Seid bereit, everybody! This is restaurant "Walzwerk", an East German Restaurant." So wird man von einer freundlichen, weiblichen Stimme mit deutschem Akzent begrüßt, wenn man in San Francisco die Nr. 551 71 81 wählt. Nach der Aufforderung, eine Reservierung aufzugeben, verabschiedet sich die Stimme mit einem kräftigen "Freundschaft!". Die Stimme ge hört Isabell Mysyk, die mit ihrer Freundin Christiane Schmidt im September eine "location" eröffnet hat, die selbst in der verrückten Hippie-Metropole einzigartig ist. Zwischen der 14. und 15. Straße, einer Gegend, die am Tage von Autowerkstätten und am Abend von eher zwielichtigen Gestalten beherrscht wird, kann man seit neuestem Thüringer Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelbrei essen und zum Nachtisch Kalten Hund oder Rote Grütze.
Hinter dem für Amerika typischen Markiseneingang des Restaurants offenbart sich auf den ersten Blick ein eher aufgeräumt-nüchternes Ambiente. Ein riesiges Foto vom Emblem der Thüringer "Maxhütte" an der Wand gegenüber stellt sofort den DDR-Bezug her, der später durch andere, erst auf den zweiten Blick erkennbare Requisiten unterstrichen wird. In den Vitrinen an der Bar liegen Uhren der Marke "Ruhla" neben DDR-Verdienstmedaillen, ein knallrotes Osttelefon gibt auf seiner Wählscheibe an, dass die Volkspolizei unter 110 zu erreichen ist, an einer anderen Wand hängt eine stilisierte "Tafel der Besten" mit Fotos all der Freunde und Bekannten, die beim "Aufbau" dieses kleinen, aber feinen Restaurants geholfen haben.
Chill out für Ostalgiker
Im "Chill-out-room", der Sitzecke im hinteren Bereich, wird es zunehmend schräger. An der mit rotglänzendem Samt beschlagenen Wand hängen in kitschigen Goldrahmen Fotos sozialistischer Industriestätten. Auch die Toilette bedient den Ostalgiker: Mit einem naiven Farbdruck wirbt der "VEB Elbe Chemie" für "Glyzerin Haut-Gelee". Von den Wänden grüßen Plattencover der Firma Amiga.
Die Ästhetik des Industriellen, das andere Gestaltungselement des "Walzwerks", ist auch künstlerisch umgesetzt worden. Ein Blick durch das Fenster auf die nur einen Meter entfernte Wand des Nachbarhauses offenbart dem aufmerksamen Besucher eine kleine Installation: Die Künstlerin Equanimiti Joy, eine Schwester von Christianes amerikanischem Freund, hat hier mit Hilfe von verrosteten Schrauben, Zahnrädern und anderem Fabrikschrott ein industrielles Stilleben geschaffen, in das man sich bei deutschem Bier versenken kann. Leise, aber vernehmliche deutsche Techno-Musik, kalifornischer Punk oder Klavieretuden von Chopin vervollständigen das Ambiente akustisch.
Für die heute 32 Jahre alte Isabell Mysyk geht mit diesem Restaurant eine lange Wegstrecke zu Ende, die in der Thüringer Stadt Ilmenau begann. 1987 gab sie ihrem Drang zur Freiheit nach, schwamm nachts durch die breite Donau von Rumänien nach Jugoslawien und flüchtete dort in die westdeutsche Botschaft. In West-Berlin begann ein bewegtes Leben zwischen besetzten Häusern und Sekretärinnen-Jobs, sie machte ihr Abitur nach und arbeitete nebenher in Restaurants und Kneipen. Bei der Arbeit in einem brasilianischen Restaurant traf Isabell die fast gleichaltrige Christiane Schmidt, eine Thü ringerin aus Gera, die dort auch ihr Handwerk als Kellnerin und Cocktailmixerin erlernt hatte.
Crack und Rote Grütze
Das Talent für Mixgetränke brachte der heute 32-jährigen bei Turnieren wie dem DDR-eigenen "Shake it easy"-Wettbewerb oder dem internationalen "Grand Prix Martini" etliche Preise ein. Später ging sie dann nach Ost-Berlin, um im Palasthotel Drinks für devisenbringende Gäste aus dem reichen Westen zu mixen. Nach der Maueröffnung und einigen Umwegen, unter anderem über Brasilien, trafen sich Isabell und Christiane 1996 in San Francisco wieder, und bald reifte der Plan, all ihre Kraft in ein Projekt zu investieren, das die Verbindung zwischen ihrem Gestern und Heute herstellen sollte: Das "Walzwerk".
Im Moment haben die beiden nur eine einzige Angestellte, die amerikanische Köchin Michelle. Der Weg zur Arbeit ist für die gemütliche Frau kein Spaziergang: Zwölf Drogendeals habe sie einmal während der zwei Minuten Busfahrt der Linie 22 beobachtet. Nur zwei Blocks vom "Walzwerk" entfernt dreht sich alles um Crack, die gefährlichste aller Drogen, die nur für Minuten in eine schönere Welt führt, aber extrem abhängig macht. Die Dealer transportieren die kleinen Crack-Ampullen im Mund, mit schnellen, nur für Insider erkennbaren Handbewegungen geht der Austausch Ware gegen Geld vonstatten. Zwei Straßen weiter beginnt einer der schlimmsten Drogenstriche der Stadt, und in der Parallelstraße vergeht einem schon mal der Appetit durch den Uringestank, den die vielen Obdachlosen hinterlassen.
Einzelne Taxifahrer warnen immer noch davor, in dieser Gegend auszugehen. Dennoch glaubt Michelle, dass es eine gute Idee war, das Walzwerk genau hier zu eröffnen. Denn San Francisco ist im Umbruch; wohlhabende Angestellte der florierenden Computerindustrie des Silikon Valley drängen in die Stadt, Geld fließt, und Stadtviertel, hier "neighbourhoods" genannt, verändern sich. Für sozialen Sprengstoff ist gesorgt, denn die luxuriösen Lofts der Pendler werden mit Hilfe von Steuertricks so finanziert, dass kein Geld in die Sozialkassen der Stadt fließt.
Michelle glaubt, dass die "South van Ness"-Gegend ein neues Hip-Viertel wird, mit dem Walzwerk als Knotenpunkt. Den beiden Jung unternehmerinnen, die das Restaurant mit nur 40.000 Dollar und der Hilfe eines großen Bekanntenkreises aufgebaut haben, traut sie alles zu. Vor allem soziale Kompetenz ist hier vonnöten, um die Kontakte und Verbindungen herzustellen, die einen solchen sozialen Brennpunkt sicherer machen. Nachbarn müssen sich gegenseitig helfen, die Polizei kommt in der Regel zu spät.
Profitieren die beiden Frauen von typischen Fähigkeiten, die man ehemaligen DDR-Bürgern nachsagt? "Im Osten waren soziale Netzwerke nötig, genau wie hier", sagt Isabell Mysyk und meint damit vor allem gegenseitige Unterstützung, die das Alltagsleben in einer Mangelwirtschaft erleichtern half. Die quirlige, junge Frau scheint eine Synthese all jener Kulturen zu sein, in denen sie heimisch war.
Aus der DDR kommen die Offenheit und Vorurteilslosigkeit, aus West-Berlin ihr schräges Outfit. Wenn sie mit Minirock und Siebziger-Jahre-Felljacke auf ihrer schweren 1100er Suzuki Rennmaschine vorfährt, fällt sie selbst in einer Stadt auf, die einiges an Anblick gewöhnt ist. Im Restaurant wird sie dann zur aufmerksamen Gastgeberin. Anders als in vielen anderen deutschen Lokalen werden die Gäste hier in den typisch amerikanischen "small talk" verwickelt. So entsteht eine fast familiäre Atmosphäre, die vor allem zur Mittagszeit das Geschäft belebt, wenn die Kundschaft fast nur aus Chefs und Angestellten der Nachbarbetriebe besteht.
Just do it
Ein weiteres Ost-West-Klischee schlägt mir entgegen, als ich Joshua, einen Stammgast des "Walzwerkes", befrage: Die Westdeutschen seien "a little more arrogant" als die Ostdeutschen, die er im ganzen als offener empfindet, und er gibt ein Beispiel, wo sich das Ostdeutsche mit der amerikanischen Mentalität trifft: Christiane habe ihm Freunde immer sofort vorgestellt, während westdeutsche Bekannte diese typisch amerikanische Regel auch nach Jahren noch nicht befolgen.
Der rundliche Endzwanziger im Grunge-Outfit, der sein Geld als Barkeeper in einer Szene-Bar verdient, glaubt ebenfalls an die Zukunft des "Walzwerkes"; erst neulich habe ein Gast in der Bar verzweifelt lamentiert, dass es in San Francisco so schwer sei, gutes Sauerkraut zu bekommen. Dass dem Manne nun geholfen werden kann, liegt an der strickten Qualitätskontrolle durch die beiden Jungunternehmerinnen. Thüringer Würste werden beispielsweise regelmäßig in einer 30 Meilen entfernten, deutschen Metzgerei eingekauft, die ein weiterer Auswanderer mit Namen Dittmer betreibt.
Auch die Köchin Michelle erwies sich als Glücksgriff. Sie erhebt das Kochen zur Philosophie und sieht es als Herausforderung an, den Amerikanern in der Vegetarier-Stadt San Francisco die fleischbetonte, deutsche Küche nahezubringen. Um die Mentalität der Ostdeutschen besser zu verstehen, holt sie sich Literatur zur deutschen Geschichte aus der Bibliothek, denn ihrer Ansicht nach kann sie nur kreativ kochen, wenn sie nachfühlt, woher Isabell und Christiane kommen.
Überhaupt scheint das "Walzwerk" für viele der amerikanischen Gäste eine Bildungslücke zu füllen, meint Christiane Schmidt. Die überdurchschnittlich gebildeten Einwohner San Franciscos kennen zwar den "iron curtain", haben aber kein Bild, wie es dahinter aussah. Für sie waren die Ostdeutschen wie hinter Gittern, und deshalb blättert so mancher Gast interessiert in den ausliegenden Bildbänden "Freundschaft mit der Sowjetunion" und "DDR mein Vaterland", ironische, aber lehrreiche Reminiszenz an die sozialistische Vergangenheit.
Nach nur vier Wochen läuft das "Walzwerk" schon erstaunlich gut. Die spezielle Mischung macht den Laden so attraktiv, während tagsüber die Menschen aus der Nachbarschaft kommen, sind es abends Yuppies, Szenegänger, Touristen und deutschstämmige Einwanderer.
Bei all dem sind die beiden Thüringer Frauen vorgegangen, als hätten sie sich den Slogan des uramerikanischen Sportkonzerns Nike zu Herzen genommen: "Just do it!" - "Manche Sachen kann man nicht vorrausberechnen", sagt Christiane Schmidt und Isabell Mysyk ergänzt: "Wenn wir das alles vorher genau kalkuliert hätten, die Arbeit, die Schwierigkeiten, das Geld, hätten wir es nicht gemacht. Aber wenn ich manchmal innehalte und mir überlege, dass dies jetzt unser Laden ist, dass da Leute kommen und etwas von uns wollen, bei uns essen gehen - dann kann ich es kaum glauben."