Politik

Generationen | 08.08.2010 08:00 | Franz Walter

Echt: Ich bin kein 68er!

Die so genannte APO war mehr Ausstoß als Anstoß der Modernisierung. Höchst subjektive Anmerkungen zu Fragen von Habitus und Politik

Aus irgendwelchen Gründen – ja doch, ich weiß es: wegen der zotteligen Haare und dauerpubertären T-Shirts; und klar: niemand zwingt mich dazu – gelte ich als „68er“. Immer wieder erhalte ich auf publizistische Meinungsäußerungen wütende Briefe und ganz regelmäßig werde ich eben darin als der ewige „68er“ geschmäht. Da ich selber – wie sagt man? – mitunter kräftig auszuteilen neige, bin ich auch gerne bereit – wie es so schön demütig heißt! – einzustecken. Doch der 68er-Vorwurf trifft mich irgendwie ziemlich hart. Erstens war ich in jenem berüchtigten Jahr gerade einmal 12 Jahre alt, interessierte mich seinerzeit ausschließlich für Fußball, jedenfalls überhaupt nicht für Politik, erst recht nicht für studentische Rote Garden. Doch auch in den Jahren danach wohnte ich, zweitens, nie in einer Kommune, rauchte nie einen Joint, schwärmte nie für „Grateful Dead“.

Schon auf Grund solcher Spießigkeiten und einer zutiefst proletarischen Herkunft habe ich die „68er“-Zeit meines postadoleszenten Lebens nicht sonderlich gemocht, ja mehr noch: regelrecht verachtet. Als umso bitterer empfinde ich es daher, ausgerechnet dieser Truppe gehätschelter Bourgeois-Zöglinge zugerechnet zu werden. Dabei konnte ich deren merkwürdige Mischung aus selbstgerechtem Moralismus und bräsigem Zynismus niemals ausstehen. Ich wundere mich auch heute noch über ihre intellektuelle Hochnäsigkeit, obwohl sie nicht einen einzigen klugen Theoretiker von Rang hervorgebracht haben; ihre wichtigsten Stichwortgeber gehörten allesamt der Generation zuvor an. Ich fand es über die Jahre grotesk, wie sie sich alle fünf, zumindest jedenfalls alle zehn Jahre selbst feierten und dabei am eigenen, wenngleich reichlich verwelkten Mythos berauschten.

Gleichwohl, sie haben es geschafft: Mit Ausnahme einiger verbiesterter Konservativer glaubt inzwischen eigentlich jeder halbwegs liberale Mensch dieser Republik, dass erst nach 1968 das aufgeklärte und tolerante Zeitalter der Bonner Demokratie nach dem schlimmen autoritären Muff und Mief einer kleinbürgerlichen Adenauer-Ära begonnen habe. Und so agieren die 68er mittlerweile auch in kultusministeriell abgesegneten Sozialkundebüchern für die Sekundarstufe II als Vorkämpfer eines offenherzigen liberalen Wertewandels und als Pioniere postfaschistischer Modernität. Und auch das muss man verblüfft konstatieren: Christdemokraten meckern zwar weiterhin gern öffentlich gegen den „Werteverfall durch ‘68“, aber ihre Protagonisten leben den dadurch induzierten Wertewandel privat derzeit hochvergnügt aus – während ihre politischen Kontrahenten der Nonchalancen der Rebellionsjahre schon seit einiger Zeit sichtbar müde geworden sind.

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Große Pflugbewegungen

Im Übrigen: Die so genannte APO war mehr Ausstoß als Anstoß der Modernisierung. In mancher Hinsicht haben die rebellierenden 68er den Modernisierungsprozess der sechziger Jahre gar eher gebremst, haben den laufenden Liberalisierungs- und Reformprozess der Gesellschaft unterbrochen, zumindest verwirrt. Moderner, urbaner und liberaler wurde die Republik jedenfalls längst vor 1968. Und entscheidend für den Wandel des Landes waren nicht die Happenings der Kommune II, auch nicht die epigonalen Traktate der ideologischen Wortführer, konstitutiv waren vielmehr die großen gesellschaftlichen Pflugbewegungen in den Jahren zuvor. Das begann schon in den vermeintlich restaurativen Fünfzigern. In diesem Jahrzehnt sank das agrarische Deutschland in einer historisch beispiellosen Dynamik dahin. Plötzlich sah man selbst bei uns im westfälischen Ort die (früheren) Bauern – verschämt zunächst, dann immer selbstverständlicher – ihre Speisekartoffeln im Supermarkt kaufen.

Die Entagrarisierung aber zerstörte die Reservate deutschnational-konservativer Mentalitäten in ungleich höherem Maße als alle teach-ins oder Rektoratsbesetzungen zweiundzwanzigjähriger Studenten der Soziologie. Die Entprovinzialisierung sorgte für die Enttraditionalisierung der Gesellschaft, bewirkte vor allem die Entklerikalisierung der Republik. In den frühen sechziger Jahren begann die lange Krise des Katholizismus. Das katholische Volk folgte jetzt nicht mehr in allem und jedem seinen bischöflichen Hirten. Die Cousine nahm die Pille, die Tante ließ sich scheiden, der Onkel aß freitags so plötzlich wie trotzig Wurst und Fleisch. Selbst feierte man als Kind nun Geburtstag statt des früher ganz selbstverständlich weit höherwertigen Namenstages. Das alles passierte so um 1965/66, ohne dass irgendwer von uns etwas von Rudi Dutschke oder Gaston Salvatore wusste und wissen wollte.

Treibstoff Bildungsexpansion

Doch ging in den frühen sechziger Jahren nicht nur das vormodern-ländlich-klerikale Deutschland unter. Auch die industriegesellschaftlichen Strukturen gerieten ab 1965 gegenüber den neuen und stetig wachsenden dienstleistenden Sektoren peu à peu in die Defensive. Der Treibstoff dieser Entwicklung war die Bildungsexpansion, die aber nicht erst nach 1968 einsetzte, sondern schon in den frühen sechziger Jahren kräftig begonnen hatte. Alle Pläne für die späteren Reformuniversitäten wurden in diesen Jahren ausgetüftelt und verabschiedet. Schon zwischen 1960 und 1965 verdoppelte sich das wissenschaftliche Personal an den deutschen Hochschulen. Und ab Mitte der sechziger Jahre fiel das zäh überlieferte Bildungsprivileg des protestantischen Bürgertums, da jetzt auch sozialdemokratische Facharbeiterkinder sowie katholische Bauernsöhne und -töchter in erheblicher Zahl zum Gymnasium drängten. Eben das hat mich – Sohn eines Hilfsarbeiters aus einer katholischen Kleinstadt im ländlichen Ostwestfalen – zutiefst geprägt. Bei meinen älteren Geschwistern stand der Besuch des Gymnasiums trotz bester Noten zuvor nicht einmal auch nur zu Debatte. Jahr für Jahr ging in unserem Städtchen jeweils allein ein Sohn oder eine Tochter der reichen Bauern in die 20 km entlegene größere Stadt auf die Oberschule. Der Wandel vollzog sich 1966. Fortan wurden die Kosten für Lehrmittel und für die Bahnfahrt zum Schulort erstattet. Und so trauten sich auch bei uns erstmals mehrere Eltern aus der Arbeiterschaft, wenngleich nach wie vor ängstlich und verzagt, ihre 10-jährigen Kinder zur Oberschule zu schicken.

Mit irgendeiner Kulturrevolution von ‘68 hatte das alles nichts zu tun, sondern mit ganz klassischen, nüchtern reformistischen, etatistischen Bildungsreformen. Und bis heute stößt die Sozialstaatskritik von links bis rechts bei mir auf heftige Gegenwehr. Ich habe den Sozialstaat in meiner Lebensgeschichte weder als bequeme Hängematte noch als bourgeoises Manipulationsinstrument erlebt, sondern als handfestes – für mich und meinesgleichen unverzichtbares – Unterstützungsmedium der sozialen Emanzipation und Freiheitsmehrung. Dagegen habe ich die dann auch an unserem Gymnasium folgende Kultur mit dem esoterischen Jargon der „Kritischen Theorie“ zunächst als mir ganz und gar fremde, zutiefst bildungsbürgerliche, ja verängstigende Sprachmauer wahrgenommen.

Gleichwohl: Der kulturelle Wechsel hatte vor 1968 seinen Anfang genommen, hatte die Lebensweisen der Republik schon neu geprägt. Das „Yeah,Yeah, Yeah“ der Pilzköpfe aus Liverpool tönte bereits ein halbes Jahrzehnt vor 1968 aus den Radiogeräten der jungen Deutschen, die im selben Jahr ebenfalls für den jungen amerikanischen Reformpräsidenten Kennedy schwärmten. Die Literaten fochten schon 1961 für einen politischen Machtwechsel; die jungen Filmemacher formulierten ein Jahr später ihr „Oberhausener Manifest“. Auch die ersten Miniröcke waren auf den Straßen früher als die Demonstrationszüge der bärtigen SDS-Agitatoren zu sehen.

