Politik

Pflege | 08.02.2012 14:20 | Ulrike Baureithel

Biete WG mit Pool

Gesundheitsminister Bahr hat das selbstbestimmte Leben im Alter entdeckt. Er hofft auf Synergiefeffekte – doch sein Konzept ist völlig lebensfern

In den siebziger Jahren, da war ich gerade 17, zog ich in meine erste Wohngemeinschaft. Ich versprach mir nicht nur ein vom Elternhaus unabhängiges Leben davon. Wir verbanden damit vor allem auch eine politische Perspektive: Wir wollten unser Leben zusammen organisieren, gemeinsam Politik machen. Und natürlich war das Projekt auch aus der Not geboren, wir hatten alle wenig Geld – zu wenig für eine Single-Existenz. Wohngemeinschaft bedeutete auch Synergieeffekte.

Von der staatlich verordneten Wohngemeinschaft, die Gesundheitsminister Daniel Bahr gerade auf den Weg bringt, ist nur noch das Letztere geblieben: der kostengünstige Synergieeffekt. Schließen sich vier demente Pflegebedürftige zusammen, können sie, Pflegestufe 1 vorausgesetzt, auf bis zu 3.400 Euro im Monat kommen. Wenn sie dann zur bestehenden Umbauförderung von 10.000 Euro noch einmal weitere 10.000 erhalten, sollte es doch möglich sein, sie zu „poolen“ – und wegzuschließen in einer Wohnform, die, so sagt es Bahr, „selbstbestimmt“ ist.

Kosten sparen

Selbstbestimmung, das klingt gut in den Ohren der Befreiungserfahrenen, die heute die Pflegeversicherung finanzieren. Mit dem Begriff „poolen“, den Minister Bahr wiederholt im Munde führt, ist dann auch der Link zur Kostenrechnung hergestellt: Statt Mitarbeiterpool gibt es jetzt eben einen Pflegebedürftigenpool. „Damit können langfristig auch Kosten gespart werden“, bekundet er mit dankenswerter Offenheit im Deutschlandfunk, „weil weniger Menschen in die teuren Heimpflege gehen müssen.“

Das Pflegeheim, wissen wir, scheuen viele alte Menschen, die Aussicht darauf treibt sie mitunter sogar in den Selbstmord. Aber statt darüber nachzudenken, wie in der stationären und ambulanten Pflege menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen sind, geht der Minister mit dem Werbelabel „selbstbestimmtes Leben“ hausieren, um zu sparen. Dass er null Ahnung hat von alten Menschen, die man nicht mehr einfach so „poolen“ kann und für die eine zusammen gewürfelte WG eher Horror als Alternative ist für die verlorene Autonomie, weil sie im Unterschied zu uns Jüngeren nur unter den Notbedingungen des Kriegs und Nachkriegs gezwungen waren, sich zusammenzuschließen – das scheint diesem jungdynamischen Minister, der noch zwischen allen Möglichkeiten wählen könnte, überhaupt nicht bewusst zu sein. Manchmal möchte man ihm einen längeren Feldaufenthalt in der Pflege verordnen, damit er sich das Ausmaß solcher Lebensbrüche vorstellen kann.

ANZEIGE

Alle sieben Sinne

Dass es funktionierende Wohngemeinschaften für Demenzkranke gibt, soll damit nicht in Abrede gestellt werden. Lange genug wurden sie von der Politik und den Sozialversicherungsträgern als minder wichtig bewertet und entsprechend ungenügend finanziert. Daraus ein gesamtgesellschaftliches Modell für alte Menschen machen zu wollen, ist jedoch abwegig.

Nicht nur, weil die angekündigte Finanzierung ungenügend ist und zu Lasten der Pflege (und auch der ohnehin unterbezahlten Pflegekräfte) gehen würde; sondern weil die Wohngemeinschaft ein Lebensmodell ist, für das man sich bewusst und mit allen sieben Sinnen entscheiden muss. Alle WG-Erfahrenen wissen, dass Zusammenleben gelernt sein will und man dafür auch einen Preis bezahlt. Dies von alten, multimorbiden, teilweise dementen Menschen zu erwarten, um die Sozialkassen zu entlasten, ist nicht nur lebensfern, sondern in höchstem Maße inhuman.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Wolfgang Ratzel schrieb am 08.02.2012 um 16:59
Selbstbestimmte Dementen-WG‘s - welch ein widerlicher und ekelerregender Neusprech, der sich allerdings sogleich durch Worte wie "Poolen" als Verdinglichungsstrategie offenbart.

Wäre ich das Wort "Selbstbestimmung", dann würde ich Gesundheitsminister Bahr wegen Missbrauchs meines Textkörpers auf ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro verklagen und hiervon meinen demenzkompatible Wohnungsumbau selbstbestimmt finanzieren.
Technixer schrieb am 09.02.2012 um 13:03
Sehr geehrte Frau Baureithel,
wir erinnern uns wer Daniel Bahr ist?!
Als ehm. Mitglied des Beirats der ERGO Gruppe verwandelte er sich dank des Drehtür-Effektes in einen Staatsdiener. Es gab und gibt ja Bestrebungen im Gesundheitsbereich den privaten Versicherern Steuermilliarden zukommen zu lassen, wie es bei der Riesterrente schon so super funktioniert hat. Man verschlimmert also den IST-Zustand durch noch mehr Kürzungen um Druck auf die Bevölkerung auszuüben den Versicherern noch mehr ihrer sauer verdienten Moneten in den Rachen zu werfen.
Das so ein a-sozialer FDP Funktionär ein geistiger Tiefflieger ist war zu erwarten ebenso seine Klüngelpolitik.
Laufen nicht gegen die FDP Untersuchungen, weil die hochbezahlte Beamtenpöstchen in Ministerien unterbringen? ;-)

beste Grüße vom Technixer
Technixer schrieb am 09.02.2012 um 13:07
Herr Professor Martin Jänicke, Mitglied der Enquete-Kommission 'Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität' der Bundesregierung in einem privaten Gespräch über die FDP: "Ich habe ja noch nie solch eloquent auftretende Prinzipienlosigkeit erlebt. Bei diesen Typen steckt nichts dahinter, die sind leer im Kopf."


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG