Politik

SPD | 31.01.2012 14:05 | Verena Schmitt-Roschmann

Ganz schön mittig

Trotz aller Beschwichtigungen und lautstarker Bekenntnisse zu Rot-Grün: Glaubwürdig vertreten die Sozialdemokraten derzeit nur die Option Große Koalition

Flüssige Sozialdemokratie, so lautet wohl das Erfolgsrezept des Sigmar Gabriel vor der Wahl 2013. Ähnlich wie Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem „Bürgerdialog“ hat der SPD-Chef die „Menschen draußen im Lande“ entdeckt, die ihm nach Vorbild der „liquid democracy“ der Piraten bei der Erarbeitung eines Regierungsprogramms helfen sollen. Ideen liefern, Meinung sagen, Kritik üben – es klingt nach Graswurzeldemokratie, was Gabriel mit seinem „Bürger-TÜV“ plant. Und ein bisschen auch nach Verzweiflung.

Denn trotz der eklatanten Schwäche der schwarz-gelben Regierung und trotz der Selbstsuggestion von Harmonie kommt die größte Oppositionspartei in Umfragen nicht vom Fleck. Zwar hat sie sich erhoben über die 23-Prozent-Marke ihres historischen Absturzes von 2009. Aber eben nur ein wenig. Bei Werten um die 30 Prozent ist die SPD vom Ziel, stärkste Partei zu werden, ein gutes Stück entfernt. Und manchem Sozialdemokraten schwant bereits, dass das auf Dauer so bleiben könnte.

Eine Menge Lustigpillen

Die von Gabriel behauptete Fröhlichkeit bei der SPD-Vorstandsklausur in Potsdam jedenfalls lässt sich wohl nur mit einer Menge Lustigpillen über die Zeit retten. Die Regierungsparteien CDU, CSU und FDP seien von ihren 49 Prozent 2009 auf 35 Prozent abgesackt, macht sich der SPD-Vorsitzende Mut. SPD und Grüne hingegen lägen bei 44 bis 45 Prozent. „Die elf Prozent runter, wir elf rauf, das, finde ich, ist eine ganz gute Grundlage“, jubelt Gabriel. Dass der Schwund im schwarz-gelben Lager ausschließlich zulasten der FDP ging und dass 45 Prozent zum Regierungswechsel nicht reichen – alles Nebensache.

Die Linke abgekanzelt, die Grünen nur widerwillig an die Hand genommen wie eine lästige kleine Schwester – glaubwürdig vertritt die SPD derzeit nur die Option Große Koalition. Auch wenn sie dies weit von sich weist. In Berlin hat sie es mit dem „linken“ Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit vorgemacht, im Saarland den „linken“ Heiko Maas ebenfalls für ein Bündnis mit der CDU in die Spur gesetzt. Die Botschaft ist klar: Wir können auch anders, wenn es für Rot-Grün nicht reicht. Inhaltlich scheint das dem Pragmatiker Gabriel ohnehin keine großen Schmerzen zu bereiten.

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Zweifel an der Überlebensstrategie

Das „Jahr der fairen Löhne“ hat er ausgerufen, die Stärkung des Industriestandorts zum Ziel erklärt, die Umsetzung der Merkel‘schen Energiewende beschworen – einen freundlicheren Juniorpartner könnte sich die Kanzlerin nach ihren harten Jahren mit den moribunden Liberalen wohl kaum wünschen.
Die von Gabriel gewünschte Erschließung heimischen Potenzials gegen den beschworenen Fachkräftemangel dürfte kaum für Streit sorgen, die Erhebung einer Finanztransaktionssteuer ebensowenig. Kurzum: Mit dem, was sich die Sozialdemokraten für die Jahre nach der „neoliberalen Zeitenwende“ vorgenommen haben, dürfte die Merkel-CDU nicht die geringsten Schwierigkeiten haben.

Ob sich die Verschmelzung der Volksparteien zu einem mittigen Klumpen allerdings als erfolgreiche Überlebensstrategie sozialdemokratischer Identität erweist, ist zu bezweifeln. Die Erfahrung von 2009 belegt anderes. Vielleicht tröpfelt diese Erkenntnis ja in den nächsten Monaten über die flüssige Demokratie noch in den großen Wissenspool der Sozialdemokraten ein.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Mühlenkamper schrieb am 31.01.2012 um 16:19
Die Reste der sozialpolitischen Linken (u.a. die AG-60-Plus aus NRW) waren beim letzten Bundesparteitag der SPD angetreten, wenigstens in der Rentenpolitik die notwendigen Korrekturen der Agenda-Politik durchzusetzen (Renteneintrittsalter, Nachhaltigkeitsfaktor und Riesterfaktor). Sie sind mit einer Vertagung vorläufig drittklassig gescheitert. Das war der Rest an Konfliktfähigkeit. Es gibt einfach keinen Sozialflügel in der SPD mehr, der die Sozialversicherungen verteidigt. Und damit hat die SPD im Kern keinen Anlaß mehr, die Union oppositionell herauszufordern. Das ähnelt der Weimarer Konstellation mit Zentrum und SPD als tragenden Kräften. Fehlt nur der Hindenburg.
Matto schrieb am 31.01.2012 um 20:33
@Mühlenkamper,

ich kann Ihnen nur zustimmen. Die SPD ist ein Haufen geworden, dem man einfach nicht mehr trauen kann. Viele ehemalige aufrichtige SPDler werden sich im Grab umdrehen, was die SPD heute so veranstaltet. Nur ödes und dummes Geschwätz, keine Verantwortung, keine Substanz. Ich habe den leisen Verdacht, dass die SPD heimlich Merkel auf ihr Schild hebt. Wie gesagt, der SPD traue ich nicht über den Weg.
SchmidtH. schrieb am 31.01.2012 um 21:25
Ehrlicher wäre es, wenn die führenden SPDler zur CDU übertreten und versuchen beim CDA unterzukommen.
Doch selbst dort würde man sie - wenn überhaupt -nur widerwillig aufnehmen.
sarah schrieb am 31.01.2012 um 21:46
Ich lebe in France und hoffe das Hollande gewinnt, wenn koennte die SPD ja auch France etwas entdecken, denn eine Communiste Partei gibt es hier seit Menschengedenken auch, die habe eine Zeitung die oeffentlich kaeuflich ist und im Netz, die die herrschenden Verhaeltnisse in Frage stellt........fast ein Paradis
antares56 schrieb am 01.02.2012 um 09:27
"...einen freundlicheren Juniorpartner könnte sich die Kanzlerin nach ihren harten Jahren mit den moribunden Liberalen wohl kaum wünschen. "

Genau das ist es. Die SPD macht, wenn überhaupt noch, eindeutig CDU-Politik! Warum sollte sie also jemand wählen, wenn sie 'eh keine Alternative darstellen? Und links ist bei der SPD schon lange nichts mehr.
ProGressiv schrieb am 01.02.2012 um 10:07
solange weder die spd noch die grünen eine koalition mit der cdu ausschließen, bleibt einem progressiven linken gar nicht viel anderes übrig als die linke zu wählen... so viel probleme und sorgen einem die partei/teile der partei auch bereiten. sollte die linke nicht mehr im parlament vertreten sein, wäre das katastrophal für die weitere programmatische entwicklung der spd als auch der grünen.
Vaustein schrieb am 01.02.2012 um 13:30
Mit Schröder hatte sich die SPD von ihren Stammwählern und ihrer
ureigenen Klientel, der arbeitenden Bevölkerung und den Rentnern, verabschiedet und sich der sog. Mitte zugewandt.

Die heutige Führung, insbesondere die Herren Steinbrück und Steinmeier sind nach wie vor auf dieser Linie. Gabriel wiederum ist wendig genug, um sich jeder Richtungsänderung anpassen zu können.

Keine Gründe also, diese Partei wieder zu wählen. Leider.
Sünnerklaas schrieb am 02.04.2012 um 09:28
Der letzte Satz in dem Artikel ist aus meiner Sicht der Wichtigste:

"Vielleicht tröpfelt diese Erkenntnis ja in den nächsten Monaten über die flüssige Demokratie noch in den großen Wissenspool der Sozialdemokraten ein."

Dass sich diese Erkenntnis in der heutigen SPD breit macht, davon ist nicht auszugehen. Zu stark ist noch der Eindruck, wie Walter Riester und Bert Rürup - die "Erfinder" der gleichnamigen "Renten" von Carsten Maschmeyer fürstlich belohnt wurden - oder Wolfgang Clement, der nach seiner "Arbeitsmarktreform" einen Job im Aufsichtsrat der Zeitarbeitsfirma "Adecco" bekam...

Der Wähler sollte zudem berücksichtigen, dass die SPD sich nicht nur im Würgegriff der Seeheimer befindet, sondern zudem sehr stark vom niedersächsischen Landesverband geprägt ist: der Vorsitzende Sigmar Gabriel war niedersächsischer Ministerpräsident, der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, Chef der Staatskanzlei in Hannover unter Gerhard Schröder. Die SPD sitzt genauso tief im Hannoveraner Klüngel, wie die CDU - das gilt es zu berücksichtigen. Beide Parteien einen dieselben "Erbfreundschaften zu Hannover". Wenn man sich nun einmal anschaut, welch große Unlust die SPD bei der Aufklärung der Affäre Wulff an den Tag legt, der mag sich so einiges denken. Für mich ist diese Partei, genauso, wie FDP und UNION in ihrem momentanen Zustand absolut UNWÄHLBAR.

Und ehrlich gesagt: wenn ich mir Gabriel und Steinmeier anschaue, dann packt mich dasselbe Unwohlsein, das mich schon beim ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten und Kurzzeit-Kanzlerkandidat Björn Engholm packte. Ich habe das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt. Gabriel und Steinmeier fehlt - genauso, wie weiland Engholm - die Authentizität. Engholm stürzte am Ende selbst an der Barschel-Affäre. Er hat mehr gewusst und tiefer drin gesteckt, als er es zunächst zugegeben hatte. Mich sollte nicht wundern, wenn für Steinmeier und Gabriel das dicke Ende der Wulff-Affäre auch noch kommt.


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