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Moralische Gewinner: Eine junge Generation stellt sich dem Regime entgegen

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Iran | 18.06.2009 05:00 | Torsten Wöhlert

Irans neue Macht

Eine junge Generation stellt sich dem alten Regime entgegen. Moralisch hat sie schon jetzt gewonnen - ganz gleich, wer aus den heftigen Kämpfen als Sieger hervorgeht

Natürlich war das keine faire Wahl. Der als aussichtsreicher Reformkandidat gehandelte ehemalige Premier Mir Hossein Mussawi hatte nicht annähernd die gleichen Chancen und Möglichkeiten wie der alte Amtsinhaber. Hinter Mahmud Ahmadinedschad standen nicht nur große Teile des einflussreichen konservativen Establishments. Er wusste vor allem das eigentliche Machtzentrum der Islamischen Republik, den Revolutionsführer Chamenei, hinter sich. Und mit ihm den gesamten staatlichen Propaganda- und Repressionsapparat. Dass es auch während der Wahl zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, scheint sicher. Aber waren diese Fälschungen so massiv, dass sie den amtlich verkündeten Mehrheitswillen des Wahlvolkes in Frage stellen? Gar ins Gegenteil verkehren? Die iranische Opposition geht davon aus. Das Ausland hält sich diplomatisch bedeckt. Gesicherte Informationen wird es so schnell nicht geben.

In jedem Fall sind Empörung und Wut der Mussawi-Anhänger verständlich. Hat doch ihr Kandidat eine im Iran lange nicht mehr erlebte Mobilisierung der jungen städtischen Mittelschichten erreicht. Mussawis Wahlkampf erinnerte stark an die erste, erfolgreiche Kampagne des letzten Reformers im Präsidentenamt, Mohammad Chatami. Das ist inzwischen zwölf Jahre her. Die jungen Leute, die Mussawi jetzt begeistern konnte, und deren Protest sich auf den Straßen der Hauptstadt entladen hat, waren damals noch Schulkinder. Aber sie sind alt genug, um von den politischen Enttäuschungen zu wissen, die Chatami seinen Anhängern bescherte – besonders während der Studentenrevolte 2003. Das jedoch hat sie nicht abgeschreckt, einen zweiten, eigenen Anlauf zu wagen.

Wenn man Revue passieren lässt, was in diesem Wahlkampf möglich war und vom Regime zugelassen werden musste, dann wird offenbar, dass sich diese neue Protestgeneration mit Handy, Twitter und öffentlicher Protestbereitschaft nicht nur technologisch von ihren Vorgängern unterscheidet. Ein Herausforderer, der den Amtsinhaber in einem Fernsehduell vor laufenden Kameras des Staatsfernsehens ungestraft einen Lügner nennen darf, wäre vor zwölf Jahren undenkbar gewesen. Mit dieser Wahl wurde vielleicht kein Rubikon überschritten, aber auf jeden Fall ein nächster Meilenstein gesetzt. Iran ist kein Hort der Demokratie. Verglichen mit seinen Nachbarn ist das Land nach 30 Jahren Islamischer Republik jedoch eine erstaunlich offene Gesellschaft. Ein Zustand, von dem viele Iraker, Afghanen, Pakistani, Palästinenser oder Bewohner der Golfstaaten bisher nur träumen können. Die gestohlene Präsidentschaftswahl ist ganz sicher ein Rückschlag. Sie wird die weitere Öffnung des Landes jedoch nicht verhindern.

Gekaufte Stimmen

Selbst wenn das Wahlergebnis nicht so bleibt wie offiziell verkündet, stellt sich die Frage, warum ein großer Teil des Wahlvolkes für Ahmadinedschad gestimmt hat. Trotz seiner verheerenden Bilanz, trotz der vielen uneingelösten sozialpolitischen Versprechen. Der Amtsinhaber hat in seinem Wahlkampf mit Geld um sich geworfen und so die Stimmen der Unterschichten gekauft, in deren Namen er vor vier Jahren angetreten ist. Und für die er fast nichts erreicht hat. Vorrangig in der iranischen Provinz hat diese Wahlkampftaktik Früchte getragen. Hier ist auch – anders als in Teheran – der Einfluss staatlich kontrollierter Medien und lokaler Mullahs weitgehend ungebrochen.

Die überraschend hohe Wahlbeteiligung von 85 Prozent deutet darauf hin, dass nicht nur Mussawi, sondern auch Ahmadinedschad seine Klientel mobilisieren konnte. Das wird gern übersehen, verrät aber viel von der internationalen Dimension dieser Wahl. Ahmadinedschad hat versucht, an den iranischen Nationalstolz zu appellieren, er wollte aus den uneingelösten Versprechen und der Erinnerung an die Islamische Revolution von 1979 politisches Kapital zu schlagen. Für dieses Gefühl musste das umstrittene Atomprogramm herhalten. Vor dieser Folie wurde jedwede Opposition zum „Handlanger des Westens“. Mussawi hat gegen dieses politisch tödliche Image mit seiner islamisch-revolutionären Vita gekontert, die alles andere als unbefleckt ist. Und mit seinem grundsätzlichen Bekenntnis zum Atomprogramm als dem derzeit wichtigsten Symbol nationaler Souveränität. Das aber blieb ein Spagat, der nur für seine Anhänger glaubwürdig war.

Kalkulierte Koexistenz

Wie also soll die Welt, sollen vor allem die Vereinigten Staaten mit diesem Wahlausgang umgehen? Zunächst einmal wäre es ratsam, Abschied zu nehmen von der Überhöhung dieses Votums. Der iranische Präsident ist machtpolitisch ein besserer Pressesprecher des Regimes. Er kann innen- und wirtschaftspolitisch erheblichen Schaden anrichten und außenpolitisch viel Porzellan zerschlagen. Aber er kann strategisch nicht wirklich etwas bewegen oder entscheiden. Die US-Administration hätte es mit einem Präsidenten Mussawi zweifellos leichter. Wenn Ahmadinedschad bleibt, muss sich zeigen, ob Obamas ausgestreckte Hand auch für einen Iran unter seiner Präsidentschaft gilt.

In jedem Fall brauchen die USA einen neuen strategischen Ansatz ihrer Iran-Politik. Washington kann sein Verhältnis zu Teheran nicht länger von klimatischen Bedingungen abhängig machen und dementsprechend Zuckerbrot oder Peitsche in Aussicht stellen. Diese Art von Pragmatismus war schon vor der Wahl ausgereizt. Sie hat sich auch moralisch längst diskreditiert. Iran ist eine regionale Großmacht mit strategischen Interessen, die fünf Atommächte in ihrer Nachbarschaft weiß: Pakistan, Indien, Russland, China und Israel. Das zivile Atomprogramm ist nicht mehr zu verhindern – der Schritt zur nuklearen Militärmacht vielleicht. Aber ganz sicher nicht militärisch. Auch wenn Benjamin Netanjahus jüngste Nahost-Rede dies im Subtext als ultima ratio suggeriert.

Die USA werden sich deshalb gegenüber Iran auf eine Politik der kalkulierten Koexistenz besinnen müssen. Das aber heißt für Präsident Obama, eher heute als morgen mit Teheran einen nüchternen Dialog über beidseitige Interessen zu starten, der die Isolationspolitik der vergangenen 30 Jahre überwindet. Auf seine europäischen Bündnispartner sollte er dabei unbedingt zählen können. Egal, wer sich am Ende in Teheran zum Wahlsieger erklärt.

 
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Kommentare
Dattel schrieb am 18.06.2009 um 07:53
Haben wir jetzt also unser revolutionaeres Subjekt gefunden: Die iranische Jugend, die sich vermutlich nicht nur technologisch von den anderen Generationen entscheidet, sondern auch lieber Karriere als Koranunterricht waehlt. Die bekommen bestimmt feuchte Augen, wenn sie die Bilder der hemmungslos konsumierenden westlichen Jugendlichen sehen und wollen im pubertaeren Eifer die Verhaeltnisse auf den Kopf stellen. Wer sind die Guten und wer die Boesen? Wer entscheidet ob es vorran geht oder sich nur im Kreis gedreht wird? Natuerlich der Westen, da er die richtige Medizin gegen die barbarischen Auswuechse der Religion im Iran hat. Am Ende sollte der Iran dann so aussehen wie der europaeische Staat und die Buerger sich auch genauso uniform verhalten, wie hierzulande. Wann begreift der Westen endlich mal, dass er das (westliche Demokratie) was bei ihm schon nicht funktioniert in anderen Kulturen erst nicht klappt und mehr Verwuestung anrichtet als Heil bringt. Wieso darf es denn keinen Staat mehr geben in dem die Religion das sagen hat? Was ist so toll da dran, wenn im Zuge der Saekularisierung die Religion sich nicht in die Politik einzumischen hat, um dann direkt in die Arme der kapitalistischen Wirtschaft zu laufen, die den Laden anscheinend besser organisiert.
derDonnerstag schrieb am 18.06.2009 um 20:32
Tja, der eine lebt halt lieber im Gottesstaat, der andere zieht eine kapitalistische Demokratie vor, trotz ihrer Mängel. Man kann es eben nie allen rechtmachen. Daher schlage ich vor, in Deutschland spezielle Zonen für diejenigen einzurichten, die auch lieber in einem Gottesstaat wohnen möchten. Selbstredend mit dem ganzen pseudodemokratischen Beiwerk, wie es auch im Iran existiert: dem obersten geistlichen Führer, Wächterrat, Expertenrat, Religionspolizei und Schlägertrupps zur Durchsetzung der rigiden (Doppel-)Moralvorstellungen.
Ein Modellversuch wird im Bistum Augsburg gestartet, wo Bischof Mixa als oberster geistlicher Führer eingesetzt wird. Vermutlich wird er als erstes Abtreibung verbieten, anschließend sämtliche Kindergärten auflösen und Frauenarbeit unter Strafe stellen. Aber was soll's, ist eben eine andere Kultur bei denen da in Augsburg.
Natürlich muss es Gottesstaaten für sämtliche Konfessionen und Religionsgemeinschaften geben. Unter Diktator Huber wird es vergleichsweise liberal zugehen. Bei den Freikirchlern sieht es schon anders aus. Richtig spannend wird es, wenn der erste radikalislamische Gottesstaat auf deutschem Boden gegründet wird. Mit Diskussionen darüber, ob Schwule Kinder adoptieren dürfen, muss dort dann niemand mehr seine Zeit verplempern, weil es schon bald keine Schwulen mehr geben wird. Auch die ewigen Probleme mit dem Gesundheissystem lösen sich in Luft auf, weil Dank der Scharia mit Alkoholikern und Junkies kurzer Prozess gemacht wird.
Und das Allerschönste an meiner Zukunftsvision ist: jeder kann sich aussuchen, in welchem Gottesstaat er leben möchte oder ob er doch den gemeinen Kapitalismus mit weltlicher Herrschaft vorzieht. Aufmucken ist allerdings verboten. Im Laufe von ein paar Generationen werden sich die Leutchen schon daran gewöhnen und ihr Gehirn abschalten.
Ryunoki schrieb am 23.06.2009 um 15:55
Ob es einen Staat "geben darf", in dem die Religion das Sagen hat?

Religion kann den Menschen zu vernünftigem Leben bewegen, indem sie ihm eine Ethik begründen hilft, die auf Freiheit und Menschenwürde hinarbeitet (Atheisten haben es da nicht so leicht, die müssen sich eine andere Begründung ausdenken). Weder ist eine Religion ein Garant für eine solche Haltung, noch steht sie ihr zwangsläufig entgegen.

Aber ein Staat als Gemeinschaft von Menschen, die zunächst einmal nichts verbindet, was nicht erst definiert werden muss (im einfachsten Fall sogenannte "Grenzen", knifflig wird´s bei "Volk" oder "Ethnie") darf eine Religion nicht zum "Bindemittel" machen, weil das all jene ausschließt, die sich nicht zu dieser Religion (oder nicht in der staatlich verordneten Form) bekennen.

Wieder davon zu differenzieren ist es, wenn so genannte "religiöse Werte" in der Verfassung eines Staates eine wichtige Rolle spielen. Das ist für mich als Atheistin zu tolerieren, solange es Werte sind, die Freiheit und Menschenwürde nicht entgegenstehen.
Nehmen wir als Beispiel das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Hier half den Müttern und Vätern sicher ihre christliche Einstellung, da es "mehrheitsfähig ist", wenn wir die Gleichheit aller Menschen aus der Religion heraus begründet. Insofern spricht aus pragmatischen Gesichtspunkten nichts dagegen.
Frieden, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz kann man auch aus dem Islam ableiten, wenn man das möchte, und wenn ein Staat das tut und in der Praxis verwirklicht, dann habe ich damit kein Problem.
Wie der Iran aussehen soll, entscheiden die Iranerinnen und Iraner.
Wie die westliche Demokratie aussieht, bestimmen wir.
outnumber schrieb am 18.06.2009 um 10:42
"Selbst wenn das Wahlergebnis nicht so bleibt wie offiziell verkündet, stellt sich die Frage, warum ein großer Teil des Wahlvolkes für Ahmadinedschad gestimmt hat."

