Positionen

Laufzeiten | 10.06.2010 18:00 | Ulrich Kelber

Atomlobby, Dein Wille geschehe …

Schwarz-Gelb muss gegen die Kernspaltungsfetischisten Farbe bekennen. Die Opposition wird solche Klientelpolitik nicht durchgehen lassen

Erfolgreicher waren Lobbyisten in Deutschland wohl noch nie: Weil Bundesumweltminister Norbert Röttgen der Atomlobby „nur“ einen zweistelligen Milliardenbetrag statt einer dreistelligen Summe durch eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke schenken wollte, wurde er überraschend offen von einem „Parteifreund“, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, zum Rücktritt vom Amt aufgefordert. Ein auch in der Geschichte des Lobbyismus einmaliger Vorgang, der leider viel zu schnell im allgemeinen schwarzgelben Chaos dieser Tage unterging.

Schon vor der Landtagswahl in NRW erinnerte die Liebedienerei von CSU, Südwest-CDU und Hessen-CDU für die Atomlobby verdächtig an eine Sekte. Von den Nachbarn in Tschechien und der Schweiz fordern die schwarzgelben Landesregierungen die strikte Einhaltung internationaler Standards bei der Suche nach einem Endlager, insbesondere einen ergebnisoffenen Vergleich von Standorten. Für das eigene Bundesland dagegen schließt man grundsätzlich eine Endlagersuche aus, obwohl sich in Bayern und Baden-Württemberg die Gesteinsformationen der jeweiligen Nachbarländer fortsetzen. Gegen diese Brutalität des Eigennutzes sieht selbst das Sankt-Florians-Prinzip wie friedlich gelebte Solidarität aus.

Schwarzgelbe Geschenke an die alten Freunde

Der Höhepunkt der schwarzgelben Lobbybedienung wurde dann vorläufig nach der krachenden Wahlniederlage in NRW erreicht: Hatten vor der Wahl noch Rüttgers/Wulff/Koch/Oettinger offen oder in Briefen, die später der Öffentlichkeit unfreiwillig bekannt geworden sind, klar eingestanden, dass eine Laufzeitverlängerung der Zustimmung des Bundesrates bedarf, so sollte dies nach dem Verlust der Mehrheit in der Länderkammer auf einmal nicht mehr nötig sein. Intern wurden windigste verfassungsrechtliche Konstruktionen überlegt, bloß damit die Atomkonzerne nicht mehr ihre Verpflichtungen aus dem Atomkompromiss des Jahres 2000 einlösen müssen, nachdem sie die Vorteile (Fortbestand Versicherungsprivileg, weiter steuerfreie Rücklagen, aufgeschobene Sicherheitsanforderungen etc.) jahrelang ungehemmt kassiert haben.

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Und jetzt – nach dem 9. Mai – machte endlich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel klar, wie dicht verwoben mit der Atomlobby sie ist. Hatte sie nach der Bundestagswahl noch behauptet, man wolle über die Laufzeitverlängerung erst auf Grundlage eines wissenschaftlich fundierten umfassenden Energiekonzepts entscheiden, forderte sie auf einmal eine schnell Entscheidung über die lebenserhaltenden Maßnahmen für die Atomkonzerne vorab (!) noch im Juni/Juli. Als der Widerstand gegen diese doch selbst für unkritische Beobachter doch allzu dreiste Sonderstellung für die Dinosauriertechnologie Atomenergie im deutschen Energiemix immer dramatischer anwuchs, kündigte sie an, jetzt doch erst im Rahmen des – vorzuziehenden – Energiekonzepts entscheiden zu wollen.

Dumm nur, dass schnell öffentlich wurde, dass die Bundesregierung die Forschungsinstitute, welche die Szenarien für das Energiekonzept berechnen sollen, gar keine Vorschläge für bessere Energieeffizienz oder den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien machen lassen will. Nein, die einzige Größe, die Prognos und EWI nach dem Willen der schwarzgelben Bundesregierung variieren lassen dürfen, ist die Laufzeit der Atommeiler. Damit ist das Ergebnis des „Energiekonzepts“ schon vorab festgelegt. Selbst für den Schrottreaktor Biblis A könnten Teile von Schwarzgelb sich eine Laufzeitverlängerung bis 2038 vorstellen. Und selbst Norbert Röttgen will Biblis A noch viele Jahre als Gelddruckmaschine gönnen.

Norbert Röttgen, wie können Sie nur?

Wie wenig Bevölkerungsmeinung und Verfassungsrecht Mappus, Koch und Seehofer von ihrem Atomkurs abzubringen vermögen, wurde durch eine erneute Indiskretion deutlich: In der CDU-Präsidiumssitzung beschwerten sich die Atomfreunde erneut über Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Wie dieser habe zulassen können, dass der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen eine Studie vorlege, dass bis 2050 problemlos die Vollversorgung Deutschlands mit Erneuerbaren Energien möglich sei und eine Laufzeitverlängerung für die Atomenergie diesen Weg schwieriger und vor allem teurer mache! Und noch „schlimmer“ aus Sicht der Kernspaltungsfetischisten: Wie Röttgen es wagen könne, den erst im März als Präsident des Bundesverfassungsgerichts ausgeschiedenen Hans-Jürgen Papier um ein Gutachten zur Bundesrat-Zustimmungspflicht für eine Atom-Laufzeitverlängerung zu bitten? Ganz offensichtlich hatten sich die Unions-Größen aus dem Süden und Südwesten ein reines Gefälligkeitsgutachten gewünscht. Das jetzt der langjährige oberste Verfassungshüter, der noch dazu CSU-Mitglied ist, den schwarzgelben Plänen einer Bundesratsumgehung und damit der Laufzeitverlängerung ein klares Stopp-Signal entgegensetzte, hat in der Regierungskoalition reine Panik ausbrechen lassen.

Vordergründig ignorieren CDU, CSU und FDP die steigende Zahl von Gegnern der Laufzeitverlängerung, die ja auch aus den Reihen der eigenen Kommunalpolitiker kommt, weil sie massive wirtschaftliche Nachteile für ihre Stadtwerke fürchten. Nur: Selbst intern fragen immer mehr Schwarze und Gelbe, warum man diesen Tanz ums „Goldene Kalb“ Atom derart in den Mittelpunkt der eigenen Energiepolitik stelle. Die Debatte über die ungelöste Endlagerfrage, die Angst vor Terrorangriffen auf die Meiler, die Gefahr der Verbreitung radioaktiven Materials für schmutzige Bomben werden ignoriert – und das alles für eine Energieform, die noch nicht einmal 6 Prozent des deutschen Energieverbrauchs – bei sinkender Tendenz – erzeugt?

Selbst einigen schwarzgelben Wirtschaftspolitikern im Süden der Republik dämmert es, dass die Lähmung der schwarzgelben Energiepolitik durch die Atomdebatte Deutschlands Position im internationalen Wettlauf um die Technologieführerschaft bei Erneuerbaren Energien und Effizienztechnologien massiv schwächt. Viele Firmen dieser rasant wachsenden Branchen sitzen in Bayern und Baden-Württemberg, die Branche wird lauter. Die Atomlobby hat tönerne Füße und Schwarzgelb muss Farbe bekennen. Die Opposition wird solche Klientelpolitik nicht durchgehen lassen.

 

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Kommentare
Technixer schrieb am 10.06.2010 um 19:53
Lieber Herr Kelber,

woraus resultieren eigentlich die großen Unterschiede bei den Angaben wie hoch der Anteil mittels Kernenergie erzeugten Stromes am Gesamtstromverbrauch ist?

Könnte eine Erklärung dafür sein, dass es niemand genau weiß, weil die Einspeisungshoheit wo liegt? Richtig, bei den Energiekonzernen.
Auch könnte es daran liegen, dass man (so wie sie) den gesamtdeutschen ENERGIEVERBRAUCH mit einbezieht, also Spritverbrauch, Erdgas u.v.m. und dies das Ergebnis verfälscht.
Mit solchen Milchmädchenrechnungen spielt man der Lobby in die Hände, weil die logischerweise das korrigiert und den anderen im Regen stehen lässt.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, als Biologe bin ich für das sofortige Abschaffen dieser strahlenden Zukunft, aber der Anteil von Atomstrom an der Stromproduktion liegt relativ hoch (23%).
Der Ausstieg von der Atomenergie muss also mit einer Reduzierung des Energieverbrauchs verknüpft sein.

Um das mal festzuhalten, 47% der in Deutschland produzierten Energie wird von der Industrie verbraucht (Stand 2004).

Das natürlich die SPD lieber Populismus betreibt und die ganze Problematik auf den reinen Atommüll reduziert, naja das kennen wir ja nicht anders. Heute hü und morgen hott so seid ihr eben. Beispiele?

Denn das Resultat einer ECHTEN Energieverbrauchsdebatte, wäre eben eine Schrumpfungsökonomie, da einfach ein wirtschaftliches Wachstum immer auch einen steigenden Energieverbrauch zum Ergebnis hat. Dieser liegt höher als die Effizienzrate eneuerbarer Energien zulässt.

Auch müsste der Ausstieg europaweit erfolgen, weil es kaum einen Unterschied macht, WO im dicht besiedelten Europa so ein Ding in die Luft fliegt.

War mal nur so ein Gedanke, ansonsten ist ihr Lobbybericht ganz nett.
Ulrich Kelber schrieb am 11.06.2010 um 09:57
Hallo,

die unterschiedlichen Zahlen erklären sich eigentlich ganz leicht: Beim Endenergieverbrauch Strom liegt Kernkraft in der Tat leicht über 20%, das war aber auch schon einmal 30%. Beim gesamten Endenergieverbrauch, also inkl. Wärme, Kühlen und Mobilität hat Atomenergie nur einen Anteil von unter 6%, nur noch knapp über 5%.
Technixer schrieb am 12.06.2010 um 09:40
Und warum wiederholen Sie dann meine Worte ;) ?
Ich hatte meine Frage ja selbst beantwortet, gleich im zweiten Absatz.

Dieses rhetorische Verdrehen um noch eine gewisse Berechtigung für seinen "Standpunkt" zu behalten, ist genau das Problem in der Politik. Die parlamentarischen Debatten, seitens der sogenannten Volksparteien sind hohl und Sinnentleert, auf Grund dieser rhetorischen Kniffe. Dies wird auch als negative Rhetorik bezeichnet. Es wird den ganzen Tag salbadert was das Zeug hält , ohne das man dem Ziel einer guten Politik auch nur einen Schritt näher ist.
Das ist einer warum sich die Menschen von der Politik abwenden und erst recht von der SPD.

Wenn Sie hier schon eine Energiedebatte anstoßen wollen MÜSSEN Sie auch den größten Verbraucher rausstellen, da dieser als größter Konsument auch im wesentlichen dazu beitragen könnte ob Atomstrom abgesschafft wird oder nicht, auch insbesondere im Zuge der Lobbyismus Debatte.

Die privaten Haushalte verbrauchen lediglich knapp 30% des produzierten Stromes. 47% wird von der Industrie verbraucht und da wir nicht mehr sonderlich viel davon haben, lässt sich das Ganze auch herrlich schön eingrenzen. Der Anteil des sekundären Sektors am BIP beträgt ja nur mickrige 26% der Großteil geht auf den Dienstleistungssektor (bspw. Versicherungs- und Bankdienstleistungen) zurück.
Diese sind aber auf ollen Atomstrom gar nicht angewiesen, weil sie gar nicht soviel verbrauchen.

Sie müssen im Zuge dieser Erkenntnis also schon die große Zahl nutzen (23%) und das ist schon ein beachtlicher Anteil.

Aber da stoßt man ja bei der neoliberalen SPD ins falsche Horn.
gweberbv schrieb am 10.06.2010 um 20:49
Der Ausstieg aus der Atomkraft ist ein deutscher Sonderweg. Den kann man zweifellos gut finden und auch pointiert vertreten.

Die Andersdenken jedoch als "Kernspaltungsfetischisten" abzukanzeln, ist jedoch etwas zuviel der Polemik. Gibt es da überhaupt noch Worte, mit denen der Autor die Atompolitik der Franzosen beschreiben könnte? Ist deren Führungselite als komplett irre zu bezeichnen? Und der Rest der Welt?
misterl schrieb am 10.06.2010 um 21:05
Es gibt im Grunde drei Punkte dafür, dass der Rest der Welt zumindest nicht klüger ist.

1. Weltweit gibt es keine funktionierende Lösung mit dem radioaktiven Müll für die nächsten aprox. 100.000 Jahre

2. Ist Uran auch nur ein begrenzt verfügbarer Rohstoff wie Kohle, Erdöl, oder Erdgas.

3. Sind in keinem Strompreis die Entsorgungskosten enthalten. Diese zahlen zumindest in Deutschland ausschließlich die Steuerzahler für die nächsten aprox 100.000 Jahre

Bei so viel Irrsinn einer - verblödungstechnisch - Brückentechnologie genannten Last über die nächsten aprox. 100.000 Jahre kann man gar nicht engagiert genung dagegen sein.

Jeder Austieg aus dem Austieg verlängert diesen Irrsinn, auch wenn man rational meinen möchte, 10 Jahre länger laufen lassen bei aprox. 100.000 Jahren spielt keine Rolle. Rational relativ ist das sogar ok, aber damit beginnt auch der Wandel entsprechend später. Ob wir die Zeit haben, darf bezweifelt werden - völlig ohne irrsinnig zu werden.
Ulrich Kelber schrieb am 11.06.2010 um 09:59
Naja, man darf ja auch einmal zugespitzt kommentieren. Aber selbst in Frankreich dämmert es, dass man mit der bisherigen ausschließlichen Orientierung auf Atomenergie Probleme bekommt. Es gibt keine Rücklagen für den Abriss der Dutzenden Meiler und kein Endlager. Und sowohl im Sommer (Kühlwasser zu warm) als im Winter (nicht genug Spitzenlast für Elektroheizungen) gab es in Frankreich Blackouts und man war auf massive Stromimporte aus Deutschland angewiesen ...
Ulrich Kelber schrieb am 11.06.2010 um 10:00
In China gibt es Hinweise darauf, dass nur ein Teil der offiziell geplanten AKW verwirklicht werden, da man die Befürchtungen von misterL teilt ...
Fritz Teich schrieb am 11.06.2010 um 02:55
Mit dem Atomthema wird die Opposition nichts bewegen. Das Thema ist der grossen Mehrheit voellig gleichgueltig.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 09:14
Findest du? Also bei der letzten Anti-Atomdemo waren mehr Menschen als bei jeder Finanzkrisendemo (im einzelnen). Über 110.000 haben eine Menschenkette gebildet. Das ist für deutsche Verhältnisse eine doch recht beachtliche Zahl.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 09:14
Findest du? Also bei der letzten Anti-Atomdemo waren mehr Menschen als bei jeder Finanzkrisendemo (im einzelnen). Über 110.000 haben eine Menschenkette gebildet. Das ist für deutsche Verhältnisse eine doch recht beachtliche Zahl.
Ulrich Kelber schrieb am 11.06.2010 um 10:01
Es ist ja auch nicht das einzige Thema, das wir ansprechen. Aber zum Beispiel ist es 86% unserer Anhängerinnen und Anhänger wichtig, wie wir aus Erhebungen wissen. Und selbst wenn dies nicht der Fall wäre, ist es ein so brisantes Thema, dass es gelöst werden muss ...
Fritz Teich schrieb am 11.06.2010 um 10:34
Das zweite Thema ist die Abschaffung der Gymnasien, auch ganz toll. Ein brisantes Thema ist die Atomkraft sicher, aber eher was die Endlagerung und ueberhaupt die Verfuegungsgewalt ueber diese Bombentechnologie betrifft. Wir duerfen es so halb, die Iraner nicht. Letzteres duerfte der Grund dafuer sein, warum das Thema frueher so stark gepuscht worden ist. Es ist doch extrem seltsam, dass es den Leuten in anderen Laendern extrem unwichtig ist. Wenn man von Faellen wie Plogoff absieht, wobei Plogoff aber vielleicht eher mit dem Ort, schoenste Stelle Frankreichs, als mit der Ablehnung der Atomtechnik zu tun hatte.
Fritz Teich schrieb am 11.06.2010 um 10:40
<<
Aber zum Beispiel ist es 86% unserer Anhängerinnen und Anhänger wichtig,
>>

Und was soll das heissen? Machen diese Leute ihre Unterstuetzung der SPD davon abhaengig. Ist das Thema wichtiger als andere? Fuer mich waere die SPD beispielsweise nicht mehr waehlbar wegen der Schulpolitik. Die Abschaffung der Gymnasien waere fuer mich ein absolutes no-go. Der SPD muss es nicht um "post-sale Marketing" gehen, sondern um die Gewinnung NEUER Unterstuetzer. Dass sich die SPD auf sowas exotisches wie die Atomkraft wirft, spricht sehr dafuer, dass sie zu bedeutend wichtigeren Themen nichts zu sagen hat. Erinnert an die Nachruestungsdebatte, danach kam Kohl.
Fritz Teich schrieb am 11.06.2010 um 10:44
<<
Über 110.000 haben eine Menschenkette gebildet
>>

Beeindruckt mich garnicht. Selbstueberschaetzung. Kurz vor der Bedeutungslosigkeit.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 11:58
Man kann auch einfach mal alles mies reden und Hoffnungslosigkeit streuen. Denn genau so eine Einstellung verhindert ja das mehr Menschen auf die Straße gehen. Im Sinne von "Ich bewirke ja doch nichts." dass ist einfach mal kompletter Unfug. Bei so wenig Menschen kann man Probleme einfach aussitzen das ist klar. Aber es geht auch anders. Beispielsweise die Bildungsstreiks, haben die Positionen der Studenten an den Universitäten verbessert, sogar an den Zuhörertisch wurde von Frau Schavan gebeten. Was meinst du was los wäre wenn plötzlich die 1,4 Millionen Studenten Deutschland weit Rabatz machen. So schnell könntest du gar nicht bis drei zählen wie zur Wahrung der Ruhe entgegengekommen würde.

Oder Montagsdemos oder die 68er, das waren Menschenmengen die seitdem doch nie wieder auf die Straße gebracht wurden, aber an ihrem Beispiel lässt sich erkennen das etwas bewegt werden würde!
Fritz Teich schrieb am 11.06.2010 um 16:37
Dass heisst doch nicht, dass ich die Demos fuer voellig sinnlos halte, ich meine nur, dass sie der SPD nichts bringen. Die Studenten muessten auch erst mal wissen, was sie wollen. Von Frau Schawan angehoert zu werden, ist das ein Ziel? Im Zweifel ist die fuer Unis gar nicht zustaendig.
Fritz Teich schrieb am 11.06.2010 um 16:39
Und man muss sich auch fragen, warum man gegen Atomkraft ist. Gehts um die Endlagerung, das Restrisiko, die Gefahr des Baus von Atombomben? Wer soll keine Atombomben bauen und warum? Usw. Irgendwer baut eh.
Technixer schrieb am 12.06.2010 um 09:44
"Von Frau Schawan angehoert zu werden, ist das ein Ziel? "

Nö, da wir die olle Kuh ziemlich hassen, sie ist eh nur Stellvertreterin eines inhumanen Überleben-des-Stärkeren-Systems.

Aber im Zuge der Streiks wurden an den Unis die Positionen der Studenvertreter gestärkt. Es wurden Studiengänge entschlackt, der Klausurenberg am Ende des Semesters etwas verkleinert. Man darf jetzt zwei Semester länger für den Bachelor brauchen. Das alles ist diesen Protesten zu verdanken und das ist schon eine beachtliche Leistung.
Fritz Teich schrieb am 12.06.2010 um 19:56
<<
Klausurenberg am Ende des Semesters etwas verkleinert.
>>

Ok! Aber den Bachelor hab ihr nicht abgeschafft.
Fritz Teich schrieb am 12.06.2010 um 19:56
<<
Klausurenberg am Ende des Semesters etwas verkleinert.
>>

Ok! Aber den Bachelor hab ihr nicht abgeschafft.
j-ap schrieb am 11.06.2010 um 11:02
Lieber Herr Kelber,

Sie schreiben: »Selbst einigen schwarzgelben Wirtschaftspolitikern im Süden der Republik dämmert es, dass die Lähmung der schwarzgelben Energiepolitik durch die Atomdebatte Deutschlands Position im internationalen Wettlauf um die Technologieführerschaft bei Erneuerbaren Energien und Effizienztechnologien massiv schwächt.«

Das ist zweifelsohne völlig richtig — unterschlägt aber sehr nonchalant, daß SPD und Grüne mitnichten der Hort des lobbyfreien technologischen Progresses schlechthin sind. Beispiel? Gerne: Daß der ITER nicht in Deutschland gebaut werden konnte und damit auch die bereits bestehende Infrastruktur (etwa an der TU München) hierzulande nicht zum Zuge kam, ist dem stillen Hintertreiben der Grünen zu verdanken. Die sind zwar kein Annex der Atomlobby, dafür aber der Solar- und der Windradbranche.

Die notwendigen Alternativen zur Kernspaltung bestehen allerdings nicht nur in Solarzellen und Windrädern, obwohl dieser populäre ind ebenfalls ökonomsch sehr gut verwertbare Eindruck oft genug als politischer Trumpf ausgespielt wird.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 12:16
Nunja, das ist aber mit ALLEN Produkten so. Das Grundprinzip ist und bleibt Umsatz- und dadurch Gewinnsteigerung. Ergo wird es in jedem Bereich der Wirtschaft immer Interessengruppen geben die Umsatzsenkende Maßnahmen, bspw. Subventionsabbau oder Gesetze, mittels ihrer Lobby zu bekämpfen suchen.

Man kann eben versuchen eine ausgeglichene Energiepolitik zu betreiben. Will sagen, aus allen regenerativen Energiequellen seinen Nutzen zu ziehen. Im diesen Zusammenhang möchte ich auf die millionenschweren Rechtsabteilungen der Industrie hinweisen, vor allem der petrochemischen Industrie, welche mit den Ölfirmen Hand in Hand geht. In diesem Abteilungen sitzen Patentanwälte deren Aufgabe es ist, Erfindungen mit Erfolgsaussicht platt zu machen. Zum Teil werden diese aufgekauft und verschwinden in der Schublade, zum Teil wird die Erfindung modifiziert und selbst Patent angemeldet.

In diesem verrückten Wirtschaftssystem greift eben keine Logik mehr und wird auch weiterhin zu verhindern wissen das ernsthafte energiepolitische Diskussionen stattfinden.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 12:18
bzw. Alternativen durchschlagenden Erfolg haben
j-ap schrieb am 11.06.2010 um 12:58
Lieber Technixer,

ich stimme Ihnen zu. Wobei der bloße Versuch, den Umsatz bzw. Gewinn zu steigern, noch unproblematisch ist, solange er nicht zwangsläufig auf Kosten anderer unternommen wird. Wenn ich über den Viktualienmarkt flaniere, schallt mir aus allen Ständen ein Angebot entgegen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Schwierig wird's dann, wenn einer der Händler solange bei der Stadtverwaltung antichambriert, bis er ein lokales Monopol erhält. Dann wird's nicht nur für die schwierig, die dann nicht zum Zuge gekommen sind, sondern auf für die, die etwas kaufen wollen/sollen.

Gerade der Bereich der Patente, auf die Sie zu sprechen kamen, ist aber in der Tat noch sehr viel wesentlicher, denn Patente sind, wenn man so will, die hypertrophe Form des Monopols. Denn wer profitiert von der derzeitigen Rechtslage bei Patenten?

1. Die Patentämter. Das ist wohl selbsterklärend.

2. Der gesamte Bereich des »gewerblichen Rechtsschutzes«. Dazu gehören in erster Linie

a) unmittelbar die dort beschäftigten Juristen, die in den hervorragend dotierten Abteilungen beschäftigt sind,

b) mittelbar die gesellschaftlichen Kosten, die mit aufrechterhaltenen Patenten einhergehen. Das reicht von Venture Capital-Firmen, die nur dann in Firmen investieren, wenn diese ein umfangreiches Patentportfolio vorzuweisen haben, über die erschwerten Marktzugangsschancen für Startup-Unternehmen besonders im Hochtechnologiebereich (neue, in der Regel schwach kapitalisierte Unternehmen können sich langwierige Patentverfahren schlichtweg nicht leisten) bis hin zu speziell konstruierten Gesellschaften, die allein dem Zweck dienen, Patente bei bei ihren schwach kapitalisierten Entwicklern (günstig) anzukaufen, um sie dann anschließend gewinnbringend gegen bereits am Markt tätige Unternehmen auf juristischem Wege durchzusetzen; dazu gehören im weiteren Sinn auch die sog. hidden patents, die einfach mal ins Blaue hinein angemeldet werden, nur um von dem Umstand zu profitieren, daß man der erste war, der es anmeldete, ohne daß man mit der tatsächlichen Forschungs- und Entwicklungsarbeit überhaupt etwas zu tun hatte (»Patent-Trolle«, die nach ähnlicher Masche vorgehen wie die bekannteren Domain-Trolle).

3. Von den innovationsfeindlichen Wirkungen profitieren diejenigen, die Patente halten, auf Kosten derjenigen, die die Patente entwickelt haben. Darüber hinaus verzerren Patente die gesamte Innovationsstruktur auf zweiterlei Weise ganz erheblich:

a) zeitlich: Forschungs- und Entwicklungsbemühungen werden solange überstimuliert, bis man schlußendlich ein durchsetzbares Patent besitzt; danach allerdings erscheinen weitere Entwicklungsbemühungen relativ unprofitabel. Das gilt auch und besonders für Verbesserungen bereits bestehender Innovationen, die zugunsten neuer (patentabler) Entwicklungen unterbleiben (dieses Argument stammt von Isambard Kingdom Brunel und gilt bis heute).

b) sachlich: Forschung und Entwicklung in Bereichen, die patentabel sind, werden stimuliert, unterbleiben dagegen eher, wenn dadurch kein Patent erreichbar ist.

Patente gehören schleunigst weg. Man müßte sie dazu noch nicht einmal verbieten, es würde vollkommen hinreichen, sie nicht länger aufrechtzuerhalten.

Viele Grüße,
J. A.-P.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 13:54
Cool danke für diese ausdifferenzierte Information.
Ich kann mir trotzdem nicht die Anmerkung verkneifen, dass dieser Irrsinn nur zu einem einzigen Zweck installiert wurde, nämlich der Gewinnsteigerung. Diese ist dann nicht etwa Innovationsbasiert sondern wie oben von Ihnen beschrieben.

In einem Bereich, wo ich mich etwas auskenne treibt das wundersame Blüten. In Österreich gehen 9 von 10 Biotech Start Up Unternehmen pleite. Eine der Gründe ist, dass diese sich häufig auf eine enzige Innovation konzentrieren, werden dann z.Bsp. Kooperationen von großen Firmen nicht verlängert, weil (wie von Ihnen beschrieben) nur die Patentreife nicht aber die Produktreife erreicht werden soll, so gehen sie pleite.

Ich könnte noch ein wenig mehr aus dem Nähkästchen plaudern, aber ich glaube zur Untermalung meines Standpunktes reicht das.

Ansonsten muss ich fragen, wenn Sie Patente abschaffen würden, wie sie die Investitionssummen wieder einspielen wollen?
j-ap schrieb am 11.06.2010 um 16:03
Hallo Technixer,

was Sie beschreiben ist als Phänomen nicht nur auf Österreich beschränkt. Es ist hier, in der »High Tech-Region« um München jedenfalls nicht anders. Das hat auch nicht primör mit volkswirtschaftlichen Rahmendaten zu tun, denn die 'fail rate' liegt auch hierzulande branchenweit bei im Schnitt 70%. Am eventuell großflächig gescheiterten Innovationsmanagement scheitern die auch nicht, sondern wie Sie richtig schreiben zumeist an flagranter Unterkapitalisierung.

Übrigens garantieren Patente an sich noch keineswegs, daß sich mindestens die Investitionen auch decken lassen — ich darf an den formidablen Rohrkrepierer erinnern, den sich Microsoft mit Vista leistete. An den Patenten hat das ja nicht gelegen, wie man hört. ...

Viele Grüße,
J. A.-P.
Technixer schrieb am 11.06.2010 um 16:27
Das ist absolut korrekt, aber beziehen wir uns mal auf das Lieblingsbeispiel in Sachen Patentrecht, die Pharmaindustrie.

Die Entwicklung eines Medikamentes kostet mit dritte Phase Stadium (also klinische Tests) so um die 300 Millionen, Tendenz steigend.
(dass die Pharmaindustrie hinsichtlich der Preise völlig am Rad dreht, soll jetzt für den Sachverhalt der Ausgaben ersteinmal eine untergeordnete Rolle spielen)

Sagen wir das Medikament erlangt Marktreife, wenn auf den Wirkstoff und das Kochrezept kein Patent liegt kann jede Firma dieses ohne Entwicklungskosten und somit günstiger auf den Markt werfen. Es würde also nicht lange dauern bis entweder die Großen ganz klein sind oder keinerlei Gelder mehr in die Forschung fließen um groß zu bleiben.

Darauf wollte ich mit dem Sinn des Patentschutzes raus.

Das Schlimme ist ja, man darf in demokratischen Systemen keine "Ungleichbehandlung" haben. Man kann also Monsanto nicht verweigern Gene zu patentieren und auf der anderen Seite ein Krebsmedikament schützen. Obwohl eine differenzierte Berachtung dessen was geschützt werden darf/muss und was der Allgemeinheit zu dienen hat, dringend erfolgen müsste.
j-ap schrieb am 11.06.2010 um 17:20
»Die Entwicklung eines Medikamentes kostet mit dritte Phase Stadium (also klinische Tests) so um die 300 Millionen, Tendenz steigend.«
Der genannte Betrag ist mir auch in etwa so geläufig, jawoll. Wobei mich mal interessieren würde, welcher Kostenanteil allein auf sämtliche Aufwendungen für eben diesen gewerblichen Rechtsschutz entfällt. In der IT-Branche sind's laut IBM ungefähr 30%.
»Es würde also nicht lange dauern bis entweder die Großen ganz klein sind oder keinerlei Gelder mehr in die Forschung fließen um groß zu bleiben.«
Jawohl, das könnte durchaus der Fall sein, gar keine Frage.

Aber überlegen wir noch einen Schritt weiter: Wenn alle Unternehmen ihre R&D-Bemühungen in der Erwartung auf Eis legen, von den Forschungsergebnissen der Konkurrenz quasi-kostenlos zu profitieren, womit sollen diese Unternehmen dann überhaupt noch Einnahmen generieren?

Nehmen wir mal die von Ihnen angesprochene Pharmabranche: Generika sind eigentlich recht schnell entwickelt, was zu einem nicht geringen Teil an der disclosure-Pflicht nach Auslaufen der Patente liegt. Aber wenn wir die fortlassen, so ergibt sich für jedes Unternehmen, das Innovationen auf den Markt bringt, Gelegenheit, über eine gewiße Zeit von der Innovation ausschließlich zu profitieren, nämlich exakt solange, bis die Konkurrenz mit reengineering und Produktion fertig ist. Ein definitives Anrecht auf eine zeitlich befristete »ewige Rente« aus Monopoleinnahmen kann es nach meiner Auffassung nicht geben.

Oder nehmen Sie ein anderes Beispiel: Pfizer profitiert immer noch von Viagra, obwohl es längst Generika gibt. Weshalb? Sehr wahrscheinlich deshalb, weil es immer einen gewißen Anteil an Abnehmern gibt, die eben auf das Original »stehen« (hier im wahrsten Wortsinn).

Es gibt nach meiner festen Überzeugung keinen Grund zu der Panik, die von den Verfrechtern der Patente immer wieder ins Spiel gebracht wird, wenn man Alternativen andenkt.

Es grüßt Sie
J. A.-P.
zelotti schrieb am 16.06.2010 um 22:49
Die Energiekrise loest sich nur durch Energiesparen... Atom braucht man dann nicht mehr


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