Lenin statt Isaiah Berlin

In diesen gesellschaftlichen Auflockerungsprozess brachen dann die 68er ein. Die 68er attackierten, was eh nicht mehr zu halten war; sie provozierten gegen Konventionen, die auch so bereits erodierten. Sie stürmten mit großer Geste Tore, die längst sperrangelweit offen standen. Doch begann damit nicht die Fundamentalliberalisierung der Republik, wie es in den Legenden der 68er seit den achtziger Jahren gern und oft erzählt wird. Die 68er-Revolte war keine liberale Rebellion. Niemanden prangerten die APO-Aktivisten lustvoller an als die „liberalen Scheißer“; es dauerte lange, bis sie den Wert der Gewaltenteilung erkannten. Die 68er zeigten auf ihren Kundgebungen nicht die Porträts von Friedrich Naumann, Max Weber oder gar Isaiah Berlin; sie schmückten sich stattdessen mit den Konterfeis von Lenin oder Mao-Tse-Tung. Einen liberalen Raum haben die 68er auch nicht in ihrem eigenen Umfeld geschaffen.

Politisch sorgten die martialische, klammheimlich an Carl Schmitt geschulte Feind- und Kampfrhetorik, die kalte Sprache, die aggressive Militanz schließlich für ungeheure Verwirrung. Die Sozialdemokraten und Freien Demokraten wurden in ihrer Entwicklung zurückgeworfen, die Union durch die 68er gewissermaßen gestärkt. Denn deren Parteibildung vollzog sich erst nach 1968 und in Reaktion darauf. Die Furcht vor Konfliktpädagogen und Sozialisierungstheoretikern aus der 68er-Kohorte trieb die bis dahin assoziationsunwilligen bürgerlichen Honoratiorenschichten während der siebziger Jahre in Scharen in die CDU des obersten Organisationsoffiziers Kurt Biedenkopf. Erst in diesem Jahrzehnt wurde die Union zur Sammelpartei des Bürgertums rechts von der Mitte; in diesem Jahrzehnt wuchsen politisch die Kampf- und Kadertruppen der Jungen Union heran, die zu Beginn des letzten Jahrzehnts flächendeckend in die Staatskanzleien der Bundesländer zogen, die sie allerdings nun wieder kollektiv verlassen, weil es – ‘68 ist mit einiger Verspätung, dafür nun mit Aplomb auch hier angekommen – „im Leben noch anderes als nur Politik gibt“. In den Regionen holte die Union während der 1970er Jahre fulminante Mehrheiten wie niemals zuvor und danach. Es wurden die triumphalen Jahre für die rüden Rechtsausleger Filbinger, Dregger und Strauß, die ohne ‘68 ihre polarisierende Kontrastparole „Freiheit oder Sozialismus“ nicht unter das verängstigte bürgerliche Volk hätten bringen können.

Einigermaßen verheerend aber wirkte sich der lange Marsch der 68er durch die Parteiinstitutionen der FDP aus. Dass es heute dort keinen ernsthaften Sozialliberalismus mehr gibt, hat mindestens indirekt mit der fatalen Wirkung des linksbourgeoisen Scheinradikalismus auf die seinerzeit noch liberale Partei zu tun. Dabei hatten die Freien Demokraten in den frühen sechziger Jahren die weitaus kreativste Jugendorganisation. Die damaligen Jungdemokraten dachten als erste die neue Ostpolitik vor und modellierten früh an einem zeitgemäßen, linksliberalen Freisinn der neuen bürgerlichen Schichten. Dann aber kam 1968, und die Jungdemokraten degenerierten binnen weniger Jahre zu einem absurden linkssozialistischen Konventikel. Ihr größter Feind war bezeichnenderweise der kluge und besonnene linksliberale Vordenker Karl Hermann Flach. Der Sozialismustrip der Jungdemokraten im Gefolge von 1968 schwächte den radikaldemokratischen-linksliberalen Flügel in der FDP enorm. So gingen die Freien Demokraten am Ende wieder nach rechts, in das Lager der Union zurück. Ohne ‘68 wäre auch Kohl als Kanzler wahrscheinlich nur schwer möglich gewesen.

Westerwelle als Kind von 68

Weithin übersehen wurde überdies, wie sehr sie gerade damit den Boden für den nachfolgenden „Neoliberalismus“ bereiteten. Guido Westerwelle ist erheblich mehr Kind von ‘68, als ihm das selbst bewusst und lieb sein dürfte. Denn das politische Instrument dieser Generation war die Provokation und die Regelverletzung, von den Puddingbomben und Orgasmusdefizitbekenntnissen der Kommunarden bis zu den punktuellen Tabubrüchen der sozialdemokratischen Enkel, mit denen sie ihren Aufstieg in der SPD gegen die konventionalistische „Generation Vogel“ bewirkten. Westerwelle, auch Jürgen Möllemann waren hier lediglich Nachahmungstäter der pionierhaften Troublemaker von ‘68 ff. Selbst die viel gerühmte Werte- und Lebensstiltoleranz der 68er, besonders ihrer rot-grünen Epigonen war oft nur normative Indifferenz, an deren Maßstab gemessen eben alles gleich gültig war. Dergleichen Nonchalance führte dann ebenfalls in die Wurschtigkeit des freidemokratischen Vorsitzenden und seine zwischenzeitlichen Spaßkampagnen. So weit war der Weg nicht von Rainer Langhans zu Guido Westerwelle und seinen jungliberalen Harlekinen.

Die Politik des beliebigen, spielerischen Affronts hat viel beschädigt. Vor allem aber hat sie vereitelt, dass ein stabiler und verlässlich orientierender Wertekern erhalten blieb oder sich neu herausbildete. So wurde bezeichnenderweise das Werte- und Deutungsvakuum in der Regentenzeit von Rot-Grün zum entscheidenden Problem, das bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht. Man weiß aus der Sozialpsychologie, dass Menschen nur dann aktiv, zielorientiert und selbstbewusst handeln können, wenn sie über ein konsistentes Normensystem verfügen. Fehlt ihnen ein solches Interpretationsset oder ist es in Unordnung geraten, dann machen sich Ängste breit, Hilflosigkeiten, Pessimismus. Menschen mit einem aus den Fugen geratenen Wertegerüst werden von Zukunftsfurcht gequält, reagieren konformistisch, suchen Sündenböcke. Eben so präsentiert sich die deutsche Gesellschaft im derzeitigen Übergang der 68er in den Pensionärsstand.

Spätbürgerliches Distinktionsgebaren

Natürlich: eine politische Generation waren die 68er nie. Im Grunde charakterisieren sich wohl die bekannten, markanten, geschichtsträchtigen „Generationen“ in erster Linie kulturell. Das war schon bei den Akteuren der Wandervogelbewegung um 1900 so, dann auch bei den Aktivisten der Bündischen Jugend dreißig Jahre später. All die großen, oft genug literarisch verklärten Generationen hatten einige auffällige Defekte: Es gab in ihren Reihen und Organisationen stets unzählige Spaltungen und erbitterte Gruppenkämpfe. Immer wieder rutschten sie in exaltierte Dogmatismen und Sektierereien ab. Ihre Anführer waren häufig genug bizarre, weltfremde und verstiegene Sonderlinge. Bedeutende Politiker brachten sie kaum einmal hervor. Eben das ist mein Problem mit den 68ern: Ihr Defizit an Politik; ihr Mangel an einem ernsthaften, klugen, lebensnahen, realistischen, zäh und konstant betriebenen, dabei volkstümlichen, listigen, strategischen und zielorientierten Radikalreformismus. Am Ende war ‘68 lediglich ein spätbürgerliches Distinktionsgebaren.

Am nachhaltigsten wirken sich die Alternativigkeiten von Kulturgenerationen noch im Habitus, bei Sprachformeln, in der Kleidung und in Umgangsformen schlechthin aus. So gesehen haben meine Kritiker vielleicht doch ein wenig recht: Aus dieser Perspektive bin ich wohl tatsächlich ein bisschen ‘68. Komisch, eigentlich. Doch welcher 68er sieht heute noch so aus, wie man sich klischeehaft einen 68er vorstellt. Irgendwie ist das zumindest ein Trost.
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
ebertus schrieb am 08.08.2010 um 08:45
Streckenweise ein etwas launiger Kommentar, insgesamt recht angenehm zu lesen, auch wenn so manche Konklusion bisweilen leicht gespreizt daher kommt.

