Politik

Organisationsfrage | 16.01.2012 11:25 | Tom Strohschneider

Das gründlich Andere

Mitgliederentscheid oder nicht? Bartsch oder Lafontaine? Die Linke streitet übers Personal und meint doch die Politik. Eine Zukunft hat die Partei nur bei Selbstveränderung

"Die Zukunft? Das ist das gründlich Andere.“ Wenn die Linke am Montag ihren Jahresauftakt unter jenes, von Christa Wolf entlehnte Motto stellt, dann erweist sie nicht nur der Schriftstellerin eine nochmalige Ehre. Der Leitspruch illustriert auch ein Dilemma, in dem die Partei zurzeit steckt: Dem Ziel einer anderen Gesellschaft, wie sie der Linken vorschwebt, wird man nur als Partei näher kommen, die selbst schon, soweit es eben geht, das „gründlich Andere“ in sich vorwegnimmt.

Es geht dabei nicht nur um die besseren Forderungen zur Abwehr der Krise. Es geht um die Linke als Organisation von Veränderung. Derzeit streitet die Partei über das Verfahren zur Besetzung ihrer Führung. Im Sommer 2011 hatte Parteichef Klaus Ernst die Idee geäußert, künftig auch bei Personalfragen die Basis stärker einzubeziehen. Ende November erklärte Fraktionsvize Dietmar Bartsch seine Kandidatur für den linken Spitzenposten und plädierte für eine Mitgliederbefragung.

In einer solchen, glauben viele, hätte der Ostdeutsche gute Karten. Landesverbände und Kreisorganisationen stellten einen entsprechenden Antrag. Die Kritiker des früheren Bundesgeschäftsführers brachten daraufhin politische, vor allem aber juristische Argumente gegen einen Genossen-Entscheid vor. Inzwischen gibt es Gutachten, man diskutiert darüber, wer zur Vorlage eines solchen berechtigt sei und ob ein vom Vorstand formulierter Auftrag dazu wortgetreu beachtet wurde. Vergangene Woche lehnte die engere Führung einen Antrag zu einem Mitgliederentscheid ab.

Bartsch ist dem linken Flügel suspekt. Auf diesem wiederum ist man zu argumentatorischen Pirouetten genötigt, weil sich nicht leicht begründen lässt, warum ausgerechnet in der Linken, die das sonst an jeder Stelle fordert, direktdemokratische Verfahren falsch sein sollen. Gesine Lötzsch, die wieder ins Rennen um den Vorsitz gehen will, hat in einem Gastbeitrag auf freitag.de von „alten Mustern“ gesprochen, in welche die Partei zurückfalle. Ein instrumentelles Verhältnis zur Basis schimmert in der Diskussion nicht selten durch und auch die sorgenvolle Ahnung, ihr Ausgang könne den fragilen Pluralismus der Partei überlasten.

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Gewisse Kreise

Wohl auch deshalb hat sich Fraktionschef Gregor Gysi mit der Idee eingeschaltet, eine „kooperative Führung“ von „gewissen Kreisen“ vorschlagen zu lassen. So könnten alle politischen Lager integriert und alle Proporzwünsche beachtet werden. Das löste Erinnerungen an eine ähnliche Situation Anfang 2010 aus, die viele in der Linken als undemokratisch ansahen und über deren Ergebnis, nämlich die gegenwärtige Führung, inzwischen eben auch einige Unzufriedenheit herrscht. Gysi versuchte, seinen Vorstoß damit zu bekräftigen, dass die Linke sich dringend wieder der Politik zuwenden müsse. Nur so werde auch die Zustimmung beim Wähler wieder wachsen. Als ob das nicht auch eine Frage des Personals wäre! Der Streit wird ja gerade deshalb geführt, weil es in der Linken unterschiedliche Antworten auf inhaltliche und strategische Fragen gibt. Das ist das Eine.

Das Andere ist: Eine neue Führung und demokratischere Wahlverfahren allein werden die Linke nicht auf Erfolgskurs zurückbringen. Auf dem Weg zum, „gründlich Anderen“ ist mehr nötig. Und so müsste jener im Hintergrund längst mitgeführten Diskussion größere Aufmerksamkeit gebühren, in der es zwar auch um basisdemokratische Verfahren geht, man bei diesen aber nicht stehen bleibt.

„Mal wieder die Organisationsfrage stellen“, hat kürzlich Horst Kahrs von der Grundsatzabteilung der Linken einen Aufsatz überschrieben, der hier stellvertretend genannt sein soll. Es geht darin um Politik im sozialen Nahraum; um den Wert einer Partei als Ort praktischer Solidarität mit seinen Nachbarn, Kollegen, Freunden; um Aktivität jenseits der zentralen Kampagnen, großen Reden und gesetzentwürfe; um einen demokratischen Sozialismus des Alltags, der nicht bloß in Parteiveranstaltungen auflebt. Es geht um das Unterlaufen einer hegemonialen Lebensweise, in der auch ihre schärfsten Kritiker festhängen. Ganz so wie die Linkspartei in einer von Parlamentsbetrieb und Mediendemokratie strukturierten Umgebung agieren muss, die es nicht einfach macht, wirklich anders zu sein.

Der linke Soziologe Arno Klönne hat dieser Tage die Perspektive eines Suchenden eingenommen, welcher auf die Linkspartei schaut und dort bloß einen Abklatsch jener politischen Klasse sieht, zu dem er doch eigentlich eine Alternative zu finden gedachte. Hierin, meint Klönne, liege die große Verantwortung der Partei: Ist sie aus eigener Schuld nicht attraktiv, warte der Suchende ab, ob nicht doch noch irgendwann und irgendwo eine bessere Linke in Erscheinung tritt – was ohne sein Dazutun freilich ebenso wenig geschehen wird, wie ein erfolgreicher Re-Start der Linkspartei.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
MathisOberhof schrieb am 16.01.2012 um 15:51
Leider bezeichnend, dass weder in der Rede von Ernst noch von Gysi heute zu diesem Thema kein Wort erwähnt wurde. Symptomatisch?
Geierwally schrieb am 16.01.2012 um 23:39
in welcher anderen partei, kann denn die basis den parteichef direkt wählen ? eigentlich in keiner, aber warum wird da jetzt so auf der linken herumgekloppt und man will den eindruck erwecken, als wäre die linke undemokratisch.
die linke diskuttiert darüber wenigstens.
bartzsch sollte kein parteichef werden, dann kann man gleich die spd wählen, schon der begriff reformer erzeugt bei mir übelkeit.
hartz 4 oder riester rente wurden auch als reform deklariert, waren sie aber gut für die menschen ? nein.
bartzsch sagt man müsse auch kompromisse eingehen um bündnisfähig zu sein, aber ist es nicht gerade diese kompromisse iengen das für politikverdruss sorgt, weil man nach den wahlen ganz was anderes sagt, als vor den wahlen.
ansonsten empfehle ich den linken, den medien nicht so viel angriffsläche zu geben, die haben kein interesse daran, das die linke nach oben kommt.also lasst euch nicht in diese personaldebattenspielchen der presse einbinden.
antares56 schrieb am 17.01.2012 um 10:27
Wenn nicht mal bei der Linken Basisdemokratie herrscht, wo denn sonst? Es ist einfach nur peinlich, wie die Funktionäre um ihre Pöstchen und Privilegien kämpfen. Erinnert fast schon wieder an die DDR!
So hatten sich das Marx und Engels allerdings nicht gedacht!
Gustlik schrieb am 17.01.2012 um 12:16
Der Parteitag wählt den Vorsitzenden des Gebietsverbandes, seine Stellvertreter und die übrigen Mitglieder des Vorstandes, die Mitglieder etwaiger anderer Organe und die Vertreter in den Organen höherer Gebietsverbände, soweit in diesem Gesetz nichts anderes zugelassen ist. §9 Parteiengesetz

Das Parteiengesetz der Bundesrepublik gehört auf den Prüfstand. dann "dürfen" auch die Parteien sich basisdemokratischer zeigen...

Leider wird das durch die deutsche Journalie kaum hinterfragt.
@dllxllb schrieb am 17.01.2012 um 14:30
Ich frage mich inwieweit Parteien generell überhaupt basisdemokratisch sein wollen.
Letzten Endes geht es doch immer um einen Vorsitz. Dazu fällt mir dann spontan Versatz ein... Und "Pöstchen und Privilegien" (antares56).
Red Bavarian schrieb am 17.01.2012 um 14:42
Frei von der Leber weg geschrieben:

Ich bin ein Basismitglied in Der Linken, zudem emanzipatorisch und basisdemokratisch eingestellt, wie etliche andere Mitglieder. Ich hatte am 15.01. auf der Occupy-Demo in unserer Stadt eine Diskussion mit einem bewegten Bürger. Es war weitestgehend eine gute Diskussion, was er auch am Ende bestätigt hat. Allerdings gab es einen Punkt, an dem ich ein wenig gereizt wurde, nämlich beim Thema DDR-Anhänger in Der Linken. Der 15.01. war auch der Gedenktag an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die beide am 15.01.1919 von Freikorps-Faschisten ermordet wurden. Dahingehend zog der Diskutant sein Beispiel, dass im Gedenken für Walter Ulbricht mehr Blumen hingelegt wurden als im Gedenken für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ich habe ihm meine freiheitlich-alternativ linken Einstellungen kurz dargelegt, unter anderem, dass ich Problematiken partei-intern mit Genossinnen und Genossen bereits kritisch anspreche. Es ist leider ein bekannt-typischer Diskurs geworden: "Ja Sie meine ich nicht - aber ..." - Ich habe ihm daraufhin allgemeinbezüglich, doch tachelesmäßig gesagt, dass ich nichts von der antilinken Mainstream-Propaganda, mit dem Die Linke und die Linken allerorten diffamiert werden, halte. Ihn - den Diskutanten - habe ich damit auch nicht gemeint, sondern ...

Es dürfte zu erkennen sein, worauf ich hinauswill. Ich bin ein verständiger Mensch, und mir sagen konstruktive Diskussionen, die uns helfen, zu. Uns, die wir eine demokratische und soziale Linke anstreben, analog zu einer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleicher Ausrichtung. Aber mir geht das allgegenwärtige Eindreschen auf Die Linke und die Linken überhaupt inzwischen über die Hutschnur. Und damit meine ich jetzt nicht diesen Thread, sondern ...

Gegen den antilinken Ungeist werde ich sogar Genossinnen und Genossen verteidigen, die ich intern deutlich kritisiere, denn Die Linke und überhaupt die Linken sind als reelle Opposition bitter nötig in dieser gleichgeschaltet antidemokratischen und antisozialen Groß-BRD. Wenn Die Linke zugrunde ginge, dann hätten wir vollends DDR-Parteiverhältnisse angesichts der 'Kapitalistischen Einheitspartei Deutschlands' CDUCSUFDPSPDGrüne. Noch Schlimmeres erkennt man, wenn man sich die fortschreitende Renazifizierung des heutigen Deutschlands anschaut.

Um auf den 15.01.1919 zurückzukommen: Das war der Auftakt zum Nazi-Deutschland 1933 bis 1945 - dem Dritten Reich - mit den millionenfachen Morden und den Völkermorden seitens der Nazis. In einer Info-Veranstaltung zur Nazi-Zeit in unserer Region hat der Referent die Frage gestellt, was wir - die Zuhörer - damals getan hätten. Was zwischen 1933 und 1945 getan hätte, das weiß ich nicht wirklich, denn da war es praktisch schon zu spät. Aber was ich zwischen 1919 und 1932 getan hätte, das weiß ich: Das, was ich heutzutage tue, nämlich mich links und bewegt engagieren, damit es kein Viertes Reich gibt. Wir sind praktisch in der 2. Weimarer Republik, und diesmal mahnen uns die vielen Millionen Ermordeten und die auf den Schlachtfeldern Krepierten. Deshalb: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Damit komme ich wieder zum 15.01.2012 zurück: Die Bürgerbeteiligung zur Occupy-Demo in Nürnberg war nicht berauschend. Positiv denkend sage ich: Daumen hoch für alle demokratisch und sozial engagierten Menschen, auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit allen bin. Die anderen aber ...

Im Übrigen: Lest das Das Programm der Partei Die Linke. Und seht auch meine Beiträge zum Freitags-Artikel 'Raus aus den Hinterzimmern'.
Red Bavarian schrieb am 18.01.2012 um 14:11
Ergänzt zu meinem Kommentar vom 17.01.2012 um 14:42 und zum Thema Krieg: der Nachdenkseitenartikel
'Massive Manipulationen wegen eines Aufrufs gegen Kriegsvorbereitung und Embargo Syriens und des Iran'.

