Der Handel ist besiegelt, doch die Fragen bleiben. Haben die neuen Besitzer wirklich die richtigen Konzepte, um Opel in eine sichere Zukunft zu führen? Sind ihre Taschen tief genug, um kommende Engpässe zu überwinden? Wer hat überhaupt das Sagen bei Opel? Die Russen? Magna-Gründer Frank Stronach? Berlin? Schließlich kommt von dort das meiste Geld. Im Vergleich zu den insgesamt 4,5 Milliarden Euro, die Berlin und die beteiligten Bundesländer direkt einschießen und garantieren wollen, sind die 300 Millionen Euro der nominellen neuen Besitzer bloß Kinkerlitzchen. Zumal dieses Geld nicht an Opel fließt, sondern als Ablösesumme an die Gläubiger von GM – die sich damit aber vielleicht nicht zu frieden geben werden. Auch hier bleiben Fragezeichen.
Um Antworten und Lösungen zu finden, muss man den Blickwinkel verbreitern und das ganze Bild betrachten. In der Automobilindustrie gibt es global 30 Prozent Überkapazität. Nicht alle Automobilhersteller können überleben, und es stellt sich die Frage, ob Westeuropa mit seinem hohen Lohnniveau künftig noch ein wichtiger Produzent bleiben kann. Wäre es da nicht besser, wie etwa Ex-Arbeitsminister Robert Reich für die USA empfiehlt, jetzt gleich einen Schlussstrich zu ziehen?
Das führt unweigerlich zu Fragen, welche Arbeitsplätze denn die in der Automobilindustrie ersetzen könnten. Lässt man die Alternativen Revue passieren, fallen einem leider fast nur solche Branchen ein, die ihrerseits mit Überkapazitäten kämpfen: Die ehemals blühende Chip-Industrie, Stichwort Infineon, oder der Detailhandel, Stichwort Arcandor. 64 von 204 Kaufhäusern sollen abgebaut werden. Es geht um 50.000 Arbeitsplätze, um die „drohende Verödung ganzer Innenstädte in Deutschland“, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Bild-Interview zu bedenken gab. Auch hier will die Bundesregierung eingreifen. Auch hier wird es letztlich bloß darum gehen können, mit viel öffentlichem Geld den Abbau von Arbeitsplätzen wenigstens zu verlangsamen.
Die Macht der Unternehmen in der Krise
Das bringt uns zum Grundmuster: Die Logik der Politik und der Gesellschaft steht gegen die Logik der Marktwirtschaft. Die Gesellschaft zerbricht, wenn es nicht gelingt, die Menschen zu beschäftigen. Der Rhythmus der Erwerbs-Arbeit hält die Gesellschaft auf Trab. Wer keinen regulären Job hat, bleibt aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Doch das Gesetz des Marktes zwingt die Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen mit immer weniger Arbeits-Aufwand herzustellen, und der technische Fortschritt macht dies möglich. 5 bis 10 Prozent beträgt der jährliche Produktionsfortschritt in der Automobilindustrie. Die Nachfrage hält da nicht Schritt. Unsere Straßen sind ohnehin schon verstopft. Chinas Verbraucher haben zwar noch Nachholbedarf, doch Chinas Produzenten möchten den Weltmarkt lieber selbst mit Autos überschwemmen. Dabei stößt Mutter Erde längst an ihre ökologischen Grenzen.
Das also ist der Hintergrund, vor dem sich der Kampf um Opel abspielt. Die Zwänge des Marktes haben ihren gesellschaftlichen Nutzen verloren. Was bringt es uns, alles noch effizienter herzustellen? Per Saldo nichts. Die Arbeitsplätze, die dabei verloren gehen, wiegen viel schwerer als die paar zusätzlichen Autos. Und das wäre auch dann so, wenn diese nicht auf Halde blieben, weil sie niemand mehr kaufen will. Berlin und Washington zahlen ihre Milliarden nicht, um die Versorgung ihrer Bevölkerungen mit Autos sicherzustellen. Ihnen geht es einzig darum, Jobs zu retten.
Und dennoch oder gerade deshalb sind die Unternehmen selbst in der Pleite mächtiger denn je. Sie rationalisieren zwar Jobs weg, aber sie entscheiden darüber, an welchen Standorten weiter produziert wird. Das ist der Schlüssel ihrer Macht – die sie voll ausspielen. „Wir haben einen der fortschrittlichsten Autobauer Europas zu einem beispiellos niedrigen Preis bekommen“, frohlockte der russische Magna-Banker German Gref nach dem Deal.
Was zurzeit geschieht, erinnert an die „Voucher-Privatisierung“ nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, als sich die „Nomenklatura“ dank ihren Beziehungen ganze Industrie- und Rohstoffimperien unter den Nagel reißen konnten. So gesehen ist es vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet eine russische Bank beim Opel-Deal den Zuschlag bekommen hat.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Die Regierungen Europas lassen sich weiterhin von Brandherd zu Brandherd hetzen, löschen diese mit öffentlichen Mittel – solange vorhanden – und stellen am Schluss erstaunt fest, dass diese Mittel vor allem der neuen und alten Geld-Elite zugeflossen sind. Oder sie erkennen die veränderte Ausganglage und raufen sich zu einer aktiven Industriepolitik zusammen. Die Chancen für einen solchen Kurswechsel sind so gut wie noch nie: Die meisten Banken befinden sich inzwischen ohnehin in den Händen des Staates, und dasselbe gilt für immer größere Teile der Industrie. Anders als je zuvor gibt es auch einigermaßen tragfähige europäische Institutionen. Die EU steht jetzt vor ihrer Bewährungsprobe.
Leicht wird es nicht werden, doch die Alternative ist ein Europa der Oligarchen, die mit bankrotten Regierungen Schlitten fahren.
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Volle Zustimmung zum analytischen Teil des Artikels. Überproduktion im Automobilsektor (sprich mehr oder minder gesättigte Märkte), Jobverluste im großen Stil, Erpressungsdruck auf die Regierungen, Angst geht um, Verschuldungsfalle ...
Nur, wie soll eine "aktive Industriepolitik" aussehen, die gleichzeitig bedenkt:"Dabei stößt Mutter Erde längst an ihre ökologischen Grenzen." Genau hier türmen sich vielfältige Paradoxien auf.In welchen politischen Zeiträumen denken sie? Wer sollen/könnten Bündnispartner sein? Bedenken Sie auch den Zustand der jetzigen Parteiendemokratie. |
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"In der Automobilindustrie gibt es global 30 Prozent Überkapazität."
- Quelle? |
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Sie haben ja solange recht, solange es auf einer pauschalen Ebene bleibt. Guckt man tiefer stimmt das eine oder andere an sich so nicht. Satte Märkte...
Gesättigte Märkte gibt es selbst in den satten Teilen Europas nicht. Man beachte nur den "Erfolg" der Abwrackprämie. Da werden in einem Jahr 1 Millionen neue Fahrzeuge bzw. Jahreswagen an den Kunden gebracht. Das wirft schon die Frage auf, wann ist ein Markt satt? Ist er nur deswegen satt, weil sich keine Neuwagen mehr verkaufen lassen? Falls die Antwort "ja" sein sollte - es springt zu kurz. Ein real vorhandenes Überangebot kann auch deshalb existieren, weil die Nachfrageseite es einfach nicht mehr bezahlen kann oder will, was da in den Häusern funkelt und glitzert. Weil es zu teuer geworden ist bezogen auf die Kaufkraft oder weil man hofft, dass es in einer eher näheren Zukunft Modelle gibt, die vernünftiger sind. Wegen der Grenzen von Mutter Natur und zur Schonung des eigenen Geldbeutels. Statt satte Märtkte also falsche Produkte und falsche Weichenstellung (Exportorientierung vs. Binnenmarkt). Haben wir die Sprittpreise von vor einem Jahr schon wieder vergessen? Ist tatsächlich wieder aus den Köpfen, das Landauf/Landab die Rede davon war, wo bekommen wir bessere Fahrzeuge mit weniger Verbrauch, gänzlich andere Antriebsenergie? Die Antwort war nirgendwo und also was kauft denn dann?!? Kennen wir noch den Satz: "weg vom Öl"? Ein Jahr später kam die Abwrackprämie und der Run auf 1 Millionen ziemlich neuer (an sich alter) Fahrzeuge began. Satte Märkte sind für mich etwas deutlich anderes. Es gibt sicherlich reihenweise betriebswirtschaftliche Gründe seitens der aktuellen Anbieter, dies alles noch ein wenig weiter nach hinten zuschieben. Gleichwohl. Peakoil, neuerlich Aufschwung, Spekulantentum und die Entwicklung in Indien und China (Binnenmarkt) wird dafür sorgen, dass wir uns daran erinnern müssen, dass der Satz: "weg vom Öl" nach wie vor elementar sein wird für den Wirtschaftsstandort Europa. Also stimmt es schon. Wir brauchen einen ziemlich heftigen Schwenk in Richtung gezielter Industriepolitik in diesem Europa. Einer der letzen klassichen Industriezweige wo wir in Europa noch für Europa Weichen stellen können ist der Automobilbau - alternative Antriebskonzepte - weg vom Öl. Der "Fall" OPEL (für die USA GM) wäre an sich ein guter Moment für einen radikalen Schnitt für neue Wege und Märkte, die existieren würde man sie nur bedienen wollen. So stört und entsetzt mich in der aktuellen Debatte in der Tat das Für und Wider über eine vermeintliche oder reale Steuerverschleuderungdebatte. Haben die Politik, die Wirtschaft aber auch die Mainstreammedien und am Ende der manipulierte Bürger in diesem Europa tatsächlich keinen Platz mehr für Aufbruchsstimmung? Mir schwant, unser Problem ist die Sattheit dort, aber nicht in den Märkten... LG misterL |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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