Wissen

Ozeane | 24.07.2010 17:00 | Tim Adams

Seelachs an Plastiksoße

Mit einem Boot aus Kunststoff-Flaschen folgt ein Bankierssohn den Spuren Thor Heyerdals. Er findet Müll. Und wenig Leben

Nach 100 Tagen auf dem Meer wird dir klar, dass es eigentlich Planet Ozean und nicht Planet Erde heißen müsste“, sagt David de Rothschild auf der Insel Neukaledonien –  „einem winzigen Stückchen Frankreich in der Südsee“, wie er sagt. Es ist der Abend bevor seine Plastiki zur letzten Etappe einer Reise aufbricht, die im März in Kalifornien begann, und die Ende Juli in Sydney enden soll.

Die Plastiki ist ein Katamaran, der auf 12.500 Plastikflaschen schwimmt. Er wurde konzipiert, um die Aufmerksamkeit auf die systematische Verschmutzung und Überfischung der Ozeane zu lenken. Seit sich der abtrünnige Sohn David aus der Bankierdynastie de Rothschild mit seiner fünf Mann starken Crew von San Fransisco aus auf den Weg gemacht hat, konnte sie vieles entdecken. Vor allem habt sie eine Menge über das Meer, über seine Kraft und seine Fragilität gelernt.

Auf den 1.700 Meilen von Samoa nach Neukaledonien wurde die unkonventionelle Konstruktion des Schiffes vor allem durch die Kraft auf die Probe gestellt: 13 Fuß hohe Wellen und 35 Knoten schnelle Winde. Es sei schwer nicht daran zu denken, welch unbedeutende Rolle man im Universum spielt, sagt de Rothschild, wenn man 1.000 Meilen von der nächsten Küste entfernt in absoluter Finsternis über der Reling einer Jacht hänge, die teilweise aus nichts als Plastikflaschen besteht, während der Pazifik über einem hereinbreche.

Suppe aus Abermillionen Plastikteilchen

Die Fragilität des Meeres konnten sie an dem Ort beobachten, an dem ein Großteil des weggeworfenen Plastiks landet: dem eastern garbage patch, einem schwimmenden Kontinent aus Müll, der das eigentliche Ziel der Reise war. Nichts, was die Mannschaft im Vorfeld gelesen hatte, konnte sie auf das vorbereiten, was sie vorfand, als sie durch dieses Gebiet navigierte, das zweimal so groß ist wie die Nordsee. „Zuerst sieht man es nicht“, sagt de Rothschild. „Aber wenn man ins Meer taucht, dann merkt man, dass alles eine Suppe aus Millionen und Abermillionen kleiner Plastik­partikel ist, die im Wasser treiben. Die meisten von ihnen sind von mikroskopischer Größe, wenn sich deine Augen aber darauf eingestellt haben, erkennt man die Reflektionen der größeren Teilchen. Die roten stechen am meisten heraus.“ Das Müllfeld wurde vor 12 Jahren zum ersten Mal im Nordpazifikstrudel entdeckt, wo das Wasser aufgrund des schwachen Windes und der extrem hohen Drucksysteme nur langsam zirkuliert.

ANZEIGE

Zu den Dingen, die die Plastiki unter Beweis stellt, gehört die Langlebigkeit moderner Polymere: Die zusammengepressten Flaschen, die ihren Rumpf bildeten, wurden auf der 8.000 Meilen langen Reise kaum verformt, geschweige denn beschädigt. „Aus diesem Grund existiert heute noch so ziemlich jede Plastikflasche, die je hergestellt wurde“, sagt de Rothschild.

Der Trip der Plastiki durch den Müllteppich wurde zwar von einer wesentlich augenfälligeren Verschmutzung in den Schatten gestellt, der Ölpest im Golf von Mexiko. Aber selbst die erscheint gering im Vergleich zu dem, worauf die Plastiki den Blick lenkt. Während die vom Öl getöteten Seevögel und Meeressäugetiere noch in Hunderten gezählt werden, ist die Verschmutzung mit Plastik für das Verenden von mehr als einer Million Seevögel und mehr als 100.000 Meeressäugertieren pro Jahr verantwortlich. 2006 kamen die Vereinten Nationen zu dem Ergebnis, dass jede Quadratmeile des Ozeans 46.000 Plastikteile enthält. Seitdem hat sich das Problem nur noch weiter verschärft.

Wo sind all die Fische?

„Eines der Probleme, den Menschen diese Dinge begreiflich zu machen, besteht darin, dass man die Teilchen nicht fotografieren kann, weil sie zu klein sind“, erklärt de Rothschild. „Das Wichtigste und Konkreteste für den Einzelnen ist vielleicht der Gesundheitsaspekt: Die Teilchen werden von den Meerestieren verschluckt und geraten so in unsere Nahrungskette. Wir alle machen das. Wir alle werfen dieses Zeug, diese Plastikverpackungen in den Müll und denken dann, es sei verschwunden. Aber auf dem einen oder anderen Weg kommt es zu uns zurück und manches davon landet auf unseren Tellern.“ Inspiriert wurde die Reise der Plastiki durch die Pazifikreise, die Thor Heyerdahl 1947 auf der Kon-Tiki unternahm. Sohn Olav Heyerdahl begleitete de Rothschild einen Teil des Wegs an Bord des Flaschenboots. De Rothschild glaubt, der Vergleich zwischen den beiden Fahrten illustriere noch andere Aspekte der Fragilität des Meeres. „Wenn man sich den auf der Kon-Tiki gedrehten Film ansieht und Heyerdahls Bericht liest, ist man erstaunt, wie lebendig das Meer damals offenbar war. Sie mussten wirklich Fische von Deck schmeißen.“ Die Plastiki-Crew machte da eine ganz andere Erfahrung. „Wir fragten uns vielmehr: Wo sind sie denn alle? Wir sahen ein paar Delfine, aus der Entfernung ein paar Wale, den ein oder anderen fliegenden Fisch, aber ansonsten rein gar nichts.“ Während Heyerdahl sich auf seiner Reise allein von Fisch ernähren konnte, fing die Plastiki-Crew während der ganzen drei Monate lediglich ein paar wenige Thunfische, obwohl sie jeden Tag die Netze auswarf. „Wenn man liest, dass weltweit ungefähr 80 Prozent der Fischbestände verschwunden sind, kann man das kaum glauben – bis man hier raus kommt.“

Selbst mitten im größten Ozean der Welt fällt es schwer, mit einigen der Gewohnheiten zu brechen, die das Problem hervorgebracht haben. Auf der Weihnachtsinsel, wo viele Lebensmittel mit amerikanischen Verpackungen ankommen, sei deshalb selbst Eis am Stiel ein Problem.

Auf Samoa wetteiferten die Dörfer um die besten Recycling-Pläne, aber sobald die Leute ihren Hinterhof verließen, konnte De Rothschild Alte wie Junge gleichermaßen dabei beobachten, wie sie Plastikflaschen ins Meer warfen.

Eine der dankbareren Erfahrungen der Reise äußerte sich in der Art und Weise, wie die Botschaft von de Rothschild offenbar aufgenommen und kommuniziert wurde. Die Plastiki betreibt ein lebendiges Ship-to-shore-Blog (theplastiki.com). – „vom Meer aus über das Meer sprechen“ – und egal, wo sie anlegten, liefen die Menschen schon ganz aufgeregt auf sie zu. In Neukaledonien seien ungefähr drei Viertel der Leute, die das Schiff gesehen hätten, zu ihnen gekommen um zu erzählen, dass sie von dem Projekt gelesen hätten und es unterstützen wollten. Dennoch habe er mit ansehen müssen, wie einer dieser angeblichen Unterstützer Tüten voller Müll von seinem Boot aus ins Meer warf. „Keinem von uns gefällt die Vorstellung, das eigene Nest zu beschmutzen, aber wir sind nicht gut darin, die ganze Welt als unser Nest zu begreifen.“

Metapher für den Verzicht

Die Plastiki-Crew möchte keinen Pessimismus verbreiten, auch wenn de Rothschild zugibt, manchmal das Gefühl zu haben, er schlage mit dem Kopf gegen eine Backsteinmauer. Ihre eigenen Müllvermeidungsstrategien an Bord waren recht erfolgreich: Sie kompostierten Abfälle, luden Batterien mit einer Mischung aus Solarzellen und Fahrrad-betriebenen Turbinen auf. Ein Leben ohne Plastik gestaltet sich indes extrem schwierig. Als wir uns unterhalten, hat er gerade die Einkäufe für den letzten Teil der Reise nach Sydney erledigt. Im Supermarkt war alles Gemüse und der ganze Salat in Plastik eingewickelt. „Es ist wie eine Seuche. Aber wir dürfen den Glauben nicht verlieren, dass wir die Leute überzeugen können. Wegwerfplastik könnte man auf recht einfache Art und Weise durch ein Gesetz loswerden. Supermärkte dazu zu bewegen, wiederverwertbare Verpackungen zu verwenden, ist nicht allzu schwer.“

Die Internetseite der Crew ist voll mit Geschichten von Leuten, die dem Vorbild der Plastiki folgen und sich vornehmen, Plastikflaschen von ihrer Schule oder ihrem Arbeitsplatz zu verbannen, oder eine Null-Abfall-Politik einzuführen. De Rothschild hofft, dass die Reise zur Metapher für derlei Aktivitäten werden kann. „Wir sind keine Wissenschaftler oder Meeresbiologen, sondern nur ein paar Bürger. Aber wir wollen zeigen, dass wir etwas erreichen können, wenn wir zusammenarbeiten.“

Dieser Geist der Zusammenarbeit wurde an Bord des Katamarans wahrlich auf die Probe gestellt. Ich sah das Schiff vor seinem Auslaufen in San Fransisco und war erstaunt, wie wenig Raum die Crew zu Verfügung hatte, nicht zuletzt für den 1,93 Meter großen de Rothschild: Die Kabine war nicht mehr als eine kleine geodätische Kuppel. Wie sind sie damit zurechtgekommen?

„Für gewöhnlich ist man abends so erschöpft, dass man überall schlafen könnte. Es ist wirklich ein seltsamer Kontrast: Man befindet sich auf dieser winzigen Plattform und hat gleichzeitig diesen enormen Raum um sich. In gewisser Weise gerät die ganze Sache zu einer Art Tanz: Man ist sich der anderen und der Art, wie sie sich bewegen, auf fantastische Weise bewusst. Wir haben eine Regel aufgestellt: Wenn einer sagen will ,Verdammt, du gehst mir auf die Nerven!‘, und das tun wir alle ständig, dann muss er dies auf scherzhafte Weise machen.“

Sydney ist nicht so weit weg, aber es gibt da einige raue Stellen und deshalb versucht er, nicht allzu weit voraus zu blicken. „Wir werden ein Kapitel zu Ende bringen. Aber wir fangen erst damit an, den Leuten diese Botschaft zu vermitteln. Ich hoffe, das Schiff wird als Symbol dafür um die Welt gehen. Ich fühle, dass wir uns in jeder Hinsicht in der Ruhe vor dem Sturm befinden.

Tim Adams ist Reporter des britischen Observer. Zu seinen Spezialitäten zählen Porträts von Literaten, Abenteurern und Forschern

Übersetzung: Holger Hutt
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
h.yuren schrieb am 06.08.2010 um 15:13
noch kein kommentar zu diesem artikel! jetzt, nach 2 wochen. schade. aber hoffen wir mal, dass viele den text gelesen und interessant gefunden haben, ohne ein zeichen zu setzen.
ich kann mich erinnern, dass schon ein blog das thema anging, meine ich. ich sehe noch die fotos dazu.
der redaktion, dem autor und dem übersetzer sei dank, dass sie den artikel zur lage der meere präsentiert haben.
vielleicht hätte etwas mehr dampf gemacht werden sollen für ein plastiktütenverbot nach kalifornischem muster. die tüten werden einem regelrecht aufgedrängt in den geschäften.
hibou schrieb am 06.08.2010 um 15:15
hab grad gestern gehört, in ruanda seien plastiktüten verboten. küstenlaender schliesst euch an!
hibou schrieb am 06.08.2010 um 15:16
(mir wird sicher gleich vorgeworfen, ruanda habe nix mit den weltmeeren zu tun)
Emil schrieb am 08.08.2010 um 16:22
Der Artikel hat mich sehr beeindruckt. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass der Plastikkram zum größten Teil verbrannt wird. Aber das trifft vielleicht nur für die mülltrennenden Deutschen zu. Wie gelingt der Plastikmüll ins Meer? Bei uns landet er doch auf den Deponien, wenn er nicht verbrannt wird. Oder gibt es auch hier massenhaften Export von Plastikmüll in Länder, die ihn ins Meer kippen?

Ich glaube nicht, dass eine Änderung des Kaufverhaltens realistisch durchsetzbar ist. Sinnvoller sind schärfere Bestimmungen, den Müll nicht ins Meer zu kippen und, wenn das doch geschieht, drakonischer zu bestrafen. So wie seinerzeit die "Verklappung" von Altöl usw.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Bad Science
Ben Goldacre über verblendete Forschung

die Skeptiker
Blog zum Magazin wider die Parawissenschaft

not exactly rocket science
Ausführlich, schön: Ed Long über Wissenschaft

Plazeboalarm
Marcus Anhäuser wacht wachen Auges, nicht nur über Medizin

PrimaKlima
Mit feiner Ironie gegen die Klimaskeptiker

Stationäre Aufnahme
Einblicke in Big Pharma und Gesundheitspolitik

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG