Politik

Landespolitik | 18.01.2012 11:40 | Tom Strohschneider

In der Saarschleife

Die Jamaika-Minister sind entlassen, CDU und SPD sondieren weiter. Eine Alternative zur großen Koalition ist nicht in Sicht, daran würden wohl auch Wahlen nichts ändern

Die saarländische Landespolitik hat an diesem Mittwoch ein volles Programm: Am Morgen wurden die vier Minister von Grünen und FDP entlassen, danach wollte die CDU über eine vorübergehende Ressortverteilung entscheiden und am Nachmittag gehen die Sondierungsgespräche mit der SPD weiter. Ein Thema dabei: Der Vorschlag der Sozialdemokraten, die Landtagswahl auf 2013 vorzuziehen und parallel zur Bundestagswahl abzuhalten. Die CDU ist bisher dagegen, die SPD sei jedoch auf diese Position „festgelegt“, heißt es. Gegebenenfalls werde es eben Neuwahlen geben. Doch die hätten, passiert nichts wirklich Saarbewegendes mehr, so ziemlich dasselbe Ergebnis: eine große Koalition. Also auch hier scheint die Sache bereits „festgelegt“ – der Unterschied, wer den Ministerpräsidenten stellt, ist einer, der vor allem die Parteien interessiert, der aber kaum für die Frage der Regierungspolitik relevant sein dürfte.

Nach dem Schiffbruch von Jamaika hatten für ein paar Tage noch andere Farbspiele eine kleine Nebenrolle auf der Bühne: Die Linkspartei erklärte, bei aller Kritik an den Grünen wolle sie sich auch Rot-Rot-Grün nicht verschließen, es komme jedenfalls auf die Inhalte an. Auch auf dem linken SPD-Flügel konnte man manche Einlassung so verstehen, dass Neuwahlen mit dem Ergebnis Rot-Rot doch besser seien als ein Bündnis mit der CDU. Davon ist inzwischen nicht mehr die Rede. Die Saar-Politik ist eben „festgelegt“. Die Ironie daran ist, dass das Festgelegtsein seinen Grund in der Beweglichkeit der Sozialdemokraten in einer entscheidenden Frage hat: der Haltung zur Schuldenbremse. Landeschef Heiko Maas gehörte lange zu den Kritikern dieses Instruments. „Schuldenbremse heißt: weniger Bildung und weniger Sozialstaat“, sagte er im vergangenen März. Und als im Herbst selbst Annegret Kramp-Karrenbauer ein Licht aufging und sie beklagte, dem Land fehle es an Handlungsspielraum, erinnerte Maas die CDU-Ministerpräsidentin daran, dass es ihre Partei war, welche die Schuldenbremse „gegen alle Bedenken der SPD durchgedrückt“ habe.

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Knackpunkt Schuldenbremse

Die Bedenken hat Maas inzwischen verloren, aber es ist dies keine Frage der Einsicht oder grundlegend veränderter Voraussetzungen. Sondern bloß eine der landespolitischen Taktik. Maas hat, als Signal an die CDU und die Linkspartei, durchblicken lassen, dass die Sozialdemokraten im Saarland nun auch bereit seien, die Schuldenbremse zu akzeptieren. Im Gegenzug kann die SPD von der Union Entgegenkommen erwarten, und die Linkspartei wird auf eine Weise auf Distanz gehalten, die ihr selbst einen Schwarzen Peter zuspielt: Er, Maas, wolle, ja müsse gewissermaßen die Möglichkeiten einer großen Koalition ausloten, weil die Linkspartei nicht bereits sei „die Realitäten“ anzuerkennen, also: die Schuldenbremse und mit ihr einhergehende Kürzungen. Abgesehen davon heißt es in der SPD, „mit ersprießlichen rot-roten Gesprächen sei an der Saar nicht zu rechnen“, wie die Tageszeitung schreibt, „weil Lafontaine undurchschaubare Absichten auf Bundesebene verfolge“. Der Fraktionschef der Linken hat entgegnet, es könne keine Koalition mit Sozialdemokraten geben, welche ihre kritische Position zur Schuldenbremse geräumt haben, denn diese bedeute „Sozialabbau und Einschnitte bei der Bildung“. Auch hier also: Man zeigt sich „festgelegt“.

Für die Saar-Linke ist das zweifellos eine Frage der viel zitierten Glaubwürdigkeit, die zu verteidigen allerdings auch schwierig sein wird. In den Medien wird der Linkspartei die Schuld an der landespolitischen Alternativlosigkeit gegeben. Lafontaines, vom linken Landesvorsitzenden Rolf Linsler unterstützte Absage, hätte CDU und SPD „praktisch zur Zusammenarbeit gezwungen“, schreibt die Saarbrücker Zeitung. Die Süddeutsche kommentiert die Lage mit den Worten, „die Linke hat sich mit dem Lafontaine-Interview auf Opposition festgelegt. Also müssen CDU und SPD sich zusammenraufen.“ Kommen die nicht auf einen gemeinsamen Nenner, wird es Neuwahlen geben. Sowohl der linke SPD-Flügel als auch Seeheimer (etwa hier) plädieren ohnehin dafür. Stattfinden könnte so ein Urnengang im März oder April. Und auch in der CDU heißt es nun, man sei für eine schnelle Neuwahl gut vorbereitet. Mag sein, dass sich jede Partei ihre Chancen dabei ausrechnet. Das ändert aber nichts daran, dass alle von den Akteuren für möglich gehaltenen Wege trotzdem zum selben Ziel führen: eine große Koalition. 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Tobi-Eiki schrieb am 18.01.2012 um 13:54
Eine Große Koalition scheint wohl unumgänglich im Saarland. Schade, dass die Linke mal wieder nicht bereit ist, pragmatische Politik zu betreiben! Lafontaine bleibt eben ein Ewiggestriger, der sich aktuellen Gegebenheiten nur schwer anpassen kann. Das ist schade, immerhin unterstützt er so die CDU. In Koalitionen und Demokratien kommt es nun mal auf Kompromisse an. Wenn Herr Lafontaine dies nicht begreift, wird er auch in Zukunft in keiner Regierungskoalition mehr sitzen. Allerdings scheint er das auch gar nicht zu wollen. So verbaut er seiner Partei jedenfalls weitere Chancen, Glaubwürdigkeit zu gewinnen.
MrSatchmoo schrieb am 18.01.2012 um 14:43
Puh... Jetzt sind die Linken schuld, wenn die SPD sich nicht an ihre eigenen Positionen hält? Und die Linken umgekehrt konsequent bleiben?
Die Feststellung, dass zur Demokratie auch Kompromissbereitschaft gehört, ist ja schön und gut, aber wenn keine Partei mehr klare Linien erkennen ließe, deren Überschreitung nicht mehr in Frage kommt, dann hat die Institution der Wahl ihren Sinn vollends verloren. Und für die Linke gehört aus guten Gründen die Art und Weise, wie (an der Saar) die Schuldenbremse verstanden wird, zu solch einer roten Linie.
Für mich ist eher die Frage, wieso niemand in Empörung ausbricht, wenn der Maas plötzlich von seinem "Geschwätz von gestern" nichts mehr hören will.
Tobi-Eiki schrieb am 18.01.2012 um 15:13
Es ging mir weniger um die Linke als um Herrn Lafontaine. Prinzipientreue? Wäre Herr Lafontaine ein Mann mit Prinzipien und klarer Linie, dann hätte er weiterhin als Sozialdemokrat für seine Sache gekämpft und wäre nicht zur Linken gewechselt. In der SPD hatte er den Machtkampf mit Schröder jedoch verloren, weshalb nur ein Neuanfang in einer anderen Partei blieb. Lafontaine ist sicherlich kein Heiliger, wie jeder andere Politiker. Ihm geht es am Ende wie Maas usw. um Macht.
MrSatchmoo schrieb am 18.01.2012 um 15:41
Tja, das hab ich nie verstanden: Wenn jemand merkt, dass er sich mit seiner Position in einer Partei kein Stück durchsetzen kann (z.B. weil kollektive Verblödung vorherrscht, wie seinerzeit in einer gewissen traditionsreichen deutschen Partei), dann soll er trotzdem dabei bleiben? Aber gut, das Thema ist alt.
Free World schrieb am 18.01.2012 um 15:52
nun

wer in die politik geht und keine macht (einfluss) haben möchte hat den falschen gang gewählt. ewige prinzipien und linientreue (*) sind auch nur etwas für fundamentalisten, was nicht zwingend gleichzusetzen ist mit oppotunismus. hin und wieder muss mensch sich veränderten bedingungen stellen und entweder seine linien überdenken oder ggf. an bedeutung verlieren. das alles kann irrsinig schwierig sein. aus jeder perspektive betrachtet - aber ab und zu tut das not.

der spd hätte es aus meiner sicht besser getan lafontaine wäre dort geblieben wo er war - auch in der funktion, die er hatte. der linken hätte es nicht wirklich geschadet, sondern nur nichts genutzt. wirklich geholfen im sinne von nachhaltig hat sein wechsel zumindest im westen ohnehin nicht.

aber das ist möglicherweise so. ewige prinzipien und linientreue sind am ende hilflos gesten, die nichts und niemand anderen weiter bringen, sondern nur die inhaber davon - vielleicht - glücklicher hinterlassen.

(*) sofern sie nicht die grundlegenden menschenrechte meinen.
Tobi-Eiki schrieb am 18.01.2012 um 16:28
@MrSatchmoo

"Wenn jemand merkt, dass er sich mit seiner Position in einer Partei kein Stück durchsetzen kann (z.B. weil kollektive Verblödung vorherrscht, wie seinerzeit in einer gewissen traditionsreichen deutschen Partei), dann soll er trotzdem dabei bleiben? Aber gut, das Thema ist alt."

Warum ist denn jemand Parteimitglied? Weil er glaubt, er könne in dieser Partei Karriere machen? Gut, dann sollten wir alle in die FDP wechseln, um diese fundamental umzukrempeln (siehe Occupy FDP). Nein ich glaube man geht aufgrund einer bestimmten politischen Idee oder Überzeugung in eine Partei. Man identifiziert sich mit den Grundsätzen und der Geschichte eben dieser und ist deshalb stolz darauf, ein Mitglied dieser Gemeinschaft zu sein (dass die meisten und größten Feinde in der eigenen Partei lauern, vergessen wir jetzt ganz kurz mal). Herr Lafontaine war sicherlich auch mal überzeugter Sozialdemokrat. Wenn er seine Ansichten und Meinungen geändert hat, dann ist das auch in Ordnung, gar keine Frage. Dann dürfen wir ihn aber nicht Prinzipientreu nennen. Die Blockadehaltung im Saarland dient meiner Meinung nach nur seinen persönlichen Interessen. Er wird aufgrund der damaligen Niederlage nie wieder mit der SPD zusammenarbeiten wollen. Damit schadet er vor allem jedoch seiner eigenen Partei. Sturheit würde ich das nennen.
MrSatchmoo schrieb am 18.01.2012 um 17:17
"Herr Lafontaine war sicherlich auch mal überzeugter Sozialdemokrat."
Das ist ja die Crux! Herr Lafontaine IST Sozialdemokrat! Nur eben ein Großteil der SPD nicht mehr...
Geierwally schrieb am 19.01.2012 um 00:36
tobi

es sind gerade diese kompromisse, dei für so viel wahlverdruss sorgen, weil das bedeutet, das gesagtes vor der wahl, nach der wahl nicht mehr gilt.
erwartest du von lafo, nur weil die spd mal wieder lügt und dei seiten wechselt, das er sofort hinterherspringt und sagt la kleiner maas wir sind nun auch für die schuldenbremse und wollen das unsere wähler in einem land leben, wo szialkürzungen an der tagesordnung sind, wo bildung eingeschränkt ist. das haben die in berlin gemacht und wurden dafür bestraft, ein zweites berlin darf es nicht geben. das hat auch nix mit pragmatismus zu tun, sondern ist einfach verrat an der eigenen klientel.
claudia schrieb am 23.01.2012 um 08:03
@MrSatchmoo:
>>Aber gut, das Thema ist alt.<<
So ist es. Nichts Neues aus Seeheim ;-) :
Lafontaine hätte eben einfach die Agenda 2010, die Hartzgesetze und die Kriegspolitik mittragen müssen. Dann hätte es keine WASG gegeben, Opposition würde weiterhin "Ostalgie" heissen und wäre wahrscheinlich im Bundestag gar nicht mehr vorhanden.
Die Piraten hätten niemand, von dem sie abschreiben können und wären unter 5 % geblieben.
Alle Bundestagsparteien hätten die gleichen Spender und "Beratervertrags"-Geber, die Wahlbeteiligung wäre bei höchstens 50 %.

Dobrindt müsste nicht so viel hetzen und der "Verfassungsschutz" könnte eine ruhige Kugel schieben.

Kurzum: Alles wäre gut, wenn Lafo 2005 in Pension gegangen wäre. Oder einen Job bei Gazprom angenommen hätte.
Tobi-Eiki schrieb am 23.01.2012 um 09:22
Hallo Geierwally

"es sind gerade diese kompromisse, dei für so viel wahlverdruss sorgen, weil das bedeutet, das gesagtes vor der wahl, nach der wahl nicht mehr gilt."

Wie kann eine Demokratie ohne Kompromisse funktionieren? Ihre Argumentation ist nahe an Carl Schmitt, der bekanntlich von den Nationalsozialisten als wichtiger politischer Theoretiker genutzt wurde. Nach Schmitt sind Demokratie abzulehnende pol. Systeme, da sie aufgrunder ihrer Verhandlungs- und Konsenssysteme erst spät oder gar nicht zu Entscheidungen kommen. Deshalb unterstützte Carl Schmitt Adolf Hitler und dessen Führerkult, da er in einem totalitären System eigenmächtig Entscheidungen treffen konnte.
Ich möchte Ihnen nun keine politische Nähe zu Carl Schmitt unterstellen, dennoch glaube ich, dass Kompromisse ein fundamentaler Bestandteil unseres demokratischen Systems sind. Lafontaine hingegen erweist sich häufig als wenig kompromissbereit, nimmt eine Blockadehaltung ein und protestiert auf den Bänken der Opposition. Ist diese "Gegen-Alles-Haltung" denn demokratisch?
Free World schrieb am 18.01.2012 um 14:29
wahrscheinlich ist das alles so. auch nach neuwahlen. die wenigen optionen lägen allenfals im abschneiden der parteien nach einer neuwahl. vielleicht würden enttäuschte fdp wähler/innen eben doch zur cdu wandern plus überraschend starke grüne und es gäbe unter umständen schwarz/grün. das ein ähnlicher effekt von den linken zur spd statt finden könnte - wer weiß ob die realitäten nach einer wahl die demoskopie überrascht. selbst wenn das rechenergebnis, die vorfestlegungen und die perönlichen (ab-)neigungen nichts anderes als die große koalition zulassen - als schwächerer partner kann man hier nur gewinnen.
Geierwally schrieb am 19.01.2012 um 00:27
nun ist die linke wieder schuld, wenn cdu und spd sich lieben. die medien sind so durchschaubar lol
ich sehe nur, das maas und die spd sich mal wieder nicht an gesagtes halten und im auge der macht, wieder das werden, was sie seit schröder öfters waren, eine lügen und manipulationspartei. in der opposition so, in der regierung so,aber sie kommen immer wieder durch damit.
in berlin hat die linke bzw die reformer, den fehler gemacht mit der spd sozialkürzungen durchzusetzen, die quittung kam mit der wahl. deswegen bin ich mit lafo völlig einverstanden, das er hier klar sagt mit uns keine sozialkürzungen zu keinen preis.
ich denke, wenn die spd das wahr machen will, dann treibt sie wähler zur linken, außer die presse hetzt nicht wieder so gegen die linke. die grünen im saarland sind eine mafiapartei, korrupt und käuflich, wenn die über 10% kommen, verstehe ich die welt nicht mehr, aber wahrscheinlich bekommen sie die fahnenflüchtigen fpd wähler.
claudia schrieb am 23.01.2012 um 08:19
>>...die grünen im saarland sind eine mafiapartei, korrupt und käuflich,<<
Nicht nur im Saarland: Siehe Baden-Württemberg.
>>...wenn die über 10% kommen, verstehe ich die welt nicht mehr, aber wahrscheinlich bekommen sie die fahnenflüchtigen fpd wähler.<<
Die haben sie wahrscheinlich schon. Mehr werden es nicht mehr.

Ich tippe auf eine Wahlbeteiligung von ca. 50 % bei der nächsten Wahl an der Saar. Mit 26 % der Wähler hinter kann eine Lobbyblockregierung weitere Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich durchführen. Mit dem eingesparten Geld könnte die Landesregierung z.B. einen neuen Untergrundbahnhof in Saarbrücken finanzieren.
Der Fortschritt marschiert.


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