Politik

USA | 13.01.2012 19:15 | Jonathan Jones

Gräuelszenen für das globale Publikum

Goya zeichnete eine Leichenschändung in den Napoleonischen Kriegen. Er hielt eine Szene des Grauens fest - die US-Marines hingegen erzeugten eine solche erst fürs Bild

Es ist ebenso sehr ein Dokument des Informationszeitalters wie das eines Kriegsgräuels. Ein in dieser Woche anonym auf YouTube eingestelltes Video zeigt offenbar vier US-Marines beim Urinieren auf die Leichen von Afghanen. Sie posieren für die Videokamera in den Händen eines fünften Marines und vollziehen ihre „große Tat“ gegen die Toten, so scheint es, im vollsten Bewusstsein dessen, was sie da tun.. Sie tun es, um gesehen zu werden, wohl wissend, dass sie gefilmt werden. Gut möglich, dass der eigentliche Sinn dieser Handlung darin besteht, sie zu filmen und die Welt im Netz daran teilhaben zu lassen.

Vergleiche mit früheren Vorfällen unter Beteiligung amerikanischer Soldaten, wie die Folter im irakischen Abu Ghraib-Gefängnis, drängen sich auf. Gleichwohl besteht ein Unterschied zwischen der Folter und dem Missbrauch an lebenden Gefangenen wie in Abu Ghraib und der Schändung der Körper von Toten. In seiner Grafik „Große Heldentat! Mit Toten“ fing Goya die Sinnlosigkeit und Feigheit der Gewalt gegen gefallene Feinde ein (vorausgesetzt, dass auf dem Video Taliban-Kämpfer und keine Zivilisten zu sehen sind). Er enthüllte während der Napoleonischen Kriegen das schmutzige Geheimnis, dass inmitten des Hasses und der Wut der bewaffneten Auseinandersetzungen die Schändung von Toten gedeihen kann.

Die wirklich bemerkenswerte Parallele zu Abu Ghraib liegt sicher nicht in der Natur der Verbrechen, sondern in dem Drang, sie zu fotografieren – und zu teilen. Vielleicht werden Gewehre zukünftig mit eingebauter Kamera und einem Button geliefert, welcher es ermöglicht, Szenen von der Front sofort zu mit anderen zu teilen. Diese Bilder einer rituellen Beleidigung der Gefallenen tauchen in einer Welt auf, in der die Kommunikation noch omnipräsenter ist als 2004. Zu dieser Zeit kursierten die Fotos der Gefängniswärter von Abu Ghraib, die mit schikanierten Gefangenen posierten. Ich erinnere mich, dass ich seinerzeit diese Bilder mit Horrorfilmen verglich, um mir einen Kontext vorstellen zu können, in dem Menschen so beiläufig ihre Macht missbrauchen und ihre Verbrechen so unbekümmert fotografieren.

Doch nun erscheint eine solche Art und Weise der Selbstdokumentation von Gewalt und Grausamkeit nicht länger überraschend.Was wird heute eigentlich nicht öffentlich geteilt? Was wäre zu privat oder beschämend für YouTube? Das Video der urinierenden Soldaten erscheint vor diesem Hintergrund noch nicht einmal so extrem oder schockierend – es nimmt einfach seinen Platz unter all den anderen Videos ein, die jeder schaut und über die jeder twittert.

ANZEIGE

Der Makel des Voyeurismus

Soldaten haben ihre Verbrechen allerdings bereits lange vor der Erfindung digitaler Videos mit der Kamera dokumentiert. Der SS-Mann Jürgen Stroop, Befehlshaber bei der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943, bewahrte sich ein Fotoalbum, das seine Errungenschaften visuell feierte. Es ist die Quelle eines der berühmtesten Bilder des Holocausts: ein jüdischer Jungen hebt bei seiner Verhaftung die Hände. Ein weiteres Fotoalbum über das Warschauer Ghetto von einem deutschen Soldaten nennt sich selbst ein „kulturelles Dokument für Adolf Hitler“. Was dachten die ersten „professionellen“ Kriegsfotografen im 19. Jahrhundert eigentlich über das, was sie da taten? Als Matthew Brady und andere Fotografen ihr Equipment auf Planwagen luden und den Armeen in die Schlachten des Amerikanischen Bürgerkrieges folgten, handelten sie nicht im Auftrag von Zeitungen oder des Kriegsministeriums. Sie sahen einfach eine Gelegenheit und ergriffen sie.

Von Beginn an, so könnte man argumentieren, war die Kriegsfotografie anrüchig, ein schmutziges Geschäft, dem der Makel des Voyeurismus anhaftete. Das Verlangen, die Toten einer Schlacht zu sehen, wurde von Brady in krasser Form bedient. Seitdem ist aus der Kriegsfotografie ein Beruf und sogar eine Kunst geworden. Sie wird inoffiziell durch die Entscheidungen der Redakteure reguliert, was gezeigt werden darf und was nicht – aber der voyeuristischen Impuls ist unserem Verlangen nach Kriegsfotos weiterhin inhärent.

In diesem Sinne ist das, was wir hier sehen, auch ein Beispiel für die Demokratisierung von Fotos und Film im digitalen Zeitalter. So wie jeder inmitten des Geschehens einer Revolution oder eines Krawalls mit seinem Handy ein Foto schießen und es verbreiten kann, bevor die Profis am Ort des Geschehens eintreffen, so haben diese Soldaten ihre hässlichen Taten anscheinend selbst gefilmt. Für Matthew Brady war der Krieg eine grauenvolle Gegebenheit, die gezeigt werden sollte. Dieses Video legt nahe, dass der Krieg nun ein Gräuelszene ist, die inszeniert werden muss, damit man sie teilen und darüber reden kann.

Übersetzung: Steffen Vogel
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Frank Linnhoff schrieb am 14.01.2012 um 11:00
Obzönität

Ich werde mir dies Video auf Youtube auf keinen Fall anschauen. Einmal mehr kann man sich als Zeitungsleser dem Bild einer obzönen Handlung kaum entziehen. Nicht nur die Bilder aus Abu Graibh kamen mir sogleich in den Sinn, auch das Bild des US-Präsidenten mit seinem Gefolge, welche sich in Echtzeit die Exekution von Bin-Laden anschauen.

Den meisten Argumenten des Autors in diesem Artikel kann ich nicht folgen.
Horsti schrieb am 14.01.2012 um 11:36
Vor Jahren dachte ich auch, daß es nötig wäre Kriegsgreul zu dokumentieren und zu zeigen.
Ich hatte die Hoffnung, daß sich dadurch etwas ändern könnte, daß die Menschen dadurch den Krieg ablehnen würden.
Diese Wirkung scheint aber, für mich nicht nachvollziehbar, weitestgehend auszubleiben.

Scheinbar wird eher Vojeurismus bedient.

Allein die Tatsache, daß das Töten, welches dem Urinieren ja wohl vorausging, kritiklos hingenommen wird, im Zweifel sogar mit Orden und Heldenverehrung belohnt wird, ist an Verlogenheit (teils auch erschreckender Dummheit) nur schwer zu übertreffen.

So übel und verachtenswert das Verhalten der Soldaten hier ist, zeigt es doch nur den "ganz normalen Wahnsinn" des Krieges und gewiss nur eine Spitze des Eisberges.

Es möchte doch wohl kein denkender Mensch an "menschlichen Krieg" glauben oder daran, daß er Menschen nicht verändert und auch zu Bestien macht.

Der Krieg ansich ist das Verbrechen und die Wiege weiterer Verbrechen. Daraus resultierende Auswüchse dann als gesonderte Verbrechen zu titulieren, Krieg mit Konventionen regulieren zu wollen, lenkt nur vom eigentlichen großen Verbrechen ab und stellt eine widerliche Verharmlosung dar.
antares56 schrieb am 15.01.2012 um 14:25
"So übel und verachtenswert das Verhalten der Soldaten hier ist, zeigt es doch nur den "ganz normalen Wahnsinn" des Krieges und gewiss nur eine Spitze des Eisberges."

Gerade die amerikanischen Soldaten werden auf die perversesten Verhaltensweisen geschult! Da sind dann solche Auswüchse normal! Und unter den Soldaten wohl auch nicht unbeliebt. Wer Macht über Leben und Tod hat, wird sie auch ausnutzen!
Man kann eigentlich nur feststellen, wenn es Terroristen der Perversen Art gibt, dann sind es meistens amerikanische Truppen! Morden, Schänden, Erniedrigen scheint ihre Aufgabe zu sein. Wo leben wir eigentlich, warum nimmt die Welt das hin?
Ich verstehe das nicht.
Ein Schelm schrieb am 16.01.2012 um 03:35
Keine Ahnung, in welcher Welt Sie leben, antares56, die reale ist es gewiss nicht.
Mir fällt kein bewaffneter, länger andauernder Konflikt ein, in dem nicht jede nur erdenkliche Erniedrigung, Brutalität, Obszönität ... you name it ... an der Tagesordnung ist oder war.
Ihrem zynisch-uninformierten Antiamerikanismus sollte man vielleicht eine TÜV-geprüfte Dehumanisierungsskala widmen - na, geben Sie sich einen Ruck, welches Rating geben Sie den Amerikanern?
Tobi-Eiki schrieb am 16.01.2012 um 13:31
"In diesem Sinne ist das, was wir hier sehen, auch ein Beispiel für die Demokratisierung von Fotos und Film im digitalen Zeitalter. "

Es ist nicht nur die Demokratisierung von Film und Fotos, es ist sogar ein Stück Transparenz, die in so vielen Kriegen nicht gegeben ist. Durch eine solche Transparenz können erst Verfehlungen und Verletzungen der Menschenrechte aufgedeckt und verurteilt werden. Gleichzeitig dienen Verurteilungen als Abschreckung für Soldaten, die ähnliche Taten vielleicht begehen könnten.

Hinzu kommt, dass durch solch Dokumentierungen eine Fülle an Quellen und Informationen entstehen, die in einigen Jahren, Jahrzehnten und auch Jahrhunderten es Historikern ermöglichen werden, genauere Rekonstruktionen des Kriegsgeschehen anzufertigen.

Es bleibt aber ganz klar die Kritik und die Verurteilung der menschenverachtenden Taten der Soldaten! Diese Männer schadeten nicht nur sich selbst, sondern dem Ansehen der gesamten US-Armee sowie der gesamten amerikanischen Nation. Leider wird es in Kriegen wohl nie ganz zu verhindern sein, dass solche Vorfälle passieren. Jede Armee hat sich vermutlich Verfehlungen geleistet, die nicht an die Öffentlichkeit geraten sind. Durch das Internet sowie die neuen Medien kann in Zukunft vielleicht etwas mehr Transparenz geschaffen werden.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG