Politik

François Hollande | 27.01.2012 16:07 | Pierre Haski

60 Punkte und ein falscher Shakespeare

Die Pläne des sozialistischen Herausforderers von Präsident Sarkozy für eine Steuerreform und eine Reindustrialisierung Frankreichs sind zum Verzweifeln vage

Hat François Hollande, der Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten, das Zeug, es mit Nicolas Sarkozy – und dazu der Krise – aufzunehmen? Die Frage treibt französische Linke um, seit der über keinerlei Regierungserfahrung verfügende ehemalige Erste Sekretär des Parti Socialiste (PS) im Herbst bei der parteiinternen Vorwahl zum Kandidaten gekürt wurde. Sein Wahlkampf machte danach zwar eher einen chaotischen Eindruck – bei bei Meinungsumfragen liegt er aber trotzdem weiterhin ganz vorn.

Vor knapp einer Woche hat Hollande den ersten wirklichen Testlauf seiner Kampagne mit Bravour bestanden. Bei einer großen Veranstaltung in Paris und einer sehr persönlichen Rede trat er in die Fußstapfen seines Mentors François Mitterrand, des einzigen sozialistischen Präsidenten der V. Republik. Inzwischen folgte mit der Bekanntgabe seines Wahlprogrammes der bisher wichtigste Test. Es umfasst 60 Vorschläge, für die er in den kommenden drei Monaten eintreten wird. Die französischen Wähler, von denen die Hälfte noch unentschlossen ist, werden nun abwägen, welcher Bewerber glaubhafte Lösungsansätze hat, um das Land aus der Misere zu führen und vor allem Arbeitsplätze zu schaffen. Offiziellen Statistiken zufolge sind in Frankreich im Vorjahr weitere 150.000 Arbeitsplätze zerstört worden – zehn Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung haben keine Stelle. Sehnsüchtig auf Hollandes Vorschläge gewartet hat auch das Sarkozy-Lager. Es hofft, ihn als jemanden diskreditieren zu können, bei dem das Geld locker sitzt, obwohl in den öffentlichen Kassen Flaute herrscht. Nun hat Hollande jedoch eine mit Bedacht zusammengestellte Liste präsentiert, die weder zu hohe Erwartungen bei linken Wählern weckt, noch seinen rechten Rivalen Munition liefert. 

Radikale Sprache

Mit anderen Worten, seine Versprechen tragen der Schuldenkrise Rechnung. Im Programm, das die Sozialisten vor einem Jahr angenommen hatten, waren noch 300.000 neue und öffentlich geförderte Jobs für junge Menschen vorgesehen. In Hollandes Version sind es nur noch 150.000. Erwartet worden war auch, dass er 500.000 Kindergartenplätze ankündigt – von denen ist nun nichts mehr zu hören. Zudem soll es statt 10.000 neuer Stellen bei der Polizei bloß noch 5.000 geben.

Hollandes Pläne für eine Steuerreform, eine Aufsplitterung des Bankensystems und die Re-Industrialisierung Frankreichs sind zum Verzweifeln vage. In seiner Rede am 22. Januar nahm er starke Worte gegen die Finanzwelt in den Mund, nannte sie den „Feind“ und überraschte so Anhänger und Widersacher mit einer radikalen Sprache, die er bis dahin vermieden hatte.

ANZEIGE

Starke Worte, vorsichtiges Handeln. Hollande erweist sich als Meister darin, den Kontrast zu stärker links ausgerichteten Kandidaten wie Jean-Luc Melenchon – einem ehemaligen Sozialisten, der sich den Kommunisten angeschlossen hat, um eine radikalere Agenda zu verfolgen – dem Anschein nach abzumildern. Zugleich macht er es der Rechten nicht leicht, zu behaupten, sein Programm sei unrealistisch. Vielmehr handelt es sich um die sozial ausgerichteten, rigorosen Vorhaben eines Mannes, der versprochen hat, innerhalb eines fünfjährigen Mandates das Haushaltsdefizit auszugleichen. 

Den Karmelitern beitreten

Reicht das, um im Mai gegen Sarkozy zu gewinnen? Hollande verfügt über einen wichtigen Vorteil: Der derzeitige Amtsinhaber (der noch nicht offiziell seine Kandidatur erklärt hat) ist bei den Franzosen äußerst unbeliebt. Um die Wähler auf seinen Einstieg in den Wahlkampf einzustimmen, hat Sarkozy umsichtig Informationen an die Medien durchsickern lassen – es heißt, er sei auf eine mögliche Niederlage vorbereitet und würde der Politik ein für alle Mal den Rücken kehren, sollte er am 6. Mai unterliegen. Für einen niedrigeren Posten in seiner Partei stehe er nicht zur Verfügung, erklärte Sarkozy auf Nachfrage, eher würde er den Karmelitern beitreten. 

Für Stirnrunzeln bei den Wählern dürfte ein von Hollande in einem der lyrischsten Teilen seiner Rede bemühtes Shakespeare-Zitat sorgen. Dummerweise hat er den falschen Shakespeare bemüht, nicht den englischen Dramatiker, sondern dessen modernen Nachkommen Nicholas Shakespeare vom britischen Telegraph. Das war zwar peinlich, aber bislang der einzige Makel einer gut inszenierten Kampagne.

Übersetzung: Zilla Hofman
 

Übersetzung: Zilla Hofman
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Simplify schrieb am 27.01.2012 um 20:31
Das Programm des französischen Präsidenschaftskanditaten Hollande mag in einigen Punkten vage sein, dennoch umfasst sein Programm wesentlich konkretere (und überdies vernünftige) Punkte zur Lösung der Krise, als die deutsche Bundesregierung, die SPD oder die Grünen es jemals zustande bringen würden.
Alle diese Punkte sollte hierzulande eigentlich eine SPD in ihrem Parteiprogramm haben und dass sie es nicht hat, ist eine große Tragödie. Und dass eine Linkspartei, die diese Punkte in ihrem Programm hat, vom Verfassungsschutz zu einer radikalen, extremistischen "Gefahr" erklärt wird, ist eine zweite große Tragödie.
sarah schrieb am 31.01.2012 um 22:26
ich lebe in France. Sarkosy hat im TV beim rendevous mit den Franzosen verkuendet:'' Mehrwertsteuer .5% rauf um die Nebenkosten fuer die Industrie zu senken. Die Arbeitgeber sollten nicht den Sozial Staat finanzieren. Kurzarbeit wird eingefuehrt, die 35 Stunden Woche als Feind erkoren. Er zitierte aus der SPD Schmitt Agenda. Sagte Deutschland sei Export Weltmeister, warum wir nicht ?? Will Sozialwohnungen bauen, sicher wieder zuwenig und zu weit draussen, neue Getthos, das gibt es ja hier zu Hauf. Die Steuer will er nie erhoehen , das prekaere Leben existiert fuer Ihn nicht......er baggerte immer bei der Rechten. Nun will Merkel in seinem Wahlkampf auftreten. Die Begeisterung ist hier beinahe Null. Hollande gewinnt langsam an Profil. Reality Show verdaechtiger Hektiker wie Sarkozy ist er sicher nicht. Studiert ist er ja. Es wird knapp, sicherlich. Ich hoffe es. Hollande kann nicht offen, ausser Fesseheim fuer ein raus aus Atom sein, die Zukunft ist zu ungewiss. Ich lebe 16 km vom Atlantik und sehe was Salzwasser so alles zerfrisst, beindruckend. Gewiss Hollande ist fuer Eurobonds, und fuer mehr Europa als weniger. Er will die Steuer fuer Einkommen ueber 150000 Euro anheben, Massnahmen die denen die eher unten sind nicht schaden. Das Rentenalter will er auf 60 haben das schafft Arbeits Plaetze und er ist realistisch genug zu sehen: wer stellt 60jaehrige ein ? Er ist eher leise, das finde ich angenehm, wage ist manches, aber laut Hoffnungen machen oder wage leise bleiben ist ein Grosser Unterschied. Er weiss ganz genau er muss die Linke zusammenhalten, Communisten gibt es hier auch.......ich hoffe es klappt. Den prekaeren Rezessions Akt bekommt,
Sarko mit ihm nicht ins Grundgesetz, braucht er doch eine 2/3 Mehrheit. Das wir Ihm helfen, denn wie in Griechenland es waren die Nazis, die das Land ausraubten, nun ist es .....
etwas weit hergeholt, aber mit niedrigsten Lohnstueckkosten Export Weltmeister hinter China sein das kommt hier nicht gut an. Es hiess immer in Deutschland lebt man zum Arbeiten, in Frankreich arbeitet man zum Leben. Hollande steht genau dafuer, das ist Lebensgefuel, Identitaet. Das bleibt auch wenn France nur ein Staat in Europa ist, das waer es was es zu erreichen gilt, das sollte die SPD auch wissen. Diese Wutbuerger in Deutschland das ist hier ein Raetsel. Es geht hier alles langsamer, drum Sarko war heisse Luft, Bling und in den ersten drei Monaten Wirbel und nun in den lezten wieder. Ich drueck Hollande die Daumen.....
Auf die Fete der Communisten geh ich eh, Eurobonds machen mir keine Angst, ein gewisse Inflation bei mehr Steuer der Grossverdiener ist ehrlicher, Geld drucken ist auch, gesteuert und es wieder absaugen kein Hexentrick, ein Land abstrafen du hau ab aus dem Euro ist Feldherrengleich unmoeglich..........ich wunder mich nur noch, war ich doch in Berlin geboren.....gute Nacht


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG