Politik

Großbritannien | 01.02.2012 14:25 | Daniel Hannan

Ins Abseits manövriert

David Cameron hat auf dem EU-Gipfel den Mut zum Veto verloren und so Großbritanniens Chance verspielt, auf die weitere Entwicklung der europäischen Union Einfluss zu nehmen

Als sich Britanniens Premier auch auf dem jüngsten EU-Gipfel weigerte, den Fiskal-Vertrag zu unterzeichnen, erntete er lauten Applaus. Die Konservativen legten in den Umfragen fünf Punkte zu. 70 Prozent der aktiven Tories bezeichneten Camerons Veto als dessen größten Augenblick.  Die mit größter Begeisterung applaudierten, waren allerdings oft sehr vage, wenn sie gefragt wurden, wem ihre Begeisterung überhaupt gelten sollte. Das ist absolut nicht polemisch gemeint: Der Gipfel fand hinter verschlossenen Türen statt, und es dauerte, bis der Vertragstext der Öffentlichkeit zugänglich war. Aber niemand störte sich weiter daran. Es genügte zu wissen, dass zum ersten Mal seit der Durchsetzung des Briten-Rabatts im Jahr 1984 ein britischer Premier Brüssel die Stirn geboten hatte.

Dennoch lohnt es sich, in Erinnerung zu rufen, was Cameron genau ablehnte – und was er schließlich akzeptierte. Wie gewöhnlich stellen die meisten Kommentatoren die Geschichte als Kampf zwischen dem Premier und dem rechten Flügel seiner Tories dar. Nach dieser Erzählung steht Cameron wegen der Frage unter Druck, ob das neue Abkommen auch das Vereinigte Königreich betreffen wird.

Kein Einspruch

Es war freilich nie davon die Rede, dass Großbritannien oder irgend ein anderes Nicht-Euro-Land an die Bestimmungen des Abkommen gebunden sein soll. Das heißt, der britische Premier konnte schärferen Regeln für die Euro-Länder Regeln recht gelassen gegenüberstehen. Wenn er überhaupt eine Meinung dazu hatte, war er sogar eher dafür als dagegen. Beim Dezembergipfel war Cameron noch mit der Forderung nach einer Gegenleistung aufgetreten. Es hieß, wenn die Euro-Länder EU-Institutionen und -Verfahren zur Überwachung ihres Abkommens heranziehen wollten, müssten sie Großbritannien zusichern, dass dessen Finanzdienstleister von dieser Art Regulierung ausgenommen würden. Hierzu fand sich keine Mehrheit, und es kam zum Bruch mit Großbritannien.

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Die Pro-Fiskal-Pakt-Staaten machten deutlich, dass sie den Einwand der Briten nicht gelten ließen. Theoretisch handelt es sich um ein Abkommen zwischen 25 Ländern, die nur zufällig auch EU-Mitglieder sind. Praktisch jedoch greift es vollständig auf die institutionelle Struktur der EU zurück, gibt zum Beispiel regelmäßige Treffen des Europäischen Parlaments vor und legt fest, dass bei Verstößen die Strafen vom Europäischen Gerichtshof verhängt werden. Hierfür fehlt jede rechtliche Grundlage, denn eine Untergruppe von EU-Staaten kann genauso wenig das Europäische Parlament einberufen wie den japanischen Reichstag. Und sie kann genauso wenig auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vertrauen wie auf das des Obersten Gerichts von Mauritius. Dennoch hat Großbritannien keinen Einspruch gegen diese ungeheuerlichen Rechtswidrigkeiten erhoben. Um es noch einmal klar zu machen: Das war alles, worum es bei diesem Gipfel ging. Die Weigerung, sich der EU-Mechanismen zu bedienen, war nicht Teil von Camerons Veto, es war sein Veto.

Gelegenheit vertan

In einem entscheidenden Punkt ist Großbritannien heute in einer schlechteren Position als vor dem Dezember, denn es hat einen Präzedenzfall zugelassen: Wenn bestimmte Länder die Integration weiter vorantreiben wollen, dafür aber nicht die Zustimmung aller 27 Mitglieder erhalten, müssen sie ab jetzt lediglich eine gemeinsame Vereinbarung unterzeichnen und können sich dann weiterhin der bestehenden EU-Institutionen bedienen. Hieraus folgt, dass es in Zukunft keine Vetos mehr geben kann – nie mehr.

London hatte eine Chance, wie sie sich nur alle 30 Jahre einmal ergibt, die Bedingungen der britischen Mitgliedschaft zu verbessern. Man hätte auf einer Rückübertagung von Befugnissen oder alternativ dazu auf einer Teilung Europas in zwei Blöcke bestehen können: Die Europäische Union (EU) und die Fiskal-Union (FU) – ein Akronym, das nebenbei gesagt die Haltung ihrer politischen Führer gegenüber deren Bevölkerungen gut auf den Punkt bringt. Im Klartext heißt das, Du bist Ire und hast keine Lust mehr, immer noch höhere Steuern zu zahlen, um wohlhabende europäische Banker und Aktenbesitzer zu entschädigen? FU! Du bist Griechin und willst eine Abwertung, damit dein Unternehmen wieder wettbewerbsfähig wird? FU! Du lebst in Italien und wunderst dich, warum in deinem Kabinett kein einziger gewählter Politiker sitzt? FU!

