Positionen

Glosse | 03.10.2009 12:00 | Lutz Herden

19 Jahre Einheit – es reicht

In einer Gesellschaft mit mindestens zwei historischen Ereignissen pro Woche hat es der Tag der Einheit gar nicht so leicht. Beglückend ist er sowieso nicht

Gerade macht wieder Thüringen, neben Sachsen die Hochburg des ostdeutschen Radikalopportunismus, von sich reden. SPD-Matchie verhökert seine Wähler an die Post-Althaus-CDU. Aber was soll man darüber noch wütend sein. Die Wut ist einem nach 19 Jahren Einheit gründlicher abhanden gekommen als Schlager-Süßtafeln, Putzi-Zahnpasta, Täve Schur und die Aktuelle Kamera. Sie ist wahrscheinlich versunken im Diskursbrei oder wurde weggeblasen, als wir uns wieder ein Stück durch den Windstromkanal quälten, der unsere Entwicklung zum Neuen Menschen testet: wie eloquent und nichtssagend sind wir schon? Und wo müssen wir noch ein paar Lektionen in Unterwerfung pauken? In unserem schönen, bunten Gemeinwesen sind 19 Jahre nach der Einheit Wut und Entschiedenheit so eklig wie ein Kakerlaken-Haufen im RTL-Dschungel. Pfui Kacka! Wir wollen Wackelpudding und Coffee-to-Go, uns totkichern und zujohlen. Oder „Wahnsinn, Wahnsinn!“ brüllen, weil Geiz geil ist.

Wir wollen in Ruhe über den Biomarkt schlendern, mit unseren Kindern alles ausdiskutieren und nach uns die Sintflut. Spaß muss sein. Wir wissen auch politisch irgendwas. Gunther Emmerlich und Vera Lengsfeld (Bundesbeauftragte für Vergeltung und Opferrituale), die Geschwister Scholl der ostdeutschen Widerstandsbewegung, haben zum Beispiel damals den Kriegsverbrecher Erich Honecker gestürzt. Und zwar ganz allein. Daran glauben Claudia Roth, Gänsehautblümchen der Grünen, Thomas Roth von der ARD und sogar unser aller Kanzlerin, die Frau ohne Vergangenheit. Also glauben wir alle mit.

Weil wir uns das alles gefallen lassen, bekommen wir Ossis zwar keinen Vaterländischen Verdienstorden, aber vielleicht von der Geschichte heimgezahlt, was wir wegen unserer Kapitulation vor der Diskurs-Seuche, vor Furchtzwergen und Westerwelle verdient haben: billige Mieten, billige Tarife, billigen Fusel. Und die Wessis können uns an Weihnachten oder unter der Woche wieder billigen Gewissens Creme-Seife, Kaloderma in der supergroßen Vorratsdose und Mon Cheri mit der garantiert echten Piemont-Kirsche schicken. Das sorgt im Osten auch zu Ostern noch für orkanartige Beifallsstürme.

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Dann gibt es auch endlich wieder zwei Olympia-Mannschaften, zwei Hymnen und zwei Fahnen. Dagegen kann kein echter Patriot etwas haben. Galt nicht: Je geteilter, desto schneller, höher, weiter? Einheit macht träge, Teilung macht tollkühn. Und Doping bliebe wieder auf den Osten beschränkt und unter der Decke. Wo ja auch der Sex viel besser gewesen sein soll. Vielleicht hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Dazu äußert sich bestimmt bald Frau Ines Geipel. Wenn die Einheit nicht gekommen wäre, hätte Dieter Baumann mit frisch geputzten Zähnen (warum nicht mit Putzi?) in Peking bestimmt noch mal starten können. Und unsere Claudi Pechvogel? Niemals hätte die im Osten schlapp machen müssen. Wie die Kandidaten der Nationalen Front früher im Wahlkampf hätte sie einen tollen Schlussspurt hingelegt, denn: „Das Erreichte ist noch nicht das Erreichbare!“
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ludwig Hasselberg schrieb am 03.10.2009 um 12:30
Gibt es nicht einen Betrieb irgendwo, der aus Mauerresten ein homöopathisches Mittel herstellt? Fein zerriebene Mauer in einer wohlschmeckenden Lösung - vielleicht sollte man das mal probieren. Oder habe ich das nur geträumt...
luggi schrieb am 03.10.2009 um 12:32
Übung beenden! Alten Zustand wieder herstellen!
.-)
marsborn schrieb am 03.10.2009 um 16:14
Was für ein kindischer Schwachsinn. "Wut und Entschiedenheit"? Talibantugenden. Bislang hielt ich den Freitag zumindest im Redaktionsteil noch für ernstzunehmen.
luggi schrieb am 03.10.2009 um 16:31
zur Be8ung; Glosse
h.yuren schrieb am 04.10.2009 um 21:27
glossen sind nichts für richtige deutsche. (wissen alle, wie ich das meine?)
Simon Pschorr schrieb am 05.10.2009 um 22:36
Nein, ich verstehe nicht wie Sie "richtige Deutsche" meinten und ich glaube, ich will es auch gar nicht verstehen.

Traurig...wenn man nicht mehr auf seine Formulierung und ihre Folgen achtet.
MFG Simon Pschorr
SteinMain schrieb am 03.10.2009 um 19:05
Sehr schön, polemischer hätte ich den Sachverhalt auch nicht darstellen können. Irgendetwas stimmt doch nicht ganz in einem Land, wo auch nach 20 Jahren das Siegergeheule der Besitzbürger über den sozialistischen Schlendrian noch nicht nachlassen will, wo DDR-bashing wie früher mal der Hofknicks zum guten Ton gehört, falls jemand im Kulturkreis mitmachen will.
Polemisch finde ich gut in diesem Zusammenhang, weil die komerzielle Verblödungsmaschine gar keine rationale Abwägung mehr zulässt, als notorischer nächtlicher Dauerglotzer des Bildungsfernsehens möchte ich da auf die Werke eines Guido (!) Knopp verweisen, der als Wahrheitsbeauftragter mit seinen Geschichts-Dokumentationen eigentlich schon ein komplettes Paraleluniversum der deutschen Geschichte erschaffen hat, eigentlich gefährlich wenn man bedenkt, das sich Viele für derartige Dinge nur beiläufig interessieren und informieren (lassen).
"Wut und Entschiedenheit" finde ich eigentlich auch, selbst als Glosse, ein wenig theatralisch, andererseits wird es hier mittelfristig nur noch 1-EUR-Jobber/Lakaien und Fürsten geben, falls niemand Hirn vom Himmel schmeisst.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.10.2009 um 16:06
Hirn fehlt nur denen, die sich das alles bieten lassen. Die anderen wissen genau, was sie tun.
h.yuren schrieb am 04.10.2009 um 21:38
selbst wenn eine/r hirn von irgendwo schmisse, wäre es für die katz, wie der olle jöte schon wusste:
was nützt das glück dem stöffel?
denn, regnets brei, fehlt ihm der löffel.
Titta schrieb am 08.10.2009 um 00:30
Ist's eigentlich auch typisch deutsch, wenn die Doofen immer die anderen sind?
Titta schrieb am 08.10.2009 um 01:04
@SteinMain

Bei Knopp fällt mir auch immer nur mein Blasrohr aus Kindertagen ein. Das hatte so Plastikpfeile mit einem großen flachen Gumminoppen vorne dran, der ua so schön auf der Mattscheibe haften geblieben ist.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.10.2009 um 19:25
Wenn schon Einheit, dann bitte schön in Freiheit, aus Gerechtigkeit mit Gleichheit, mit Glück (permanent) in Konsum und Urlaub; und mit Krankenkasse und Sterbegeld. Sonst: nicht!
SteinMain schrieb am 03.10.2009 um 20:02
Moment, jeder kriegt aber noch ein grosses Stück Kuchen, bitte, Zucker ist schliesslich Gehirnnahrung !
h.yuren schrieb am 04.10.2009 um 21:39
was nützt gehirnnahrung, wenn es an hirn fehlt?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.10.2009 um 21:58
In einer freien, konsumreichen, armmachenden, erdezerstörenden westlich verdummten Welt gibt es sogar das Wort vom Lesen als Hirnjogging ::: was aber genau das Weglaufen vor Sachverhalten, Argumenten und Folgerungen benennt.
Lutz Herden schrieb am 05.10.2009 um 07:05
Na, das wäre doch mal was, wenn es dazu käme.
Magda schrieb am 03.10.2009 um 19:32
Köstlich, köstlich.

Bei diesem hier: "Wir wollen in Ruhe über den Biomarkt schlendern, mit unseren Kindern alles ausdiskutieren und nach uns die Sintflut."

Da dachte ich an diesen schönen Beitrag in der "Zeit".

www.zeit.de/2007/46/D18-PrenzlauerBerg-46?page=all

Es ist überspitzt und trotzdem lebensnah.
Lutz Herden schrieb am 05.10.2009 um 10:30
Aus meiner Sicht ist das nicht überspitzt, weil ein selbstreferentielles Dasein oft die einzige Botschaft ist, die von Zeitgenossen heutzutage übermittelt wird, natürlich von vielen rhetorischen Dementis umnebelt.
Titta schrieb am 08.10.2009 um 00:33
Und Jammern, getarnt als Glosse, ist nicht selbstreferentiell?
zelotti schrieb am 11.10.2009 um 14:22
Worin liegt eigentlich das spezifisch Böse im Prezlauer Bergischen? Sind es die lieben Kleinen? Ist es der Biomarkt? Ist es die Bildung?

Gentrifizierung finde ich einen tollen Begriff, wenn das unser Adel ist, dann Hussa!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.10.2009 um 20:00
Vor einiger Zeit wurde hier mal dieser Link erwähnt:
www.blaetter.de/artikel.php?pr=3141
Nun hat doch, man glaubt es kaum, die taz einen großen Beitrag in der aktuellen Ausgabe, der auf 3 Seiten die ost- und westdeutsche(!) Organisation der Maueröffnung beschreibt.
Eine Kurzversion davon unter:
www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/beratung-aus-dem-westen/
Und nun auch noch ein Momper-Interview:
www.taz.de/regional/berlin/berliner-koepfe/artikel/1/die-bvg-fuhr-nach-smog-alarm-plan/
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.10.2009 um 21:52
Die Blätter werden zuwenig gelesen. Auch von mir. (Blätterwaldbuße)
Titta schrieb am 08.10.2009 um 00:34
Dabei ist doch Herbst.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 08.10.2009 um 20:32
Titta, in Westfalen schneien die Blätter vom Winde verweht gen Boden. Und das ist nun mal nicht metaphorisch gemeint.
SteinMain schrieb am 04.10.2009 um 22:40
Nee, im Prinzip wird viel zu wenig gelesen.

"was nützt das glück dem stöffel?
denn, regnets brei, fehlt ihm der löffel."

yuren, das stimmmt eigentlich, Glück im Leben ist das Zusammentreffen von mindestens 2-3 Sachen, die zusammenpassen. Wenn halt ein von der Wirtschaft bezahlter Stoffel wie Kohl damals auf eine Wiedervereinigung trifft, und die gesamte Leistung einer sozialistischen Wirtschaft locker am Arm der D-Mark abwickelt, ohne Rücksicht auf Verluste, ist das schon ein bischen tragisch.
h.yuren schrieb am 04.10.2009 um 22:42
lutz herden, wie ist es möglich, dass sie den heil'gen tag der einheit so in die glosse ziehen?
hegen sie etwa klammheimliche zweifel an der historischen notwendigkeit der nationalen schmelze?
möchten sie womöglich suggerieren, der gang der geschichte sei am 9. november rückwärts gewesen, weil zentral nationales ein anliegen der romantik war?
zwischen den zeilen einer glosse ist zuviel spielraum. darum ist das genre dem ernsten gedenkkulturthema deutsche einheit nicht angemessen. darüber haben sie sich am nationalfeiertag ohne not hinweggesetzt. das ist ein skandal.
Lutz Herden schrieb am 05.10.2009 um 07:01
Ich nehme diese Reaktion als Glosse, ernst genommen werden will sie sicher nicht. Trotzdem schönen Dank.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 05.10.2009 um 08:06
Die National-Romantik höret nimmer auf. - Es gibt bloß noch zuviel Sozial-Romantik, oder?
luggi schrieb am 05.10.2009 um 09:26
Genau. Und um dem Anspruch dieses Tages gerecht zu werden brauchen wir Deutschen eine Einheitspartei. Wird ja wohl kein Geschmacksmusterschutz auf den Begriff geben. Oder sollte man da ein Patent anmelden?
Simon Pschorr schrieb am 05.10.2009 um 22:39
Dieser Artikel spiegelt einen der traurigen Aspekte deutschlandweiter Meinungsbildung wider. Wohin wollen Sie zurück? Zurück zum "Unternehmen Planwirtschaft"? Vom Regen in die Traufe?

Natürlich stimmt etwas nicht an diesem Land, doch es sind sicher nicht die Menschen, die beiderseits der Mauer gelebt haben, sondern es sind (!!!) beide Systeme, die die Menschen krank machen und ihnen die Lebensperspektive rauben.

MFG Simon Pschorr
Titta schrieb am 08.10.2009 um 00:38
"sondern es sind (!!!) beide Systeme, die die Menschen krank machen und ihnen die Lebensperspektive rauben."

Ich denke, da wird Herr Herden mit Ihnen einer Meinung sein.
Adam Ant schrieb am 09.10.2009 um 11:49
@Simon Pschorr
"Wohin wollen Sie zurück? Zurück zum 'Unternehmen Planwirtschaft'? Vom Regen in die Traufe?"

Ja, genau.
Planwirtschaft und vielleicht noch der Grüne Pfeil – mehr gab es hier nicht.
Der Kaffee war nur Ersatz und die Schokolade war gar keine.

Wir hatten ja nichts.
Wir hatten ja nichts.
Wir hatten ja nichts.

Seit Jahren sage ich diesen Satz mindesten 3x täglich auf und versuche so mittels eines autosuggestiven Prozesses meine persönliche Erfahrung mit der veröffentlichten Meinung in Einklang zu bringen.
Das klappt nicht immer, z.B. wenn ich an die Treuhand denke und daran, dass Rohwedder in einem Vortrag vor der Handelkammer Wien am 22.10.1990 den ganzen "Salat Ost" mit 600 Mrd. DM bezifferte. Ein Plus aus dem innerhalb von 10 Jahren und unter Leitung von Breuel ein Schuldenberg von 260 Mrd. DM erwuchs (s.a. ISBN 3360009401, S. 170 ff. - btw.: rechnen Sie das mal in Eumel um und vergleichen Sie es mit dem, was "wir" bisher allein für die nach meiner Ansicht höchst zweifelhafte "Rettung" einer einzigen (Bad-)Bank wie der HRE aufgebracht haben).

Ehrlich! Ich bemühe mich redlich alles zu vergessen und wiederhole deshalb an dieser Stelle gern noch einmal (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) die gängigen Vorurteile:

Ossis zahlen keinen Soli.

Die Hilfe für den Osten war purer Altuismus. Es ging keinesfalls darum für die westlichen Überkapazitäten einen Markt zu erschließen, auch wenn dadurch ein "dauerhafter Niveaueffekt zu verzeichnen" war, "mit allen positiven Auswirkungen für Beschäftigung, Einkommen, Steuereinnahmen usw."
siehe
www.spd-linke-mv.de/Langfassung.pdf

Ossis müssen erst einmal lernen zu arbeiten. Der unterschiedliche Wert für die "Arbeitsproduktivität" (bis heute) ist weder ein Ergebnis der Berechnungsmethode und beruht deshalb nicht auf den insgesamt erheblich geringeren Löhnen; noch ist diese "Ap" auf die unterschiedlichen "Startbedingungen" zurückzuführen. Vergessen wir endlich, dass der Osten keinen "Marshallplan" hatte und stattdessen 97-98% der Reparationslast Gesamtdeutschlands leistete. Lernen wir Scherzkekse wie Prof. A. Peters, welche die Höhe der (theoretisch) bis 89 (und zum Wert von 89) aufgelaufenen Reparationsausgleichszahlungen W->O mit 727,1 Mrd. DM bezifferten, zu ignorieren.

Ossis sind undankbar. 20 Jahre nach der "Wende" kann die Linke jetzt von sich behaupten ausgerechnet im Osten eine sog. "Volkspartei" zu sein: 16 Direktmandate, als Partei (also nach Zweitstimmen zur Bundestagswahl 2009) stärkste Kraft in Brandenburg und Sachsen-Anhalt und auch insgesamt in den "neuen" Bundesländern (einschließlich Berlin) erheblich mehr als das, was sich bspw. irgendwie S?PD nennt. Und eine Frau Lengsfeld z.B. erhielt (unabhängig von ihren intellektuellen Fähigkeiten) in ihrem heurigen Wahlkreis (nicht für die Ost-Grünen, nicht für das Bündnis 90, nicht in Thüringen) 084 - Berlin-Friedrichshain - Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost für jedes ihrer offenbar einzigen beiden Argumente jeweils 9157 ½ Stimmen … von 222.646 Wahlberechtigten und damit das _MIT ABSTAND_ schlechteste Erststimmen-Ergebnis für einen Unions-Wahlkreiskandidaten in der gesamten Bundesrepublik.

Mit Sarrazünischen Grüßen:
www.spiegel.de/spam/0,1518,653215,00.html
Regenwärmer schrieb am 06.10.2009 um 01:00
He, das ist ja purer Sarkasmus, gemischt mit BitterZeitgeschmack und einem Sahnehäubchen:"ach war dit noch scheene, wa!?" Lutz Herden schreibt´s wohl nicht für Herden von Undertakern,Krisenschäkern+ Schnabeltassenjunkies.Er bohrt eben gern, da wo´s uns weh tut. Find ich gut.Wir lassen uns gern quälen.Das Erreichte is ja auch nicht das Erreichbare,jaa, wissen wir. Sind wir wohl wütend, zynisch,... weil wir uns so machtlos fühlen?
Es stimmt eben nicht!
Die Leute sind nicht dumm.Sie sind auch nicht uninteressiert.Sie glauben nicht mehr!!
Das ist der Punkt.Darum sind sie auf der Suche nach dem, was sie glauben können+wollen! Und das mit ganzer Kraft.Was wir hier machen, ist alte Geister rufen... die kommen nicht mehr.Wir sollten vielleicht begreifen, daß dieses System es auch nicht kann: die dringendsten Probleme lösen.Es stinkt,es beginnt unsere Kinder zu fressen, es ist dabei unseren Keks zart+anpassend zu organisieren....wißt ihr ja alles...
Was tun wir?
weinsztein schrieb am 06.10.2009 um 02:54
wir fressen Kekse
Titta schrieb am 08.10.2009 um 00:39
Na jedenfalls hilft Jammern nicht weiter.
sarajevo schrieb am 06.10.2009 um 09:38
Wie wir in diesen Tagen immer wieder hören müssen, sollen die Menschen 1989 für ein wiedervereinigtes Deutschland auf die Straße gegangen sein.

Dabei wird verschwiegen, dass erst das Scheitern der Revolution zur Vereinigung führte. Gab es keine andere Möglichkeit, war alles unabwendbar? Darüber lässt sich streiten, worüber aber nicht gestritten werden muss, ist die Tatsache, dass alle aktiven DDR-Oppositionsgruppen und neuen Vereinigungen von 1989 mit der Politik der damaligen Bundesrepublik unzufrieden waren. Alle anderen Behauptungen können nur durch individuelle Entwicklung zu einem konservativen Burgfrieden erklärt werden oder mit der Sehnsucht danach, auch einmal zu den Siegern gehören zu wollen. Antikommunismus und Kapitalismus-Umarmung gehörten nie zu den Charakteren der Oppositionsgruppen.

Jegliche Vereinnahmungsversuche politischer Kreise aus dem Westen wurden bis zum Herbst ´89 strikt zurückgewiesen. Das dann doch alles so schnell ging, vom 7. Oktober 1989 bis zum 3. Oktober 1990, zeugt von einer unvorhersehbaren inneren Dynamik und dem Kaltstellen der Herbstakteure durch die bundesdeutschen Parteien und Medien. Forderungen nach einer Reformierung der Gesellschaft wurden nach und nach leiser. Zwar gab es keine offi zielle Abkehr von der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus, sie wurde aber von der Mehrzahl der Akteure des Herbstes 89 zunehmend gemieden bzw. der PDS überlassen. Dieses Wohlverhalten wurde umgehend honoriert. Was zwischen Ost und West folgte waren keine Gespräche unter Gleichen, sondern lediglich Beitrittsverhandlungen. Mit dem 20. Jahrestag der gescheiterten Herbstrevolution von 1989 und dem das Jubiläum begleitenden Propagandafeldzug ist die offi zielle Geschichtsumschreibung offensichtlich endlich am Ziel: „Unsere Revolution“ wollte Kapitalismus, Marktwirtschaft, NATO und Deutsche Einheit.

Aus: telegraph 118/119
www.telegraph.ostbuero.de/118_119/inhalt118_119.htm
Lutz Herden schrieb am 06.10.2009 um 11:31
Man kann aber die Bürgerechtsbewegungen und -gruppierungen nicht nur als Opfer einer Entwicklung sehen, die über sie hinweg ging. Die meisten konnten, aber wollten der auch nicht wirklich etwas entgegen setzen. Sehen Sie sich doch an, welche "inneren Klärungsprozesse" da zwischen Dezember 1989 und Februar 1990 stattfanden, als fetstand, dass es am 18. März 1990 Neuwahlen geben würde. Der "Demokratische Aufbruch" von Schnur und Eppelmann verbündete sich ganz schnell mit der CDU und der DSU in einer Allianz für Deutschland, die dann auch mit dem Schirmherren Kohl über und hinter sich die Wahlen vom 18.3. prompt gewann. Den Bürgerrechtsbewegungen war es wichtiger, sich von der PDS abzugrenzen, als wirklich etwas für den Erhalt der sozialen und wirtschaftlichen Grundsubstanz der DDR zu tun.
mahung schrieb am 07.10.2009 um 02:40
"Den Bürgerrechtsbewegungen war es wichtiger, sich von der PDS abzugrenzen, als wirklich etwas für den Erhalt der sozialen und wirtschaftlichen Grundsubstanz der DDR zu tun."

das sehe ich auch so. allerdings waren auch manche allein darauf aus, den kapitalismus zu restaurieren. freilich in dem glauben, dass die "soziale marktwirtschaft" des deutschen westens eine art ddr mit demokratie und reisefreiheit ist, in welcher sich die realsozialistisch erlebte existenzgesichertheit einfach mit konsummöglichkeiten und dadurch erzeugter lebensglücklichkeit paart. arbeit sicher wie bisher. geld nunmehr konvertierbar. kohls blühende landschaften innerhalb einer portokasse finanzierten glücksseligkeit. vor dem hintergrund der damaligen umstände schien das so manchem nicht richtig unplausibel und kritik wurde wenig publiziert, geschweige denn gehört.
heute kann man sehen, sagen und behaupten, dass das konstrukt "soziale marktwirtschaft" ein virtuelles ist. eine form des wirtschaftens, welche nur unter dem druck einer gewissen systemknokurrenz entstehen konnte und spätestens seit dem wegfall der systemkonkurrenten nurmehr eine leere worthülse ist. das kapital, angesichts systemischer widerparte zurückhaltend agierend, wurde nach den (durchaus folgerichtigen) zusammenbrüchen der alternativen systeme des sog. ostblockes schlicht und ergreifend frech.

die akteure des herbstes 1989, die mehrheitlich keine restauration, sondern einen damals als dritten weg bezeichneten aufbruch wollten, wurden schneller als sie dachten marginalisiert und kalt gestellt. hinzu kam ein bei einigen bis in die heutige zeit reichender "stasi-verfolgungswahn", der anfangs verständlich, jedoch zunehmend lächerlich wirkte. das ist auch der grund, warum viele aktive träger der damaligen demokratiebewegung im osten so schnell in der politischen versenkung verschwanden und beispielsweise die grünen in ostdeutschland nie auf den sprichwörtlichen grünen zweig kamen bzw. kommen. die inzwischen bei weitem obsolete rote-socken-hysterie schwächt nach wie vor die linken gesellschaftsentwürfe zugunsten der konservativen, die eigentlich keine mehrheit haben. stichwort thüringen.
Lutz Herden schrieb am 07.10.2009 um 11:39
Danke für die Reaktion - Sie schreiben: "Heute kann man sehen, sagen und behaupten, dass das konstrukt "soziale marktwirtschaft" ein virtuelles ist. eine form des wirtschaftens, welche nur unter dem druck einer gewissen systemknokurrenz entstehen konnte und spätestens seit dem wegfall der systemkonkurrenten nurmehr eine leere worthülse ist."
Im Herbst fehlte es leider an alternativen und die Mehrheit der DDR-Bevölkerung überzeugenden Wirtschaftskonzepten - der sog. "Dritte Weg" votierte für eine bis dahin in der DDR nicht versuchte Verschwisterung von Markt und Staat und operierte mit Begriffen wie "sozialistische" oder "soziale Marktwirtschaft", so dass es für viele nahe lag, sich gleich für dass westdeutsche Original zu entscheiden, als für Experimente zur Verfügung zu stehen.
mahung schrieb am 08.10.2009 um 00:17
"der sog. "Dritte Weg" votierte für eine bis dahin in der DDR nicht versuchte Verschwisterung von Markt und Staat und operierte mit Begriffen wie "sozialistische" oder "soziale Marktwirtschaft", so dass es für viele nahe lag, sich gleich für dass westdeutsche Original zu entscheiden, als für Experimente zur Verfügung zu stehen."

zumal die antretetenden parteien der konservativen richtung mit slogans wie "keine sozialistischen experimente" oder "freiheit statt sozialismus" antraten. ich habe damals als junger ossi gedacht, dass dies auf die konkreten verhältnisse während der wendezeit gemünzte kampfbegriffe waren. viel später lernte ich, dass diese parolen alt waren und immer schon zur diskreditierung politischer strömungen jenseits der konservativen richtung gedient hatten. aber dies war nicht wirklich das problem. es gab einfach nicht den hauch einer chance - dass musste ich auch bald begreifen - irgendwelche wege zu gehen, außer den vorgezeichneten. vorgezeichnet seit dem tag, als die mauer auf war. der neunte november war die zäsur. die dinge nahmen ihren beinahe natürlichen lauf. und für eine sich reformierende ddr war es längst zu spät. damit hätte man vielleicht zehn jahre früher anfangen müssen. insofern war der verlauf vorbestimmt, fast logisch. kohl gewann seine wahlen dank der ossis (unverdient) und die alte westlinke ist bis heute ein wenig sauer deshalb - 1990 wäre Schluss gewesen mit Kohl. Der ossi hat Kohl verlängert ... aber das ist ein anderes thema.
Titta schrieb am 08.10.2009 um 00:56
Na wenigstens scheint in dieser Diskussion hier ein bißchen Platz zu sein für einen Wessi, der sich auch was anderes gewünscht hätte als einen umgehenden Anschluß.
Was ich bis heute skandalös finde, daß bezüglich der Frage der Einheit nur die Ostdeutschen eine Stimme abgeben, also wählen konnten. Als Wessi wurde man ja gar nicht erst dazu gefragt bzw. vor die Wahl gestellt, ob man diese Einheit denn nun will oder nicht.
Dieses Statement paßt allerdings nicht so ganz in die ostdeutsche Opferrolle, ich weiß. Erst war's die Partei und dann die bösen westdeutschen Medien/Politik.
Danke, Herr Herden, daß die eigene Verantwortung wengistens in ihrem Kommentar nicht ganz unerwähnt geblieben ist.
mahung schrieb am 08.10.2009 um 02:19
"Was ich bis heute skandalös finde, daß bezüglich der Frage der Einheit nur die Ostdeutschen eine Stimme abgeben, also wählen konnten. Als Wessi wurde man ja gar nicht erst dazu gefragt bzw. vor die Wahl gestellt, ob man diese Einheit denn nun will oder nicht."

... auch wenn ich noch ziemlich jung war. meiner erinnerung nach gab es schon stimmen im damaligen westen - die mir als jugendlichem ossi irgendwie aus dem herzen sprachen - welche die einheit vorsichtig in frage stellten. oskar lafontaine war, unter vielen anderen, einer derjenigen, die vorsichtig die finanzierungsfrage stellten. antwort: ddr = portokasse. machen wir ohne steuererhöhungen! wer sind wir denn! eine lüge, natürlich. aber damit gewann man wahlen. heute gewinnt westerwelle auch wahlen. die lüge ist ähnlich gelagert. steuern sinken, ausgaben auch, wachstum generiert sich daraus und gegenfinanziert ist das ganze. klingt ein wenig nach politbüro. aber fdp ist bürgerliche demokratie und als solche frei von jedem populismusverdacht ... aber ich schweife ab.
Lutz Herden schrieb am 08.10.2009 um 12:16
Indirekt gab es doch mit der Bundestagswahl vom Dezember 1990 die Möglichkeit, wenigstens ein nachträgliches Votum abzugeben, indem man sich für den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten, Oskar Lafontaine, entschied - das taten aber nur 33,9 Prozent der Wähler. Heute freilich wäre die SPD über ein solches Ergebnis hochbeglückt
Titta schrieb am 08.10.2009 um 20:19
Lieber Herr Herden,

zum Versüßen der unerträglichen Zustände hilft ja vielleicht das:
www.ostprodukte-versand.de/cnr-26_59/Lebensmittel-Suessigkeiten/anr-265/Zetti-Schlager-Suesstafel.html
www.ossiladen.de/shopping/advanced_search_result.php?keywords=Schlagers%FC%DFtafel
(Hier gibt's auch meinen heißgeliebten Imnu-Kaffee.)

Und warum Süßtafeln Süßtafeln waren und keine Schokolade, ist hier zu erfahren:
www.theobroma-cacao.de/nc/schoko-guide/schoko-guide/alphabetische-liste/detailansicht/schokolade/details/schlager-suesstafel/
Lutz Herden schrieb am 12.10.2009 um 10:24
Danke für den Tipp, aber hieß der nicht "Im Nu"-Kaffee?
Schlager-Süßtafeln gab es auch schon wieder bei den Ostpro-Messen am Berliner Alexander-Platz.
SteinMain schrieb am 08.10.2009 um 23:49
@titta: Oja, oja was süsses bitte ! Schokoladen-D-Mark !
bernd.005 schrieb am 16.10.2009 um 23:58
seufz - aus der geschundenen Seele gesprochen,
also morgen früh um 7.oo Fahnenappell, danach gemeinsames Berliner Rundfunk hören "Was ist denn heut bei Findigs los " und dann......Fröhlichsein und Singen FRÖSI lesen !


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