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Für die Hochalpen wird Mitte der Woche, wenn sich die globale Elite zu ihrem jährlichen Hüttenzauber in Davos versammeln wird, heftiger Schneefall vorhergesagt. Der Schnee wird vielleicht die architektonischen Makel der reizlosen Schweizer Stadt verbergen können, nicht aber die Verwerfungen der Weltwirtschaft.
Das Programm ist straff, die Stimmung zurückhaltend und ein wenig beklommen. Wachstumsrückgang, finanzielle Instabilität, zwischen Insolvenz und Schuldenausfall taumelnde Regierungen, deutliche Anzeichen dafür, dass die Öffentlichkeit für die Exzesse der Reichen und Mächtigen kein Verständnis mehr hat: All das hat dafür gesorgt, dass die ausschließlich für geladene Gäste geöffnete Veranstaltung in diesem Jahr vor düsterer Kulisse stattfindet.
Sollten Sie also nicht gerade voller Vorfreude auf eine Begegnung mit dem Who is Who der Wirtschaft und Politik ihre Skistiefel einpacken, hier unser A bis Z-Führer für das jährliche Treffen des Weltwirtschaftsforums.
Antiglobalisierung
Davos ist das Glastonbury der Globalisierung. Das Ereignis, das alle Großen und Wichtigen der Weltwirtschaft anzieht. Jeden Januar hat Davos eine Woche lang die weltweit höchste Milliardärsdichte pro Quadratkilometer. Somit reizt der Ort auch die Antiglobalisierungsbewegung. In diesem Jahr werden die Proteste sich um ein Iglu herum konzentrieren, in dem die Gruppierung „Occupy the World Economic Forum“ ihr Lager aufgeschlagen hat. Die Schweizer Polizei neigt zu hartem Vorgehen gegen Demonstranten - und macht selbst bei unschuldigen Zaungästen keine Ausnahme. Im vergangenen Jahr wurde Andrew Clarke, der damalige Wirtschaftsredakteur des britischen Observer, auf dem Nachhauseweg im Zug verhaftet.
Belvedere
Tagsüber konzentriert sich das Geschehen in Davos auf das Konferenzzentrum, ein hässliches Gebäude aus den 1970ern, das kürzlich modernisiert und erweitert worden ist. Nach Feierabend begeben sich die Mitglieder des WWF in der Regel ins Belvedere-Hotel, wo die besten Partys stattfinden und viele der Honoratioren abgestiegen sind. Davoser Hotels sind atemberaubend teuer: Ein Standardzimmer im Chaletstil kostete 400 bis 500 Schweizer Franken (ca. 300 bis 400 Euro) pro Nacht bei einer Mindestaufenthaltsdauer von fünf Nächten.
Cameron
Der britische Premier ist einer der annähernd vierzig Staats- und Regierungschefs, die zum diesjährigen Gesprächsmarathon erwartet werden. Cameron verfügt über eine langährige Davos-Erfahrung: Er nahm zum ersten Mal als Oppositionsführer teil und wird in diesem Jahr eine der Grundsatzreden halten.
Doha
Jedes Jahr kommen in Davos die Handelsminister zusammen, um den erstarrten Welthandelsgesprächen in Doha neues Leben einzuhauchen. Jedes Jahr scheitern sie erneut an dieser Aufgabe.
Europa
Das ganz heiße Thema in diesem Jahr ist die Krise der Eurozone, welche die ganze Weltwirtschaft überschattet. Zu erwarten sind jede Menge Predigten, in denen Chinesen, Amerikaner und Briten betonen, dass Europa sich nun aber zusammenreißen müsse, sowie warme Worte europäischer Politiker, die das Schlimmste für überstanden erklären.
Frauen
Wie die meisten Chefetagen ist auch das Weltwirtschaftsforum eher eine Männerdomäne. Man gelobte für dieses Jahr Besserung.
Gates
Seit er den Chefposten bei Microsoft abgegeben hat, widmet Bill Gates sich der Philanthropie. Er wird Davos als Plattform für den Aufruf nutzen, innovative Geldquellen - wie etwa die Finanztransaktionssteuer – anzuzapfen, um so Entwicklungsprojekte finanzieren zu können.
Hunger
In Davos in den Genuss authentischer Schweizer Küche zu kommen, gestaltet sich überraschend schwierig. Die meisten Hotels servieren die gleiche internationale Kost. Wer sich auskennt, geht ins Gentiana, wo George Osborne letztes Jahr mit OECD-Generalsekretär Angel Gurría dinierte.
Igwel
Davos ist um eine Reihe von Sitzungen herum organisiert, bei denen Expertengremien ihre Sicht auf aktuelle Themen erläutern. Hinter den Kulissen sind die Teilnehmer angehalten, bei sogenannten „Igwels“ (Informal Gatherings of World Economic Leaders) freier zu sprechen. Hier werden in Davos angeblich die eigentlichen Geschäfte gemacht. Die richtigen Deals werden allerdings unter vier Augen und hinter verschlossenen Türen abgeschlossen.
Johnson
In London finden dieses Jahr Bürgermeisterwahlen statt; also ist der derzeitige Amtsinhaber Boris Johnson vor Ort, um für seinen neuen Flughafen die Werbetrommel zu rühren und der Welt zu verkünden, wie grandios die in seiner Stadt stattfindenden Olympischen Spiele sein werden.
Klosters
Nur fünfzehn Minuten mit dem Minibus oder der Limousine bergabwärts braucht es, um den kleinen Ort zu erreichen. Klosters hat sich zur Schlafstadt all derer entwickelt, die in Davos kein Zimmer mehr bekommen haben oder ihre Zeit lieber auf den Skipisten verbringen, als im Konferenzzentrum.
Lagarde
Christine Lagarde wird in diesem Jahr erstmals als geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds in Davos dabei sein. Ihre To-do-Liste ist lang: Sie muss unter anderem den Zusammenbruch des Euro verhindern, über die Lage der Weltwirtschaft berichten und dafür sorgen, dass der Fond über genügend Geld verfügt, um in Bedrängnis befindlichen Ländern helfen zu können.
Merkel
Los geht’s in Davos immer mit einer Rede eines prominenten Staatsoberhauptes. Diesmal ist Angela Merkel dran. Aufgrund der Schlüsselrolle, die Deutschland bei der Bewältigung der Eurokrise innehat, werden die Finanzmärkte jedem ihrer Worte besondere Beachtung zukommen lassen.
Nichtregierungsorganisationen
In den 1990ern war Davos Politikern, Geschäftsleuten und Akademikern vorbehalten. Entwicklungshilfe stand nicht auf der Agenda, Gewerkschaftlern war der Zutritt zum Konferenzzentrum nicht gestattet. Dieser Tage rühmt man sich mit der Öffnung des Weltwirtschaftsforums und lädt auch Wohltätigkeitsorganisationen wie Oxfam oder die von Bono gegründete Organisation One ein. Der U2-Sänger, der inzwischen eigentlich zum festen Davoser Inventar gehört, wird dieses Jahr übrigens nicht anwesend sein.
Off-Piste
Während die Sitzungen zu Wirtschafts-, Geschäfts- und Finanzthemen in Davos zum Alltagsgeschäft gehören, rühmt man sich aber auch eines breitgefächerten Begleitprogramms. Hier können die Teilnehmer sich über die Entwicklungen in der Neurowissenschaft, Quantenphysik, Astronomie, Musik, Architektur und Literatur auf den neusten Stand bringen. Vielen Teilnehmern gilt dies als der angenehmste Teil der Veranstaltung.