Dennoch, mit den von Franz Walter erkannten Entwicklungsmustern der FDP kann ich mich umfänglich identifizieren. Jahrgang 47 und damit als gefühlter, gar realer 68er, am Kranzlereck in Berlin schon mal unter den Wasserwerfern stehend, kam ich dann um 70/71 herum - wie das nun mal so ist - beruflich und familiär in eher "ordentliche" Bahnen. Die FDP von Karl-Herman Flach und beinahe mehr noch, die FDP der "junge Rebellen" um Matthäus-Meier entwickelte sich dabei - und gerade bei meiner Historie - schon als durchaus mögliche, intellektuelle Heimat.

Die Grünen später haben sich den vermeintlichen Sachzwängen gebeugt, sind lediglich etabliert worden, irgendwie natürlich vielleicht... Aber wie konnte das "so" mit der FDP geschehen, dieser beinahe extreme, äußerst negative Wandel? Eine (bei mir zumindest) im Laufe der Jahrzehnte immer wieder mal hochkommende Frage. Franz Walter fügt nun diesen Überlegungen eine weitere, doch sehr plausible Facette an.
Peter Bayer schrieb am 08.08.2010 um 11:17
Angenehm zu lesender Beitrag von dem ich mir eine vertiefende und dann auch mit Belegen versehene Fortsetzung wünschen würde. Bei fast allen Punkten bin ich - allerdings nur gefühlt - gleicher oder ähnlicher Meinung.
Mir persönlich sind vor allem zwei Dinge in Erinnerung geblieben:
- Die Breite an schulischen Möglichkeiten für Kinder wie mich, die aus bildungsfernen (schönes neues Wort) und/oder unterdurchschnittlich verdienenden Familien stammten. Diese Angebote bzw deren Planung entstanden schon vor 1968.
- Die Sprache der 68er: Ich habe sie nicht verstanden. Es war die gleiche Sprache, die von den verachteten deutschen Professoren geschrieben wurde. Nicht dazu gedacht verstanden zu werden, sondern zur Ausgrenzung.
Fritz Teich schrieb am 08.08.2010 um 12:26
<<
Die Sprache der 68er: Ich habe sie nicht verstanden. Es war die gleiche Sprache, die von den verachteten deutschen Professoren geschrieben wurde. Nicht dazu gedacht verstanden zu werden, sondern zur Ausgrenzung.
>>

Ausserdem liefen sie mit Anzug und Schlips zur Demo. Otto Schily faellt ein. Na und? Es waren eben keine Prolls. Verprollung des Alltaeglichen bis hin zum Privatfernsehen a la Dauermetzeleien, als Kaeufer von Cofca Cola ist jeder gleich, war noch kein Thema.

Autor vermisst intellektuelle Grosstaten. Was haette er denn gerne gehabt? Es war intellektuelle Praxis. Es ging zum Beispiel darum, den Kampf des Vietcong zur eigenen Sache zu machen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zur Gegenwart zu machen. Wenn man so sagen kann. Happening und Zen. Andy Warhols Autounfaelle und Elektrische Stuehle. Das war noch Realitaet. Was haben wir heute. Wikileaks, hahaha, Zerstreuung,

Hier ein Ausschnitt aus "Polizeistaatsbesuch":

B.V. schrieb am 11.08.2010 um 13:46
"Es ging zum Beispiel darum, den Kampf des Vietcong zur eigenen Sache zu machen."

Was ja schon mal Blödsinn war!
Heartworker8 schrieb am 08.08.2010 um 14:09
Dieser Artikel von Franz Walter beschreibt zwar manches richtig, jedoch begrenzt er seine Sicht zu sehr auf deutsche Verhältnisse.
Vor allem ist es absurd, zu behaupten, der "Neoliberalismus" sei eine Folge davon, dass der reformistische "sozialliberale" Flügel der FDP oder des Bürgertums insgesamt wegen seiner "sozialistischen Einseitigkeit" keine Alternative mehr darstellen konnte zur konservativ genannten "Geistig moralischen Wende".

Denn die Grundlagen des "Neoliberalismus" waren längst ganz woanders beschlossen worden ("Deregulierung" der "Märkte", Entkoppelung der Staatsfinanzen von Goldkursen/-reserven usw. zur Ankurbelung der Wirtschaft nach den ersten Nachkriegsjahrzehnten der "Hochkonjunktur" etc.).
Dieser "Neoliberalismus" hat sich daher bekanntlich auch überall in den "westlichen" Ländern durchgesetzt (Thatcher, Reagan etc.).
Alternativen gegen die mehr oder weniger reine Aufgabe des Staates gegenüber dem "Weltmarkt" konnten sich nur dort entwickeln, wo es *traditionell* starke "linke", gewerkschaftliche, "sozialliberale" Kräfte gab und gibt (Frankreich, Skandinavien, Niederlande) - und gegen diese in Deutschland eben *traditionell fehlende* Macht des Volkes waren "die 68er" doch schließlich aufgestanden !

Dass die "68er" letztlich "unpolitisch", d.h. lebensfern, oft unkonkret waren, ist ja auch gerade dieser mangelhaften Tradition geschuldet.
"Den 68ern" dies gewissermaßen einseitig vorzuwerfen statt den mangelnden Willen zu politischen Reformen auch bei den "Konservativen" zu sehen, ist nicht angemessen.

Man wird der Bewegung nicht gerecht werden, wenn man sich nur auf Deutschland beschränkt.
"Die 68er"-Bewegung, die Studentenunruhen waren doch schließlich weit in der westlichen Welt verbreitet, es gab sie in Paris, London, Amsterdam, USA, Stockholm usw., in Ländern mt ganz unterschiedlichen Traditionen und Verhältnissen; und natürlich gab es dann auch national unterschiedliche Gewichtungen.
An der Beschreibung des spezifisch Deutschen der "68er" ist ja auch etwas dran, aber mir scheint das Hauptanliegen von F.W. zu sein, sich von "den 68ern" abzugrenzen statt ihnen gerecht zu werden.
Dass "Protest-Bewegungen" auch das aufgreifen oder in ihnen etwas kulminiert, was ansonsten in der Gesellschaft virulent ist oder schon bearbeitet wird, ist auch nichts Neues.
Und eigenartig ist auch die verkürzte Feststellung, "die 68er" seien "unpolitisch" gewesen, während er "Politisch-Sein" einfach als "Reformismus" beschreibt, der in inner- gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Entwicklungen "den Menschen etwas Konkretes bringt".
"Die 68er" haben hier jedoch durchaus auch Anregungen und Neuerungen gebracht, die über die von F.W. beschriebenen individuellen/ individualistischen Entwicklungen in der "Provinz" hinausgingen (und, z.B., dass an jedem Tag Fleisch gefressen werden oder man Kartoffeln im Supermarkt kaufen kann, wird man aus heutiger Sicht doch kaum als "Fortschritt" unkritisch stehenlassen können ?).
"Die 68er" haben den Blickwinkel daraufhin erweitert, worauf diese "sich entwickelnde" Gesellschaft, ihr "Reichtum", ihr "Fortschritt" gesamt-weltpolitisch/ ideologisch beruht, eben den Kapitalismus, der von "Sozialliberalen" grundsätzlich gar nicht in Frage gestellt wurde und wird.
Die Frage, ob "Entwicklung", "Fortschritt, Demokratie im Kapitalismus überhaupt möglich sind, scheint der "Demokratieforscher" F.W. jedoch völlig auszublenden.
B.V. schrieb am 08.08.2010 um 14:33
Sehr schöner Artikel, der vieles richtig stellt!
Ich wurde auch nie müde darauf hinzuweisen, das Vieles was heute den 68ern angerechnet wird bereits vorher als freiheitlicher Impuls entstanden war. Sowas scheint aber zwecklos, da der (falsche) Mythos stärker ist und viele Alt68er diesen Mythos all zu gerne weiter mitstricken. Das sie nur einen Sturm im Wasserglas erzeugten, ist für sie eben nur schwer auszuhalten. Allerdings, ihre mediale Überbewertung begann schon damals.
Das möchte ich nochmal hervorheben:
"Einigermaßen verheerend aber wirkte sich der lange Marsch der 68er durch die Parteiinstitutionen der FDP aus. Dass es heute dort keinen ernsthaften Sozialliberalismus mehr gibt, hat mindestens indirekt mit der fatalen Wirkung des linksbourgeoisen Scheinradikalismus auf die seinerzeit noch liberale Partei zu tun. Dabei hatten die Freien Demokraten in den frühen sechziger Jahren die weitaus kreativste Jugendorganisation. Die damaligen Jungdemokraten dachten als erste die neue Ostpolitik vor und modellierten früh an einem zeitgemäßen, linksliberalen Freisinn der neuen bürgerlichen Schichten. Dann aber kam 1968, und die Jungdemokraten degenerierten binnen weniger Jahre zu einem absurden linkssozialistischen Konventikel. Ihr größter Feind war bezeichnenderweise der kluge und besonnene linksliberale Vordenker Karl Hermann Flach. Der Sozialismustrip der Jungdemokraten im Gefolge von 1968 schwächte den radikaldemokratischen-linksliberalen Flügel in der FDP enorm. So gingen die Freien Demokraten am Ende wieder nach rechts, in das Lager der Union zurück. Ohne ‘68 wäre auch Kohl als Kanzler wahrscheinlich nur schwer möglich gewesen."

Das habe ich ja nun persönlich miterleben dürfen. Die Jungdemokraten waren da tief gespalten in dieser Frage. Leider stimmt, was in dem Zitat gesagt wird, sie haben sich da ihr eignes Grab geschaufelt. Es war ein leichtes für Westerwelle & Co. mit den Jungen Liberalen sie zu beerben.
Rapanui schrieb am 09.08.2010 um 23:46
>>>>Dass sie (die 68er) nur einen Sturm im Wasserglas erzeugten, ist für sie eben nur schwer auszuhalten. Allerdings, ihre mediale Überbewertung begann schon damals.<<<<<

Das ähnelt der Rolle der Bürgerrechtler Bündnis90 in der DDR 1988/89. Auch die erzeugten einen Sturm im Wasserglas. Aber dieses Wasserglas stand schon schief auf dem Bierdeckel und kippte um. Das Pellegrino im Westen, waberte in einem Glas mit schwerem soliden Boden und dachte nicht daran herauszuschwappen. Zum Glück kam dann der Onkel Helmut "Dis macht ja nischt, dis macht ja nischt, det wird ja wieder offjewischt.." Und wenn man nicht ganz blöd war, bekam man als Bündnis90er einen guten Posten in der Gauckbehörde. Denn die schönen Professorenstellen im Osten waren ja ganz schnell an die Adepten der 68er oder die 68er aus dem Karrierestau vergeben. Und Gauck90er und Adepten68er entfalteten dann gemeinsam die wilde Hatz im Osten. Die einen wollten nachweisen, dass Sie 89 die Helden waren und die anderen, dass sie es 68 waren. Einig aber waren sie sich in der Lust, es den Realsozialisten heimzuzahlen. Die 89er, weil sie jetzt doch nicht die Professorenstellen bekamen und die 68er, weil sie damals doch manch gemeinsames Budget oder Ausbildungslager mit den Realsozialisten hatten.

Und jetzt gründen wir alle gemeinsame eine solidarische Linke.
B.V. schrieb am 10.08.2010 um 19:19
"Und jetzt gründen wir alle gemeinsame eine solidarische Linke."

Ohne mich! :-)
Rapanui schrieb am 11.08.2010 um 21:20
Schade :-)

Dann vielleicht eine Therapeutische Linke?
B.V. schrieb am 12.08.2010 um 14:37
Sozialistisches Patienten Kollektiv. Gab´s auch schon: :-)))
Na, die haben wenigsten zugegeben das sie Irre sind. :-)))
Heartworker8 schrieb am 08.08.2010 um 15:31
Nicht ein " Sehr schöner Artikel, der vieles richtig stellt ", sondern einer der zehnmal mehr wegläßt und übersieht als er "richtig stellt". Insbesondere wirft er die Frage auf, was manche angestellten "Demokratieforscher" Deutschlands wohl für ein beschränktes Demokratieverständnis haben mögen ...

Und, nochmal (siehe oben, vielleicht wird es ja sogar mal gelesen): der so genannte "Neoliberalismus" hätte sich *ohnehin* durchgesetzt, ob mit oder ohne "Sozialismustrip" der "Jungdemokraten", denn er war seit spätestens Mitte der 70er Jahre beschlossene Sache der in der Weltwirtschaft Maßgeblichen, wovon Deutsche nur ein relativ unbedeutender Teil waren.
TomGard schrieb am 09.08.2010 um 10:32
Hab ich gelesen, mit viel Zustimmung

lg
Columbus schrieb am 08.08.2010 um 20:56
Lieber Herr Walter, Sie sind kein Achtundsechziger, Sie stellen weder die Biologie noch die Soziologie auf den Kopf. - Wer hätte es gedacht, Professor Walter aus Göttingen wird ständig als „68er“ angesprochen und wehrt sich vehement dagegen. - In meiner tumben Leserfantasie sind sie sogar ein „Alt-68er“. Wie konnte das nur kommen?

Nun, Journalisten und die fantasierende Öffentlichkeit bringen 68 eben auf ein Merkmal: Lange Haare. Selbstverständlich dürfen diese nicht im Pferdeschwanz gebunden sein! Das kommt ein paar Klischeejahre später und war dann ebenso mit Vorurteilen belegt, so wie die Glatze über dem bekennenden Strukturalisten, so wie neuerdings für alle Männer, die irgendwie intellektuell aussehen wollen, extreme Kurzhaarschnitte, Glatzen und große Designbrillen, besser Kontaktlinsen und Kornea-OP, angesagt sind.

Selbst das letzte, von ihnen, Herr Walter stehen gelassene Merkmal, die haarige Äußerlichkeit, könnte man den nun so angepinkelten 68ern klauen, und behaupten, dies sei ja eigentlich die Wuchsform der Hippies und der Anarchisten, die immer schon das Haar wild und offen trugen. Von denen haben Sie, lieber Herr Walter, aber auch nicht viel abbekommen, denn sonst würden Sie sich doch nicht selbst als gerne heftig austeilenden, sondern vor allem als sachlichen und dazu noch liebevollen Menschen zeichnen.

Lieber Herr Professor der politischen Wissenschaften, -Bei noch höher gestellten, wird ja neuerlich wie selbstverständlich wieder, „eure Magnifizienz“ hinzugefügt und gefällt als schmeichelnde Anrede ausgerechnet jenen, die sich von 68er Professoren ausbilden ließen. -, was ist ihr Beitrag, außerhalb der Anerkenntnis unter Fachbrüdern, sie wüssten viel über die SPD? Welche Wirkung entfaltet die Universitätspolitologie methodisch, analytisch, theoretisch in der Gesellschaft, von der reinen, allgegenwärtigen Politikberatung, der uferlosen Meinungsbefragungs-und Meinungsforschungs-Tätigkeit und den endlosen Expertenanhörungen auf jedem ö.-r. Kanal, einmal abgesehen?

Könnte es nicht sein, dass in historischen Lehrbüchern und mittlerweile in Schulbüchern, aber auch im etwas unverkrampfter und weniger um Abgrenzung zu jedem Preis bemühten Ausland, einschließlich des großen Bruders USA, 1968 als ein Symbol für eine ganze Epoche verstanden wird, während Sie hier den Veit Hanslich spielen?

Wie groß die Zeitspanne ist, die 68 ausmacht, das ist streitig. Manche setzen den Beginn in Deutschland mit dem Widerstand gegen die Wiederbewaffnung an, dann mit dem Protest gegen die atomare Bewaffnung auf deutschem Boden. Andere sehen das eher viel später, als es trotz großer Reformversprechen unter der ersten großen Koalition 1966-1969, erstens, eine enge politische Zusammenarbeit mit Altnazis gab, zweitens, die Hochschulreformen zunächst gerade nicht auf eine größere Öffnung hin liefen und nur sehr zögerlich umgesetzt wurden.

Die APO gab es vor dem Datum 68. Aber ihr Anwachsen an den Hochschulen hatte auch etwas damit zu tun, dass 1960 die SPD sich von ihrem politischen universitären Nachwuchs strikt distanzierte, die angedachten Reformen am Beginn der großen Koalition nur langsam und kompromisshaft umgesetzt wurden, und selbst in der SPD zwei recht mächtige Flügel einen Streit über den Weg hin in eine technokratische und funktionale, oder aber zu einer sozialen und basisdemokratischen Republik austrugen, obwohl jedem politisch denkenden Menschen klar sein musste, dass das Zeitfenster etwas progressiverer SPD-Politik, unterstützt von der FDP der Freiburger -Thesen, in einem sonst weiter strukturkonservativen Land nur sehr klein sein würde.

Wo lag das Ende der Ära 68 in Deutschland? Auch hier ließe sich eifrig nach Zäsuren suchen und heftig streiten. Für die APO an den Universitäten war es wohl 1970 schon zu Ende. Der SDS löste sich selbst auf. Vorher gingen die Notstandsgesetze durch, gab es das Attentat auf Dutschke und seine schlechten Folgen, gab es die nur halb erfolgreiche Hochschulreform. Und es gab weiterhin unerträglich starre und autoritäre Zustände in öffentlichen Institutionen, von der Schule, über die Universität, bis zur landesweiten Psychiatrie und zur Justiz. Überspitzt kann man sagen, noch 1970, als der studentische Protest schon abebbte, gab es in vielen Bereichen immer noch die „Zuchthaus“-Mentalität. - Haben daran die 68er nicht viel geändert? Ich bin vom glatten Gegenteil fest überzeugt.

Für eine breitere Öffentlichkeit gilt als Zäsur der Epoche 68 vielleicht Willy Brandts Ende als Kanzler. Denn ab dann herrschte in Bonn wieder, über alle Parteigrenzen hinweg, ein stark ausgeprägter Hang, sich selbst als vollkommen realistische und funktionalistische Politikmacher zu betrachten und durch Hinterzimmer-Verfahren zu herrschen.

Allerdings sicherten die Hochschulreformen die Öffnung für breitere Schichten der Bevölkerung, entwickelten sich Fachhochschulen, und der Staat investierte eine Zeit lang kräftig in die Ausweitung des universitären Bildungsangebots, also in die Durchlässigkeit der Bildungswege (Kolleg, Abendschule, zweiter Bildungsweg, Vorbedingungen für die Studienberechtigung) und in die Schaffung neuer Universitätsmodelle (Gesamthochschulen). - Dieser Entwicklung verdanken Sie unter Umständen ihr Studium, Herr Walter. Da kann man verstehen, dass in der Rückblende die Verklärung der eigenen Jugend und Studienzeit, vor allem des eigenen Tuns und Denkens eintritt. Das ist psychodynamisch gut verständlich.

Aber natürlich ist das auch hinderlich, weil es, im Wunsch gegen das an die eigene Person geknüpfte Klischee zu schreiben, immer auf Äußerlichkeiten hin zugeordnet zu werden, gleich ein neues, derzeit sehr viel beliebteres Klischee von Ihnen reproduziert wird. Nämlich simpel die Behauptung, die 68er hätte wissenschaftlich und sozial, auf den Gebieten die Sie überschauen können, nicht viel gebracht, fast alles sei Vorleistung und Leistung älterer Generationen. - Ich bin ja kein Politologe, aber selbst wenn ein Professor verständlich schreiben soll, das können Sie ja, sollte er doch nicht so billig argumentieren.

Was ist der eigentliche Grund, ihr eigentliches Interesse, Herr Walter? - Ich betrachte es einmal ein wenig aus einem biologischem Blickwinkel. Derzeit werden die 68er Professoren an den Universitäten, ganz nach Altersrang, pensioniert. 65, 68, sind da die letzten, die wichtigsten Jahreszahlen. Sie verlassen die Universitäten und sie sind, gerade in den Geistes – und Sozialwissenschaften oft schwer zu ersetzen. Jedenfalls was umfassendes Wissen und vor allem das Verknüpfungswissen angeht. Nachfolger werden oftmals Leute, die sehr enge Forschungsfelder jahrelang abarbeiteten und deren Beiträge höchstens die Flut an speziellen Publikationsorganen anfüllt. Promoviert und habilitiert haben sie sich meist bei ihren Vorgängern aus der 68er Zeit oder sogar noch aus der Zeit knapp davor. - So ist der Fortgang der Dinge an den Universitäten, aber auch in der Gesellschaft, biologisch und soziologisch betrachtet.

Völlig im Unrecht, lieber Franz Walter, sind Sie, wenn Sie sich angeekelt fühlen von vermeintlich bourgoisen 68ern. Dazu müssten Sie schon einmal aus der Deckung und konkret Namen nennen, wer genau sie da subjektiv störte. - Bourgois finden sich nämlich, im Vergleich mit der realen Sozialstruktur der späten 60er an den Hochschulen, sowohl was die bezichtigten Wortführer der Studenten angeht, z.B. Dutschke in Berlin und Krehl in Frankfurt, doch eher unterrepräsentiert beim federführenden SDS.

Von den maximal 2500 Mitgliedern waren sicherlich viel mehr aus den nicht etablierten Gesellschaftschichten, als unter der allgemeinen Studentenschaft, die ja durchaus nicht mitrevoltierte, sondern weiter machte, wie bisher, insbesondere in den damals wichtigen Fächern Geschichte, Politologie, bzw. politische Wissenschaften und vor allem beim Jus und Lehramtsstudium. - Ich bin ziemlich überzeugt, Sie finden keinen empirischen Beleg dafür, der SDS und seine handelnden und schreibenden Köpfe seien in besonderer Weise bourgois in Erscheinung getreten, verglichen mit dem Umfeld. Daran müssen Sie aber die aktiven Studenten der damaligen Zeit messen, nicht an ihrer persönlichen Subjektivität 2010.

Dutschke dem man früh auf die Schnautze haute und in den Kopf schoss oder Krehl, der an den Folgen eines Autounfalls starb, hatten kaum etwas in diese Richtung an sich. Beide kamen aber garantiert nicht aus dem gehobenen oder gar aus dem Bildungsbürgertum der Adenauer-Zeit. Das Gleiche lässt sich von den schreibenden Wortführern des SDS sagen, die z.B. die Zeitschrift „Neue Kritik“ herausgaben. Helmut Schauer war Sohn einer Textilwirkerin und eines Flaschners, Hans-Jürgen Krahls Eltern waren einfache kaufmännische Angestellte, usw., usw.

Professoren die sagen wir mal zwischen 1960 und 1974 in Amt und Würden kamen, stammten natürlich mehrheitlich aus dem Bildungsystem der Adenauerzeit. Darunter Leute zu finden, die nicht aus höheren Beamtenkreisen oder aus dem Bildungsbürgertum kamen, muss schwer fallen. Trotzdem wurden erstaunlich viele Alt-68 mit und ohne abgeschlossene Studien etwas, die vorher überhaupt keine Chance auf einen Kontakt zu einer Hochschule hatten.

Kein Wunder also, dass jene, die ihre Hochschulzugangsberechtigung und ihr Studium, anschließend weitere akademische Würden, der sozialen Situation abrangen, diese dann mit vollem Recht angriffen. Um 1960 erlangten 5-8% eines Jahrgangs die allgemeine Hochschulreife. Da mussten bourgoise Elternhäuser also auf jeden Fall überrepräsentiert sein. Das ist ein einfaches soziologisches und demografisches Faktum. 1970 lag die Zahl der Hochschulzugangsberechtigten dann bei ~12% eines Jahrgangs, selbst 1980 lag sie erst bei ~23 % ! - Derzeit liegen wir bei 43-45%, von denen dann ~25% einen Universitätsabschluss tatsächlich erwerben.

Ein weiteres, oft vernachlässigtes Faktum. Die so genannten 68er eigneten sich das Wissen der Emigranten, das war ja mindestens von 1933- bis etwa 1960, auch universitär eher wenig gefragt, zum Teil sogar verachtet und zurückgewiesen worden, und spielte in den, bis dahin studierbaren Fächern nach dem Kriege keine wesentliche Rolle, nach und nach an. Diese Professoren mussten zu Vorbildern werden!

Wie die Verhältnisse bis in die siebziger Jahre wirklich waren, das lässt sich ja heute noch anekdotisch an den historisch aufgearbeiteten Berufungsquerellen in den Fächern Soziologie, Politologie, Geschichte,Literaturwissenschaften, nachweisen.

Sogar die breite Öffentlichkeit konnte nachvollziehen, dass in Wahrheit nur einige wenige Lehrstühle von progressiven und vor allem aus der Geschichte lernbreiten Professoren besetzt waren. Zwar fielen noch ein paar Extraordninariate für Emigrantenrückkehrer ab, weil man sich für den Kulturabfall der deutschen Universität vor und während der Nazis-Zeit doch zu sehr schämte und es wurden neue „exotische“ Fächer mit ein paar Professuren ausgestattet. - So gab es ein paar Psychoanalytiker, ein paar kritische Theoretiker und eine Hand voll, mit den angelsächsischen Methoden vertraute, empirische Sozialwissenschaftler und Soziologen. -, aber wirklich bahnbrechende Neuerer waren unbeliebt und blieben es bis heute. Ähnlich bezeichnende Vorgänge gab es auch im Bereich de Kultur. So wollte man den Theatermann Ivan Nagel zeitweilig als unerwünschten Ausländer schnell wieder abschieben.

Für 68er, jedenfalls für die, die in der Öffentlichkeit und vor allem den Kultus- und Aufsichtsbehörden bekannt waren, gab es ordentlich viele Hürden, auf eine gesicherte akademische oder gar eine Professorenstelle zu kommen. Die Hälfte der Republik war allein schon durch die unversöhnlich hartnäckige Haltung der schwarzen Ministerpräsidenten und ihrer Kultusminister verstellt. Die Ordinariate der Landesuniversitäten sorgten mehr oder weniger elegant für die genehmen Berufungen und die stille Abfuhr unsicherer Kandidaten. Viele 68er landeten in der Presse, in der zeiten Reihe bei den Fernsehanstalten, bei der Kultur im weitesten Sinne und /oder, eben einfach im Abseits. Das wissen Sie doch, lieber Herr Professor.

Auch wenn Gustav Heinemann 1970 eine umfassende Amnestie für jene unterschrieb, die im Zusammenhang mit Protestaktionen zu harten Strafen verurteilt worden waren, so hatte gerade dieser Präsident noch am Ende seiner Amtszeit als Justizminister, die Starre und unflexible Stuktur der Nachkriegsgesellschaft auf vielen Gebieten schwer kritisiert und festgestellt, dass zum Zeitpunkt 1968 keine grundsätzlichen Änderungen eingetreten waren. Mit dem Datum 1968 war eben mitnichten alles geklärt, es dauerte fast eineinhalb weitere Jahrzehnte, bis dann ein neuer Schub, nämlich der des Neoliberalismus, in den 80er Jahren politisch gänzlich andere Auswege suchte und auch die SPD mehrfach um Teile ihrer aktivsten Anhänger brachte, die zuerst zu den Grünen, dann zur Linkspartei abwanderten. - Wem erzähle ich das.

Eines mag ich aber ganz besonders nicht: Lamoyanz und platte Vorurteile. Die bedienen Sie reichlich, vor allem mit dem letzten Drittel ihres Artikels. Guido Westerwelle und die 68er zusammen zu schnüren, das ist eine, dem Prokrustes würdig Leistung, aber kein Ausweis jener Tugenden, die Sie doch so schmerzlich bei den akademischen 68ern vermissen und in ihrer Suada anführen. Reden Sie mal mit Uwe Wesel, der ja aus dem Studienfach des Außenministers und zur Geschichte des Faches berichten kann.

Rainer Langhans mag vielleicht ein rotes Tuch für einen deutschen Professor sein. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass er zum Kulminationszeitpunkt 1968 im SDS und sonst an den Hochschulen keine Rolle mehr spielte, hat er wenigstens gegen Vietnam öffentlich protestiert, während von Ihnen solche offenen und aktiven Protesthandlungen, z.B. gegen den Afghanistan-Krieg, nicht dokumentiert sind. Man würde Sie dann, sehr wahrscheinlich bei Presse, Funk und Fernsehen weniger häufig einladen und so manche Hürde fürs Mitreden wäre eine Gerichtsschranke. Trotzdem wünsche ich mir natürlich den Erhalt der Göttinger Politologie aus ganzem Herzen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
B.V. schrieb am 09.08.2010 um 11:09
"...1968 als ein Symbol für eine ganze Epoche verstanden wird...".
Darin steckt schon viel Falsches und Verklärendes.
Ich gebe Prof. Walter im Großen und Ganzen recht (deckt sich auch mit meinen Erfahrungen).
Rudi Dutschke, den ich als Mensch sehr schätzte und mit dem man gut diskutieren konnte, war aber auch nicht der herausragende Theoretiker, als der er immer gern gesehen wird. Liest man die alten Sachen, dann hat man den Eindruck von weltfernem Geschwafel. Noch mehr gilt das für den Diskussionsband mit Rabehl u. a. über die Möglichkeiten einer Räterepublik in West-Berlin. Polit-esoterischer Schwachsinn pur in meinen Augen.
Man könnte die Liste noch endlich weiterführen: bedeutungsschwangere ideologische Worthülsen der sprachlichen Selbstverliebtheit, aus einem Konglomerat von Frankfurter-Schul-Deutsch & sozialistischen Phrasen & Parolen & manchmal Versatzstücken von damaligen Jugendslang,um sowas wie Lockerheit hinein zu bringen, was nicht wirklich gelang.
Das Niveau eines Karl-Hermann Flach haben sie nie erreicht, auch nicht eines Dahrendorf.

Walter hat sich auf die deutschen Verhältnisse bezogen, das ist durchaus legitim.
Würde man über die amerikanischen Geschehnisse von damals sprechen, würde sich in vielem ein anderes Bild abzeichnen.
B.V. schrieb am 09.08.2010 um 11:31
Ach ja, sollte man auch nicht vergessen:

Walter: "Die 68er zeigten auf ihren Kundgebungen nicht die Porträts von Friedrich Naumann, Max Weber oder gar Isaiah Berlin; sie schmückten sich stattdessen mit den Konterfeis von Lenin oder Mao-Tse-Tung. Einen liberalen Raum haben die 68er auch nicht in ihrem eigenen Umfeld geschaffen."

Und bei den K-Gruppen, etwas später, tauchte Genosse Stalin wieder auf.
Columbus schrieb am 10.08.2010 um 00:02
Lieber B.V.,

Ich finde, Sie machen es sich mit ihrem Beifall für den Text Franz Walters zu einfach.

Erstens, war ja er ja als Abrenzung gegenüber den universitären Akademikern der 68er Generation, insbesondere seiner älteren, derzeit abtretenden Fachkollegen aus der Politologie und Soziologie, gedacht.

Nebenbei bekommen dann auch noch die Hippies, die Kommunaden und die Studenten im SDS ihr Fett weg. Am Ende bleibt die schale Pointe, dass Herr Walter sein universitäres Umfeld vielleicht tatsächlich noch mit individuellen Bekleidungs, Musik und Verhaltensmoden schocken möchte und dies als Ausweis hintersinniger widerständiger Praxis ausgibt. - Aber, das ebenso nicht das Thema, wie es nicht darum geht, wie fleißig in Göttingen die SPD beforscht wurde.

Zweitens, Herrn Teichs Video-Beispiel und Kommentar zeigen, mit welcher Ernsthaftigkeit diskutiert wurde und ich könnte ihnen dutzende andere Belege anführen, wie sehr diese konsequente und ruhige Art, z.B. Dutschkes, auch Eindruck auf ganz konservative und der Studentenbewegung ablehnend gegenüber stehende Leute gemacht hat.

Das begründet ja auch, warum die Studenten nach anfänglicher massiver Ablehnung, in den Artikeln und Aufsätzen der nachdenklichen Journalisten in den großen Tages- und Wochenzeitungen zunehmend differenzierter betrachtet wurden und Unterstützung bekamen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Theoretiker der 68er Isaiah Berlins Texte, insbesondere die über russische Anarchisten, Alexander Herzen, Bakunin, etc., seine Marx Schrift (Marx in London, gen. Titel?), gut kannten.

Herzen legte ja einen Schwachpunkt der leninistisch-stalinistischen Auffassung schonungslos offen, nämlich zu glauben man können komplexe Systeme, also Gesellschaftssysteme, komplett steuern, obwohl doch schon sehr einfach Überlegungen zeigen, wie wenig das bei schon viel reduzierteren Aufgaben gelingt.

Was klappt, das ist eben immer nur die Kontrolle oder der Impuls für einen Augenblick. Für gute und glückliche Gesellschaften ist das zu wenig.

Wenn Sie so wollen verhalf Herzen den intellektuell und wissenschaftlich (philologisch) geschulten Lesern zu einer gleichgewichtigeren Betrachtung des aufgeklärtes Denken und der romantischen Traditionen, die sich in Russland, wie in keinem anderen Land, auch an literarischen Zeugnissen belegt, bei den Intellektuellen amalgamierten.
Die großen russischen Romanciers wurden genau mit diesem (Hinter-)Gedanken rezipiert.

Aber für die Straße, fürs Protestplakat taugte doch weder Berlin, noch Naumann, noch Weber, selbst die Altvorderen der eigenen Tradition, z.B. Luxemburg, Liebknecht, Münzenberg, Eisner und Landauer, etc., was hätten die gebracht, in einer Umgebung mit dem Krieg in Vietnam, der Ost-West-Auseinandersetzung, der Blockfreien-Bewegung, der Entkolonialisierung mit ihren "Helden" und dem unheimlichen und falsch verklärten China.

Dass 18-30 jährigen z.B. Ché, Castro, Allende, Amilcar Cabral, Lumumba, Mao und Ho-Chi-Minh auf den Straßen-Plakaten und in den Flugschriften näher lagen, ist doch klar, vor allem wenn es um Vietnam und die Kuba-Blockade oder eben die Kolonialkriege ging.

Drittens. Was nach der Ermordung Ohnesorgs und nach dem Attentat auf Dutschke geschah, hatte noch einmal eine ganz andere Dimension deren Tragweite ja erst im Deutschen Herbst völlig sichtbar wurde.

Viertens. Man muss Dutschke und Krehl nicht etwas, nämlich Intelligenz und Scharfsinn, absprechen, um Karl Hermann Flach und Thomas Dehler verehren oder zumindest schätzen zu können. Das ist nicht notwendig, sondern letztlich höchstens sehr subjektiv.

Fünftens. Über Räte lässt sich streiten. Aber, die angeblich so abwegige Konstruktion gab es ja historisch und sie fand z.B. bei einem bekannten Emigranten, der den 68ern nun ideologisch nicht verdächtig nahe stand, viel Unterstützung: Sebastian Haffner.

Sechstens. Die meisten 68er landeten jedoch weder in der Kommune, noch bei den oft als das größte Übel überhaupt hingestellten K-Gruppen und auch nicht im Terrorismus, sondern traten ja an, was als Marsch durch die Insitutionen verstanden wurde. Die Zahl der Möglichkeiten war, auch durch eine weiterhin rigide Haltung der Kultusbürokratien, was Hochschul- und Schulpositionen anging, zunächst begrenzt. Hier brachten erst die späten Siebziger eine Wende, weil man plötzlich Gymnasiallehrer und Hochschulehrer in großer Zahl brauchte. - Über den Schock sehr junger Lehrer durfte ich mich dann sehr freuen.

Siebtens. Was ist nur mit dem Joint und Greatful Dead für die deutsche Geistes- und Sozialwissenschaft und deren intellektuellem Vermögen augesagt? Wissen Sie es, B.V.?

Ich bin mir aber sicher, dass viele Jointkonsumenten und Grateful Dead Fans auch Joni Mitchell und Harry Chapin, Schostakowitsch und Nina Simone, Telonius Monk und John Coltrane zur Kenntnis nahmen, Wader und Wecker, Dylan und Kraftwerk, Eisler und Weil bei ihnen nicht unbekannt blieben.

68, das war eben genau das krumme Holz, aus dem man nicht ohne intelektuelle Gewalt ein grades schnitzt.

Das 68 eine gute Marke für die ganzen Jahre ist, das streitet heute kaum noch jemand ab. Schüler werden dazu, wie ihre Lehrer mit ausreichendem und vorzüglich aufgearbeitetem Material versorgt. Sogar die Texte Götz Alys werden zitiert ( ;-)) ) und man erfährt auch von den seltsamen Suchbewegungen eines Bernd Rabehl oder eines Horst Mahler im Ewiggstrigen.

Das alles kommt vom Bundesamt für politische Bildung, gratis. Wer hätte es gedacht:

www.bpb.de/themen/UEZYL5,0,Die_68erBewegung.html

www.bpb.de/suche/?all_search_action=search&all_search_text=68&OK.x=0&OK.y=0

www.bpb.de/themen/F5LTD0,0,0,Die_68er_heute.html

Liebe Grüße
Christoph Leusch
hibou schrieb am 10.08.2010 um 12:52
@ Columbus:genau! ich danke sehr, Chr. Leusch!
B.V. schrieb am 10.08.2010 um 19:28
Lieber Christoph Leusch,

ich werde morgen ausführlicher Antworten.

Gruß
B.V.
B.V. schrieb am 11.08.2010 um 13:34
Lieber Christoph Leusch,

"Lieber B.V.,
Ich finde, Sie machen es sich mit ihrem Beifall für den Text Franz Walters zu einfach."

Nun, es ist ja nicht so, das ich jeden Satz von ihm unterschreiben würde, das was für mich in etwa "deckungsgleich" ist, habe ich weiter oben benannt.

"Erstens, war ja er ja (der Artikel von Walter -B.V.-) als Abrenzung gegenüber den universitären Akademikern der 68er Generation, insbesondere seiner älteren, derzeit abtretenden Fachkollegen aus der Politologie und Soziologie, gedacht."

Genau, und ich füge an, das in Walters Blog die Überschrift hieß:
"Franz Walters höchst subjektive Anmerkungen zu Fragen von Habitus und Politik".

Woraus sich dann auch seine damalige Ablehnung u.a. ergibt:
"Nebenbei bekommen dann auch noch die Hippies, die Kommunaden und die Studenten im SDS ihr Fett weg."

Als ehemaliger politisierter Hippie, Gewerkschaftsjugendlicher und Jungdemokrat (interessante Mischung was?) :-))) kann ich dem natürlich so nicht zustimmen, weil da meine Erfahrungen eben andere waren. (Was den SDS betrifft habe ich mich oben auch schon kritisch geäußert.) Aber ich gestehe ihm durchaus seine damaligen subjektiven Eindrücke zu.

"Was ist nur mit dem Joint und Greatful Dead für die deutsche Geistes- und Sozialwissenschaft und deren intellektuellem Vermögen augesagt? Wissen Sie es, B.V.?"

Ich weiß es nicht.
Es wäre sicher eine Doktorarbeit wert (aber vielleicht gibt es die ja schon),
kann nur sagen, das ich ziemlich high ein sehr gutes Abitur hingelegt habe. Und Greatful Dead mag ich noch heute. Vielleicht mag sie ja Walter heute auch?

"...mit welcher Ernsthaftigkeit diskutiert wurde und ich könnte ihnen dutzende andere Belege anführen, wie sehr diese konsequente und ruhige Art, z.B. Dutschkes, auch Eindruck auf ganz konservative und der Studentenbewegung ablehnend gegenüber stehende Leute gemacht hat."

Das stimmt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, also was Rudi betrifft (habe ich oben auch schon erwähnt), obwohl ich ihn erst Anfang der Siebziger kennen lernte, als er in Arhus (Dänemark) weilte und gelegentlich in Berlin auftauchte, zu Podiumsdiskussionen in der FU oder TU und im Publikum sitzend (!), also nicht auf dem Podium.
Also Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit würde ich ihm nie absprechen, auch fand ich ihn als Mensch sehr sympathisch!

"Man muss Dutschke und Krehl nicht etwas, nämlich Intelligenz und Scharfsinn, absprechen, um Karl Hermann Flach und Thomas Dehler verehren oder zumindest schätzen zu können. Das ist nicht notwendig, sondern letztlich höchstens sehr subjektiv."

Gut, das gestehe ich gern zu, sollte in dieser Schärfe von mir auch nicht so rüber kommen.

"Ich bin mir aber sicher, dass viele Jointkonsumenten und Grateful Dead Fans auch Joni Mitchell und Harry Chapin, Schostakowitsch und Nina Simone, Telonius Monk und John Coltrane zur Kenntnis nahmen, Wader und Wecker, Dylan und Kraftwerk, Eisler und Weil bei ihnen nicht unbekannt blieben."

So war es!

"Das 68 eine gute Marke für die ganzen Jahre ist, das streitet heute kaum noch jemand ab."

Ich schon, weil mir der Begriff zu schwammig ist. Frage jemanden was er unter "68er" versteht und du bekommst diverse Antworten, die nur gelegentlich deckungsgleich sind. Der subjektive Faktor spielt hier eine ganz erhebliche Rolle.

Ich persönlich mag den Begriff 68er nicht, da wird mir zuviel unterschiedliches zusammen gepackt, sehe mich selbst da auch nicht verortet.
Nun war ich 1968 15 Jahre alt, also vom Alter her sowieso kein "68er", habe die Zeit aber trotzdem sehr bewußt miterlebt, da ich aus einem sehr politischen Elternhaus stamme und politische Diskussionen sozusagen von klein auf zum Alltag gehörten.
Spiegel/Strauss-Affaire, Ostermärsche, Vietnam, große Koalition, APO, BRD/DDR-Verhältnis, usw., das alles war täglich geistige Nahrung.

Wenn ich jetzt nur mal SDS/APO betrachte (es gibt Leute die verstehen das allein unter 68, ohne Hippiekram und Musik, etc. Andererseits, sehr lustig, haben sich auch mal Landowsky & Diepgen als 68er bezeichnet, aber das nur nebenbei ) dann stellt sich für mich die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung dieser Bewegung und die würde ich als sehr gering einschätzen.
Als viel wichtiger sehe ich das Wirken der sozialliberalen Koalition. Damals traten SPD/FDP 1969 als Reformregierung an und versuchten eine energische Demokratisierung von Staat und Gesellschaft durchzusetzen. In seiner Regierungserklärung versprach Willy Brandt am 28. Oktober 1969: "Wir wollen mehr Demokratie wagen" und: "Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an." Es kam zu Reformvorhaben, die in diesem Sinne interpretiert werden konnten: mehr Chancengleichheit im Bildungswesen, Herabsetzung des Wahl- und Mündigkeitsalters, Gleichstellung der Frau im Ehe- und Familienrecht, Strafrechts- und Strafvollzugsreform, Ausbau der sozialen Sicherheit, Monopolkontrolle und Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung.
Daß sie 1969 zum Gegenstand staatlicher Aktivität wurden, läßt Rückschlüsse auf das Politikverständnis der beiden Koalitionspartner zu. Von ihrer Tradition und ihrem Selbstverständnis her mußte es das Ziel der SPD sein, durch staatliche Reformen ein größeres Maß an persönlicher Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Mitbestimmung in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen zu erreichen. Aber auch die FDP hatte, wie die "Freiburger Thesen" von 1971 programmatisch zum Ausdruck brachten, ihr Verständnis von Freiheit um eine soziale Dimension erweitert. Für den "Sozialen Liberalismus", den die FDP nun auf ihre Fahnen geschrieben hatte, waren "Freiheit und Glück des Menschen [...] nicht einfach nur eine Sache gesetzlich gesicherter Freiheitsrechte und Menschenrechte, sondern gesellschaftlich erfüllter Freiheiten und Rechte."
Der Begriff "Sozialer Liberalismus" und die Zielsetzung, die freiheitlichen Grundrechte durch "soziale Teilhaberrechte und Mitbestimmungsrechte" zu ergänzen, zeigen, wie sehr sich die FDP in ihren programmatischen Grundsatzpositionen der SPD und auch den Gewerkschaften genähert hatte.
Von der FDP kann man da heute wohl nichts mehr erwarten.
Aber die SPD sollte sich erinnern!
Columbus schrieb am 11.08.2010 um 21:18
Lieber B.V.,

Da kann ich nun viel unterschreiben, was Sie über das "sensible" sozialliberale Verhältnis sagen. Heute haben wir eine SPD bei der sehr viele Mitglieder und Funktionäre gar nichts mehr mit dem Begriff sozial anfangen können, und wir haben eine FDP bei der liberal sein in der sozialen und kulturellen Dimension nicht mehr beachtet wird.

Was bedeutet z.B. "Vertragsfreiheit", wenn ich meinen Kommunikationsvertrag mit dem Provider oder sogar meine Teilhabe an diesem Forum hier, in seinen rechtlichen Bezügen und Folgewirkungen, letztlich nur mit anwaltlicher Hilfe vollständig verstehen lernen könnte. Muss ich dann zu Guido um es mir erklären zu lassen? - Gebe Gott oder mein Karma, dass es nie dazu kommen möge.

Was bedeutet "Freizügigkeit" und "freie Berufsausübung", wenn das Einkommen aus dieser Tätigkeit stets gefährdet, bedroht oder sehr niedrig ist, und Zeiten, Orte, Verfügbarkeiten, weitestgehend in die Hand des Arbeitgebers liegen, er zudem die Lasten für den Erhalt- und die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit allein dem freien Arbeitnehmer oder der Ich-AG, oder dem Steuerzahler aufbürden kann und mit großer Sicherheit die Rentenerträge nicht reichen, später einmal SPD und FDP für nicht gehaltene Versprechen letztinstanzlich zu belangen ( ;-)) ).

Was bedeuten unabhängige Beamtenschaft und Rechtsstaat, wenn in Hessen und Baden-Würtemberg FDP- Minister mithelfen für die reiche Klientel Ausnahmeregelungen und Unterschliffe kreativ mit zu gestalten und in Rheinland-Pfalz die SPD-Regierung, es steht hier nur beipielhaft für andere, den Staat bei einer Rennstrecke oder einem Flughafen als Privatunternehmer auftreten lassen.

Selbst in, von der Politik privatisierte, aber noch über Aktien gehaltene Staatsunternehmen gibt es nur mangelhaft und gegen zähen Widerstand Einblick, so, dass politisch Milliarden Euro wortwörtlich in Stuttgart unter die Erde gebracht werden können, durch die Anwendung eines Verwaltungsverfahrens.

Über die Grade der Freiheit, die in einer sozialen Demokratie, zumindest als gesellschaftliches Versprechen vielen und nicht wenigen zugesagt wurden, diskutieren diese beiden ehemals verbündeten Parteien kaum noch.

Das macht Guido und andere neumodische poltische Elemente so abschreckend und unerträglich.

Da hat es keiner der pauschal und anonym angegangenen 68er- Uni- Professoren verdient, damit in Verbindung gebracht zu werden.

Wofür die beiden Parteien (SPD und FDP) wirklich noch stehen, wer vermag es zu sagen? Hoffnung gibt es wenig. Die kann sich derzeit allenfalls an Personen, kaum noch an Standpunkten oder Orientierungen festmachen. Es gibt ja immer einmal auch junge Persönlichkeiten die noch Rückrat zeigen.

Aber, es bleibt das große Misstrauen, es gehe mit der SPD heute im Grunde so, wie mit der Schröder SPD 1998.
Machtwechsel und dann eine lange übergroße Koalition, die zunächst versteckt und später weniger kaschiert, von den Grünen bis zur CSU reicht. Das alles, einschließlich der medialen Dirndel-Ausschnitte auf große Glocken, bei den großen und kleinen Parteiführerinnen, macht es nicht nur intellektuell, sondern auch kulturell furchtbar reizlos.

Leute wie Dutschke oder Krehl fehlen uns. Heute müssten sie vielleicht weniger fürchten eine Kugel zu fangen oder im Straßenverkehr um zu kommen.

Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 11.08.2010 um 21:20
Krahl, nicht Krehl. C.L.
B.V. schrieb am 12.08.2010 um 13:08
Lieber Christoph,
diesmal kann ich es kurz machen:
ich stimme ihnen in allen Punkten ihrer Kritik zu.

"...später einmal SPD und FDP für nicht gehaltene Versprechen letztinstanzlich zu belangen ( ;-)) )."

Es wäre schön, wenn das möglich wäre! ;-)

"Leute wie Dutschke oder Krahl fehlen uns. Heute müssten sie vielleicht weniger fürchten eine Kugel zu fangen oder im Straßenverkehr um zu kommen."

Das stimmt sicher, Rudi Dutschke würde vielleicht ähnlich wie Hans-Christian Ströbele agieren.
SiebzehnterJuni schrieb am 10.08.2010 um 12:41
"...Franz Walter
Echt: Ich bin kein 68er!..."

Oh Mann, das wusste ich schon nach dem ersten Artikel, den ich von Walter gelesen habe.

Aber dass er das hier schreibt, zeigt doch wunderbar, dass er inhaltlich und in seiner Halltung wirklich einer war und ist!!!

Und dieses Bedürfnis, diesen Artikel schreiben zu wollen, ja zu müssen, entlarvt Walter doch als wahren 68er.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.08.2010 um 22:24
>>>>Dass sie (die 68er) nur einen Sturm im Wasserglas erzeugten, ist für sie eben nur schwer auszuhalten. Allerdings, ihre mediale Überbewertung begann schon damals.<<<<<

1. Das Live-Experiment solcher Wasserglasstürme haben wir vor uns: DIE LINKE. seit drei Jahren. Laut, Pseudo(r)evolutionär, wirkungslos. Mit einem Unterschied: die Medien können diesmal (Dank der 68er) besser differenzieren und ignorieren das Plagiat + Sozialismustheorie.

2. So kurz der Artikel auch ist, so prägnant illustriert er sowohl die dubiose neulinke Methodik als auch den dort eingehenden Fehler des Sozialwissenschaftlers Walter, nämlich zu glauben, daß die Prägung vom Original unterscheidbar wäre. Nicht jede Imitation wirkt auf seinen Erzeuger gleich so ungemein fraglich, als dass er sie verwerfen würde.

3. "Ihr Defizit an Politik; ihr Mangel an einem ernsthaften, klugen, lebensnahen, realistischen, zäh und konstant betriebenen, dabei volkstümlichen, listigen, strategischen und zielorientierten Radikalreformismus. Am Ende war ‘68 lediglich ein spätbürgerliches Distinktionsgebaren."

Ich wünsche mir mit dieser Gesellschaft von herumschreienden machtbesessenen Kleinbürgern keine - im Gegenteil perfekte - Politik, die "zäh, listig, und zielorientiert radikal" sei. Daß man diesem (heimlich verstiegenen) 33er-Klops hier und heute überhaupt noch ein Land gelassen hat, versetzt seine wenigen (Mit)denker doch keinesfalls in die Lage, die menschliche Richtung einzuhalten. Die ersten Folgen solcher Strukturrestauration sind in der Programmdebatte der Linken, insbes. zum BGE (Kipping vs. Unions) erkennbar. Für die "richtige Arbeitseinstellung" geht gerade der linke Mainstream den zielorientiertesten Weg, den man sich hier nicht vorstellen will. "Schreib nicht so viel Genosse, arbeite. Zum Denken sind wir da." Das ist dasjenige, was ich dem Waltertext entnehme. Und dort steht es mit keiner Silbe.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2010 um 11:58
Wenn man schon die katholische Kirche erwähnt, sollte man so fair sein, auch den Beitrag Johannes XXIII. für geistige Befreiung der westlichen Welt zu erwähnen. Diese begann nicht erst 1965, wie der Autro meint, sondern schon im Januar 1959, als der damalige Papst die Bischöfe zum zweiten Vaticanum einlud und damit zum sog. Aggiornamento einlud.

www.joerg-sieger.de/gesch/31_neu.htm#b

de.wikipedia.org/wiki/Aggiornamento

Das wird in der Öffentlichkeit gerne übersehen und manchmal glaube ich, dass Herr Mixa mit der Kritik an "den 68ern" vor allem die Reformer in den eigenen Reihen meint.


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