Wenn die Fiskal-Union nunmehr den wesentlichen Rahmen der ökonomischen Integration darstellt, hätte David Cameron auch darauf drängen können, dass sie auch zur entscheidenden Einheit für die politische Integration weiterentwickelt wird. Er hätte auf die schrittweise Übertragung von Kompetenzen von der EU hin zu der FU drängen können, bis von der EU nichts mehr übrig geblieben wäre als eine erweitere Freihandelszone. Eben eine EFTA-plus. 

Stattdessen ließ sich Großbritannien von der Aussicht beunruhigen, es könnte für den Zusammenbruch der Eurozone verantwortlich gemacht werden und gab nach. Die Gelegenheit verstrich. Sie kommt nie wieder, und eines muss nun jedem Briten klar sein: Es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr, die Bedingungen unserer Mitgliedschaft zu verbessern oder die EU von innen radikal zu reformieren. Anstatt darüber zu fantasieren, was für eine EU wir uns idealerweise gewünscht hätten, werden wir uns nun entscheiden müssen, ob wir derjenigen, die gerade Gestalt annimmt, noch angehören wollen. Deshalb hat sich die Debatte unaufhaltsam auf die Frage eines Referendums über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU zubewegt. Am 30. Januar wurde die von People's Pledge initiierte Unterschriften- Kampagne für ein solches Referendum im Guardian vorgestellt 

Ich hoffe, dass möglichst viele sich überlegen, ob sie unterschreiben sollen oder nicht, egal, ob sie für oder gegen eine britische EU-Mitgliedschaft sind und sich politisch links, rechts oder in der Mitte verorten. Die entscheidende Frage sollte dabei nicht das mögliche Resultat der Umfrage sein, sondern die Frage, ob es richtig ist, in dieser Sache überhaupt die Bevölkerung zu konsultieren.
 

Übersetzung Holger Hutt
 
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Kommentare
starkerkaffee schrieb am 01.02.2012 um 17:04
An diesem Text sind zwei Dinge bemerkenswert:
Erstens überrascht es, dass ein Text eines rechtspopulistischen britischen Anti-Europäers im Freitag erscheint. Vergleichbar ist Hannan in Deutschland vielleicht noch mit Gauweiler oder Dobrindt - werden wir demnächst auch das "Vergnügen" haben, deren Ergüsse als redaktionelle Beiträge auf freitag.de bewundern zu dürfen?

Zweitens hat Mr. Hannan auch nach 13 Jahren in Brüssel keine Ahnung von Europa - er will es wahrscheinlich auch nicht. Denn es gab auch zuvor die Möglichkeit, in wichtigen Fragen Abkommen zu schließen, bei denen nicht alle Mitgliedsstaaten Vertragspartner sind: Schengen ist so ein Beispiel, der Euro im Prinzip auch, Dänemark hat Ausnahmeregelungen bei der Innenpolitik. Mr.Hannan hat aber nun das Problem, dass das Vereinigte Königreich auf den Binnenmarkt verliert und wirtschaftlich isoliert werden könnte. Statt auf politishce Integration setzt er auf Isolation, statt auf politische Führung setzt er auf Populismus.
cuchulainn schrieb am 01.02.2012 um 21:34
dass es einen unterschied zwischen britischen eu-skeptikern und deutschen rechtspopulisten gibt, ist ihnen aber klar, oder?
starkerkaffee schrieb am 01.02.2012 um 22:15
Welchen Unterschied meinen Sie denn?
cuchulainn schrieb am 01.02.2012 um 23:11
na zb, dass das britische eu-skeptikertum andere quellen hat als etwa das deutsche? nämlich nebst anderem den umstand, dass die eu in gossbritannien niemals so emotional aufgeladen (oder gar identitätstiftend) war wie in deutschland, weil grossbritannien mit ihr nicht frieden, wohlstand und sicherheit mit ehemals verfeindeten nachbarn, sondern in erster linie den verlust von kompetenzen eines jahrhunderte älteren parlaments verbindet (das es so weder in deutschland noch in frankreich gibt), weswegen man eu-skeptiker in britannien bis hinein ins linke lager findet?
cuchulainn schrieb am 01.02.2012 um 23:14
nachsatz:
damit soll nun nicht gesagt werden, dass daniel hannan ein irgendwie linker wäre oder so. der ist schon ein konservativer, durchaus auch der bärbeissigen sorte, aber noch lange kein rechtspopulist und schon gar keiner, der mit gauweiler oder dobrindt vergleichbar wäre.
starkerkaffee schrieb am 02.02.2012 um 10:57
Ich gebe Ihnen ja Recht, dass sich in Großbritannien auch andere Wurzeln für Euroskepsis finden lassen. Allerdings: Da ich über Jahre die Ausfälle von Herrn Hannan und seinen Kollegen im Europäischen Parlament mitbekommen habe, und wenn man sich zudem noch die "neuen" Fraktionskollegen der Torries in der ECR-Fraktion betrachtet, dann sehe ich ihn deutlich kritischer.

Mir kam es in diesem Zusammenhang jedoch hauptsächlich darauf an, deutlich zu machen, wie Daniel Hannan einzuordnen ist. Da der Artikel ja so unkommentiert getwittert wurde, wollte ich die Meinung so nicht stehen lassen. Normalerweise treffe ich auf freitag.de ja nicht auf Autoren aus dem konservativen Spektrum, und wer sich auf der Brüsseler Bühne nicht auskennt, wird Herrn Hannan wohl auch nicht zuordnen können. Bei deutschen EU-Gegnern wäre das sofort klar.
cuchulainn schrieb am 02.02.2012 um 11:15
okay, da haben sie recht, starkerkaffee.


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