Politik

Im Gespräch | 10.08.2010 06:00 | Margret Karsch

„Viele haben das Gefühl, in Deutschland unerwünscht zu sein“

Der Migrationsforscher Howard Duncan über Kanadas Einwanderungspolitik und den globalen Wettbewerb um die Qualifizierten

Der Freitag: Herr Duncan, Kanada konzentriert sich darauf, die Zuwanderungszahlen zu halten, statt zu versuchen, die Geburtenrate anzuheben. Warum?

Howard Duncan: Letzteres hat Kanada versucht, aber es hat nicht funktioniert. Die erreichbaren Steigerungen der Geburtenzahlen sind zu gering. Solange wir dagegen die Zuwanderungszahlen auf dem derzeitigen Niveau halten, wird die Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren weiter wachsen.

Versteht die kanadische Öffentlichkeit die Notwendigkeit von Zuwanderung?

Die kanadische Regierung hat das auf jeden Fall verstanden. In der zurückliegenden Wirtschaftskrise haben viele Länder die Zahl der Einwanderer beschränkt – Kanada nicht.

Was macht Kanada für Migranten so attraktiv?

Kanadas offene Wirtschaft, die für zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten sorgt; Kanadas moderne, demokratische, aufgeschlossene Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass sich Migranten Sorgen machen, ob sie in Kanada Opfer von Diskriminierung werden könnten. Kanada bemüht sich schon seit langer Zeit erfolgreich um Migranten, so dass es inzwischen viele ausdifferenzierte ethnische Gemeinschaften im Land gibt. Das allein bewegt Menschen aus den gleichen Herkunftsländern, nach Kanada zu emigrieren, weshalb wir ein Programm für die Familienzusammenführung haben. Wenn sie zum Beispiel junge Zuwanderer aus Indien haben, die ihre Freunde und Familien bei der Einwanderung unterstützen, so führt dies zu einer Kettenreaktion.

Bemerken Sie den zunehmenden weltweiten Wettbewerb um qualifizierte Arbeiter?

Ja, absolut. Wir standen schon immer im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten. Sie sind weltweit das Ziel erster Wahl von Migranten. Daher musste Kanada sehr hart arbeiten, um die genannten Bedingungen zu schaffen. Im Jahr 2008 kam der größte Teil aus China, gefolgt von Indien, den Philippinen und an vierter Stelle den USA. In Kanada gibt es Migranten aus nahezu allen Ländern der Welt. Das ist ein Vorteil für Einwanderungsländer, da auf diese Weise keine bestimmte Gruppe dominiert. Meiner Meinung nach spielt das auch eine Rolle, wenn Menschen darüber nachdenken zu emigrieren.

Sind neu in den Wettbewerb eingetretene Länder zu bemerken?

Die Fähigkeit der Europäischen Union, Migranten anzuziehen, ist durchaus ernst zunehmen. Dennoch glaube ich nicht, dass irgendein Land der EU einen besorgniserregenden Konkurrenten darstellt, da die Einwandererzahlen von Hochqualifizierten noch sehr gering sind. In Deutschland sind es zum Beispiel nur einige Hundert.

ANZEIGE

Was würden sie Deutschland empfehlen, um seine Zuwanderungspolitik zu verbessern?

Zunächst müsste sich Deutschland auf internationaler Ebene Öffentlichkeitsarbeit machen und sich ernsthaft als Einwanderungsland präsentieren. Diese Ansage muss vom Kanzleramt kommen und bis nach unten durch die Ministerien erfolgen. Ich glaube, viele potenzielle Zuwanderer entscheiden sich gegen die Emigration nach Deutschland, da sie das Gefühl haben, dort unerwünscht zu sein – auch wenn das wahrscheinlich ein Trugschluss ist. Deutschland haftet der Ruf des Gastarbeiter­landes an, in dem sich Migranten nur auf eine beschränkte Zeit aufhalten dürfen.

Und innenpolitisch?

Darüber hinaus muss die Regierung der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt und die Regierung diese unter Kontrolle hat.

In Deutschland fürchten Teile der Bevölkerung, dass Immigranten die Sozialsysteme missbrauchen könnten. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Meinungsumfragen zeigen Jahr für Jahr, dass die kanadische Öffentlichkeit die Zahl der Zuwanderer für angemessen hält. Wir kennen drei großen Gruppen: Wirtschaftsmigranten, so genannte family class migrants und Flüchtlinge. Von Flüchtlingen erwarten die Kanadier, dass sie die Unterstützung des Staates in Anspruch nehmen werden. Die family class migrants werden von Familienmitgliedern finanziert. Und Wirtschaftsmigranten kommen ins Land, um zu arbeiten oder Geschäfte zu machen - also Jobs zu schaffen. Es existiert sicherlich eine gewisse Sorge über die gegenwärtige Arbeitslosigkeit unter den Qualifizierten. Das aber wird typischerweise als Problem der Anerkennung ausländischer Zeugnisse formuliert und als Zeichen, dass mehr Hilfe nötig ist.

Viele Herkunftsländer der Migranten beklagen mittlerweile den Abfluss qualifizierter Kräfte.

Das unterscheidet sich von Staat zu Staat: Auf den Philippinen werden mehr Krankenpfleger ausgebildet, als das Land benötigt. Damit wird absichtlich ein Überschuss an Personal auf dem heimischen Markt hergestellt. Ein Problem für die Philippinen sind Ärzte, die das Land verlassen. Interessanterweise schulen sich Ärzte zu Krankenpflegern um, um in diesem Beruf im Ausland zu arbeiten. Der Westen muss mit Ländern wie den Philippinen zusammenarbeiten, um die Migrationsströme so zu lenken, dass kein allzu großer Schaden in den Herkunftsländern entsteht.

Wenn ein Grund für die erfolgreiche Integration der Zuwanderer die bereits bestehende ethnische Vielfalt ist, hat Deutschland ein Problem, oder?

Es braucht politische Führung. In Kanada, Australien und Neuseeland gibt es keine politischen Parteien, die gegen Zuwanderung sind. Es bedarf aber natürlich auch eines strategischen Programms, die Aufnahme von Zuwanderern zu organisieren, die Integration zu gestalten und sicherzustellen, dass die Menschen in die Arbeitswelt aufgenommen werden. Die im Ausland erworbenen Fähigkeiten und Abschlüssen müssen anerkannt werden. Die deutsche Sprache muss intensiv vermittelt werden.

Deutsch wird weniger gesprochen und gilt als schwerer als Englisch.

Es werden sicherlich große finan­zielle Investitionen in Sprach­training notwendig sein, aber es ist nicht unmöglich. Nehmen Sie Israel: Jeder, der Jude ist, kann dort hinkommen, auch wenn er kein Hebräisch spricht – genau ­genommen spricht kaum einer von den Immigranten Hebräisch. Sobald Sie ins Land gelangen, wird mit der Sprachausbildung ­angefangen, damit die Leute sofort einer Arbeit nachgehen können. Man hat sich entschieden, einen enormen Betrag in die ­Integrationsarbeit zu investieren. Deutschland wird den gleichen Weg gehen müssen. Es kann ge­lingen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Querdenker schrieb am 10.08.2010 um 09:19
Howard Duncan propagiert die alte, klassisch nationalistische, neoliberale Einwanderungspolitik, welche als "Wettbewerb um die Köpfe" verkauft wird.

Unsere Zeit braucht aber eine globale Migrationspolitik, welche einen ökologisch, ökonomisch & politisch sinnvollen und behutsamen Austausch von Menschen in alle Richtungen steuert. Die Einwanderungspolitik von Ländern wie Kanada und den USA zementiert letztlich das äußere Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Ländern und vernebelt die gewachsenen Schieflagen in der inneren Bildungs-, Wirtschaft- und Familienpolitik.

Deutschland als Einwanderungsland ist in etwa so sinnvoll wie der massive Außenhandelsüberschuss von Deutschland. So was geht immer nur auf Kosten anderer Länder.
Technixer schrieb am 10.08.2010 um 10:36
Germany five points, Howard Duncan nothing.

Das in Deutschland die Ausbildung von Facharbeitern und auch das Studium quantitativ weit über dem Niveau der meisten Länder dieser Welt liegt wird hier übergangen. Achtung dies ist kein nationalistisches wir-sind-geiler-als-alle-anderen Statement, im Gegenteil!

In Deutschland haben wir das Problem, dass dieses qualifizierte Personal a) häufig unterbezahlt ist und b) zum Teil nicht gebraucht wird. Warum hier im Freitag dem Zuwanderungsthema, welches von den Neoliberalen gerade wieder vom Zaun gebrochen wurde, Raum gegeben wird ist mir schleierhaft.

Der Spiegel hat die Statistik veröffentlicht, welche Fachkräfte hier gesucht werden. Was stand mit an erster Stelle? Na? Die Hebamme! Ja ach kuck mal einer schau, sind das nicht diejenigen Fachkräfte welche hier mit Hungerlöhnen ih Dasein fristen? Na klar will das niemand machen und auch klar ist dass dann ein Inder eingeflogen werden soll (so die Logik dahinter), der Hebamme für 3,50€ die Stunde spielt.

Da kommt mir die Galle hoch.

Man muss sich einfach anschauen WER denn wohin auswandert, konkret sind das doch Menschen aus Ländern, wo wirklich echte Armut herrscht und sie einfach gezwungen sind zu diesem Schritt.

So, und warum er hier Kanada so hochlobt versteh ich nich. Deren Sozialsystem ist, genau wie das Amerikanische, so löchrig wie ein Schweizer Käse, Gesundheitskosten extrem hoch und die Löhne sind auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ich habe nämlich eine zeitlang den Gedanken gehabt dahin zu gehen. Nur ist da nichts besser als hier, außer die Natur.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG