Stärker noch als das Verschwinden Bin Ladens scheint die tunesische Revolution, die knapp zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September im Januar 2011 begann, den Dschihadismus aus dem Zentrum unserer Wahrnehmung zu verdrängen. Vielleicht ist die Revolution bereits die Bewegung, die zu seinem Niedergang führt. Diese Wendung ist völlig unerwartet und jenseits aller Prognosen. Sie kommt unseren kühnsten Träumen zuvor.
Anachronistische Regimes wurden von Aufständen hinweggefegt. Ihr Tempo ist ebenso außergewöhnlich wie ihre Gewaltlosigkeit. In Tunesien entdeckte eines der folgsamsten Völker der Erde an sich revolutionäre Seiten. Andere Völker taten es ihm nach. Damit hatte niemand gerechnet.
Und wogegen richtete sich nun diese Revolution? Gegen die westliche Kultur? Nein. Gegen den Imperialismus? Nein. Gegen die Globalisierung, die Ungläubigen, die Juden? Nein. Zum ersten Mal in der Geschichte haben sich die Entkolonisierten gegen sich selbst erhoben. Es ist eine dramatische Umwälzung.
Es ist also nicht das einzige Ziel des Islam, westliche Werte abzuschaffen? Demokratie ist dort also doch nicht so verhasst? Die Moderne nicht wider seine Natur? So und so ähnlich artikuliert sich die Überraschung des Westens. Vielleicht ist dies das erste Anzeichen, dass Moslems ihren „Kolonisiertenkomplex“ überwinden. Sie zielen nicht mehr auf die Bestrafung der Untreuen, sondern streben nach Änderungen bei sich selbst. Sie wollen nicht mehr den „großen Satan“ austreiben, sondern ihre eigenen Dämonen. Ihre Sichtweise wird nicht mehr vom äußeren Feind beherrscht, denn sie befassen sich mit den Übeln in ihrer eigenen Mitte. Kurz, sie nehmen die schwere Mitgift echter Unabhängigkeit an: Verantwortung zu tragen.
Freiheit erscheint ihnen nun bedeutender als Identität. Mit dem Blick auf sich selbst verändert sich auch die Betrachtung von außen. Die Entkolonisierten befreien nicht nur sich selbst, sondern auch die Menschen der westlichen Welt von ihren Vorurteilen. Ähneln uns diese Völker dort?, fragen sich die Europäer. Verfolgen sie Ideale, die uns vertraut sind? Besser als das. Sie träumen von Demokratie in einer Zeit, in der westliche Demokratien von der Krankheit Skeptizismus infiziert sind. Sie stellen sich einen Fortschritt vor, dessen Sinn sich vielen im Westen inzwischen entzieht. Sie engagieren sich für Politik mit einer Leidenschaft, die andernorts der Melancholie gewichen ist.
Wir dachten, dass sie sich Gott zugewandt hätten und entdecken plötzlich, dass der Mensch sie fasziniert. Wir dachten, ihre ganze Aufmerksamkeit gelte ihrem Heil im Jenseits, da sehen wir sie plötzlich, wie wichtig ihnen ihr Wohlergehen im Diesseits ist. Wir hielten sie für Gefangene der Religion und entdecken, wie frei sie ihren Verstand gebrauchen. Eben wirkten sie auf uns noch vergangenheitsfixiert, da erfinden sie sich schon eine neue Zukunft. In dem Augenblick, da sie ihre Identitätskrise überwinden, erlebt unsere ihren schmerzlichen Höhepunkt.
