Positionen

Leitfrage | 06.04.2009 12:33 | Michael Jäger

Das Prinzip Führung

Der Ruf nach Führung hat mit rechts oder links nichts zu tun. Politik braucht kein Charisma, aber den Mut, radikale Schritte zu gehen

Angela Merkel wird Führungsschwäche vorgeworfen. In der Union sind viele enttäuscht, weil sie sich nicht gegen den Koalitionspartner durchsetzt, weder als Marktradikale noch als Wertkonservative. Dabei kann sie in einer Großen Koalition nicht mehr tun, als die Arbeit der Regierung zu moderieren und zugleich ihre eigene Überzeugung durchblicken zu lassen. Das tut sie, insoweit ist sie eine gute Besetzung. Dennoch sind die Vorwürfe in einem tieferen Sinn berechtigt. Merkels wirkliche Schwäche besteht darin, dass sie auch die Wirtschaftskrise nur moderiert, statt einen Ausweg zu weisen. Aber tut das denn jemand anders?

Die Führungskrise ist allgemein. In der Bundesrepublik gibt es ein Verfassungsorgan, das direkt dazu da ist, der Gesellschaft Wege zu weisen – den Bundespräsidenten. Auch der hat nichts vorzutragen. Seine jüngste Berliner Rede war nur die Zusammenfassung gängiger Feuilletons aus jüngster Zeit. Wenn man Politikern wie Horst Köhler zusieht, hat man den Eindruck, Führung sei vor allem eine Frage der Schauspielerei. Das Podium vor altem kirchlichem Gemäuer, väterliche Worte, ein eindrucksvolles Bild, mehr nicht. Merkel ist ein etwas anderer Fall. Sie ist unprätentiös, man vergisst nie, dass sie Physikerin war. Doch was sie sagt, ist mehr Gestus als Inhalt.

Sie verkündet gern Prinzipien und Richtlinien. Das hat sie bei ökologischen Fragen so gehalten, das tut sie jetzt in der Wirtschaftskrise. Gestus als Ersatz für Führung scheint die Folge ökonomischer Machtverhältnisse sein. Was die Ökologie anging, hat man immer wieder gesehen, wie Merkels guter Wille sich nur in Prinzipien niederschlagen konnte, weil es einen harten politischen Kern gab. Da war ihr Zurückweichen vor der Autoindustrie. Heute erfleht dieselbe Industrie ihren Schutz, aber nach dem Motto „Wasch mir den Pelz und mach mich nicht nass“. Die Politiker sollen also nach dem Weg der Trockenwäsche suchen. Gibt es ein Kriterium, an dem man diejenigen erkennt, die sich auf so etwas einlassen? Ja: dass sie Prinzipien aufstellen, wie Merkel. Sie werfen Fragen auf und bleiben die Antwort schuldig, weil die Fragen so gestellt sind, dass sie unmöglich beantwortet werden können.

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Wenn man es so formuliert, sieht man, dass es nicht rechts ist, „Führung“ zu verlangen. Es ist allgemein wahr, dass Probleme nur gelöst werden, wenn es einen Vorschlag gibt, den sich die meisten zueigen machen können. Das heißt, dem sie folgen, freiwillige Gefolgschaft leisten. Wer so einen Vorschlag macht, der führt also. Bert Brecht wollte es auf seinen Grabstein gesetzt haben: „Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen.“ Freilich sollten linke Vorschläge die Eigenart haben, falsche Fragen wie die nach der wasserlosen Pelzwäsche zurückzuweisen. Sie werden im Idealfall Antworten geben, die überraschend sind, und man wird sagen: „Danach war gar nicht gefragt worden!“ Das heißt, ihr Vorschlag hat auf die Etablierung einer neuen Fragestellung gezielt. Das ist der linke Begriff von Führung oder, wie Linke lieber sagen, von „Hegemonie“.

Was das bedeutet, kann man heute in einem Vergleich der US-amerikanischen und chinesischen Politik illustrieren. Die USA wollen „Führungsmacht“ sein. Präsident Obama erkannte, dass sie es nicht mehr sind, und hat den Anspruch wieder erhoben. Doch wo sind seine Vorschläge? Er hat bisher nur seine Schauspielkunst gezeigt. Sein Standbild in der Tagesschau lässt ihn als Herrscher erscheinen; man hat den Eindruck, sein Blick schweife in weiteste Fernen. Er gleicht geradezu einer Skulptur von Bernini. Vom chinesischen Notenbankchef Xiaochuan kann man das nicht behaupten. Dieser unauffällige Herr hat aber einen wirklich bedeutenden Vorschlag gemacht, der direkt ins Zentrum der Krisenprobleme zielt.

Er schlägt eine neue Leitwährung vor, die nicht von einem einzelnen Land ausgegeben, dafür aber eine „Deckung“ haben soll, nicht in Gold, sondern in einer Gruppe besonders wichtiger Rohstoffe. Der Vorschlag antwortet auf eine Frage, die Jahrzehnte lang verschüttet war (denn schon Keynes hatte sie gestellt): Wie kann man verhindern, dass sich Geld und Derivate auf den Finanzmärkten ins Unendliche vermehren? Antwort: Indem man beschließt, dass Geld „gedeckt“ sein muss; dadurch wird es zur Endlichkeit gezwungen; nur darf es sich nicht um eine Golddeckung handeln. China ist nun wirklich kein „linkes“ Land, aber der Rückgriff auf Keynes, der ein Linker war, zeigt seinen Führungsanspruch. Der Vorschlag ist auch dadurch hegemonial, dass er zwar allen etwas abverlangt, aber auch alle einbezieht. China heizt mit diesem Vorstoß keine Konflikte an, es steigt eben nicht, wie manche früher gehofft haben, vom Dollar auf den Euro um.

Gäbe es doch auch im Westen Politiker, wahrhaft linke Politiker, die entscheidenden Fragen herauszuarbeiten! Sie müssten dann nicht einmal Charisma ausstrahlen. Politiker, die weder an Symptomen herumdoktern noch die totale Veränderung anstreben, sondern „nur“ zeigen, was der radikale nächste Schritt wäre. Mit einem Wort, die keine Schauspieler sind, sondern wirklich führen.

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 07.04.2009 um 21:23
"Es ist allgemein wahr, dass Probleme nur gelöst werden, wenn es einen Vorschlag gibt, den sich die meisten zueigen machen können. Das heißt, dem sie folgen, freiwillige Gefolgschaft leisten. Wer so einen Vorschlag macht, der führt also. "

Führer und Gefolgschaft also? Ich schlafe eine Nacht darüber und sage morgen mehr dazu. Besser ist das.
George schrieb am 07.04.2009 um 21:23
Führungsschwäche im gesellschaftlich-stategischen Sinn ist gewiß ein Merkmal Frau Merkels. Als geradezu wohltuend empfinde ich aber, dass Sie sich kaum bemüht, anders als ihr Vorgänger im Amt, beim Publikum eine Illusion von Führungsstärke zu erzeugen.

Erstaunlich aber finde ich, dass Führung gerade jetzt reklamiert wird., da der Westen am Kulminationspunkt einer nahezu 10-jährigen Entwicklung steht. Dieser Prozess brachte seither stetig wachsende chinesische Export- und US- Importüberschüsse hervor. Die Finanzierung dieses wachsenden Ungleichgewichts erfolgte durch die überwiegende Anlage der Exporterlöse Chinas in US- Staatsanleihen. Zugleich verschuldeten sich US-Privathaushalte zunehmend, wobei lokale Banken ihre Kreditrisiken mittels Finanzinnovationen weltweit streuten.

Dieses Vorgehen brachte weiten Teilen der beteiligen Gesellschaften mehr Wohlstand, wenngleich nur auf Zeit und um den Preis enormer Verschuldung. In Zeiten des Problemaufbaus verlangte im Westen, soweit mir ersichtlich, niemand nach Führung bzw. Problemlösung, Vielmehr herrschte dort, in dieser Zeit weitgehender gesellschaftlicher Konsens, der für strategisch ausgerichtete Maßnahme schwerlich Raum ließ.

Die derzeitige Lage Chinas als Haupt-Gläubiger des Westens unterscheidet sich hinsichtlich der damit einhergehenden wirtschaftlichen Optionen fundamental von der des weitgehend optionslosen Westens. Die Führungsqualität chinesischer Akteure mag daher weniger deren Originalität als vielmehr der langfristig angelegten Politik ihres Landes geschuldet sein. Bestätigt sich dies, würden diese Vorgänge allerdings ein wenig günstiges Licht auf die Problemlösungskapazität pluralistisch verfasster Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme werfen.
Joachim Petrick schrieb am 08.04.2009 um 02:10
Hallo Herr Jäger,
Sie werfen zwischen Ihren Zeilen die ungestellte Frage auf, sind „Prinzip Führung“ und „Führerprinzip“ deckungsgleich?! Ist das Eine oder das Andere nicht zu haben?, oder sind sich beide per Alleinstellungsmerkmal so fremd und fern wie Feuer und Wasser?
Wo erweist sich die Abwesenheit des Prinzip Führung?
Die Berliner Rede des Bundespräsident Horst Köhler wird gegenwärtig in den Medien als uneingeschränkt erfeuliche Präsenz dieses Prinz Führung gehandelt. Schauen wir genauer hin, könnte sich diese Einschätzung nachhaltig hin zur Abwesenheit des Prinzip Führung wenden.
Hat Horst Köhler als IWF- Direktor, danach als Bundespräsident nach der Devise gearbeitet, wie diese der zurückgetretene Minister für Forschung & Wirtschaft in Schleswig- Holstein Werner Marnette im aktuellen Spiegel 15- 48- 09 im Fall der HSH- Nordbank bei Politikern/innen erhellend beschreibt?:
"Wer sich gründlich mit einer Sache, einer Krise, wie bei der HSH- Nordbank beschäftigt, läuft Gefahr, als Mitwisser zu gelten, der von Fall zu Fall haftbar gemacht werden kann. deshalb wird er, sie jede eingehend wie gründliche Beschäftigung mit Sachverhalten, Gefahrenlagen, Krisen unterlassen!"!?
Hat Bundespräsident Horst Köhler jahrelang nach dieser Devise gearbeitet bietet er doch in seiner Berliner Rede vom März 09 per Selbstanzeige als Begründung für sein Scheitern als IWF- Direktor im Jahre 2000 in Prag nicht Fehleinschätzungen nach eingehender Prüfung von Sachlagen, Gefahrenlagen, Krisen an „Errare Humanum est“, sondern Unterlassungen im Amt als Direktor des IWF.
Insofern ist menschlich anzuerkennen, dass sich Horst Köhler heute zu seinen bereits verjährten Unterlassungen, seinem eingeschränkten Mitwiisertum als IWF Direktor im Jahre 2000 bekennt, weil er aus seiner Seele keine Mördergrube machen will?
Was ist aber mit seinem Mitwissen, seinen Unterlassungen, sich in Sachverhalte, Gefahrenlagen, Krisen danach als Bundespräsident eingearbeitet zu haben?
Teil II folgt
Joachim Petrick schrieb am 08.04.2009 um 02:11
Teil II
Bert Brecht weist wundersam keck zwischen den Zeilen, leichtsilbig, schwerlocker, ganz, als sei Führung in der Demokratie eine Frage von Zugvögeln, von argumentaiven Gedanken- Vogel- Fluglinien, auf denen Vorschläge herbeigeflogen kommen, wenn es die politische Jahreszeit von Parteitagen erfordert, wenn er sich auf seinen Grabstein den Spruch wünschte:
„Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen“.
Sind doch Vorschläge nicht eine Frage der Leichtigkeit des Seins, wie Bert Brecht verführerisch nahelegt, sondern bleiern mühselig in Frageform gegossene Antworten, die andere zu Frage anregen, die diese unverblümt als eigene Antworten nehmen!?
Willy Brandt war da aus politischer Erfahrung schon weise weiter auf seiner Reise als Bert Brecht, obgleich Vergleiche hinken, selbst beim Grab zu Grab Winken.
Willy Brandts Grabspruch auf seinem Grabstein zu Unkeln lautet:
“man hat sich bemüht“.
Willy Brandt war lebenslang bemüht um die Machbarkeit seiner selbsthaftenden Vorschläge, was die Einarbeitung in Sachverhalte, Gefahrenlagen,Krisen zur Vorraussetzung hat.
Hat sich das Prinzip Führung in der Demokratie, anders als das Führerprinzip auf der Befehlsbasis von oben nach unten, wie ein Kamel durch das Nadelöhr nach der Augenhöhe Devise zu zwängen:
„Führung bedeutet nicht „Antworten“ zu geben sondern“Fragen zu säen“, um Stimmen als Antworten zu ernten.
JP
Michael Jäger schrieb am 08.04.2009 um 11:30
Lieber Herr Petrick, Sie haben recht: In meinem Artikel stellt sich die Frage, und zugleich ist sie ungestellt, ob "Prinzip Führung" und "Führerprinzip" deckungsgleich seien. Ich sehe, daß er so gesehen nicht zuendegeschrieben ist. In meinem ursprünglichen Manuskript hatte ich geschrieben:, "wenn es einen Vorschlag gibt" usw., "dann wird mit diesem Vorschlag geführt". Da dies eine nicht gut klingende Passivkonstruktion ist, sah ich ein, daß es umformuliert werden müsse, und akzeptierte den Vorschlag "Wer so einen Vorschlag macht, der führt also." Man kann nicht behaupten, daß das eine Sinnverschiebung wäre; aber das Problem des Satzes wird deutlicher. Wer oder was führt denn nun, der Vorschlag oder der Vorschlagende? Und: Wenn einer einen Vorschlag macht, dem gefolgt wird, bleibt er dann über den Vorschlag hinaus führend, ist es in Ordnung, wenn seine Führung dann institutionalisiert wird? Auf jeden Fall ist klar, daß der Vorschlag "sich nicht selbst zu Markte tragen kann". Ich würde sagen: Nur die Führung des Vorschlags ist ein gutes Prinzip. Und das nennt man dann besser Hegemonie. Die Frage ist nicht, wer führt, sondern wer womit die Hegemonie hat - das ist unmißverständlicher. Wie aber hegemoniefähige Vorschläge "zu Markte getragen werden", ist eine Frage für sich. Zur Beantwortung gehört, daß Politiker wohl in der Regel als Leute definiert werden müssen, nicht die Vorschläge machen, sondern die sie aufgreifen. Ferner, daß politische Führung immer von vielen ausgeübt werden muß (es ist auch besser, wenn es mehr als drei Parteien im Parlament gibt) und, das ist ohnehin klar, daß sie sich in kurzen Abständen durch Wahl zu legitimieren hat.
Joachim Petrick schrieb am 12.04.2009 um 12:29
Hallo Herr Jäger,
vielen Dank für Ihre Rückmeldung.
Solange wir Politik allein als Sache von politisch berufenen Expertokraten “Nicht Sozialdemokraten haben uns verraten, es waren bestellte, gedungene Expertokraten?, die uns beraten & verkauft!?““ betrachten, geraten wir wohl notwendig in das Missgeschick, in dem wir uns gerade auf eine kurze Weile nun mit anderen gemeinsam an Ihrem Beitrag arbeitend, befinden.. Wo die Not am größten, naht auch schon die gemeinsam erarbeitende Rettung, in dem wir das allgemeine Vorschlagsrecht in unserer Republik um das Nachschlagsrecht erweitern.
Schon wird aus Hegemonie, wie Sie diese zögerlich lobpreisen „….Nur die Führung des Vorschlags ist ein gutes Prinzip. Und das nennt man dann besser Hegemonie,,,,“
der Meinungen, Demokratie der Meinungsbildung!?, neben subventionierten Meinungsblöcken, wie die der Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Verbände, Stiftungen wird so ein Recht des Bürgers auf unmittelbare Partizipation an der allgemeinen wie persönlichen Meinungsbildung!?
tschüss
JP


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