Eine Gruppe, die sich selbst als russischen Arm des Hackerkollektivs Anonymous bezeichnet, hat nach eigener Auskunft E-Mail-Korrespondenzen zwischen Wassili Jakemenko, dem Vorsitzenden der russischen Pro-Putin-Jugendorganisation Naschi und seiner Sprecherin Kristina Potupchick, sowie weiteren Aktivisten und Bloggern gehackt und ins Internet gestellt. Der Inhalt der Nachrichten scheint die Ziele, Prioritäten, Mittel und Belange der berüchtigten „Kremljugend“ zu offenbaren.
Viele der Emails drehen sich um die Frage, wie man für positive Internetberichterstattung sorgen könnte. Aus einer Mail geht hervor, dass für zweihundert Pro-Putin Kommentare unter sechzig Artikeln 600.000 Rubel (ca. 15.000 Euro) gezahlt wurden.
Weiterhin wird auf gekaufte Berichterstattung verwiesen. So legte die Naschi laut einer Mail 400.000 Rubel (10.000 Euro) dafür hin, dass zwei Beiträge über ihr jährliches Sommerlager auf der Seite des Fotografen Ilja Warlamow erschienen, der zu den populärsten Blogs Russlands gehört. Die Artikel sollen dreihunderttausendmal aufgerufen worden sein. Auf Anfrage des Guardian stritt Warlamow ab, von der Naschi bezahlt worden zu sein. Einer anderen Nachricht lässt sich entnehmen, dass die Jugendorganisation vorhatte, für über zehn Millionen Rubel (253.000 Euro) eine Reihe von Artikeln über ihr Sommercamp in den russischen Boulevardzeitungen Moskowski Komsomolez, Komsomolskaja Prawda und Nesawissimaja Gaseta zu erkaufen. Die Nesawissimaja Gaseta erklärte diesbezüglich, ihre Journalisten nähmen kein Geld für Artikel an.
Die Naschi nimmt schon seit längerem Leute ins Visier, die sie als „Feinde“ betrachtet – russische Journalisten etwa, oder ausländische Botschafter. Im Anhang einer E-Mail, die Potupchik am 27. Oktober von einem Aktivisten erhielt, befindet sich eine Liste mit den Namen von 168 bekannten Menschenrechtsaktivisten, Schriftstellern, Journalisten, Bloggern, Filmregisseuren, Dichtern und weiteren Personen, die „es persönlich auf uns oder V. abgesehen haben.“ Ob mit V. Putin, Jakemenko oder der kürzlich zum Vizepremier ernannte Wladislaw Surkow gemeint ist, auf dessen Idee die Naschi zurückgeht, wird nicht ersichtlich. (Im Russischen werden deren Vornamen mit „V“ geschrieben; Anm. der Redaktion)
Nachricht mit Smiley-Emoticon
Ein besonderer Dorn im Auge ist der Jugendorganisation der Oppositionsführer Alexei Nawalny. Am 11. November 2011 übermittelte ein Naschi-Aktivist per Mail ein Konzept für „eine Serie von jeweils vierzig bis fünfzigminütigen Cartoons über einen Tag im Leben des Faschisten Navalny“ an Jakemenko. Darin solle er, so der Vorschlag, mit Hitler verglichen werden und unkontrolliert den Hitlergruß ausführen. „Lasst uns das machen“, schrieb Jakemenko zurück. „Witzig“ solle das Ergebnis sein, forderte er, und hängte seiner Nachricht ein Smiley-Emoticon an. Im Dezember verbreitete sich dann ein Video ähnlichen Inhalts viral im Netz.
Eine Reihe von Mails, die an Potupchik gingen, geben Auskunft über die monatlichen Aktionen der Naschi und ihre Ausgaben. Ein Bericht über die Arbeit des Sankt Petersburger Ablegers gibt en Detail an, auf welchen Blogs Kommentatoren der Naschi im Oktober aktiv waren. So ist zu erfahren, dass zehn Aktivisten über fünfzig Benutzerkonten bei der russischen Bloggerplattform LiveJournal und 50-Twitter-Konten „regelmäßig die LiveJournal-Beiträge“ von Bloggern und Aktivisten wie Nawalny und anderen Oppositionsführern Boris Nemtsow und Ilja Jashin „kontrollieren“ konnten.
„Über 1.200 Kommentare wurden geschrieben“, heißt es. Weiterhin seien „zwölf Beiträge zu sozialpolitischen Themen und zugunsten der Premierministers“ geschrieben und über zweihundert Mal weiter verlinkt worden, wofür nur die Hälfte des dafür bewilligten Budgets von 300.000 Rubel (7.500 Euro) aufgebraucht worden sei.
Naschis Lohnliste
In einer anderen Email wird genau aufgeführt, welche Summen an Blogger gingen, die zwischen dem 27. Juni und 31. Juli 2011 Kommentare gepostet hatten – einer von ihnen erhielt 13.000 Rubel (329 Euro) für 145 Kommentare, ein anderer 50.000 (1.300 Euro) Rubel für 651 Kommentare. Die Entlohnung der Naschi-Blogger erfolgt über eine genau Erfassung der Follower auf Twitter und bei LiveJournal.
Eine ähnliche Nachricht vom September zeigt, dass die Naschi 7,4 Millionen Rubel (187.000 Euro) für verschiedene Internetprojekte ausgegeben hat, unter anderem für Leute, die das russische Führungsduo bei sozialen Netzwerken unterstützen.
Manchmal beschweren sich Aktivisten oder Blogger, die sich auf der Lohnliste der Naschi befinden, über nicht erfolgte oder verspätete Zahlungen: „Kristina, ich verstehe nicht, was zur Hölle mit dem LiveJournal-Geld für diesen Monat passiert ist“, schrieb Blogger Zaur Gazdarov am 10. Oktober. „Für mich war der finanzielle Anreiz das Wichtigste.“
Auf Anfrage des Guardian sagte Gazdarow dazu: „Ich halte es nicht für nötig, illegal beschaffte Informationen zu kommentieren. Ich möchte Sie außerdem daran erinnern, dass es sich nicht gehört, die Privatkorrespondenz anderer Leute zu lesen und dass die Privatsphäre unter dem Schutz der russischen Verfassung steht.“
Zusätzliche Recherche: Ilja Mouzjkantskii
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Wie kommt dieser russische Unterschichts-Parvenü darüberhinaus dazu, die sibirische Kälte über ganz Europa (und Afrika) auszubreiten ?
Und was, der zweifelt die ungelenkte Demokratie an? Die ohne Medien ? Böse, böse. Was unsere eigene Verfassung angeht, so gilt derzeit:Papier ist geduldig. Mit Meckereien und Veränderungen fangen wir am besten bei uns an. |
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schrieb am
11.02.2012 um 01:07
Was ich hier im Freitag und seinem englischen Äquivalent , dem ebenfalls vormals linken Guardian, schmerzlich vermisse:
Eine Eloge auf die unipolare Welt (Ironie). |
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