Nach der nicht-religiösen Revolution verschwindet der Moslem nicht mehr hinter Masken namens „Andersartigkeit“ oder „kulturelle“ Eigenart. Dieser Fremde macht uns nun keine Angst mehr, er wirkt verführerisch. Er fertigt keine Bomben, sondern Verfassungen. Er proklamiert keine Fatwas, sondern Zivilrecht. Er spricht nicht mehr von der Reue der anderen, sondern vom Prozess gegen die seinen. Er ist nicht mehr auf der Suche nach der eigenen Identität, sondern nach Würde. Seine Ähnlichkeit ist derart groß, dass der Europäer sich mit nostalgischen Gefühlen darin selbst wiedererkennt. Der Moslem hat seiner einfachen und friedliebenden Menschlichkeit ein Gesicht verliehen.
Auf der „Linie des Guten“
In den Jahren nach dem 11. September 2001 hat sich die europäische Identität um eine aggressive Verteidigungshaltung für die „westlichen Werte“ herum aufgebaut. Und nun, im Jahre 2011, sehen die Europäer sich endlich etwas gegenüber, das nicht Schrecken auslöst, sondern Hoffnungen.
So sind die beiden unglaublichsten Ereignisse zu Anfang des 21. Jahrhunderts, das Schlimmste und das Wunderbarste, der islamischen Welt entsprungen. Die Länder der „Achse des Bösen“ sind plötzlich auf die „Linie des Guten“ umgeschwenkt. Die Zivilisation des Globus folgt nicht mehr Schwarz-Weiß-Mustern. 2001 begann ein Jahrzehnt flammender Kriege. Das Jahr 2011 steht für das Aufblühen des Friedens.
Der Kult um die Vorreiterrolle hat vielerorts so schlimme Schäden hinterlassen, dass die Menschheit – ob sie nun gläubig ist oder nicht – inzwischen allergisch reagiert. Auf der einen Seite die Demokratie mit ihrem Machtgestus und dem militärischen Misserfolg, auf der anderen Seite die Gewalttaten des Islam – in gleicher Weise hat dies überall die eigene Bevölkerung zermürbt. Niemand darf mehr andere oder eigene Völker verfolgen, weder im Namen der Freiheit noch im Namen des Glaubens.
Die Demokratie hat es nicht vermocht, die islamischen Länder durch Krieg von ihrer Sache zu überzeugen. Und ebenso wenig konnte der Islam die Welt durch Terror unterjochen. „Heiliger“ versus „gerechter“ Krieg, Bekehrung oder Märtyrertum, beide Modelle sind gescheitert. Die Demokratie hat mit Waffen ebenso wenig gesiegt wie der Islam mit dem Blut. Ich habe den Eindruck, dass diese Desillusion auf alle Lager heilend wirkt. Jeder Einzelne muss jetzt seine Utopien kritisch befragen. Demokratie ist als Tugend nicht mehr mit der christlichen Gesellschaft verwachsen, die daraus eine moralische Überlegenheit ableiten könnte. Und die islamische Welt ist nicht mehr inhärent unfähig zu Humanismus.
Die göttliche Überraschung besteht darin, dass Demokratie wie ein Saatkorn offenbar auf kargem Boden erblühen kann, auch im scheinbar ungeeigneten arabischen Klima. Demokratie wächst dort, wo sie am meisten Widerstand leisten muss. Sie gehört nicht exklusiv zu einer Kultur, ebenso wenig wie Zivilisation die triumphale Krönung eines Stammes oder das Produkt von Hingabe an eine Religion ist.
Trotz der kriegerischen Fallen der Geschichte hat es die tunesische Revolution vermocht, jenseits der militärischen Pfade wütender „Gläubiger“ oder „Demokraten“ einen neuen Weg aufzuzeigen. Das ist ein Ereignis von zivilisatorischer Bedeutung. Es ist die Zurückdrängung imperialer Ideologien und vielleicht der Anfang einer Entkolonisierung mit menschlichem Antlitz.
Hélé Beji, geb. 1948, ist tunesische Schriftstellerin und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1998 gründete sie das Collège international de Tunis, ein Kulturzentrum, das sich dem kulturellen Austausch zwischen dem südlichen Mittelmeerraum und Europa, den USA und Lateinamerika widmet
Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt