List wahrgenommen, um Israels „wahre“ Absicht zu verschleiern, die besetzten Gebiete für immer zu behalten.

Diese Erklärung berücksichtigt allerdings nicht, dass Nethanjahus Rhetorik einen paradoxen Gemütszustand der israelischen Wähler widerspiegelt. Umfragen zeigen, dass eine gleich bleibende Mehrheit von 70 Prozent der Israelis die Zwei-Staaten-Lösung befürwortet. Wie geht dies damit zusammen, dass die Wähler in den vergangenen zehn Jahren in Bezug auf ihre Wahlentscheidung immer weiter nach rechts gerückt sind? Warum genießt Netanjahu in Israel eine solch große Popularität? Und warum ist das Land heute unwilliger denn je, den Kritikern der israelischen Politik Gehör zu schenken?

Diese Entwicklung kann mit einer universellen Tendenz der menschlichen Psyche erklärt werden, die Existenzpsychologen in den vergangenen zwanzig Jahren entdeckt haben. Menschen neigen dazu, existenzielle Bedrohungen psychisch dadurch abzuwehren, dass sie sich hinter ihren jeweiligen Weltanschauungen verschanzen. Weltanschauungen beinhalten identitätskonstituierende Narrative der eigenen Rechtschaffenheit. Bei Bedrohung von außen verfestigen sie sich immer mehr und führen zu wachsendem Misstrauen, Hass und negativen Vorurteilen gegen äußere Gruppen. Kritik an der In-Group und ihren Weltanschauungen wird kategorisch zurückgewiesen.

Überlebensfähigkeit des Landes

Nach dieser Theorie ist der Rechtsruck der israelischen Gesellschaft auf ein Gefühl existentieller Bedrohung zurückzuführen. Für manche außenstehenden Beobachter mag dies absurd erscheinen, ist Israel doch die militärisch mit Abstand stärkste Macht in der Region, die mutmaßlich sogar Atomwaffen besitzt, während die Palästinenser nicht einmal über ein stehendes Herr verfügen. Trotzdem zeigen alle Umfragen, dass die Menschen große Angst um die Überlebensfähigkeit ihres Landes haben.

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Diese Angst lässt sich zum Teil sehr konkret erklären: Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren zwei reale Bedrohungen erwachsen: Die erste besteht in der Möglichkeit, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangen könnte – für die meisten Israelis eine katastrophale Vorstellung. Die zweite ergibt sich daraus, dass Gruppen wie Hisbollah und Hamas von terroristischen Selbstmordanschlägen zu Raketenangriffen übergegangen sind. Zum ersten Mal seit 1973 sieht sich das Land Bedrohungen seiner Sicherheit ausgesetzt, auf die es keine eindeutige Antwort zu geben weiß. Infolgedessen fuhr man 2006 und zwischen den Jahren 2008/9 massive Angriffe auf Libanon bzw. Gaza-Streifen, weil man dachte, die von dort erfolgenden Raketenangriffe mit massiver Zerstörung bestrafen zu müssen. Diese Kriege führten Israel in eine internationale Isolation, wie sie das Land noch nie erlebt hatte.

Die israelischen Wähler reagierten auf diese Ereignisse gemäß der Vorhersagen der Existenzpsychologen: Während der Operation "Gegossenes Blei" akzeptierte die israelische Öffentlichkeit keine Kritik der massiven Zerstörungen in Gaza, bewegte sich bei den Wahlen 2009 stark nach rechts und verdammte die Linke zu politischer Bedeutungslosigkeit.

Dies machte im Ergebnis den Teufelskreis komplett. Die israelischen Wähler wenden sich Politikern zu, die ihre Ängste ansprechen, gleichzeitig aber auch bekräftigen. Die internationale Meinung wird immer negativer, was die israelische Isolation weiter vergrößert. Dies lässt wiederum die Ängste wachsen.

Risiko Friedensprozess

Der beste Weg, die Bedrohung durch Hamas und Hisbollah zu verringern und den Einfluss des Iran im Nahen Osten zurückzudrängen, bestünde für Israel darin, auf die Friedensinitiative der Arabischen Liga einzugehen. Gelänge Israel eine Normalisierung seiner Beziehungen zu allen arabischen und den meisten islamischen Staaten, insbesondere zu Syrien, würde dies Hamas und Hisbollah so weit isolieren, dass sie der Gewalt abschwören und Israel anerkennen müssten. Um diesen Weg einzuschlagen, wäre Israel gezwungen, ein gewisses Risiko in Bezug auf eine positive Dynamik des Friedensprozesses einzugehen. Aber genau dazu ist Israel seit dem Trauma der zweiten Intifada und der Bombardierung der südlichen Landesteile nicht in der Lage. Die Israelis ziehen gegenwärtig die internationale Isolation, so schmerzhaft sie auch sein mag, dem Vertrauen in die arabischen Friedenspartner um ihrer eigenen Sicherheit willen vor.