Vielleicht einfach deshalb, weil Iran und die Iraner das Recht haben, zu wählen wem sie ihre Unterstützung geben wollen, ohne auf die Befindlichkeit Europas achten zu müssen. Wie würde Deutschland reagieren, vom dem wir annehmen, dass es ein demokratisches Rechtsstaat ist, wenn sagen wir mal die Linken als Wahlverlierer mit Massendemos und Zerstörung von öffentlichem Eigentum sich in internationale Medien plazieren?

Immerhin ist dieser Artikel etwas mehr reflektiert als die vorhergehenden bei Freitag. Ein guter Schritt.
outnumber schrieb am 18.06.2009 um 11:06
kleiner Nachtrag:
"Die gestohlene Präsidentschaftswahl ist ganz sicher ein Rückschlag."

Selbst in Ihrem eigenen Artikel können Sie sich nicht entscheiden. Einerseits schreiben Sie, dass gesichterte Daten zu einer massiven Wahlfälschung fehlen, dann erst recht in solch einem Maße, dass die gesamte Wahl sich ins Gegenteil verkehrt, und doch kommen Sie zu so einer Aussage wie einer "gestohlenen" Wahl. Naja, sei es drumm. Ich stimme jedoch Ihrer Aussage zu, dass die aktuellen Wahlen eine weitere Öffnung des Landes jedoch nicht verhindern. Es wird hier nur so viel Staub aufgewirbelt, Iran kann und wird sich selbst regulieren, danke der rührenden Besorgnis.
tow schrieb am 18.06.2009 um 19:14
outnumber,

danke für die blumen. aber "gestohlen" bleibt die wahl. selbst wenn, wie wir beide vermuten, ahmadinedshad eine mehrheit haben dürfte. denn: von chancengleichheit konnte ja wohl nicht die rede sein. soviel zum rechststaatlichen vergleich mit deutschland.

und "rührende besorgnis"? davon finden sie im text gar nichts. die liegt mir genauso fern, wie die europäische brille, durch die man hier gern auf iran blickt, um so den eigenen horizont bestätigt zu finden. im gegenteil.
sicher: "iran wird sich selbst regulieren". aber wir dürfen schon darüber mit nachdenken wie. oder?
tow schrieb am 18.06.2009 um 19:14
outnumber,

danke für die blumen. aber "gestohlen" bleibt die wahl. selbst wenn, wie wir beide vermuten, ahmadinedshad eine mehrheit haben dürfte. denn: von chancengleichheit konnte ja wohl nicht die rede sein. soviel zum rechststaatlichen vergleich mit deutschland.

und "rührende besorgnis"? davon finden sie im text gar nichts. die liegt mir genauso fern, wie die europäische brille, durch die man hier gern auf iran blickt, um so den eigenen horizont bestätigt zu finden. im gegenteil.
sicher: "iran wird sich selbst regulieren". aber wir dürfen schon darüber mit nachdenken wie. oder?
outnumber schrieb am 18.06.2009 um 19:57
Herr Wöhlert, vielen Dank für Ihren Kommentar. Blumen muss man sich verdienen, Kritik gibts gratis :-) Nichts für ungut. Meinungsunterschiede bleiben, dennoch ist Ihr Artikel bisher eins der distanzierten und damit besseren, wünsche Ihnen einen schönen Abend
outnumber schrieb am 18.06.2009 um 20:45
es gibt ein satz von arundhati roy, sinngemäß: wenn du geschichte und gegenwart verstehen willst, folge dem geldfluss. wer hätte das größte interesse und den größten vorteil, wenn der iran destabilisiert wird?
twitter wurde gerade in den ersten tagen nach den wahlen als quelle für journalistische arbeit genommen, unglaublich. und keiner hat bisher auch im ansatz seriöse quellenkritik betrieben. inzwischen relativieren autoren ihre aussagen und geben bedenken wegen der glaubwürdigkeit. interessant ist, dass die höchstfrequentierten seiten bei twitter in einem bewundernswerten english geschrieben sind und auch interessant im ard blog zum thema erschienen auch mehrere artikel, von menschen, die angeblich mitten in einer demo sind und in wenigen minuten spontan das geschehen wieder geben wollen und in einem sprachniveau eines akademischen muttersprachlers ein wohlgeordnetes 2 seiten bericht abgeben und dann weningstens ein bisschen glaubwürdigkeit zurückzuholen, entschuldigen sich die herrschaften für die rechtschreibfehler, weil ihr deutsch ist ja nicht so gut, weil iraner, weil gerade spontan in einer demo-zwischendurch-berichterstattung. alles klar.
hier ein link zu einer kritik der "seriösen" twitter quellen:

www.chartingstocks.net/2009/06/proof-israeli-effort-to-destabilize-iran-via-twitter/

danke an cheers
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