Wer bei Google die Worte „Gedenken“ und „Deutschland“ eingibt, erhält sekundenschnell gut fünf Millionen Treffer. Ein beachtliches, ein stolzes, ein staatstragendes Ergebnis. Und man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass es schon sehr bald einige Hunderttausend Treffer mehr sein werden. Denn Bundestag und Bundesregierung (der Bundespräsident fehlt ja aus bekannten Gründen) richten morgen gemeinsam eine zentrale Feier für die Opfer der Neonazi-Mordserie aus. Eine derartige Veranstaltung garantiert ein Mindestmaß an zwischenmenschlicher Anteilnahme und ein Höchstmaß an medialer Aufmerksamkeit, sprich: eine Menge neuer Einträge bei Google. Einträge über das gute Deutschland, das dem bösen Deutschland mittels Trauergestus seine moralische Überlegenheit demonstriert.
Endlich, werden viele ausrufen, wurde aber auch allerhöchste Zeit! Zu Recht. Dennoch ist die geplante Trauerfeier für die acht Türken und einen Griechen auch scheinheilig. Es ist ein Akt zur Schau getragener, vor allem unberechtigter Selbstvergewisserung. Einige der Angehörigen werden dies als Schlag ins Gesicht empfinden, weil mit ihren Gefühlen Schindluder getrieben wird.
Ignoriert und verdrängt
Ein harsches Urteil, mag man einwenden. Aber ein milderes kommt wohl kaum infrage. Schließlich gründet es auf erwiesener Schuld. Das wiedervereinigte Deutschland hat jahrelang geflissentlich ignoriert und verdrängt, dass der Rechtsextremismus nicht nur eine ideologische Bedrohung darstellt, sondern im schlimmsten Sinne des Wortes auch eine Gefahr für Leib und Leben. Manche Gegenden der Republik haben sich zu recht- und schutzlosen No-Go-Areas entwickelt. Zu Risiken und Nebenwirkungen bei Betreten fragen Sie Ihre zuständige Nazi-Kameradschaft.
Wir wissen das alles – eigentlich. Dennoch werden viele politisch motivierte Straftaten mit eindeutig rechtsradikalem Hintergrund von den zuständigen Sicherheitsbehörden nicht als solche gewertet. Das Offenkundige wird schöngerechnet, schöngeredet und schöngefärbt. Menschenverachtender Rechtsterrorismus? Nicht bei uns! Ein verhängnisvoller Trugschluss, der es – gepaart mit Fixierung auf den militanten Islamismus – der Zwickauer Nazimörderbande ermöglichte, landauf, landab aus rassistischen Motiven zu morden. Ein fremdenfeindliches Killerkommando macht Jagd auf Wehrlose – und keiner will’s bemerkt haben.
Im Gegenteil. Noch vor wenigen Monaten sprach man republikweit ziemlich verächtlich von den „Döner“-Morden. Wenn überhaupt von den acht hingerichteten Türken und dem ähnlich grausam getöteten Griechen die Rede war. Und oft wurde in diesem Zusammenhang etwas von Machenschaften, Mafia und Milieu geraunt. So, als wären die neun Menschen an ihrem grausamen Ende irgendwie selbst schuld. Der unausgesprochene, vorurteilsreiche und für die betroffenen Familien existenzvernichtende Vorwurf: Migranten sind und bleiben uns fremd, Ausländer mit merkwürdigen Eigenheiten eben, manch einer sogar mit einem Hang zum Kriminellen. Ein perfides Gedankengebäude, das von den Rechtsextremisten Uwe M., Uwe B. und Beate Z. gewaltsam eingerissen wurde.
Scheck gegen Schmerzen
Nun stehen wir ratlos kopfschüttelnd vor den Trümmern unserer einstigen Gewissheiten und suchen nach Halt, insbesondere nach Entlastung. Also gibt sich das offizielle Deutschland zerknirscht, räumt Versäumnisse ein, schaltet auf Trauermodus und gedenkt. Hauptsache, die Verwandten, Freunde und Angehörigen der Ermordeten gewähren Absolution. Doch im Grunde ist das unmöglich, egal wie geschickt Angela Merkel ihre Worte wählen wird. Wie sollen Menschen, die zuvor als „anders“ geschmäht wurden, dem Sünder von der einen auf die andere Sekunde vergeben? Ist es den Müttern und Vätern, den Geschwistern und Kindern zuzumuten, bei einer Gedenkfeier womöglich Beifall zu spenden, wenn die Redner Betroffenheit ob des eigenen Fehlurteils demonstrieren oder in wohlgesetzten Worten Scham darüber bekunden, dass aus rassistisch motiviertem Hass in Deutschland getötet wird? Zu viel verlangt.
Vielleicht ahnt die aufgeschreckte Politik ja, dass sie auf diese Form der Entlastung vorsichtshalber nicht bauen sollte. Und womöglich setzen die Verantwortlichen deshalb auf die vermeintlich heilende Kraft des Geldes. Die Familien der Neonazi-Opfer erhalten eine Entschädigung, 10.000 Euro. Man wolle mit dieser Geste ein Zeichen der Solidarität, der Anteilnahme setzen, heißt es. Ein Scheck soll also die Schmerzen lindern und offenkundige Fehler weniger schwer wiegen lassen – billiger geht es kaum. Ein Ablasshandel der besonders peinlichen Art. Hoffentlich geht diese Mogel-Rechnung nicht auf. Denn wie die angekündigte Trauerfeier ist sie vor allem eines: ein Alibi. Darüber können auch ein paar Hunderttausend neue Einträge bei Google nicht hinwegtäuschen.
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Jetzt bin ich schon ein wenig perplex: Ein Artikel, der am 24. November 2011 beim European online gestellt wurde, wird hier am 22.02.2012 recycelt?
Aber gut, oder auch schlecht: „Ein harsches Urteil“ stand für Sie, lieber Christian Böme, schon vor 3 Monaten fest. Es am Vortag der Trauerfeier noch einmal zu präsentieren, ändert nichts an dem Vor-Urteil-Charakter Ihres obiter dictum und wird im Gegenteil nun wirklich jedem evident. Dass dabei auch die Chancen, die jeder Zeremonie innewohnen, a priori zunichte gemacht werden, ist Ihnen ersichtlich gleichgültig. Wer sich versammeln wird, wird nicht nur das Parlament sein. Es werden auch die Angehörigen derjenigen anwesend sein, die ermordet und darüber hinaus zu Unrecht verdächtigt worden sind. Ihnen wird man versuchen, Genugtuung zu verschaffen. Ob das so sein wird, werden zunächst die Betroffenen selbst befinden dürfen. Aber selbst diese Möglichkeit sprechen Sie ihnen ab. Und bevormunden sie abermals. Das ist nicht harsch, sondern einfach nur noch bodenlos. |
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10.000.-€ ist also ein toter Türke oder Grieche wert! Das kann doch wohl nicht sein.
Wieviel haben die Nazis vom sogenannten Verfassungsschutz erhalten? Wohl wesentlich mehr. Das ist deutsche Gerechtigkeit im Jahre 2012 Merkel! Warum machen wir das noch mit? Ich weiss es nicht. Aber sollten wir nicht lieber auf ein gemeinsames Leben mit allen Mitbürgern achten, und Menschenverachtende Organisationen wie BfV und ähnliches abschaffen? Wir sind das Volk! Und wenn wir wirklich wollen, wird sich auch etwas verändern. Wir sehen doch, wohin uns Berufspolitiker aller Farben führen. Brauchen wir die wirklich noch? Eine Merkel, einen Steinmeier, einen Rössler, einen ? Oder wollen wir vielleicht endlich selbst das Heft in die Hand nehmen? Und die Journalie, die egal welchem Berufspolitiker noch zujubelt, brauchen wir für ein freies Leben auch kaum. Die möchten doch gerne bestehende Verhältnisse behalten. Und ihre Interessen wahren! |
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Jemand schrieb in den letzten Tagen bei Twitter: Wulff musste gehen, aber die Verantwortlichen für die Verschleppung der Aufklärung und die falschen Beschuldigungen der Familien sind alle noch im Amt.
Ich las, dass mindestens eine der Töchter eine nicht ganz so freundliche Rede halten möchte. Hoffentlich darf sie das. Von Angehörigen war zu hören, dass sie es unfein finden, quasi nach Berlin zitiert zu werden, anstatt dass man sie zu Hause aufsucht. Aber das interessierte auch niemanden. |
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Die Gedenkfeier ist wichtig, eine symbolische Anerkennung von Schuld. Als scheinheilig wäre diese Aktion aber erst zu bewerten, wenn die Verantwortlichen, die bei unseren Sicherheitsbehörden so lange weggeschaut haben, nicht überzeugend zur Verantwortung gezogen werden. Da muss man sich wohl noch in Geduld üben, bis die diversen Untersuchungsausschüsse mit ihren Untersuchungen durch sind. Übrigens: Auch die allermeisten Medien haben 10 Jahre lang weggeschaut...
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Ja, so ist es wohl, nicht mehr und nicht weniger. Vor allem muss in die Welt eine Botschaft, eine Geste, ein Zeichen gesendet werden, denn, als Exportweltmeister, muss man seine Made in Germany Produkte, sozusagen ohne "Gschmäckle" des 1000-jährigen Reiches, weiterhin erfolgreich vermarkten. Naja, und die Kunden in der globalen Welt mögen nun mal keine Nazi-Krauts! Trotz all dem Getue, sind 20% der Deutschen latent antisemitsich eingestellt, wie wir kürzlich, ganz wissenschaftlich sauber, gesagt bekommen haben. Tief verwurzelt ist es immer noch da, das Großgewesensein, das Starkgewesensein, das Mächtiggewesensein - eben jenes Gefühl, jene Sehnsucht, die die Neonazi-loser von heute so extrem anzieht. Auf dieser Ebene sind noch ganz viele Klammheimliche, Ottonormalverbraucher mit dabei!
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Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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