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Mitte Links | 05.01.2011 14:00 | Oliver Schmolke

Die Hoffnung auf Fortschritt

Es war ein Zukunftsentwurf, dann eine Chiffre kostspieliger Reformen und Wahlniederlagen – nun ist „2010“ Geschichte. Aber es hat Deutschland verwandelt

„2010“ ist zum politischen Mythos geworden. Das Jahr ist ein Begriff, der wie ein scharfkantiger Kristall aus der gefälligen Meinungslandschaft herausragt. Wer ihn in den Mund nimmt, hat Angst, sich zu verletzen – oder will anderen damit wehtun. Der Reformmythos der Agenda 2010 polarisiert nicht mehr die politischen Lager, sondern in allen Parteien die Anhänger und Gegner einer ambitionierten und risikoreichen Modernisierung des Gesellschaftsvertrages. Selbst unter den politischen Verteidigern des Zukunftsentwurfs 2010 heißt es heute oft ausweichend: „Interessiert doch keinen mehr.“ Das ist natürlich falsch, denn die Relevanz der vergangenen Reformdekade für die Gegenwart ist überragend. Wer allerdings politisch noch etwas werden will, der scheut den selbstbewussten Bezug auf die Agenda. Der Begriff ist nicht opportun, verspricht keine Popularitätsrendite. So macht sich allenthalben Erleichterung breit, dass 2010 in diesen Tagen Geschichte wird. Neue politische Schlagworte lassen sich formen und in Umlauf bringen.

Doch der Mythos 2010 verschwindet so schnell nicht. Denn die Richtungsentscheidungen, für die er steht, haben Deutschland grundlegend verändert. Die Kosten waren erwartbar und beträchtlich. Jeder Modernisierungsschub erhöht die Spannungen in einer Gesellschaft. Zugleich hat Deutschland auf mittlere Sicht wesentlich bessere Erfolgsbedingungen für eine Politik der Gerechtigkeit gewonnen. Die Verabschiedung von „2010“ aus der Politik in die Geschichte sollte also unsentimental ausfallen. Nur den gesellschaftlichen Bewegungsgewinn, der die aktuellen Debatten prägt, sollte niemand vergessen.

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Kampf gegen Arbeitslosigkeit

Das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell hat sich in den vergangenen Jahren unter mehrfachem Druck eindrucksvoll behauptet – und viele seiner Kritiker widerlegt. Dies geschah aber nicht von allein. Es ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Anstrengung, an der vor allem Unternehmen und Gewerkschaften, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, aber auch die Politik ihren Anteil haben. Ob es um moderate Lohnabschlüsse und die Flexibilisierung von Tarifverträgen angesichts zunehmend harter Kostenkonkurrenz der Industrie ging, ob der Staat die Steuern für Wirtschaft und Bürger auf ein im internationalen Vergleich mittleres Niveau senkte oder ob Leistungen bei Arbeitslosigkeit stärker auf Bemühungen um neue Beschäftigung ausgerichtet wurden – immer stand der Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit im Zentrum. Dieser Kampf hatte einen Preis, der sich unter anderem in schwachen Einkommenszuwächsen und stagnierenden Reallöhnen abbildet. Aber er hatte auch Erfolg, denn die Arbeitslosigkeit ist gesunken und die Langzeitarbeitslosigkeit hat sich halbiert. Vollbeschäftigung galt 30 Jahre lang als derart unerreichbar, dass schon der Begriff verpönt war. Mit Arbeitslosenquoten um derzeit rund 7 Prozent und erwartbaren 6,2 Prozent in 2012 (so eine OECD-Prognose aus dem November 2010) rückt das Ziel, die Massenarbeitslosigkeit zu besiegen, in greifbare Nähe.

Paradigmenwechsel durch Bildung und Integration

Zum Kern sozialdemokratischer Reformpolitik gehörte der Versuch, das Bildungsversprechen gleicher Chancen zu erneuern und die Durchlässigkeit der Gesellschaft unter veränderten ökonomischen und sozialen Bedingungen zu gewährleisten. Die gestiegenen Qualifizierungsanforderungen guter Arbeit haben die Bedeutung von Bildung und Ausbildung dramatisch erhöht. Das deutsche Bildungssystem war weit dahinter zurückgeblieben, und die erste Pisa-Studie machte schockartig klar, dass andere Länder die Anforderungen, besonders bei Ein- und Aufstiegschancen für Einwanderer, weit besser bewältigen. Mit einem umfassenden Paradigmenwechsel der Gesellschaftspolitik durch Bildung und Integration, mit einer aktivierenden und vorsorgenden Sozialpolitik durch frühkindliche Förderung, Ganztagsschulen und verpflichtende Sprachkurse ist es gelungen, die Trendwende zu erreichen. Die Pisa-Studie 2009 bestätigt, dass Deutschland nun leicht über dem Durchschnitt der untersuchten Länder liegt, auch wenn die Spitze noch weit entfernt ist und die Kinder arbeitsloser, gering verdienender, nicht akademisch gebildeter Eltern noch lange keine gleichen Chancen haben.

Umbau und Stärkung des Sozialstaates

Anfang des vergangenen Jahrzehnts hatte der deutsche Sozialstaat viel von seiner Akzeptanz eingebüßt. Zu den größten Erfolgen der Wirtschaftsentwicklung und der Reformen zählt die Tatsache, dass das Vertrauen in den Wert und die Zukunftsfähigkeit des Sozialstaates heute wieder breit verankert ist. Die Legitimationskrise der Sozialpolitik war verursacht worden durch die Massenarbeitslosigkeit, die Deindustrialisierung Ostdeutschlands, den demografischen Wandel mit wachsenden Ausgaben für die Alterssicherung bei abnehmender Bevölkerung im erwerbsaktiven Alter (seit Anfang des Jahrzehnts ist sie um 1,6 Millionen gesunken), eine zu geringe Wirksamkeit bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik bei insgesamt hohen Ausgaben zur Absicherung der Erwerbslosigkeit und nicht zuletzt durch steigende Staatsverschuldung und Zinslasten. Mit dem Umbau wurden Hunderttausende Sozialhilfeempfänger in die Vermittlung aufgenommen. Die Leistungsbilanz der Arbeitsmarktpolitik wurde verbessert. Mehr Eigenverantwortung und Eigenvorsorge forderten von den Menschen auch finanzielle Lasten. Im Ergebnis aber ist die Stabilisierung der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung ebenso wie der Arbeitslosenversicherung gelungen.

Industriepolitik und Wachstum auf neuen Grundlagen

Die Erneuerung des Sozialstaatskonsenses wäre nicht geschehen ohne eine entschiedene Industriepolitik, die wirtschaftliches Wachstum auf neuen Grundlagen ermöglichte. In Ostdeutschland begann eine Phase des industriellen Neuaufbaus mit innovativen Technologien. Wenn in einem Land wie Brandenburg die Arbeitslosigkeit auf unter 10 Prozent gesunken ist, so spricht das auch für den Erfolg der industriellen Modernisierung in Branchen wie der Energietechnik. Auf kaum einem Gebiet ist Deutschland so erfolgreich wie bei der Energie- und Rohstoffeffizienz, die alle Industriezweige erfasst hat. Strategische Industriepolitik einschließlich ordnungspolitischer Rahmenbedingungen in der Steuerpolitik und des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat Deutschland zum Ausrüster der Welt für ökologische Problemlösungen gemacht. Dabei hat sich die ökonomische Basis unseres Mittelstands verschoben. „Greentech“ bringt in der ganzen Breite seiner Anwendungen – von Energie, Entsorgung und Bau über Mobilität bis zur Informationstechnik – gute Einkommen für eine wachsende Zahl von Unternehmern, Ingenieuren oder Programmierern. Das hat Folgen für den „Überbau“ sowohl von Interessenverbänden als auch von kulturellen Leitbildern. Kammern und Wirtschaftsverbände erleben eine beunruhigende Veränderung ihrer zahlenden Mitgliedsunternehmen. Der DIHK-Präsident der Zukunft könnte mit Outdoorjacke vor die Mikrofone treten und die ökologische Finanzreform mit Anreizen für die unternehmerische Klimaschutzavantgarde fordern. Die Grünen profitieren gegenwärtig nicht nur von einem Medienhype. Sie schaffen es, den Wandel der Produktivkräfte zu nutzen und ein neues Jack-Wolfskin-Bürgertum für sich zu gewinnen.

Aufschwung 2010

Deutschland hat sich fundamental verwandelt und Zukunftsfähigkeit gewonnen. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dann kam er mit der in Europa beispiellosen Stabilität, die das Land in der Finanzmarktkrise gezeigt hat. Ein ungewohnt couragierter Pragmatismus staatlicher Interventionen, der verschworenen Ideologieparteien von Linksaußen bis Liberal die Orientierung geraubt hat, ging zusammen mit den Leistungen der Strukturreformen. Die tieferen und kürzeren Wurzeln des Aufschwungs 2010 sind weiter verzweigt als die politische Propaganda der gegenwärtigen Regierung zugeben kann. Zweifellos aber haben sie eine Kraft, die weit ins nächste Jahrzehnt hineinreicht. Das trifft auf die Wirtschaft zu, aber nicht weniger auf den Wandel des Bewusstseins. Ohne dass sich jeder immer davon Rechenschaft ablegt, haben die sinkenden Arbeitslosenzahlen die Deutungs- und Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gestärkt und die Frage der Verteilungsgerechtigkeit für eine Mehrheit wieder plausibel gemacht. Wenn in den kommenden Jahren die Hoffnung auf Fortschritt zurückkehrt, die Westdeutschland nach 1973 und die neuen Bundesländer in den neunziger Jahren verlassen hat, dann hat daran der Zukunftsentwurf des Projekts 2010 mit dem erfolgreichen Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit großen Anteil. Die Aufgabe des nächsten Jahrzehnts ist es, diese Hoffnung klug zu nutzen.
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Chali schrieb am 05.01.2011 um 14:31
Ich überlegte mir gerade, wieso so ein Schrott in dieser Zeitung veröffentlicht wird, bis ich zum "Hintergrund" kam ... der erklärt manches.

Man wundert sich ja dass der ... Herr nicht die Einrichtung von Suppenküchen und Tafeln (von 0 im Jahre 2000 auf 800) zu den Leistungen jener Partei rechnet.
Augenzeuge schrieb am 05.01.2011 um 14:47
"Modernisierungsschub" ... "Bewegungsgewinn" ... trauriger Zyniker! Für manche Leute sind Menschen nicht mehr als Verschiebemasse ...
claudia schrieb am 05.01.2011 um 16:49
Platt, penetrant unkonkret, marktschreierisches Eigenlob und ein paar Lügen: Es liest sich wie ein Text aus der Werbeagentur.
Und wahrscheinlich wurde er auch dort entworfen.
thinktankgirl schrieb am 05.01.2011 um 17:20
SPD-Kanzler Schröder - Rede am 28.01.2005 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos:

Drittens: Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. Ich rate allen, die sich damit beschäftigen, sich mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen, und nicht nur
mit den Berichten über die Gegebenheiten. Deutschland neigt dazu, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, obwohl es das Falscheste ist, was man eigentlich tun kann. Wir habeneinen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt. Es hat erhebliche Auseinandersetzungen mit starken Interessengruppen in unserer Gesellschaft gegeben. Aber wir haben dieseAuseinandersetzungen durchgestanden. Und wir sind sicher, dass das veränderte System am Arbeitsmarkt erfolgreich sein wird. Dieses System zwischen Fördern der Qualifikation und Fordern der Leistung von denen, die leistungsfähig sind, wird nach einer
Übergangszeit auch zu einer Reduzierung der Arbeitslosigkeit in Deutschland führen.


Übrigens habe ich vor kurzem gelesen, daß Gazprom aus dem zerschlagenen Chodorowski-Imperium hervorgegangen sei.
Fro schrieb am 05.01.2011 um 17:31
Der Höhepunkt des Skandals ist, dass sich Schröder bis heute nicht beim Souverän für seine Weichenstellung in die neoliberale Verelendungspolitik entschuldigt hat. Herr Schmolke sah sich leider auch nicht genötigt sich glaubhaft von dieser Politik zu distanzieren - so wird es nichts SPD.
Fro schrieb am 05.01.2011 um 17:32
Seltsam, dass es so wenige SPD-Mitglieder gibt, die einen SPD-Ausschluss Schröders fordern
claudia schrieb am 05.01.2011 um 18:29
>>dass sich Schröder bis heute nicht beim Souverän für seine Weichenstellung in die neoliberale Verelendungspolitik entschuldigt hat.<<
Das ist Standard. Die HRE-Manager haben sich auch nicht beim Volk für mehrere 100 Mrd. Transferleistung bedankt.

---
>>Seltsam, dass es so wenige SPD-Mitglieder gibt, die einen SPD-Ausschluss Schröders fordern.<<
Es gab eine andere Reaktion: SPD-Mitglieder, die nicht einverstanden waren, gründeten die WASG.
Freier Bürger schrieb am 06.08.2011 um 17:05
Die rot-grüne Regierung unter Schröder wird in die Geschichtsbücher eingehen. Eine herausragende Leistung steht dafür: Die "Agenda 2010". Ohne diese damals überfälligen Reformen würde unser Land heute nicht so vergleichsweise gut dastehen. Es spricht für Schröder, dass er dies alles durchsetzte, obwohl er wusste, dass diese Politik in weiten Teilen seiner Partei umstritten war. Er reiht sich damit ein in eine Liste großer Kanzler, die sich in ihrer Zeit nicht scheuten, auch unpopuläre Weichenstellungen durchzusetzen:

Adenauer die Westintegration
Brandt die Ostpolitik
Kohl die Europa- und Wiedervereinigungspolitik
Schröder die Agenda 2010

Wofür steht Angela Merkel?
Ich hoffe sehr, sie wird einmal dafür stehen, eine solide Haushaltspolitik mit zügigem Schuldenabbau, niedrige Steuern und ein einfaches Steuersystem, einen wirklich stabilen Euro (oder, wenn dies nicht möglich ist, den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion) durchgesetzt zu haben.


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