Politik

Strafverfolgung | 27.01.2012 08:29 | Steffen Kraft

Die Mär von der Schutzlücke

Eine Studie im Auftrag des Justizministeriums zeigt: Vorratsdaten helfen zwar der Polizei kein bisschen, die Polizisten wollen sie aber trotzdem

Wenn Innenpolitiker oder Polizeivertreter beschreiben sollen, was das Urteil des Verfassungsgerichts gegen die vorsorgliche Speicherung von Handy- und Internetdaten in Deutschland anrichtet, dann benutzen sie dafür am liebsten das Wort "Schutzlücke". Sie meinen damit, dass die bislang größten Massenklage vor dem obersten deutschen Gericht ihnen ein Mittel aus der Hand geschlagen hat, um allerhand Straftaten aufzuklären - Mord, Terror oder Kinderpornographie beispielsweise. Der Protest von Bürgerrechtlern, Datenaktivisten und selbst der FDP-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger habe also dazu geführt, dass Daten vielleicht besser, Menschen aber schlechter geschützt seien.

Das ist kein geringer Vorwurf.

Doch nun legt das Justizministerium eine Studie vor, die zeigt: Weder der Start 2008 noch der Stopp der Vorratsdatenspeicherung 2010 hat die Aufklärungsquoten von Straftaten in Deutschland nachweisbar verändert. Auch in der Schweiz, wo seit 10 Jahren Daten auf Vorrat gespeichert werden, arbeite die Polizei nicht systematisch erfolgreicher. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass auf Vorrat gespeicherte Daten in den vergangenen Jahren geholfen hätten, einen Terroranschlag zu verhindern, schreiben die Autoren vom Freiburger Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht. Auch bei der Aufklärung von Tötungsdelikten sei durch Vorratsdaten keine große Hilfe zu erwarten. Und bei der Bekämpfung von Kinderpornographie stelle sich gar die Frage, ob die für Datenanalyse verwendeten Mittel nicht besser "in anderen Maßnahmen zur Prävention und Repression des Kindesmissbrauchs platziert worden" wäre.

In eigens geführten Interviews mit Kriminalbeamten, stellten die Wissenschaftler fest, dass fast alle "betroffenen Praktiker" die Vorratsdatenspeicherung trotz ihres zweifelhaften Erfolgs befürworteten. Dabei sei allerdings zu beachten, dass die Argumente häufig von Einzelfällen ausgingen, die dann verallgemeinert würden. "Derartige Fälle, sollten sie zweifelsfrei identifiziert werden können, wirken sich aber auf die Gesamttrends nicht aus", heißt es in der Studie. Mit anderen Worten: Eine Schutzlücke existiert nicht.

Am Freitag will das Justizministerium die Studie im Volltext auf seiner Homepage veröffentlichen. Damit wird die Diskussion aber bestimmt nicht enden. Im Gegenteil: Im Sommer will die EU-Kommission vorschlagen, wie die geltende EU-Vorratsdatenrichtlinie geändert werden kann, um der harschen Kritik nicht nur aus Deutschland Rechnung zu tragen. Wenn die Rede von der "Schutzlücke" dann aber einen weniger fruchtbaren Boden vorfindet, gibt es womöglich gar die Chance eine sachliche Debatte zu führen.

 
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Kommentare
Gustlik schrieb am 27.01.2012 um 10:00
Wenn man heute irgendein Lied in sein Smartphone trällern kann und die Software anhand von Mustern dann den passenden Titel auflistet, sollte der letzte Kuchenbäcker verstehen, was technisch möglich ist.
Vorteile der elektronischen Speicherung: Nicht zu sehen, nicht zu riechen, kein Schredder notwendig.
Würde man all das bisher Gespeicherte ausdrucken, würde die Jahn Behörde als Bestandteil der Augsburger Puppenkiste erscheinen und das Stück "BStU und das Zeitalter der Schreibmaschine" aufführen.
Matto schrieb am 27.01.2012 um 15:00
@Gustlik,

Ihr Argument in allen Ehren, aber darum geht es nicht.
Wir hatten vor 30 Jahren zwei Prozeßrechner, die hatten jeweils 2Mal 64K als Speicherkapazität. Heute sind wir Lichtjahre weiter!!!
Nein, die Aussage Schutzlücke (war bei der Stasi bestimmt auch so) besagt, dass der Staat die Leute insgeheim ausspionieren möchte, vielleicht sogar für den gewissen Ernstfall. Bei den Linken führt man ja das Argument an, dass sie ein Systemwechsel wollen. Was ist eigentlich an einem Systemwechsel schlimm, wenn ich mehr Gerechtigkeit einfordere, die es in diesem Staat überhaupt nicht gibt.
Wenn Frau Wagenknecht berechtigt ein Zitat von Franklin Roosevelt im Bundestag zitiert (vom organisiertem Geld regiert zu werden, ist genau so, wie von organisierten Verbrechen regiert zu werden), dann erhebt sich gleich der johlende Haufen der CDU/CSU, weil sie töricht dachten, es wäre wieder so ein spinniger Gedanke von den Linken.
In diesem Staat sieht man bestimmte Brandstifter, meistens aus der CSU, die stets und ständig das Gespenst des Kommunismus an die Wand malen, obwohl es den in keinem Land der Erde je gegeben hat. Genau in dieser Richtung geht aber die Spitzelei, während sich die Rechtsradikalen in diesem Staat munter tummeln können, da hat man von dieser Sorte noch wenig Kritik gehört.


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