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Gespräch mit dem ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur des "Sonntag" Gustav Just
Was wurde an Ihren Gedanken als so ketzerisch empfunden, daß es verfolgt werden mußte?
Gustav Just: Das weiß ich bis heute nicht, aber ich werde Ihnen meine Gedanken von damals rekapitulieren. 1956 war von einer Abgrenzung noch keine Rede. Ich hielt für wichtig, daß man sich Gedanken machen müsse über eine Konföderation. Und zwar der deutschen Länder. Das heißt, der fünf Länder der Deutschen Demokratischen Republik und der zehn oder elf Länder der Bundesrepublik. Über die Ablösung der Kommandowirtschaft zugunsten einer größeren eigenen Verantwortung der Betriebe. Über eine Beschränkung der Planung auf Schwerpunkte und auf jene Betriebe, die einer eigenen Planung nicht fähig sind, weil sie Zuschüsse brauchen. Ich setzte in einigen Bereichen auf die Einführung von Marktmechanismen und, aufs Geratewohl herausgegriffen, auf eine Kollektivierung der Landwirtschaft - sie gehört für mich unbedingt zum Sozialismus -, angelehnt an deutsche Traditionen, Raiffeisenkassen, Molkereigenossenschaften, Maschinengenossenschaften, das gab es ja schon mal und wäre geeignet gewesen, die Bauern in einem längeren Prozeß an das genossenschaftliche Denken zu gewöhnen. Natürlich sollte die Zensur abgeschafft werden, ein Verlags- und Redaktionsleiter muß selbst entscheiden können. Das Verhältnis zur Kirche bedurfte dringend der Veränderung, damals führte die Partei den Kampf gegen die Junge Gemeinde. Die Universitäten sollten wieder Freiraum bekommen, eine ganze Reihe von Ministerien wäre so überflüssig. Universitäten können sich durch ihre Rektoren leiten lassen. Ich wollte auf vielen Gebieten ein Rätesystem eingeführt sehen, es war deutlich, daß die FDJ bei weitem nicht die Masse der Jugendlichen erfaßt oder repräsentiert, sie sollte vielmehr eine Dachorganisation sein, unter der verschiedenste Jugendgruppen von roten Pfadfindern bis zu christlichen Gruppen zusammengefaßt sind. Aber wir konnten weder in der Presse noch in anderen öffentlichen Publikationen darüber debattieren. Deswegen forderte ich immer wieder von Wolfgang Harich, es war der Wortgewandteste, dies alles aufzuschreiben und es an die EINHEIT, das theoretische Organ der Sozialistischen Einheitspartei, zu schicken.
Man könnte meinen, Sie rekapitulieren Gedanken des letzten halben Jahres...
Aber dem ist nicht so. Ich habe all das in aller Ausführlichkeit bei meinen Vernehmungen durch die Staatssicherheit zu Papier gebracht. Würden endlich die Archive geöffnet, könnten sie als Quellen dienen. Und ich betone heute, all diese Gedanken, die ja in der Mehrzahl von Mitgliedern der SED diskutiert wurden, waren darauf gerichtet, den Sozialismus attraktiver zu machen, von Entstellungen zu befreien.
Das Gespräch führte Regina General, aus: "Sonntag", 3.12.1989
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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