Kultur : Die kalkulierte Katastrophe

Für einen wirksamen Klimaschutz ist die Berechnung von Emissionen unentbehrlich. Doch gerade die Zahlen sind das Problem

Zum Kommentar-Bereich

Robert und Brenda Vale haben verstanden, wie man den Menschen den Klimawandel auftischen muss. Insbesondere wissen sie, wie man die Leute für Zahlen interessiert. Als im vergangenen Oktober Time to eat the dog (Zeit, den Hund zu essen) erschien, erregte das Paar von der Viktoria University in Wellington, Neuseeland, mehr Aufsehen mit seiner Veröffentlichung, als es zuvor manch drastisches Klimaszenario vermocht hatte. Haarklein rechnen die Öko-Architekten den Lesern in ihrem Buch vor, warum ein Schäferhund deutlich größere Mengen CO2 in die Atmosphäre schleudert als der dicke Geländewagen vor der Haustür. Weshalb jede durchschnittliche Hochzeitsfeier mehr Energie verzehrt (und Emissionen erzeugt) als ein Einfamilienhaus innerhalb von zehn Jahren. Und wieso ein Goldhamster am Ende weit zuträglicher für das Weltklima ist als Golfspielen.

Nahrung, Haustiere, Familienfeste, baum­­loser Rasen – nicht nur Kohle und Erdöl heizen dem Planeten Erde ein. Jeder noch so banale Akt des Menschen, angefangen beim Atmen, erzeugt Treibhausgase, und die Vales sind natürlich nicht die Ersten, die das erkannt haben. Seit dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 und der damals vereinbarten Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) ist die Bilanzierung von Treib­hausgasen eines der wichtigsten Instrumente der internationalen Klimaforschung und Umweltpolitik.

Sie bildete die Grundlage für das Kyotoprotokoll von 1997, das den Handel mit Emissionen vorbereitete. Seine 184 Vertragsstaaten verpflichteten sich, fortan regelmäßig über die klimapolitische Lage im eigenen Land zu berichten. Zudem müssen die teilnehmenden Indus­trienationen seit 2003 jährliche Emissions-Inventare (National Inventory Reports) beim Bonner UNFCCC-Sekretariat einreichen. Darin legen sie den Ausstoß der wichtigsten sechs Treibhausgase dar, rechnen ihn auf CO2-Äquivalente um und schlüsseln ihn nach sechs fest vorgegebenen Sektoren auf, die vereinfacht lauten: Energie, Industrieprozesse, Landwirtschaft, Abfall, Landnutzung, Verbrauch von Lösungsmitteln.

Monströse Kalkulationen

Autos und Golfplätze finden in diesen ausführlichen Zahlenwerken nun zwar genau so statt wie in die provokanten Berechnungen der neuseeländischen Buchautoren. Konfrontiert wird die breite Öffentlichkeit aber in der Regel mit den anderen, den ganz ungeheuerlichen Ziffern und Prozenten, die sich aus den Gesamtbilanzen der Inventare ableiten lassen ­– oder, bei Staaten wie China, aus anderen Daten. So beteten die Nachrichtenagenturen anlässlich des Kopenhagener Klimagipfels die geläufigen internationalen Vergleiche herunter: China und die Vereinigten Staaten sind für 40 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Der Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen ist in den USA – laut UNFCCC-Berichten – mit rund 20 Tonnen CO2 pro Jahr knapp doppelt so hoch wie der entsprechende Pro-Kopf-Ausstoß der Deutschen. 2007 lag er hierzulande etwa bei 11 Tonnen CO2 pro Person. Ganz global betrachtet pusten die so genannten Annex-I-Staaten, also die Industrienationen, jährlich ingesamt rund 17 Milliarden Tonnen Treibhausgas in die Luft. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, müssen die globalen CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 halbiert werden.

Es kann einem schwindlig werden, wenn man sich diese Zahlen zu Gemüte führt, die in ihrer Lebensferne schwer zu überbieten sind. Was nicht von ungefähr kommt, denn das Rohmaterial der monströsen Emissions-Kalkulationen ist bereits von höchst abstraktem Charakter. Genauer gesagt handelt es sich um reine Statistik. „Das Erste, wovon sie sich lösen müssen, ist die Vorstellung, dass wir für die Inventare irgendwelche Messungen an Schornsteinen oder Auspuffrohren vornehmen“, konstatiert denn auch Michael Strogies vom Umweltbundesamt (UBA). Die Behörde koordiniert und verfasst den jährlichen Bericht der Bundesrepublik für das UNFCCC-Sekretariat. Die neueste Ausgabe ist gerade fertig geworden, wird derzeit ins Englische übersetzt und umfasst dieses Mal ganz bescheidene 800 Seiten – statt wie zuletzt 500. Dort finden sich Treibhausgas-Bilanzen von jeglicher Sorte Hausmüll, allen nur erdenklichen Spezialkraftstoffen, den verschiedensten Bebauungsarten deutscher Landstriche und Wälder – und was die Daten des Statistischen Bundesamtes oder anderer Zulieferer noch alles hergeben.

Denn ermittelt werden die Zahlen des Mammutwerks eben nicht bottom-up, also aus detaillierten Berichten einzelner Unternehmen – wie jene, die für den Emissionhandel vorgelegt werden müssen ­–, sondern top-down. Sozusagen nach „Kochbuch“ – so nennt UBA-Leiter Strogies die standardisierten Vorgaben des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC, der wissenschafliche Klimarat der Vereinten Nationen). Diese methodischen Handicaps schließen sogenannte Emissionsfaktoren ein, mit deren Hilfe sich aus einer statistischen Ziffer, wie zum Beispiel der Produktionsmenge von Bauzement, ein spezifischer CO2-Ausstoß berechnen lässt.

Will das UBA die Emissionsfaktoren ergänzen oder verändern, muss es sich selbst bemühen, und seine Anpassungen im Report auch hinreichend begründen. Klingt zunächst nicht sehr komplex, aber in den Sektoren Abfall und Landnutzung ist die Datenlage recht schwierig. So führen zum Beispiel die variable Zusammensetzung des Mülls oder die schwer zu ermittelnde Dichte der Bewaldung zu Ungenauigkeiten. Die Masse der zu bewegenden Daten und die nötige Vernetzung von Institutionen tun ihr Übriges, um einen stattlichen Apparat mit dem Bericht zu beschäftigen.

Kurzum: Der Aufwand ist exorbitant, auch mit Blick auf die Kosten. Schwellen- und Entwicklungsländer müssen solche Berichte deshalb gar nicht erst abgeben, denn sie könnten sich derartige Anstrengungen finanziell oder strukturell nicht leisten. Zwar lassen sich auch diese fehlenden Emissionsdaten grob anhand von ­Daten bestimmen, die etwa der Internationalen Energieagentur oder der Food and Agriculture Organisation vorliegen. Wissenschaftlichen Ansprüche dürften solche Näherungen jedoch kaum zufrieden stellen. Und das, obwohl der Nutznießer der Emissions-Inventare bisher weniger der praktizierende Klimaschutz ist, als die Wissenschaft: Nachdem die Daten im UNFCCC-Sekretariat eingereicht, geprüft und für stimmig befunden werden, dienen sie als Fundament für die Modellierung von Klimaszenarien.

Zahlen sind nicht vergleichbar

Julia Nabel ist Informatikerin am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Sie arbeitet mit diesen Datensätzen, obwohl sie die absoluten Zahlen für nicht direkt vergleichbar hält. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Wissenschaftler für die Modellierungen des Klimawandels auf die Daten der UNFCCC-Berichte zurückgreifen. Erst im November veröffentlichte das Fachmagazin Nature Geoscience eine Studie, die sich auf die Daten des Global Carbon Projects (GCP) beruft: einer Nichtregierungsorganisation, die eigene globale Emissionsziffern bestimmt und damit Klimaszenarien modelliert. Zum Wohle der Vergleichbarkeit drückt das GCP die CO2-Bilanzen zudem in Kohlenstoff-Tonnen aus. „Man kann sich aber damit trösten, dass die Klimamodelle auf bestimmte Datensätze kalibriert sind“, sagt Julia Nabel. „Dieselben Methoden zur Berechnung ergeben dann auch das, was wir wissen wollen: Wie sich das Klima verändert.“

Umfassende und vergleichbare Emis­sionsdaten sind aber Voraussetzung dafür, dass die Klimaveränderung künftig von einem ernsthaften globalen Handel mit CO2-Zertifikaten gebremst werden kann. Daher entfaltet der Aufwand, der für die Inventare betrieben wird, derzeit keine nennenswerte Wirkung. Der jüngste Klimagipfel endete nicht bloß mit einem beschämenden Fiasko, sondern mit einem überdeutlich von nationalökonomischen Egoismen geformten Debakel. Dass dies noch keinerlei Massenproteste provozierte, darf man dennoch nicht nur dem komplexen Rechenapparat der internationalen Klimabehörden anlasten.

Die Bewohner der Industrienationen empfinden das Klima wohl immer noch als hinreichend prima – und denken in erster Linie an ihr persönliches Wohlergehen. Auch die deutschen Bundesbürger müssen wenig Interesse für das weitere Schicksal ihres Heimatplaneten aufbringen. Denn bei ihrer persönlichen Bilanz von mehreren Tonnen Treibhausgas im Jahr handelt es sich lediglich um einen unpersönlichen Durchschnittswert, für den sie sich nicht verantworten müssen. Im Vergleich zum weltweiten Gesamtausstoß von Milliarden Tonnen Kohlendioxid erscheint er zudem als so vernichtend gering, dass jedes eigene Bemühen als Akt der Lächerlichkeit erschiene. Den Hund abschaffen? Das alte Auto weiter fahren, weil für den neuen Geländewagen schon in der Herstellung massig CO2 verpuffen würde? Stattdessen lieber eine neue Heizung einbauen lassen? Was soll das bringen?

Nur noch fromme Wünsche

Wenn, dann möchte man seinen Einsatz auch irgendwie messen können. Für diese nachhaltige Einstellung haben sich die Bundesbürger letztlich mit einer Regierung belohnt, die sich nach einem ökologischen Lapsus wie der Abwrackprämie noch immer als wahlweise vorreitend oder vorbildlich im globalen Kampf gegen den Klimawandel begreift – und diese Rolle im Kopenhagener Gemenge um ein Abkommen auch in überzeugender Weise gerechtfertigt hat. Das Resultat ist bekanntlich ein Papier, das den vollmundigen Ankündigungen der schwarz-gelben Koalition zum Trotz keine verbindlichen oder rechtsgültigen Ziele enthält. Stattdessen formuliert es allein das gemeinsame Bestreben, die Erde in den kommenden Jahrzehnten um nicht mehr als zwei Grad aufzuheizen. Wie will man sich diesen frommen Wunsch erfüllen? Allein mit aufwändig errechneten Emissionsziffern, die gar nicht für ihren Zweck genutzt werden können und das Vorstellungsvermögen der breiten Öffentlichkeit überfordern? Um der heraufziehenden Realität ins Auge zu blicken, wird es bald nicht mal mehr eines Thermometers bedürfen, geschweige denn eines Emmissionsregisters. Die Konsequenzen werden spürbar und sichtbar sein. Weltweit.