Wissen

Diagnose: Mensch | 27.01.2012 16:00 | Kathrin Zinkant

Im Lichte der Variation

Fische im Gelbett, Elektroden im Nagerhirn: Wie erkläre ich's dem gemeinen Bürger? Kommunikationsgebärden der Wissenschaft am Beispiel Optogenetik

Wenn es um Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit geht, haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren viel hinzugelernt – möchte man meinen. Es gibt Preise für science communication und gar Kurse, in denen junge wie etablierte Forscher an der Kommunikation ihrer ambitionierten Experimentalumtriebe feilen können. Ist ja auch nicht leicht: Wie etwa vermittelt man einem unbedarften Bürger, dass man sich qua Routine über festgeschnallte kleine Säugetiere beugt, um deren Gehirne per Genetik fernsteuerbar zu machen, was ja ganz eventuell auch eine mögliche Applika­tion am Menschen impliziert?

Tatsache ist: Die Kommunikationsstrategien der Forscher sind noch immer erstaunlich indivi­duell. Eindrücklich ließ sich das zuletzt in Wissenschaft im Brennpunkt erfahren. Das halbstündige Feature, das sonntags im Deutschlandfunk gesendet wird und für das an dieser Stelle mal ausdrücklich Reklame gemacht werden soll, befasste sich vergangene Woche mit der Optogenetik – einer neuen Methode, mittels der Nervenzellen mithilfe eines genetischen Tricks ein lichtempfindliches Steuer­element eingebaut kriegen. Licht an, Nervenzelle an, das ist das Prinzip. Das eigentlich Interessante aber: Es kommen in dem Beitrag mehrere, teils führende Forscher des Gebiets per O-Ton zu Wort, um zu erklären, was sie da eigentlich tun.

Strategie eins: Sei so shockin‘ crazy, dass die Leute dich nicht mehr allzu ernst nehmen. Oxford-Neurophysiologe Gero Miesenböck erzählt zur Illustration seiner (bloß der Grundlagenforschung dienenden) Versuche an Taufliegen von einem Doppelgänger. „Doc Geros“ Schädeldecke sei durch Plexiglas ersetzt worden, er könne durch das Glas per Lichtbefehl gesteuert werden. Haha! Miesenböcks Mit-dem-Frankenstein-ins-Haus-fall-Taktik funktioniert und erntet viele Lacher – solange sich kein Zweifel am Übertreibungscharakter dieser Strategie regt.

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Schwimmen auf dem Monitor

Was im Zuge eines umfassenden Beitrags aber bisweilen passiert. Zum Beispiel, wenn Strategie zwei lautet: Immer trocken bleiben. So meidet Harvard-Jungprofessor Florian Engert jeden Eindruck von Skurrilität, wenn er über seine Arbeit spricht. Die besteht darin, lebende Zebrafische in einem Gelbett zu fixieren, um sie hernach in einer virtuellen Bildschirmwelt schwimmen zu lassen, in der die Fische nicht nur völlig überzeugt davon sind, dass sie wirklich schwimmen – das denkt ja jeder Computerspieler. Nein, dank Optogenetik lassen sich dabei schon einzelne Muskelgruppen der gelähmten Flossentierchen gezielt steuern. Was Engert, klar, „gar nicht so spannend“ findet, weil interessant wird es doch erst im zentralen Nervensystem. Also im Gehirn. Was das mit den Muskeln für den Vergleich mit dem Computerspieler bedeutet, spielt mithin keine Rolle.

Also, auf ins Säugerhirn und ab ins Dunkel unterhalb der Schädeldecke. Bevor man Mäusen zwecks Illumination ein Glasfaserkabel in den Kopf steckt, muss optogenetisch am offenen Nagerhirn operiert werden, und hier fährt eine Master-Studentin der Ruhr-Universität-Bochum Strategie drei auf: Erkläre es wie ein Ikea-Regal. Das Schwierige ist dann nicht etwa der Vorgang insgesamt, sondern, dass der Kopf der Maus unbedingt gut fixiert werden muss, bevor man mit der Nadel die Genfähre, ein Adenoassoziiertes Virus, in die betreffende Hirnregion injiziert. Gut geschraubt ist halb gewonnen.

Nun ist es nicht mehr weit bis zur letzten Ausfahrt: Für Strategie vier bedarf es eines Heilsversprechens. Diabetes, Alzheimer, Blindheit, es fällt fast allen Forschern etwas ein. Denn niemand kann der Hoffnung widersprechen. Bloß: Ob Wissenschaftler auf diese überkommene Weise noch Vertrauen gewinnen?

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 29.01.2012 um 20:13
Ich erinnere mich noch an mein Anfängerpraktikum Zoologie:" Vom Einzeller zum Mäusehirn". Bei Letzterem durfte man aussteigen. Beim Gehirn hab' habe ich jedoch "Feuer gefangen", allerdings waren die Mäuse tot.
Ganz anders verhält es sich mit Versuchen am lebenden Tier. Das ertrage ich nicht. Ob ich deshalb ein besserer Mensch, Tierfreund bin?
Fakt ist, wir wollen alle top-geprüfte Medikamente. Fakt ist auch, dass in der Grundlagenforschung weltweit ein irrer Weltlauf stattfindet. Da will jeder mit der Nase vorne sein, koste es, was es wolle.
Aber über die Ambivalenz von Tierversuchen haben Sie schon einmal einen sehr differenzierten Artikel geschrieben: Was dem einen – Tier – sein Leid, ist dem anderen – Menschen- sein Fortschritt.
Mihai schrieb am 01.02.2012 um 01:53
Genau mit diesen Gegensätzen zwischen Menschen- und Tierinteressen sollte man ehrlich(er) umgehen, finde ich.

Der Artikel folgt der Annahme, dass eine Hauptmotivation des Wissenschaftlers in einem öffentlichen Vortrag darin bestehen muss, seine Arbeit zu legitimieren, evtl. sogar unter Verharmlosung von Missbrauchsgefahren. Dem muss aber nicht so sein. Wahlweise kann man auch eher wollen, sein Feld spannend darzustellen, seine Professionalität zu zeigen, aus dem Elfenbeinturm in die Ikeawelt herabzusteigen, oder auch als guter Mensch verstanden zu werden. All das sollte meiner Meinung nach erlaubt sein und nicht gleich als unbeholfen gelten - und wahrscheinlich hatten die Autoren wenig Einfluss auf die Beiträge der anderen und damit auf die Gesamtwirkung.

Wenn man eine ethische Legitimation der Optogenetik will, gibt es ja durchaus Argumente. Z.B. ist da das Prinzip, zum Erreichen einer wissenschaftlichen Erkenntnis das Leid und Leben von Versuchstieren nach Möglichkeit zu minimieren.

Mit großen Erkenntnissen ist es beim Gehirn jedoch nicht so einfach, weil sich nur ein Bruchteil der Prozesse messen und vielleicht noch weniger kontrollieren lassen. Oft wird das Tier daher zur Entnahme von Hirngewebe getötet, um im wahrsten Sinne Stück für Stück unter kontrollierten und reproduzierbaren Bedingungen die Funktionsweise kleinster Wirkkreise zu verstehen. Nach vielen Wiederholungen (und Tötungen) hofft man, die Puzzleteile letztlich zu höheren Hirnfunktionen zusammensetzen zu können. Ich habe keine Erfahrungen mit Optogenetik, aber mir scheint, als böte sie immense Möglichkeiten zur Abkürzung. Spezifisch Neurone mit wenig Aufwand im intakten Gehirn zu stimulieren und das Verhalten zu beobachten, könnte viel schneller zu bedeutenden Aussagen führen, als es bisherige Methoden vermögen.

Möglicherweise ist diese Konsequenz, Leben zu sparen, für einen Wissenschaftler aber auch zu offensichtlich und banal. Ziemlich selbstverständlich wird in Publikationen vom "Opfern" der Versuchstiere geschrieben (eine seltsam religiöse Wortwahl), und den meisten ist die Tragweite ihres Handelns auch durchaus bewusst. Mehr jedenfalls, behaupte ich, als dem durchschnittlichen Esser vor seinem täglichen Stück Fleisch.

Vielleicht sollte tatsächlich in der öffentlichen Kommunikation ehrlicher und zwangloser mit den zu Grunde liegenden Werten und Risiken umgegangen werden, so gibt es kein Verschweigen, kein Misstrauen. Aber gilt das nur für die Wissenschaft? Wie oft wird während einer Kochsendung das Halten der Tiere thematisiert? Wie oft vor einem Boxkampf Risiken und Lustgewinn abgewogen? Es ist alles nicht so einfach, vor allem, wenn - wie in öffentlichen Vorträgen - auch der Unterhaltungswert eine Rolle spielt.


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