Es ist immer und immer wieder dasselbe in der deutschen Geschichte: kapitalistische, faschistische, militaristische Kriegstreiberei und zugleich Diffamierungskampanien gegen die Linken, die gegen dieses Kriegstreiberei sind. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, Vietnamkrieg, Irakkrieg, Afghanistankrieg, Lybienkrieg, kommend Irankrieg und Syrienkrieg, immer wird dem Volk weisgemacht, dass die Kriege zwingend wären, jeweils auf die Art und Weise, die dem jeweiligen Zeitgeist entspricht, sodass sogar linke und bewegte Menschen darauf hereinfallen.
cuchulainn schrieb am 18.01.2012 um 14:29
Red Bavarian schrieb am 20.01.2012 um 11:45
Horsti schrieb am 17.01.2012 um 22:19
Ebenfalls frei von der Leber weg:

Aus meiner Sicht liegt das Problem im Parteiensystem.
Fast alle Parteien tragen des Wort "Demokratie" in ihrem Namen (Die Linke bis vorkurzem auch) oder schwafeln in jedem zweiten Satz davon.
In der Realität fehlt es regelmäßig daran und so verkommt das Wort zur leeren Hülse. Das Blöde ist, daß sowas bemerkt wird.

Noch schlimmer kommts, weil das verlangt aber, trotz ewiger Versprechen, nicht eingelöst wird.
Auch wenn jede Woche eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird - irgendwas bleibt hängen.
Im Falle der Linken wohl Unglaubwürdigkeit, weil über das geredet wird, was bei anderen ganz normal (versaut) ist.

Vor der letzten BaWü-Wahl hab ich mir mal den Spaß mit dem Wahlomaten erlaubt. Der meinte, daß die meisten Schnittmengen bei den Piraten lägen. Daraufhin beschäftigte ich mich also näher mit denen. Zur Berlinwahl war ja noch Zeit.
Wenn man da das Parteiprogramm liest, dann möchte man, ob der demokratischen Ansätze, jubeln.

Zum Jubeln wollte man mich früher gern verführen. Daher hab ichs damit nicht mehr so und frage lieber. Das tat ich dann, sicher etwas despektierlich, im Forum der Piraten. Ich habe einfach gefragt, was sie denn machen würden, wenn sie gewählt würden und was dann von den basisdemokratischen Vorsätzen bleiben könne.
Die Antworten waren erwartungsgemäß ernüchternd.

Gewählt hab ich sie trotzdem. Es bestand ja nicht die Gefahr, daß sie tatsächlich Regierungsgewalt bekommen.

Sie waren eine Alternative zum Nichtwählen, was ja als Protest regelmäßig negiert wird. Aber auch nur ein "geringeres Übel".

Das ist das eigentliche Problem. Die angebliche Demokratie reduziert sich auf die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Es werden nicht Personen, davon gibt es in fast jeder Partei wählbare, gewählt, sondern Parteien, die schon intern Probleme mit Demokratie, um nicht Sumpf zu sagen, haben.

Da macht die Öffentlichkeit der Diskussionen innerhalb der Linken nichts besser, weil es der gleiche parteientypische Hickhack ist, nur mit der roten Fahne vor der Tür.

Ich habe nichts gegen die rote Fahne. Viele Ansätze teile ich.
Das reicht aber nicht und ich halte diese Parteiensysteme und das (nicht vorhandene) Wahlrecht für grundsätzlich undemokratisch.
Horsti schrieb am 17.01.2012 um 22:23
Upps, Entschuldigung bitte! So lang wollte ich gar nicht schreiben. :o
claudia schrieb am 22.01.2012 um 07:19
>>Aus meiner Sicht liegt das Problem im Parteiensystem.<<
Und das ist ein Ergebnis der Machtverhältnisse.
Andererseits muss man sich ja auch unter den bestehenden Machtverhältnisse irgendwie bewegen.

Von daher halte ich ein Zusammenwirken von parlamentarischer und ausserparlamentarischer Opposition für sinnvoll.

Wir werden noch einige Zeit im Kapitalismus überleben müssen, bevor wir stark genug sind, ihn zu überwinden und die nächste gesellschaftliche Entwicklungsstufe konkret umzusetzen.


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