Gibt es Möglichkeiten, Israel dieses wachsende Misstrauen gegenüber der Außenwelt zu nehmen? Die Experimentelle Existenzpsychologie schlägt zwei Möglichkeiten vor: Eine besteht, recht nahe liegend, darin, die tatsächliche oder empfundene tödliche Bedrohung abzubauen, die zweite in der Verringerung des Gefühls der Isolation. Beide Punkte wurden zuletzt von der Obama-Regierung angegangen. Zum einen will sie die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Israel ausbauen und die Militärhilfen erhöhen, insbesondere um die Fertigstellung des Iron-Dome-Raketenabwehr-Systems zum Schutz vor den Kurzstreckenraketen von Hamas und Hisbollah zu gewährleisten.

Obama hat seinen Kurs auch insofern geändert, als dass er Benjamin Netanjahu bei dessen Besuch in Washington einen herzlichen Empfang bereitete, nachdem er ihm über ein Jahr lang die kalte Schulter gezeigt hatte. Die meisten Kommentatoren sehen hierin aber keinen Wechsel seiner grundsätzlichen Politik: Obama ist nach wie vor fest entschlossen, die Vision einer Zwei-Staaten-Lösung zu realisieren, scheint aber zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es hierfür effektiver ist, Israel die Hand zu reichen, als es zu isolieren.

Die große Frage ist indessen, ob dies Netanjahus Sicherheitskonzept, wonach Israel die Kontrolle über bestimmte Gebiete in der West Bank behalten muss, um künftige Angriffe aus dem Osten wirksam beantworten zu können, in irgendeiner Weise beeinflussen kann. Da dies den territorialen Zusammenhang des künftigen palästinensischen Staates zerstören würde, ist es für die Palästinenser und die internationale Gemeinschaft nicht akzeptabel.

Niemand weiß, welche langfristige Strategie Netanjahu genau verfolgt und manchmal zweifle ich daran, dass er selbst es weiß. Aber es gibt einen guten Indikator dafür, wie er zu einer Kursänderung steht: Die Spannungen zwischen ihm und seinem rechtsextremen Außenminister Avigdor Lieberman haben in letzter Zeit zugenommen. Sollte Netanjahu eines Tages den Koalitionspartner wechseln und Liebermans auf Konfrontation ausgerichtete Yisrael Beiteinu Partei gegen die gemäßigte Kadima Zipi Livnis austauschen, wäre dies ein starkes Indiz dafür, dass er sich auf einen echten Fortschritt mit den Palästinensern zubewegt.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Artikelaktionen
Kommentare
Mario99 schrieb am 24.07.2010 um 11:27
Selten d*******r Artikel. Die Wähler der aktuell stärksten Parteien haben ein Interesse an der Wahl dieser Parteien weil sie ihnen alles versprechen und geben was sie wollen: Land das sie r****n können, Geld aus den USA und das Gefühl die a********e R******e zu sein. Insofern unterscheiden sie sich nicht von den D*******n 1***3 oder von irgendwelchen w*****n K*****n in A*****a welche von England, Frankreich oder Belgien das Recht bekommen haben sich zu nehmen was sie wollen.
Mir persönlich könnte die Angst dieser R*******n nicht weiter am A**** vorbei gehen.

Dieser Kommentar wurde durch die Moderation editiert.
SchmidtH. schrieb am 24.07.2010 um 12:15
So, so nun sind die Israelis auch noch Opfer ihrer selbst. Liest man den Beitrag kommt man unweigerlich zu der Erkenntnis, hier sind doch wohl Psychopathen am Werk. Nur wer soll sie therapieren? Sie selbst? Nein!
Fremd oder gar durch Zwang? Aber nein!

Heiko Flottau sei gedankt für seinen Beitrag in den "Blättern", wenn er sich dieses Themas annimmt und auch noch einmal auf den Herrn Jabotinsky hinweist.

Ich zitiere hier:

"In seinem Plädoyer für die Errichtung einer „eisernen Mauer“, welche Juden und Araber trennen soll, schreibt Jabotinsky: „Die Vertreibung der Araber aus Palästina ist unmöglich, in jeder Form. Es wird immer zwei Völker in Palästina geben.“ Doch die Verantwortung für die Beziehungen zwischen Juden und Arabern verlagert Jabotinsky komplett auf die Schultern der Araber: „Es ist eine vollkommen andere Sache, ob es möglich sein wird, unsere friedlichen Ziele mit friedlichen Mitteln zu erreichen. Dies hängt nicht von unseren Beziehungen zu den Arabern ab, sondern exklusiv von der Haltung der Araber zum Zionismus.“

In der folgenden Passage seines Aufsatzes setzt er sich mit der Haltung auseinander, welche die Araber zu einer jüdischen Kolonisierung Palästinas einnehmen würden. „Jedes eingeborene Volk – sei es nun zivilisiert oder wild – erachtet sein Land als seine nationale Heimat [...]. Freiwillig werden sie niemals einen neuen Herrn und auch keinen neuen Partner erlauben. Und so ist es auch mit den Arabern. Sie schauen auf Palästina mit derselben instinktiven Liebe und demselben wahrhaften Eifer, mit dem jeder Azteke auf sein Mexiko und jeder Sioux auf seine Prärie blickte.“

Nach dieser Argumentation kommt Wladimir Jabotinsky zu seiner Hauptthese – der Notwendigkeit, zwischen Juden und Arabern eine „eiserne Mauer“ zu errichten: „Die Kolonisierung kann nur ein Ziel haben. Für die palästinensischen Araber ist dieses Ziel inakzeptabel. Das liegt in der Natur der Sache […]. Die zionistische Kolonisation, sogar eine höchst restriktive, muss entweder aufgegeben oder in Missachtung des Willens der eingeborenen Bevölkerung ausgeführt werden. Diese Kolonisierung kann daher nur weitergeführt und entwickelt werden unter dem Schutz einer Macht, welche unabhängig von der lokalen Bevölkerung ist – durch eine eiserne Mauer, welche die eingeborene Bevölkerung nicht durchbrechen kann.“

Wer mehr lesen möchte, der klicke hier

Sie wissen was sie tun, denn dieses jetzige Handeln spiegelt nur das Denken der Gründergenerationen wider. Für Israel gibt es nur ein entweder oder. Wer daran auch nur ansatzweise rüttelt, wird wohl den Weg Rabins antreten müssen.
TomGard schrieb am 24.07.2010 um 16:15
Der Artikel von Flottau gibt einen guten Teileinblick in die Methodik der Herrschaft einer Militäroligarchie unter demokratischem Procedere.

Sprüche der Sorte "Für Israel (!) gibt es nur ein entweder oder" nebst mörderischen Menetekel deckt er nicht! Gewiß, jene Oligarchie hat alles in ihrer Macht stehende getan, den betroffenen Bevölkerungen solch schicksalhafte Präjudizierung aufzuzwingen und es ist nicht absehbar, daß die Bürger Israels dieses Joch einmal abschütteln, aber dann hat man den Zusammenhang auch so zu sagen, will man nicht umgekehrt dieses Volk theoretisch einem anderen "Schicksal" in Gestalt einer blutigen Abwicklung des geschaffenen Status durch eine höhere Macht überantworten.
crumar schrieb am 26.07.2010 um 09:52
Er zitiert mit Jabotinsky einen der rechten/rechtsradikalen Vertreter des Zionismus - genau diese politische Einteilung wenn es um das Thema "Zionismus" geht, fehlt in der Regel in jeder Debatte.

Diese rechtsradikalen Vertreter haben jedoch nie die "Illusion" gehegt, man könne einen dominant europäisch jüdischen Staat in einer mehrheitlich durch Araber bewohnten Gegend anders als mit Gewalt errichten.

Exakt diese Tradition - Jabotinsky starb bereits 1940 - im Denken der aktuellen Rechtsradikalen zu beleuchten wird oft abgewürgt mit dem Argument, es handele sich um "Anti-Zionismus".

Mir fehlt hier generell eine politisch-ökonomische Betrachtung der Besatzung.
Nach 1967 ff waren die besetzten Gebiete der zweitgrößte Exportmarkt für die israelische Industrie (nach den USA).
Mit einem Schlag erhielt man Millionen neue Konsumenten, die gar keine Wahl hatten andere Güter zu kaufen.
Denn Im- und Export der Westbank und des Gaza wurde von Israel kontrolliert (auch die aktuellen Hilfsgüter der UN werden in Israel gekauft, denn mit Steuern kämen ägyptische Produkte teurer).

Da alle diese Unternehmen damals in staatlicher Hand waren, ist es müßig, eine Debatte über Profite von Unternehmen zu führen - profitiert hat der israelische Staat in toto.

Zugleich erhielt die israelische Gesellschaft billige Arbeitskräfte und ermöglichte so den sozialen Aufstieg ganzer Alterskohorten.

Die Palästinenser zahlten mit ihren Löhnen Sozialabgaben, deren Vergünstigungen sie jedoch nicht in Anspruch nehmen konnten (bei Arbeitslosigkeit z.B.).
Diese Bestandteile des Lohnes wurden vom Histadrut (dem Dachverband der Gewerkschaften) einfach einbehalten.
Auf diese Art und Weise finanzierten die Palästinenser ihre Besatzungskosten quasi selbst.

Es liegt sehr viel näher, die politisch-ökonomische Rationalität der Besatzung anzuerkennen, als über Moral zu spekulieren.

Auch die rechtsradikale Entwicklung der israelischen Gesellschaft ist rational zu erklären.
Seit zwanzig Jahren läuft dort eine neoliberale Schock Doktrin in großen Maßstab.
Zur Erinnerung: Der größte Teil des Landes; Industrie, Land und Agrarwirtschaft waren im Staatsbesitz.
Es wird alles privatisiert, was sich nur verkaufen lässt.
Alle staatlichen Aufträge laufen über Auktionen.
Ziel ist weiterhin die Drückung der Löhne sowie Abschaffung organisierter Arbeit generell.

Wie "erfolgreich" diese Politik ist, kann man an der Armutsrate sehen: 20% aller israelischen Familien (Kernland, in den besetzten Gebieten sind es 80%) leben in Armut.
Das ist das *doppelte* des OECD-Schnittes.
Der Gini-Index ist knapp unter dem der USA - wir erinnern uns: Israel war mal einer der egalitärsten Staaten der Welt.

Dass die Eliten nunmehr den religiös-faschistoiden Nationalismus als Surrogat für Solidarität innerhalb einer Gesellschaft propagieren ist dann nicht allzu verwunderlich.
Dass Ängste geschürt werden, um den Zusammenhalt in der Bevölkerung gewährleisten, wo es anderen nicht mehr gibt - ist das etwa irrational?
M.E. ist das rationales, zynisches Kalkül.
Emma in Uniform schrieb am 26.07.2010 um 11:38
Sehr schön sachlich, Danke, befreit von der Schwere der Last, die von den meisten Diskussionsteilnehmer hier empfunden wird; Nämlich die für unsere Generation typischen Last, andere Meinungen nicht aushalten zu können, darob stets miteinander peinliche Wettbewerbe zu führen, zu psychologisieren, zu beleidigen - wer denn nun den historischen Durchblick bzw. die moralische Oberhand in Sachen Israels Psyche hat , hui, was sich hier gegenseitig abgeurteilt und geschmäht wird, das Geschwurbel und Geschreibsel, Wahnsinn, als wären wir in der Pflicht, uns gegenseitig über diese Problematik ideologisch zu positionieren.
Statt einfach zu sammeln, sachlich zu debattieren, abwechselnd mild zu moderieren, nein, ach, wo denk ich hin...
thinktankgirl schrieb am 26.07.2010 um 11:51
@crumar

Danke für diese Analyse
crumar schrieb am 26.07.2010 um 21:31
Ich danke für das Lob.
Manche Debatten verstehe ich einfach nicht.
Die Psychologisierung von Politik ist eine solche Art von Debatte. Gerne frage ich ebenfalls nach den psychologischen Motiven der Akteure von Politik.

Wenn aber mit einstudiert psychologisierenden Textbausteinen geantwortet wird, würde ich skeptisch.
Und ich frage mich, warum ein Wissenschaftler diese Skepsis nicht aufweist.
In diesem Fall meine ich, er will seine Erklärung in allererster Hinsicht selber glauben.

Und so liest sich sein Artikel: Als ein Manifest des Glaubens.
Er repetiert einfach nur Textbausteine und Glaubenssätze, statt sie kritisch zu hinterfragen.
Und da geht es sehr wohl um die Darstellung nach Außen und nicht um eine Analyse des Selbst.

Man kann in diesem Artikel zuallererst bemerken, wie sich Teile der israelischen Gesellschaft selber sehen, indem sie sich selbst produzierend so gesehen werden wollen.

Und ich glaube, da ist die Fallhöhe zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung doch beträchtlich.
TomGard schrieb am 27.07.2010 um 07:16
Hallo Crumar,

in der Einleitung seines Artikels bekundet Strenger (s)eine "Sorge" ... nicht etwa über die Lage und Verfassung der israelischen Bevölkerung, sondern über das Schicksal des Landes , nämlich für den Fall, daß die Parteinahme und Unterstützung von Seiten interessierter Mächte gemindert werden oder gar ausbleiben könnte.
Damit gibt er erstens an, als Berufspolitiker (zumindest journalistisch) zu sprechen, zweitens auf dieser Ebene die Sicht Netanyahus zu teilen, drittens sich von ihm zu unterscheiden. Denn Netanyahu macht sich entweder keine Sorgen, oder er redet nicht darüber, stattdessen demonstriert er unentwegt, auf Israels eigene Mittel und Ressourcen zu setzen, notfalls auch gegen die "internationale Gemeinschaft", und damit Erfolg zu haben. Teil dieses Erfolgs ist die mehrheitliche Gefolgschaft derjenigen Landesinsassen, die gleich Strenger und Netanyahu meinen, in erster Linie habe sie das "Schicksal des Landes" zu bekümmern, bevor ihre eigenen Interessen zur Geltung kommen könnten, weil die nur darin zur GEltung kommen könnten. Im Falle Israel hat dieser Standpunkt den Realismus, daß der permanente Krieg die Israelis allesamt zu militärischen GEiseln ihres Staatswesens macht.

Strenger mag nun die Leut dafür entschuldigen, daß sie, im Unterschied zu ihm selbst, die angebliche VErschärfung dieser Lage durch Netanyahu nicht nur dulden, sondern sogar befördern. Er will halt unter allen Umständen ein alternativer Berufspolitiker bleiben, und sei es im Stande eines Gewissenswurms der Nation, des "kritischen" Journalisten.

Letzteres ist die einzige "psychologische" Wendung, die ich hier sehe ... naja, aber der Strenger wird von seiner Entscheidung vermutlich auch nicht so übel leben.
crumar schrieb am 28.07.2010 um 09:50
Es fällt mir schwer, deinem Beitrag gerecht zu werden und überhaupt noch über den Artikel selbst zu sprechen.
Ich denke, die Schwierigkeit lässt sich begründen, da wir beide diesen als eine "virtuelle Realität" begreifen.

Gegen die Profession des Verfassers des Artikels spricht, dass er bestimmte Termini so unreflektiert verwendet, dass mir beim lesen die Kinnlade herunter fällt.

Eine Überschrift in einem Artikel im Jahre 2010, die da lautet "Risiko Friedensprozess" ist einfach atemberaubend.
Den Friedensprozess von Oslo zu erledigen war ein erklärtes Ziel der Rechten.
Es wäre doch seine Pflicht gewesen nachzuweisen, welche Risiken für genau diese Rechten bestehen, würde es diesen Friedensprozess wirklich gegeben haben.

Auch die Fortführung des paranoiden Narrativs, wonach die Sicherheit Israels permanent bedroht würde ist atemberaubend.
Ein Vergleich der Opferzahlen der Kriege der letzten vier Jahre müsste ihm klar machen, wer faktisch wen wirklich bedroht.

Ich denke, diese wahnhafte Weltanschauung wird propagandistisch hergestellt.
Schau die mal Shamirs "Defamation" an - da ist die Reaktion mit dem Artikel "Pilgerfahrt nach Ausschwitz" nur ein schwacher Abglanz von dem, was wirklich läuft.

Gerade jetzt soll die "Nakba" als arabisches Narrativ der Entstehung Israels aus den Schulbüchern getilgt werden, es gibt auch keinerlei Regierungsgelder mehr für Gedenken oder Forschung (genauer gesagt ist es jetzt verboten,dafür Geld auszugeben).

Das israelische Ministerium für Verkehr entfernt alle arabischen Namen von Städten auf den Schildern - sie stehen nun nur noch in hebräisch da, als wären sie es immer gewesen.

Die komplette Geschichte Israels soll umgeschrieben werden.
Es ist erkennbar, dass die 20% nicht jüdische Bevölkerung Israels ausgeschlossen werden soll.
Genau diesen Prozess der Isolierung behandelt er gar nicht.

Dass er dazu nicht ein einziges Wort verliert ist schon bezeichnend.
Erklärt aber, warum Labor in Israel so heruntergekommen ist.

Schönen Gruß, C.
crumar schrieb am 28.07.2010 um 09:50
Es fällt mir schwer, deinem Beitrag gerecht zu werden und überhaupt noch über den Artikel selbst zu sprechen.
Ich denke, die Schwierigkeit lässt sich begründen, da wir beide diesen als eine "virtuelle Realität" begreifen.

Gegen die Profession des Verfassers des Artikels spricht, dass er bestimmte Termini so unreflektiert verwendet, dass mir beim lesen die Kinnlade herunter fällt.

Eine Überschrift in einem Artikel im Jahre 2010, die da lautet "Risiko Friedensprozess" ist einfach atemberaubend.
Den Friedensprozess von Oslo zu erledigen war ein erklärtes Ziel der Rechten.
Es wäre doch seine Pflicht gewesen nachzuweisen, welche Risiken für genau diese Rechten bestehen, würde es diesen Friedensprozess wirklich gegeben haben.

Auch die Fortführung des paranoiden Narrativs, wonach die Sicherheit Israels permanent bedroht würde ist atemberaubend.
Ein Vergleich der Opferzahlen der Kriege der letzten vier Jahre müsste ihm klar machen, wer faktisch wen wirklich bedroht.

Ich denke, diese wahnhafte Weltanschauung wird propagandistisch hergestellt.
Schau die mal Shamirs "Defamation" an - da ist die Reaktion mit dem Artikel "Pilgerfahrt nach Ausschwitz" nur ein schwacher Abglanz von dem, was wirklich läuft.

Gerade jetzt soll die "Nakba" als arabisches Narrativ der Entstehung Israels aus den Schulbüchern getilgt werden, es gibt auch keinerlei Regierungsgelder mehr für Gedenken oder Forschung (genauer gesagt ist es jetzt verboten,dafür Geld auszugeben).

Das israelische Ministerium für Verkehr entfernt alle arabischen Namen von Städten auf den Schildern - sie stehen nun nur noch in hebräisch da, als wären sie es immer gewesen.

Die komplette Geschichte Israels soll umgeschrieben werden.
Es ist erkennbar, dass die 20% nicht jüdische Bevölkerung Israels ausgeschlossen werden soll.
Genau diesen Prozess der Isolierung behandelt er gar nicht.

Dass er dazu nicht ein einziges Wort verliert ist schon bezeichnend.
Erklärt aber, warum Labor in Israel so heruntergekommen ist.

Schönen Gruß, C.
TomGard schrieb am 29.07.2010 um 09:42
Hallo Crumar,
Deine Antwort hat mir eine Freude gemacht.
Zweierlei möchte ich anmerken.

"Auch die Fortführung des paranoiden Narrativs, wonach die Sicherheit Israels permanent bedroht würde ist atemberaubend.
Ein Vergleich der Opferzahlen der Kriege der letzten vier Jahre müsste ihm klar machen, wer faktisch wen wirklich bedroht."

Unter der Eingrenzung auf die militärische Bedrohungslage ist die Diagnose korrekt, aber für meinen "Geschmack" auch nicht gar so aussagekräftig. Obwohl zusätzlich für sie spricht, daß Jordanien und Ägypten nach den Friedensverträgen praktisch Garantiemächte der territorialen Integrität eines israelischen Staatswesens sind, jedenfalls so lang diese Länder mit einer Kontinuität der Staatsraison stabil bleiben, und dafür steht schon ihr Bündnis mit den USA ein. Inhaltlich gilt für Saudiarabien dasselbe, wenn auch die Formalität fehlt. Den Libanon und Syrien laß ich dann der Kürze halber hier 'raus.

Aber diese Lage hat die Bedrohung der zionistischen Staatsraison Israels verschärft, statt gemindert, das ist der Schlüssel!

Du hast mit Deiner ökonomischen Argumentation weiter oben den Boden dafür bereitet, daß ich sagen kann: Kein Potentat der Region, auch die Priesterclique des Iran nicht und schon gar nicht das saudische Königshaus, wäre so komplett wahn-sinnig, sich die Verantwortung für die Abwicklung der Fakten und Folgen israelischer Besatzungspolitik und zionistischen Militärherrschaft aufzuhalsen. Das schließt eine Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus, weil ihre ökonomische Potenz gebraucht wird, und eine Parteinahme für ein israelisches Staatswesen ein, das die Souveränität für sein Territorium übernimmt, statt es als "jüdisches Homeland" zu beanspruchen, das es umstandshalber nur mit einem Genozid an der arabischen Bevölkerung werden könnte. Demo: Es ist eben nicht nur europäisch-amerikanischer Druck, der Ägypten zur Abriegelung des Gaza bewegt, es handelt sich um ein vitales Eigeninteresse, das diesen Druck gegen Widerstände vorzüglich in der Armee instrumentalisiert und diese Lage ist ablesbar an der "Bestechung" der ägyptischen Armee mit einer maßlosen Aufrüstung durch die USA.

2. Anmerkung
"Es ist erkennbar, dass die 20% nicht jüdische Bevölkerung Israels ausgeschlossen werden soll."
Jawohl, aber es ist ein wenig kontraproduktiv, den Vorgang zu skandalisieren. Dies Vorhaben ist vom Standpunkt einer zionistischen Staatsraison, die sich widerwillig der oben skizzierten Lage und den von den USA geschaffenen Bündnisbeziehungen in der Region beugt, indem sie allenfalls noch utopistisch von einem Groß-Israel träumt, ein Gebot der Selbsterhaltung. Zur Eroberung gibt es nur die Alternative der rassistischen Formierung nach innen. Säkular gesinnte Juden und Araber in Israel sollten unwiderstehliche Verbündete gegen den Zionismus sein, wenn sie sich nur aus ihren hergebrachten Befangenheiten lösten. Leider schließt diese Befangenheit auch die antikommunistische Feindschaft gegen volkssozialistische Konzepte und Ziele ein, zu denen ich praktisch - ökonomisch! - keine Alternative sehe; das ist das Elend.

freundliche Grüße zurück
Verwendungszweck schrieb am 24.07.2010 um 12:37
Die Auflösung des Widerspruchs von Umfragen und Wahlen ist einfach.

[   ] Glauben Sie, dass wenn Israeli und Palästinenser in zwei Staaten leben, Frieden einkehrt?

[   ] Würden Sie eine Partei wählen, die die Teilung Israels vorantreibt?
Rahab schrieb am 24.07.2010 um 13:30
hier
www.haaretz.com/blogs/strenger-than-fiction
gibt es noch ein bißchen mehr von Carlo Strenger zu lesen

was mir im übrigen im obigen artikel zu kurz kommt, das ist die rolle/position/bedeutung der arabischen/orientalischen juden. diese etwas näher auszuleuchten, könnte helfen, sich einer erklärung für den widerspruch zwischen umfragen, wahlen und parteien anzunähern.
TomGard schrieb am 24.07.2010 um 15:50
Du sprachst meinen Gedanken aus ;-)
Graureiher schrieb am 24.07.2010 um 16:05
Was für eine Nebelwerferei!
Zum Glück gibt es auch Leute, die Klartext reden, z.B.
Seyla Benhabib auf FR-Online:
„Eifernde und dogmatische religiöse Siedler und die beinahe eine Million Juden und Nicht-Juden russischer Herkunft, die in den letzten 15 Jahren nach Israel eingewandert sind, beherrschen die israelische Politik mehr und mehr….
Auch der Antikommunismus der israelischen Bevölkerung russischer Herkunft ist zutiefst antiliberal und sogar antidemokratisch. Avigdor Lieberman und seine Mitstreiter sprechen nicht die Sprache der zeitgenössischen liberaldemokratischen Politik; ihre Diktion und ihre Vorstellungskraft sind gefangen im Vokabular des Europas der 1930er Jahre: "Ein Volk, ein Land, ein Staat" - wo haben wir das wohl schon mal gehört?“
www.fr-online.de/top_news/2879772_Zukunft-im-Nahen-Osten-Israels-Ausweglosigkeit.html

oder Uri Avnery. In einem Gastartikel auf Spiegelfechter spricht er von einem parlamentarischen Mob, der das Land regiere. Zitat:
„Zweifellos hat sich der Kahanismus – eine israelische Version von Faschismus – vom Rand ins Zentrum bewegt.“
www.spiegelfechter.com/wordpress/3622/ein-parlamentarischer-mob#more-3622

Da ist das Problem. Die israelische Version des Faschismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Israels Verbündete sollte das zur Kenntnis nehmen, bevor sie sich von den Zionisten in einen Krieg gegen den Iran ziehen lassen!
Emma in Uniform schrieb am 26.07.2010 um 11:50
Tatsächlich soviele Frischlinge aus Russland? Wusste ich nicht, sehr interessant, auch viele Nicht-Juden darunter? Aha, und wie kommt das? Denn schon 2006 behauptete ein Freund, der sich während des israelischen Bombardements in Beirut befand, es kursiere das Gerücht, dass in Israel die Arbeitslosenquote gen 25 % tendiere und die innenpolitische Frustration immens wäre. Und dann SO viele Zugezogene?
thinktankgirl schrieb am 26.07.2010 um 11:57
Das mit den vielen Russen habe ich mir vor einigen Jahren auch mal ausgerechnet. Wird leider fast nie thematisiert.
In den letzten 10-15 Jahren ist die israel. Bevölkerung um mindenstens 15% gewachsen, das ist jetzt nur der Anteil der zugezogenen Russen. Die brauchen alle Platz zum Leben, etc.
SchmidtH. schrieb am 26.07.2010 um 12:11
Rahab schrieb am 26.07.2010 um 12:14
in dem zusammenhang möchte ich die europäischen staaten, allen voran die BRD, nicht vergessen, welche die übersiedlung der juden aus der sowjetunion und nachfolgestaaten nach Israel schon immer lieber gesehen haben als deren niederlassung in, sagen wir, Berlin.
gweberbv schrieb am 26.07.2010 um 15:55
@Rahab

Wie kommst du denn darauf, dass osteuropäische Juden in der BRD unerwünscht gewesen wären? Bis 2005 konnten diese pauschal mit Flüchtlingsstatus ausgestattet unbeschränkt einreisen. Diese Möglichkeit wurde von über 100.000 Personen auch wahrgenommen, wodurch sich die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden in Deutschland verdreifachten.
Rahab schrieb am 26.07.2010 um 18:56
@gweberv
das ist eine lange geschichte.
ich muß mal überlegen, wie ich die gerafft darstellen kann.
Rahab schrieb am 26.07.2010 um 19:56
@gweberv
schau mal hier rein
www.jewish-forum.de/showtopic.php?threadid=2122
und denk dir dann, dass die neuregelung ab 1.1.2005 eine etwas längere vorgeschichte hatte
Rahab schrieb am 26.07.2010 um 20:01
@gweberv
und damit
webarchiv.bundestag.de/archive/2006/0706/dasparlament/2005/15/thema/025.html
geht's dann weiter
mit besonderem augenmerk auf diesem
"Das Problem ist also nicht einfach zu lösen. Selbst diejenigen, die sich täglich mit dem jüdischen Leben in Deutschland beschäftigen, haben unterschiedliche Einstellungen zum dem Thema. Der israelische Botschafter Schimon Stein beispielsweise begrüßt die umstrittenen Pläne für jüdische Zuwanderer, weil seiner Meinung nach russische Juden nicht nach Deutschland, sondern nach Israel gehören. Israel hat im vergangenen Jahr die niedrigste Einwanderungsquote seit 15 Jahren verzeichnet."

da hast du in etwa die gemengelage der interessen.
Magda schrieb am 24.07.2010 um 16:10
Ich fand die Überlegungen von Carlo Strenger bedenkenswert. Aber sie bilden nur einen Ausschnitt der gesamten Israel-Nahost-Problematik ab. Wie ein Volk dazu kommt, sich einer gewissen Irrationalität zu beugen, das ist doch überall auch in anderen Ländern zu beobachten. Israel ist ein Staat, der selbst nicht mehr an ein gutes Ende zu glauben scheint. Woher, wieso, warum. Ich denke schon, dass ein Staat, dessen Existenzrecht andauernd in Zweifel gezogen wird, sich nicht rational verhält. Von den Hintergründen mal abgesehen.
SchmidtH. schrieb am 24.07.2010 um 16:58
Was soll ich mehr dazu sagen,. als das, was mir hier so aus der Tastatur fließt. Nein. Eigentlich gibt es kaum noch etwas zu sagen.

Doch halte Du Pessimist, der Argumente fast entledigt, hier spricht eín Betroffener. Betroffener? Ja, jemand der, von dem ich glaube zu wissen, wovon er schreibt:

"Deshalb gibt es für Israelis und allgemein für Juden einen Grund, lang und gründlich in dieser besonderen Zeit über die dunkle Hitlerära nachzudenken. Denn die Bedeutung des Vorfalls mit der Gaza-Flotille liegt nicht in den Fragen über Verletzungen des Internationalen Rechts auf hoher See oder darüber „wer hat wen zuerst“ auf dem türkischen Schiff Mavi Marmara angegriffen, sondern in der größeren Frage über unseren allgemeinen menschlichen Zustand durch Israels Besatzungspolitik und seiner Zerstörung der zivilen Bevölkerung des Gazastreifens.

Wenn ein Volk, das am eigenen Leib vor noch nicht langer Zeit unbeschreibbare Unmenschlichkeiten erfahren hat, nicht die moralische Vorstellungskraft aufbringen kann, um die Ungerechtigkeit und das Leiden zu verstehen, das seine territorialen Ambitionen und selbst seine legitimen Sicherheitsbelange bei einem anderen Volk verursacht , was für Hoffnung bleibt da für den Rest von uns?

Welch Vorwurf, welch Resignation wird hier deutlich?

Sind das nur alles Selbsthasser, Nestbeschmutzer, Antisemiten?
Katrin Schuster schrieb am 25.07.2010 um 14:01
Die Klage, dass Israel aus der Geschichte "nichts gelernt hätte", halte ich für eines der zynischsten Argumente dieser Diskussion. Dem Holocaust die Fähigkeit zum pädagogischen Effekt zuzusprechen, ist - sehr, sehr gelinde gesagt - geschmacklos und zeugt zudem von einem kruden Politikverständnis (ein Genozid als Friedensstifter?). Auch merkwürdig: Von den Opfern anderer Völkermorde erwartet offenbar niemand diese besondere ethische Vernunft.
Rahab schrieb am 25.07.2010 um 15:09
@Katrin Schuster
Ihr posting erklärt leider nicht, warum diese klage falsch ist - was sie ist.
ich finde die klage als klage übrigens nicht zynisch - mir scheint eher, sie ist ein für manche notwendiges durchgangsstadium ... vermutlich durch die rede von der "besonderen Verantwortung" mit-erzeugt.
TomGard schrieb am 26.07.2010 um 07:55
Doch, Rahab, die Klage ist mehrfach zynisch, in einem objektiven Sinn.

Erstens gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Die Eingeborenen und ihre Nachkommen, deren Lebensumstände der jüdischen Landnahme und israelischen Staatsgründung zum Opfer gebracht wurden - und zigtausende von ihnen dafür geschlachtet - kommen in der Klage als Bewährungsprobe, ja sogar "Bewährungshelfer" für eine "Aufgabe" vor, die selbst der Auftraggeber, der deutsche Patriot nämlich, nur halluziniert und diese Halluzination projiziert: Eine "Besserung" einer im Falle Deutschlands militärisch vernichtend geschlagenen Form des Patriotismus.

Zweitens zynisch gegenüber der Mehrheit der israelischen Bevölkerung, deren Vorfahren zum Menschenmaterial und zur Manövriermasse des Zionismus nebst weltpolitischer Kalküle einiger verbündeter Drittmächte verlockt, eingekauft und nicht selten unter tödlichen Drohungen deportiert wurden.
Diese Nachkommen sind nun ebenfalls, und unter teils strengeren Bedingungen, Insassen ihres militärisch bewachten und umstellten Volksgefängnisses, so wie die Klageführenden es in ihrem Ländle auch sind, dies jedoch unter keinen Umständen wahr haben wollen, sondern lieber Aufträge verteilen, an denen sie sich moralisch für die Lasten zu entschädigen, die ihnen die eigne Insassenschaft einträgt.

Katrin Schuster hingegen will über diesen "objektiven" Zynismus hinweg sehen, weil ihr, ganz analog dem angegriffenen Klageführer, an der moralischen Adelung und Überhöhung des deutschen Patriotismus vermittels der sog. "historischen Schuld" gelegen ist.
Sie und SchmidtchenH sind Geschwister im Geiste, so wie "good cop" und "bad cop" es sind, der "good cop" in diesem Fall mit der selbsterteilten Aufgabe einer innendienstlichen Überwachung des moralischen Auftrages an die israelische Besatzungsmacht.
Max Merziger schrieb am 25.07.2010 um 14:59
Wie würden wohl die Deutschen in dieser Situation handeln?
SchmidtH. schrieb am 25.07.2010 um 16:41
Und wie würde dann die Welt und Israel speziell über uns urteilen?
Red Bavarian schrieb am 27.07.2010 um 02:09
Der obige Artikel sowie die im Thread verlinkten Artikel 'Israels größter Verlust: seine moralische Vorstellungskraft', 'Zu Lande, zu Wasser und in der Luft: Israel – der eingemauerte Staat', 'Zukunft im Nahen Osten - Israels Ausweglosigkeit', 'Warum ich Israel kritisiere', und 'Ein parlamentarischer Mob' sprechen wichtige Aspekte an. Wichtig ist gleichfalls, dass da kritische israelische bzw. jüdische Stimmen veröffentlicht werden.

Meine Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt konzentriert sich auf die Menschen in Israel/Palästina als Individuen. Ich sehe die Menschen nach ihren Lebensläufen, Einstellungen, Motiven und Taten an. Mir gehen die Menschen im Gaza-Streifen und im Westjordanland, die einfach in Frieden und Sicherheit leben wollen, jedoch unter Krieg und Not leiden, genauso nah wie diejenigen in Israel. Dagegen stehen mir Militaristen und Ideologen, die Gewalt ausüben und Feindschaft predigen, fern, ungeachtet deren nationaler und religiöser Zugehörigkeit.

Den Menschen im Gaza-Streifen geht es immer schlechter. Wenn die Weltgemeinschaft es ernst meint mit dem Helfen, dann soll sie eine internationale Flotille mit Hilfsgütern unter UN-Mandat und unter UN-Schutz zum Gaza-Streifen schicken.

Ich lasse mich auch nicht beirren vom polemisierenden und diffamierenden Anti-Antisemitismus, der heutzutage durch die Welt geistert. Der bringt letztendlich nur denjenigen etwas, die ihn propagieren, und er schadet letztendlich allen anderen.


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