Pandit
In Davos gibt es stets einige Co-Vorsitzende aus der Geschäftswelt, die sich dieses Privileg einiges kosten lassen. Dieses Jahr ist Citigroup-Chef Vikram Pandit einer von ihnen. Die anderen sind Yasuchika Hasegawa, Vorstandsvorsitzender des Pharma-Konzerns Takeda, Paul Polman von Unilever, Peter Voser von Royal Dutch Shell, Alejandro Ramírez, Chef der mexikanischen Kinokette Cinépolis und Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, , die wohl nicht zuletzt das Geschlechterunwucht ein wenig ausgleichen soll
Qualen
Wer nicht gerade Staatschef ist, der kommt nicht an den langen Warteschlangen vorbei, die sich zu Stoßzeiten vor dem Konferenzzentrum und dem Belvedere bilden. Im Januar kann es dabei recht kühl werden, vor allem wenn es schneit; deshalb ist ein warmer Mantel ratsam.
Roubini
2007 zählte Nouriel Roubini zu den wenigen Ökonomen, die den Crash kommen sahen. Dr. Untergang, wie er seither auch genannt wird, wird am Mittwoch mit einer Sitzung den Ton angeben, deren Thema „Die Samen der Dystopie“ lautet. Das wird nichts für schwache Nerven.
Schwab
Seit er das Weltwirtschaftsforum 1971 unter dem Motto „den Zustand der Welt verbessern“ gegründet hat, ist Klaus Schwab Mister Davos. Vor einer Woche sagte der gebürtige Deutsche, „ der Kapitalismus in seiner bisherigen Form passt nicht zur Welt.“
Tal
Davos schmiegt sich in ein Tal hoch oben in den Bergen. Die ersten Menschen siedelten dort im Mittelalter. Im 19. Jahrhundert wurde die Stadt zum beliebten Aufenthaltsort für Tuberkulosekranke. Nach Meinung der Ärzte soll die Luft in den Bergen des Schweizer Kantons Graubünden fgut für die Gesundheit ihrer Patienten sein. Unter anderem erholte sich dort auch Thomas Mann, dessen Roman Der Zauberberg in Davos spielt.
Ungarn
Im zurückliegenden Jahr lag das Hauptaugenmerk auf den südeuropäischen Krisenstaaten Griechenland, Portugal, Italien und Spanien. In den letzten Wochen ist nun das bereits von der weltweiten Finanzkrise schwer gebeutelte, ehemals kommunistische Land in den Fokus gerückt und ihm droht ein Sparprogramm des Internationalen Währungsfonds. Auch in Davos wird Ungarns Misere Thema sein.
Vereinigte Staaten
Wie immer werden jede Menge amerikanische Geschäftsleute beim Weltwirtschaftsforum auflaufen – sie entspannen sich gerne mal ein paar Tage in den Alpen. US-Politiker wird man hingegen dieses Jahr seltener treffen, immerhin ist in den USA Wahljahr. Prominentester Teilnehmer aus den USA ist dieses Jahr Finanzminister Tim Geithner.
Weibliche Trophäen
Begleiten normalerweise amerikanische Magnaten und sind unschwer zu erkennen – sie tragen die höchsten Absätze, die imposantesten Frisuren, echte Pelzmäntel und die Anzeichen teurer kosmetischer Eingriffe.
Xiaoqiang, Zang
Der Vizevorsitzende der chinesischen Reform- und Entwicklungskommission zählt zur immer einflussreicheren chinesischen Davos-Delegation. Die zunehmende weltwirtschaftliche Bedeutung der Schwellenländer hat bei dem Treffen für eine Verschiebung gesorgt: Einst belehrten dort westliche Staatschefs die Entwicklungsländer: Nun ist es umgekehrt
York
Für Sie: Seine königliche Hoheit, der Herzog von York. Prinz Andrew wirbt in Davos jedes Jahr für den britischen Export.
Zoellick
Da er sich mit Barack Obama überworfen hat, wird Robert Zoellick nach Ablauf seiner ersten Amtszeit als Weltbankpräsident im Juli wohl nicht noch einmalantreten. Gerüchten zufolge wird er seine Entscheidung diese Woche in Davos verkünden.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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